Heute in den Feuilletons "Als berichte ein Farbenblinder vom Himmel"

In der "taz" schildert Bahman Nirumand die Angst der iranischen Mullahs vor dem Gespenst der sanften Revolution. Die "NZZ" fragt: Warum hat der Wirtschaftsjournalismus in der Finanzkrise versagt? Agata Pyzik wendet sich in ihrem "Frieze"-Blog gegen verharmlosende Ostalgie.



Die Tageszeitung, 18.10.2011

Die von einem Revisionsgericht bestätigte Verurteilung des iranischen Filmregisseur Jafar Panahi zu sechs Jahren Gefängnis und 20 Jahren Berufsverbot bildet für Bahman Nirumand einen neuen Höhepunkt in der Kette der Repressionen gegen iranische Kulturschaffende: "Im Iran geht ein Gespenst um, das Gespenst der sanften Revolution, die nach Meinung der Staatsführung vom Ausland gelenkt werde, um die Islamische Republik zum Sturz zu bringen. Träger dieser Revolution seien gekaufte Kulturschaffende, die unterschwellig und unbemerkt von staatlichen Kontrollinstanzen mithilfe von Büchern, Filmen, Musik, Kunst und Zeitungen verderbliches westliches Gedankengut unter das Volk bringen. Gegen diese Front müsse mit aller Härte vorgegangen werden, fordern konservative Politiker und staatliche Medien."

Besprochen werden Falk Richters Bühnenadaption von Michel Houellebecqs Kunstbetriebsfarce "Karte und Gebiet", ein Konzert der amerikanischen Band The Melvins in Berlin und eine Studie über die Zigarettenindustrie im Nationalsozialismus "Reemtsma auf der Krim".

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2011

Auf der Medienseite stellt Stephan Russ-Mohl den von Anya Schiffrin herausgegeben Sammelband "Bad News" vor, der die klägliche Rolle des Wirtschaftsjournalismus in der Finanzkrise beschreibt. Joseph Stiglitz kritisiert darin etwa die symbiotische Beziehung zwischen Journalisten und ihren Quellen: "Dieses enge Verhältnis füge der Gesellschaft oftmals Schaden zu. Zudem verleite Hybris Journalisten zur Fehleinschätzung, sie könnten als Empfänger von Informationen verzerrte und fehlerhafte Darstellungen aussortieren, solange sie nur die Information selbst bekommen'. Allzu oft flüchteten Redaktionen obendrein in 'He said, she said'-Berichterstattung, ein 'einfaches, wenig ausgewogenes Reportieren der verschiedenen Positionen, ohne jedwede Analyse' - als würde 'ein farbenblinder Reporter über den Himmel berichten und denen, die ihn für orangefarben erklären, gleiches Gewicht geben wie denen, die ihn für blau halten'."

In der Kultur: Zu den berühmten "Helden des Rückzugs" rechnet Uwe Justus Wenzel nun auch den Dalai Lama, der die demokratische Reform der tibetischen Theokratie eingeläutet hat. Barbara Villiger Heilig hat beim Theaterfestival der Biennale Venedig festgestellt, dass der Trend zum antinarrativen Theater geht: "Texte sind out; Bilder, Atmosphären, Licht, Geräusche schaffen ein Environnement, aus dem die Schauspieler wie Zeichen auftauchen." Hoo Nam Seelmann erzählt, wie sich Südkorea auf chinesische Touristen umstellt. Den gewohnten Mut zum Risiko hat Peter Hagmann auf den Donaueschinger Musiktagen erlebt und genossen.

Besprochen werden die beiden isländischen Romane "Frauen" von Steinar Bragi und "Bankster" von Gudmundur Oskarsson sowie das Buch "Gefühle machen Geschichte" von Luc Ciompi und Elke Endert (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Aus den Blogs, 18.10.2011

Das Leben im Kommunismus war kein Spaß und das Leben im Kapitalismus ist auch nicht unbedingt einer. Aus beidem könnte man was lernen, wenn, ja wenn die Kunst es sich nicht nur mit fauler Ostalgie bequem machte, meint Agata Pyzik im Frieze-Blog. Alle lieben die sowjetischen Ruinen, die ulkigen Klamotten dieser Zeit und Juri Gagarin. "Ein Designstudio stilisierte sich in diesem Sommer zur 'Division' und unternahm 'Expeditionen' nach Tschernobyl und Baikonur. Mit einem Dichter, einem Autor, einem Künstler und vielen anderen an Bord, die alle spezielle Anzüge trugen und für die die Sowjetunion nur eine 'unrealistische und vergessene Landschaft ist, außerirdisches Gebiet und obsolete Umwelt'. Ich möchte hier doch anmerken, dass die ehemalige UdSSR weder außerirdisches Gebiet ist noch obsolete Umwelt. Sie wird bewohnt von normalen Leuten, deren Leben gefährdet wurde: erst durch den Zusammenbruch der kommunistischen Wirtschaft und dann durch die Einführung des Kapitalismus. Westliche Intellektuelle können so tun, als sei das ein Spielbrett für ihren alternativen Tourismus, aber selbst die intellektuell anspruchsvollsten dieser Projekte sind entweder ausbeuterisch oder ihnen fehlt jeder Kontext."

Die Welt, 18.10.2011

Manuel Brug kann sich nicht so recht darüber aufregen, dass Beyonce in ihrem neuesten Video "Countdown"



eine alte Choreografie Teresa De Keersmaekers plagiiert: "Ja, Plagiat, das schon. So wie unsere ganze zeitgenössische Kultur im Augenblick ungemein retro ist, sich weitgehend aus Versatzstücken und Zitaten des Gestern zusammensetzt und hoffentlich weiterentwickelt. Beyonces Dance Captains haben sich dabei genauso schamlos 'inspirieren' lassen, wie all die anderen Copy-and-Paste-Raubritter und poppig fashionablen Zeitgeistsurfer unserer Internet-Epoche."



Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek liest Neuerscheinungen über Fatih Akin und Klaus Kinski. Sven Felix Kellerhoff erinnert an den Beginn der Deportation deutscher Juden vor siebzig Jahren. Stephan Hoffmann verfolgte die Donaueschinger Musiktage. Kolja Reichert besucht die Kunstbiennale Istanbul. Und Judith Luig unterhält sich mit Kolja Mensing über sein Buch "Die Legenden der Väter".

Weitere Medien, 18.10.2011

Ha'aretz bringt ein Live-Blog von der Befreiung Gilad Schalits.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2011

Jahrelang durfte Nazikunst in Deutschland nicht ausgestellt werden, als wäre sie ansteckend. Nun entsteht im Netz eine Datenbank, in der alle Werke der jährlichen "Großen Deutschen Kunstausstellungen" dokumentiert werden, berichtet Julia Voss, und es stellt sich heraus: Grauenhaft war diese Kunst wegen ihrer Banalität. "Die Werke mit eindeutig nationalsozialistischem Inhalt sind umstellt vom Geschmäcklerischen, Biedermeierlichen, vom Kleinkunstkitsch und Tinnef, Papageien aus Porzellan und tonnenweise Erotika - badende, liegende, stehende Nackte, mythologisch verquast oder in realistischer Manier mit kleinen Fältchen. Es ist die gleiche Massenware, die bereits das neunzehnte Jahrhundert liebte."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg berichtet, dass Sarkozy im Moment des Wahlkampfs wieder um die Stimmen französischer Armenier wirbt, denen er im letzten Wahlkampf auch schon viel versprochen hatte, ohne das geringste einzulösen - trotzdem sind jetzt die französischen Türken sauer. Chaos-Computerist Frank Rieger ist entsetzt über die Reaktion des Bundesinnenministers auf die Enthüllung des "Bundestrojaners" - gegen alle festgestellte Rechtswidrigkeit hielt er im FAZ-Interview er schlicht daran fest, dass "wir in der Lage sein müssen, Kommunikation zu überwachen". Wolfgang Fuhrmann besuchte eine Tagung über den "Holocaust in der Musik" (mehr hier).

Besprochen werden Händels Oper "Serse" in Wien, eine Dramatisierung von Houellebecqs letztem Roman "Die Karte und das Gebiet" in Düsseldorf und Bücher, darunter eine Studie über die berühmte Waldseemüller-Karte (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 18.10.2011

Maximale Offenlegung politischer Vorgänge führt zu maximaler Demokratie, sagen die Piraten. Gustav Seibt will das so nicht stehen lassen und gibt Nachhilfe in geschichtsbewusster Dialektik. "In Wahrheit", schließt er sein Plädoyer, "arbeitet jeder moderne Verfassungsstaat und jede demokratische Gesellschaft mit vielfach gestaffelten Öffentlichkeiten. Aus gutem Grund gibt es die Binnenöffentlichkeit parlamentarischer Ausschüsse, die die Geheimdienste und den Verfassungsschutz kontrollieren; wenn die breite Öffentlichkeit den begründeten Verdacht hat, diese Kontrolle funktioniere nicht, dann muss sich das nicht nur in den Medien, sondern vor allem in Wahlergebnissen zeigen."

Weiteres: Die Zeit ist gekommen, findet Alexander Menden, sich wieder mit Ai Weiweis Werk zu befassen, und empfiehlt dazu eine Foto-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau und die Ausstellung "Dropping the Urn" im Victoria & Albert Museum in London. Thomas Urban fasst die historischen Hintergründe der Debatte um Trennung von Kirche und Staat in Polen zusammen, die die politische Ehrung des Gegenreformators Piotr Skarga ausgelöst hat. Reinhard Brembeck berichtet von Alan Gilberts Besuch bei den Münchner Philhamonikern.

Besprochen werden unter anderem der Film "Apollo 18", Falk Richters Houellebecq-Inszenierung "Karte und Gebiet" am Düsseldorfer Schauspielhaus und Bücher, darunter Peter Hennings Episodenroman "Leichtes Beben" (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).



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