Heute in den Feuilletons "Am Schwanz des Tigers soll man nicht zupfen"

Die "FAZ" ist sich uneins über die pophistorische Dimension der großen Demo: Wiederholte diese die Formen der achtziger Jahre oder gerade nicht? Die "SZ" macht sich Sorgen, dass der Zerfall der transatlantischen Gemeinschaft in den Friedensjubel eingeschlossen ist. Die "FR" hat auf der Demo das ganze Volk gesehen. Und alle resümieren die Berlinale.


Süddeutsche Zeitung,   17.02.2003

Die großen Friedensdemonstrationen behagen Thomas Steinfeld gar nicht - Volkswille hin oder her. "Die neue pax americana scheint nicht in Gestalt eines Pakts zu entstehen, sondern in Graden von Folgsamkeit. Das ist beunruhigend. Noch beunruhigender aber ist eine schon offizielle Euphorie angesichts demonstrierender Völkerschaften, weil keiner - und vor allem kein deutscher Politiker - auch nur zu ahnen scheint, dass der mögliche Zerfall der transatlantischen Gemeinschaft in diesen Jubel eingeschlossen ist." Franziska Augstein kann ebenfalls nur den Kopf schütteln, aber eher über CSU-Generalsekretär Thomas Goppel, der hinter den Demos ominöse anti-amerikanische Mächte vermutet.

Rainer Brunner, Orientalist an der Hebräischen Universität von Jerusalem, äußert sich zu Navid Kermanis am 4. Februar in der SZ erschienenen Kritik des "Surenpingpongs", also des Gegeneinander-Aufrechnens von friedlichen und kriegerischen Versen des Korans. Prinzipiell habe er zwar recht, aber "das Problem von Kermanis Versuch der Ehrenrettung des Korans liegt darin, dass auch er einen 'wahren' Kern des Islams heraus zu destillieren versucht. Was der Islam an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit war oder ist, darüber gibt vermutlich eher das jeweilige Verhalten seiner Anhänger Auskunft als der Koran. Dass Religion mehr ist als eine für heilig erachtete Schrift und dass die menschliche Auslegung des Korans nur eine relative sein kann, darin kann man ihm wohl folgen. Nicht aber in der Fortsetzung des Surenpingpongs mit anderen Mitteln."

Alexander Kissler sagt einen Kurswechsel der Union in der Bioethik voraus, die fortan die "Forschungsfreiheit betonen, die Wirtschaft stärken und den Schutz der Menschenwürde hintanstellen will". Tim Müller hat aufmerksam zugehört, wie der globale Grieche Jacques Derrida in Heidelberg über seine geistige Freundschaft zu Hans-Georg-Gadamer meditierte. Jens Bisky war zugegen, als Anatoli Pristawkin, Chef der Begnadigungskommission unter Boris Jelzin, in Berlin aus seinem Erfahrungsbericht über die brutale Vergangenheit des Sowjetsystems vorlas. Fritz Göttler hielt das Berlinale-Finale zwar für eine "fade Bären-Show", fand es aber immerhin erfrischend, wie spontan die amerikansichen Schauspieler politisch wurden. Christopher Keil fand die Echo-Verleihung trotz seiner Sticheleien eigentlich ganz interessant, nur RTL-Moderatorin Frauke Ludowig jagt ihm immer noch ein Frösteln über den Rücken.

Auf der Medienseite lesen wir wieder einmal über einen großen Journalisten, über Friedrich Melchior Grimm diesmal, der Mitte des 18. Jahrhunderts die "Correspondance" herausgab, ein exklusives und geheimes Blatt, das Goethe als "Bulletin literarischen und weltgefälligen Inhalts" schätzte.

Besprochen werden Gore Verbinskis Horrorschocker The Ring, Gregor Schneiders Räume in der Hamburger Kunsthalle, die Uraufführung der Tiermenschen-Performance "Battling Siki - boxe et opera" in der Bonner Bundeskunsthalle, das Gastspiel von Valery Gergiev und seinem Petersburger Mariinsky-Theater in Graz, Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Rainald Goetz’ "Heiliger Krieg" in München, die Uraufführung von Fritz Katers Stück "Sterne über Mansfeld", inszeniert von Arnim Petras in Leipzig, Deborah Colkers artistisches Ballett "Casa" in Berlin, das wenig originelle "Eclat"-Festival für Neue Musik in Stuttgart, und Bücher, darunter Yann Martels schöner Roman "Schiffbruch mit Tiger", Jedediah Purdys Abrechnung mit dem "Elend der Ironie" und Kenneth Pollacks Argumentation für einen Krieg gegen den Irak, "The Threatening Storm" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).




Frankfurter Rundschau,   17.02.2003

Keine künstlerischen Experimente auf dieser Berlinale, konstatiert Daniel Kothenschulte, aber das geht in Ordnung. Stattdessen gab es Politik. "Anderthalb Wochen gibt sich die internationale Filmprominenz von Dustin Hoffman bis Edward Norton mit Anti-Bush-Statements die Klinke in die Hand. Anouk Aimee erklärt sich stolz zur 'alten Europäerin', und ein schöneres Exemplar dieser in Verruf geratenen Spezies könnte man sich ja auch kaum vorstellen." Der Festivalleiter hat es eben mehr mit dem Inhalt als mit der Form. "Eine Gewichtung, die das Festival durchaus profilieren kann und in Berlin auch Tradition hat. Denn auch Dieter Kosslick ist ein Vampir, der sich schattengleich an eine außerfilmische Dramaturgie heftet, für die er untrügliches Gespür besitzt: die der Politik."

Sechseinhalb Demonstrationen gibt es am Tag in Berlin, Petras Kohse war bei der größten seit langem dabei, der Friedensdemonstration gegen den Irak-Krieg. Und berichtet, dass dort keine Berufspazifisten marschierten, sondern das ganze Volk. "Junge, ältere und alte Paare, Mütter und/oder Väter mit Kindern jeden Alters, Freunde und Freundinnen, Einzelne. Einer trägt über seiner Winterjacke ein T-Shirt, auf dem er neben Fotos von George W. Bush mimisch ähnliche von einem Schimpansen gedruckt hat. Ein anderer lässt alle fünf Minuten den Ruf 'Liberte, egalite, fraternite' erschallen. Zwei Frauen stecken als Gespenst des Krieges unter einem Bettlaken."

Weiteres: Sascha Michel resümiert die Gedenkrede Jacques Derridas für den im vergangenen März gestorbenen Hans-Georg Gadamer. Gemeldet wird, dass die Bilder (Beispiele) von Nan Goldin in Warschau nur Erwachsene zu sehen bekommen und dass Wim Wenders ein Filmprojekt für den Frieden gestartet hat. In times mager erzählt "sez" von der Vertreibung aus dem Paradies durch das Erlernen der deutschen Sprache.

Auf der Medienseite stellt uns Alexander von Streit den findigen Österreicher Johann Oberauer vor, der sich auf dem schwierigen Markt der Medienmagazine mit so exotischen Titeln wie dem Fachmagazin "Agrarjournalist" erstaunlich gut behauptet.

Besprechungen widmen sich Lars-Ole Walburgs Version von Rainald Goetz' "Heiliger Krieg" an den Münchner Kammerspielen, Ingrid Lausunds Kabarett-Revue "Konfetti" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und "Römische Affären", Andrea Isaris neuer Krimi über die Ermittlungen der Kommissarin Leda Giallo im Vatikan (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).




Die Tageszeitung,   17.02.2003

In der taz schreiben alle gegen den Krieg und nur wenige fürs Feuilleton: Der Abschluss der Berlinale (hier eine Liste aller Preisträger) regt Cristina Nord immerhin zu einigen Gedanken über die Beziehungen des Films zur Politik und - natürlich - zum Krieg an. "Wenn es bald zur Sache geht, will man sich nicht im Kindergarten der Kunst tummeln, sondern mitmachen - und sei es nur auf der symbolischen Seite der Schlacht. Wie gut trifft es sich da, dass dem Krieg und dem Kino ohnehin eine Verwandtschaft nachgesagt wird. Dass Hollywood und Pentagon einander zuarbeiten, dass man in den vergangenen Monaten von Kriegsfilmen wie 'Black Hawk Down' oder 'Windtalkers' umstellt war, dass ein Kameramann in einem Habit durch die Welt stapft, der sich von dem eines Soldaten kaum unterscheidet: Für aufrechte Ideologiekritiker ist das Grund genug, das Kino unter Generalverdacht zu stellen. Für die wiederum, die angesichts eines Krieges gegen den Irak in Angstlust beben, ist es eine willkommene Koinzidenz. Denn die Nähe nobilitiert den Gegenstand Kino, insofern sie ihn herauslöst aus der Banalität des zivilen Lebens und ihn dorthin bringt, wo es ernst wird."

Weiteres: Christiane Rösinger fand auf der Echo-Verleihung am Wochenende zu viele Kategorien und ein Übermaß an Friedenswillen vor. Ein Unbekannter berichtet davon, wie Jacques Derrida in Heidelberg seinen verstorbenen Kollegen und Partner eines "inneren Dialogs" Hans-Georg Gadamer ehrte. Eine einsame Besprechung lesen wir von Ingrid Lausunds "Konfetti!", dem Zauberabend für politisch Verwirrte am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.

Und schließlich Tom.




Neue Zürcher Zeitung,   17.02.2003

Über das Böse, die Moral und den Helden spricht in einem Interview Susan Neiman, Professorin der Philosophie und Leiterin des Potsdamer Einstein-Forums, die mit ihrem Essay "Evil in modern Thought" sozusagen das Buch zur weltpolitischen Stunde geschrieben. Über Saddam etwa meint sie: "Noch vor einem Monat wäre ich bereit gewesen, das Wort 'böse' auf Saddam Hussein ohne Wenn und Aber anzuwenden. Aber im Moment ist die Rhetorik so gefährlich entzündet, dass ich zurückhaltend werde. Umgekehrt müssen wir bereit sein, moralische Begriffe auf differenzierte Art zu verwenden, sonst tun es nur die andern, seien es Bush oder Usama bin Ladin. Ich halte es jedenfalls nicht mit denen, die finden, Moral sei ohnehin bloß Rhetorik, wenn nicht Heuchelei."

Weitere Artikel: Christoph Egger lobt zum Abschluss der Berlinale, dass es "ein sehr gutes, abwechslungsreiches Programm" gewesen sei, das Dieter Kosslick da zusammengestellt hat, "mit einigen herausragenden, substanziellen Beiträgen und vergleichsweise wenig Banalem". Hanno Helbling weist auf eine Studie des Päpstlichen Rats für die Kultur hin, die die Rechtgläubigen vor den Gefahren des New Age und des Wassermanns warnt.

Kathrin Lötscher erinnert zum hundersten Geburtstag an den "Poete maudit" Sadeq Hedayat (mehr hier), der "wohl schillerndsten literarischen Persönlichkeit des modernen Iran". Uwe Justus Wenzel berichtet von der akademischen Gedenkfeier für Hans-Georg Gadamer in Heidelberg.

Besprochen werden Peter Sellars' Collage zu Artaud Jordan in Zürich, eine Aufführung von Debussys "Pelleas et Melisande" in Bern, ein Gedenkkonzert für Ferenc Fricsay und Silvia Göhner in Zürich und Bücher, darunter die Erinnerungen des legendären Pariser Verlegers François Maspero "Les abeilles et la guepe" sowie der zweite Band von Alexander Solschenizyns Geschichte der Juden in Russland.




Frankfurter Allgemeine Zeitung,   17.02.2003

Uneinigkeit herrscht im FAZ-Feuilleton über die pophistorische Einordnung der großen Berliner Demo. Mark Siemons konnte keinen einheitlichen Kleidungs- und Parolentrend ausmachen. Bereits an der Größe der Demo scheitere "das sonst übliche Verfahren, einen Protest auf bestimmte Milieus zurückzuführen, die sich durch ästhetische und ethnologische Recherche bestimmen lassen". Niklas Maak konstatiert dagegen: "Man muss sich schon wundern, dass sich die gegenwärtige Empörung über George W. Bushs Kriegspolitik offenbar nur in den musikalischen und modischen Formen jener Generation äußern kann, die einst mit Palästinensertüchern und Klampfen vor den Toren von Mutlangen stand." Zeitgemäßere Formen des Protests fand Maak allenfalls bei der Echo-Verleihung in Gestalt Robbie Williams'.

Michael Althen schreibt ein insgesamt recht positives Resümee der Berlinale: "Die zweite Berlinale unter Dieter Kosslick bot eines der ausgewogensten Wettbewerbsprogramme seit Jahren, in dem kaum ein Film unter ein bestimmtes Niveau rutschte." Mehr zum Thema auch hier.

Weitere Artikel: "Berlin deprimiert, München lockt", klagt deprimiert die Berlinerin Eleonore Büning, die Kent Nagano und Christian Thielemann, zwei der talentiertesten Dirigenten ihrer Generation, in den reichen Süden ziehen sieht. Der Sammler Heinz Berggruen erzählt in einer der Schnurren aus seinem Leben, die er für die FAZ zuweilen verfasst, wie er einen Teppichhändler einmal in eine akute Depression stürzte, indem er einfach den Preis zahlte, den dieser verlangte. Henning Ritter hat einer Gedenkrede Jacques Derridas für Hans-Georg Gadamer gelauscht. Christian Schwägerl erklärt, warum sich vier Männer in Berlin für 56 Tage ins Bett legen: weil die Raumfahrt Aufschlüsse über die Veränderungen der Muskulatur nach längerer Untätigkeit braut. Andreas Rossmann prangert den rüden Ton an, in dem der Kölner Bürgermeister Fritz Schramma seine Kulturdezernentin Marie Hüllenkremer anraunzt.

Auf der letzten Seite schildert Zhou Derong, wie das offizielle China Kritik an Amerika meidet ("am Schwanz des Tigers soll man nicht zupfen"), während sich im relativ freien Internet eine ungenierte Amerikafeindlichkeit Bahn bricht. Andreas Kilb porträtiert Atom Egoyan (mehr hier), den Vorsitzenden der Berlinale-Jury. Und der Historiker Peter Burschel erklärt in der FAZ-Reihe über die Frage, ob Selbstmordattentäter als Märtyrer gelten dürfen, "den Sinn des christlichen Martyriums". Auf der Medienseite erzählt Jordan Mejias, wie die Medien auf die Einschränkungen für die New Yorker Friedensdemo reagierten (nämlich kaum). Und Alexander von Sobeck, Korrespondent des ZDF in Israel, schreibt über ein Reporter-Training bei den britischen Marines, welches Journalisten auf die Kriegsberichterstattung vorbereiten soll.

Besprochen werden Rainald Goetz' "Heiliger Krieg" in den Münchner Kammerspielen, die Uraufführung von Werner Fritschs "Schwejk" in Linz, Tschaikowskis unbekannte Oper "Opritschnik" in der Oper von Cagliari und einige Sachbücher, darunter eine neue Studie über die Scientology-Kirche (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).








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