Heute in den Feuilletons "Auf dem Weg zum failed state"

"FR" und "Welt" kommentieren Gesine Lötzschs Kommunismus-Artikel. Die "FR" spricht mit Juri Andruchowytsch über die katastrophale Situation in der Ukraine, die vom Putin-Verehrer Janukowitsch gleichgeschaltet werde. "Der Tagesspiegel" sehnt sich nach dem "Literarischen Quartett" zurück.



Der Tagesspiegel, 07.01.2011

Rainer Moritz, Chef de Hamburger Literaturhauses wundert sich doch sehr, dass weder ARD noch ZDF in der Lage sind, eine einigermaßen überzeugende Literatursendung zu präsentieren: "Kaum einer hätte sich 2001, als das Literarische Quartett eingestellt wurde, träumen lassen, dass zehn Jahre später Sehnsucht nach diesem simplen und letztlich überzeugenden Format erwachen könnte. In ihren lichten Momenten ging diese Runde mit Literatur im Fernsehen so um, wie man es tun sollte: Man konzentrierte sich auf zentrale Bücher, folgte nicht dem grassierenden Trend, alles über den grünen Klee zu loben und mit drei Halbsätzen abzuhandeln, polemisierte unverhohlen..."

Frankfurter Rundschau, 07.01.2011

Gesine Lötzsch bemüht in ihrem nun viel zitierten Plädoyer für neue Wege zum Kommunismus ein Zitat Edisons, der gesagt hat, er habe 10.000 Wege gefunden, die Glühbirne nicht zu bauen. Ähnlich hätte die Linke mit dem Kommunismus verfahren sollen, drohte Gesine Lötzsch. Kommentar von Christian Bommarius: "Nach 9.999 gescheiterten Versuchen Edisons, den Weg zur Marktreife zu finden, landeten 9.999 zerschlagene Glühbirnen im Mülleimer, nach den '100 oder 1.000' Versuchen im vergangenen Jahrhundert, Wege zum Kommunismus zu finden, endeten Millionen Menschen in Umerziehungslagern, in Folterzellen und Massengräbern."

Im Interview mit Simon Geissbühler spricht Juri Andruchowytsch über die katastrophale Situation in der Ukraine, die nach und nach vom Putin-Verehrer Wiktor Janukowitsch gleichgeschaltet wird: "Wirklich gefährlich wird es, wenn Figuren, die demokratisch an die Macht gekommen sind, die Demokratie aushöhlen. Sie wollen ihre Macht für immer absichern, indem sie in Zukunft keine freien Wahlen mehr zulassen. Ein politischer Analyst sagte es so: Früher waren Diebe und Schurken an der Macht, nun sind es Killer. Die einzige Hoffnung ist, dass den Herrschenden die westliche Perspektive wichtig bleibt. Sie haben Bankkonten im Westen und wollen Ferien auf Sardinien machen. Da müsste der Druck ansetzen. . (...) Ich fürchte, die Ukraine ist auf dem Weg zu einem failed state, der seine Funktionen nicht mehr erfüllen kann. "

In Times mager kommentiert Judith Sternburg das Vorhaben, das schlimme Wort Nigger aus Mark Twains "Tom Sawyer" zu streichen, drastisch: "Wir müssen nicht lang drumherumreden, dass Alan Gribbens Projekt eine Geschichtsklitterung darstellt, die die Idee der politischen Korrektheit lächerlich und alles nur schlimmer macht." Besprochen werden Miguel Gallardos Bilderzählung "Maria und ich", Christian Thielemanns Beethoven-Aufnahmen mit den Wieder Philharmonikern und eine Ausstellung über Pablo Picassos kommunistische Periode erst in der Wiener Albertina, dann in Kopenhagens Louisiana Museum.

Weitere Medien, 07.01.2011

Sarah Ellison schreibt für Vanity Fair eines dieser riesigen Porträts - die Männer der Stunde sind Julian Assange und Alan Rusbridger vom Guardian, der als erster mit Assange kooperierte: "On the afternoon of November 1, 2010, Julian Assange, the Australian-born founder of WikiLeaks.org, marched with his lawyer into the London office of Alan Rusbridger, the editor of The Guardian. Assange was pallid and sweaty, his thin frame racked by a cough that had been plaguing him for weeks. "

Die Tageszeitung, 07.01.2011

Oranus Mahmoodi unterhält sich mit dem Hamburger "Kultur-Allrounder", Radio-Braun-Macher und Autor Rocko Schamoni, dessen neuer Roman "Tag der geschlossenen Tür" gerade erschienen ist, über sein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Mainstream-Effekte und die Fallen der Gentrifizierung. "Wir sind nicht nur Opfer, wir sind Mitauslöser. Wir sind wie alle Künstler, die in die dreckigen Viertel gehen, immer Mitverursacher der Gentrifizierung. Das ist schrecklich, aber man kann es nicht verhindern. Man kann sich höchstens tarnen, die Spuren verwedeln, versuchen, das verrottete Biotop, in das man zieht, nicht in seinem Verrottungsprozess zu stören. Denn das brauchen Städte wie Hamburg: einen gesunden Verrottungsprozess."

Weiteres: Ingo Arend berichtet über eine Berliner Veranstaltung, auf der der Reporter und Dokumentarfilmer Sebastian Junger über sein Buch "War. Ein Jahr im Krieg" und seine Erfahrungen mit amerikanischen Einheiten in Afghanistan sprach. Daniel Bax schreibt einen Nachruf auf den verstorbenen Konvertiten und Beat-Poeten Hadayatullah Hübsch.

Besprochen werden neue Alben von Harmoninous Thelonious, Bill Wells & Stefan Schneider und Volker Bertelmann alias Hauschka.

Und Tom.

Aus den Blogs, 07.01.2011

Ralf Schuler hat auf Achgut eine Bitte an Gesine Lötzsch: "Liebe Frau Lötzsch, Sie haben (in der) Jungen Welt erklärt, dass der 'Weg zum Kommunismus steinig' werde, aber man müsse sich halt immer wieder aufmachen und ihn ausprobieren. Ich persönlich möchte Ihnen für diesen Weg alles erdenklich Gute wünschen, würde aber, wenn es sich einrichten ließe, diesmal gern nicht wieder mitmachen. Ich hatte (ungefragt) die Gelegenheit, beim ersten Versuch 25 Jahre meines Lebens mit von der Partie zu sein, und bitte darum beim nächsten Mal aus familiären Gründen aussetzen zu dürfen."

(via 3 quarks daily) Der amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom rezitiert Wallace Stevens' Gedicht "Tea at the Palaz of Hoon" (hier der Text):

[Link zum Video]

Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2011

Schon wieder nichts online, wir resümieren ohne Links:

Joachim Güntner resümiert die Debatte um den Begriff der Islamophobie und seine vergleichbarkeit mit dem Antisemitismus, zu der er auch sehr interessante Beiträge aus Frankreich gefunden hat, gibt zu, dass es durchaus wahnhafte Vorurteile gegenüber Muslimen gibt - "Der Satz von Horkheimer und Adorno, Antisemitismus sei 'das Gerücht' über die Juden, trifft analog auch die Islamophobie" -, meint aber letztendlich: "Eine Dämonisierung, wie sie die Juden erfahren haben, begegnet den Muslimen nicht, und anders als die vermeintlich jüdische Weltverschwörung ist der Ruf, Ungläubige zu massakrieren, ja keine von außen herangetragene Unterstellung, sondern erschallt aus den Mündern von Islamisten. Wissenschaftliche Neutralität ist gut. Eine bloß diskurstheoretische Analyse von Vorurteilen ohne den Blick darauf, welche Gesellschaftsmodelle hier im Konflikt liegen, wo die Freiheit zu finden ist und wo die Unterdrückung, wäre politisch fahrlässig."

Weiteres: Samuel Herzog bedauert sehr, dass man in Ai Weiweis spektakulärer Ausstellung in Londons Tate Modern das Feld aus keramischen Sonnenblumen nicht mehr betreten darf. Besprochen werden die Mode-Ausstellung "Aware: Art Fashion Identity" in Londons Royal Academy of Arts, der Mahler-Aufnahmezyklus mit David Zinman und Sinfonien von Fritz Brun in einer Gesamteinspielung des Moscow Symphony Orchestra.

Die Welt, 07.01.2011

Ulf Poschardt liest die allerneuesten Klassiker des Marxismus-Leninismus von Zizek über Dath bis hin zu dem apokalyptisch gestimmten Plädoyer für den Kommunismus der PDS-Chefin Gesine Lötzsch und kommt zu dem Schluss: "Der Kommunismus als Clownerie und Radical Chic wird umso gefragter, je toter er in der Realität ist."

Weitere Artikel: Hanns-Georg Rodek stellt das Start up Prima Cinema vor, das Kinofilme am Starttag auf das heimische Fernsehgerät übertragen will. Rainer Haubrich unterhält sich mit dem in altväterlicher Technik arbeitenden Maler Michael Triegel, der mit dem offiziellen Papstporträt beauftragt ist. Marc Reichwein meditiert über umständliche deutsche Zeitungsnamen und ihre bei Tankstellenangestellten unbekannten Kürzel für Eingeweihte.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Geschichte der "Ballets russes" in London und ein Auftritt John Malkovichs als alternder Casanova in Wien.

Süddeutsche Zeitung, 07.01.2011

Aus aktuellem Anlass besucht Willi Winkler den Bischof der Kopten in Deutschland Anba Damian, der gerade ein mehr als gefragter Mann ist: "Der Bischof ist zwar selber gelassen, aber er muss sich um seine Gemeinde, sein Kloster, seine 'Brüder und Schwestern' sorgen. Liebe allein sei eine Dummheit, sagt er, deshalb praktiziere er lieber 'Liebe mit Weisheit'. Nebenbei geht er die Post durch, sortiert Weihnachtsgrüße, Päckchen, Rechnungen mit großer Gelassenheit. Jetzt ruft die Redaktion von Frank Elstner an, möchte ein Interview führen und zeigte ihn am liebsten bei der koptischen Weihnachtsfeier. Das geht aber leider nicht, denn er kann sie ja nicht spielen, ehe sie stattfindet."

Weitere Artikel: Der Literaturwissenschaftler Mark Greif schreibt einen Abgesang auf den Hipster (hier das Original im New York Magazine). Über römische Opernhäuser im Aufwind freut sich Hans Jörg Jans. Reinhard J. Brembeck weiß zwar auch noch nicht genau, ob das klappt, mit Wim Wenders' Bayreuther Ring 2013, für den möglicherweise "idealen Mann" hält er den Regisseur aber schon. Der Rechtschreibreformkritiker Theodor Ickler mokiert sich über die lächerlichen Ergebnisse, zu denen der Rechtschreibreformbericht 2010 komme. Zum Tod des Rockmusikers Gerry Rafferty schreibt Jens-Christian Rabe.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken des "wiederentdeckten Meisters" Gabriel Metsu im Rijksmuseum Amsterdam, Jean Beckers Film "Das Labyrinth der Wörter" und Bücher, darunter Richard Russos Roman "Diese alte Sehnsucht" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.01.2011

Jürgen Kaube hat sich den von Naika Foroutans Team unternommenen Widerlegungsversuch (PDF) der Sarrazin-Thesen zur Integration angesehen und kann nicht erkennen, dass die Wissenschaftler vernünftiger mit statistischem Material umgehen als Sarrazin selbst: "Die Autoren sind dabei nicht wählerisch. Wenn sie irgendwo eine Zahl finden, die von denen Sarrazins abweicht, beweist sie ihnen dessen Irrtum. Wie die Zahl zustande kam und worüber sie informiert, interessiert sie dagegen so wenig, wie es Sarrazin über weite Strecken tat."

Von der Korrektur manches Missstands in Kunstmarkt und Kunst träumt in seiner Kolumne zum Jahresanfang Eduard Beaucamp: "Was ist eigentlich, so darf man fragen, dran an dem inflationären Warhol und dem Equilibristen Gerhard Richter, das Preise rechtfertigt, die Raffael herausfordern und Rubens in den Schatten stellen? Der spekulative Kult um Hirst und Koons und Meese ist ohnehin absurd."

Weitere Artikel: In ihrer "Aus dem Maschinenraum"-Kolumne erklärt Constanze Kurz, warum die von der Politik unverdrossen geforderte Vorratsdatenspeicherung eine so überaus problematische Angelegenheit ist. Der Islamwissenschaftler Christian H. Meier informiert anlässlich der jüngsten Anschläge auf die Kopten darüber, wie brüchig das religiöse und nationale Einheitsbewusstsein Ägyptens lange schon ist. Über die Umbaupläne für das "Beton-Quartier" La Part-Dieu in Lyon berichtet Lena Bopp. Den in den USA unternommenen Versuch der sprachlichen Bereinigung von "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn" durch die Ersetzung des Worts "Neger" durch das Wort "Sklave" glossiert Tilman Spreckelsen. Was fünf Kritiker in der New York Times zur Frage zu sagen hatten, was Kritik heute ist, referiert Daniel Haas (hier die Zusammenfassung mit Links in der Magazinrundschau). Hans Zippert verabschiedet sich unsanft von seinem Weihnachtsbaum. Zum Tod von Fritz Tobias, der als Nicht-Historiker die These von der Reichtstagsbrand-Alleintäterschaft des Marinus van der Lubbe durchsetzte, schreibt Lorenz Jäger.

Besprochen werden eine Ausstellung zu den Bühnenbildern der Anna Viebrock im Schweizerischen Architekturmuseum Basel, der Allen-Ginsberg-Film "Howl", Jean Beckers Film "Das Labyrinth der Wörter" mit Gerard Depardieu und Bücher, darunter Uwe Tellkamps Erkundungsband "Die Schwebebahn" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).



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