Heute in den Feuilletons "Bedrohte Männlichkeit"

In der "FR": Burkhard Spinnen über John Updike. "Die Zeit" staunt: Barack Obama hat es so weit gebracht, dass die Grünen der CDU Anti-Amerikanismus vorwerfen. Fast überall: Brad Pitt als Greis.


Frankfurter Rundschau, 29.01.2009

"Also bitte geht jetzt!" ruft Peter Michalzik dem Suhrkamp Verlag zu. "Sie wissen doch eh schon, dass Sie gehen wollen, liebe Frau Unseld-Berkewicz (die Verlegerin), dann machen Sie die Entscheidung jetzt auch öffentlich und holen damit den Versuchsballon der öffentlichen Diskussion wieder ein: Nein, Suhrkamp wird nicht geköpft werden, wenn der Verlag nach Berlin geht, das hat die Diskussion doch hinlänglich erwiesen."

Burkhard Spinnen würdigt im Nachruf John Updike und dessen Romanhelden Harry Rabbit Angstrom: "Sein Tod ist eine der ergreifendsten Textpassagen, die ich überhaupt kenne. Ich hatte mich gefragt, ob so einer wie Harry überhaupt sterben kann, ob er nicht zu einem unendlichen, aber auch unendlich unbefriedigenden Leben jenseits des Schicksals verdammt ist. Aber Updike hat schließlich ein Einsehen mit seiner Figur. Er lässt den unförmig gewordenen Jedermann nicht einfach sang- und klanglos abtreten. Harry stirbt vielmehr da, wo er einmal ein altmodischer Held war, auf dem Basketballplatz: im Kampf gegen einen jungen Schwarzen und nach einem letzten Korbwurf, dem kein Zuschauer applaudiert."

Weiteres: Abgedruckt ist ein Auszug aus Nicholson Bakers 1991 erschienenem Essay "U & I" über Updike. Harry Nutt ermüdet bei den langen Ausführungen der SPK-Führung auf der Pressekonferenz zum Humboldt-Forum. Besprochen werden David Finchers Film "Der seltsame Fall des Benjamin Button" (daneben gibt es ein Interview mit Fincher über die Dreharbeiten, den Tod und Brad Pitt), ein Ravel-Klavierkonzert mit Helene Grimaud in Frankfurt, Antonello Luigi Grimaldis Film "Stilles Chaos" und Tom Rob Smiths Thriller "Kolyma" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 29.01.2009

Das Blog Crooked Timber hat mehrere Autoren eingeladen, über und mit dem englischen Science-Fiction-Schriftsteller Charles Stross zu diskutieren (hier die Einführung). Es kamen: Nobelpreisträger und Blogger Paul Krugman, der australische Ökonom John Quiggin, der schottische SF-Autor Ken MacLeod, der Wirtschaftswissenschaftler Brad DeLong, der Philosoph John Holbo, der Politikwissenschaftler Henry Farrell und die Icann-Managerin Maria Farrell, die in ihrem Text "Warum man Charles Stross lesen sollte", schreibt: "Stross often writes about life on the other side of that black hole, the Singularity, a world that is by definition unimaginable. How can we imagine what consciousness, pain or joy might be like after we digitize our brains? Post-singularity writers remind me of Saint Paul trying to explain the transcendental nature of Christianity to a colonized under-class who'd expected the Messiah to literally smite the Romans (and the Egyptians, Persians, and Mesopotamians). There's a distinctly religious echo to the implication that the ways and thoughts of post-singularity existence are far beyond ours. Who, in their right mind, would even try to write about this? Stross for one. But not only that, he brings on the funny."

Via 3quarksdaily. "Everyone is reading Stanley Fish's essay, 'The Last Professor,' in the New York Times", behauptet James V. Shall. Dann wollen wir es nicht unterlassen, daraus zu zitieren. Es handelt sich um die irgendwie bekannt klingende Klage eines gut bestallten Professors darüber, dass nicht mehr genug Professoren gut bestallt werden, um das reine Glasperlenspiel des Geistes zu betreiben: "The for-profit university is the logical end of a shift from a model of education centered in an individual professor who delivers insight and inspiration to a model that begins and ends with the imperative to deliver the information and skills necessary to gain employment." Gewonnen hat Fish die Erkenntnis aus einem Buch seines Schülers Frank Donoghue: "The Last Professors: The Corporate University and the Fate of the Humanities".

"Journalismus und Medizin haben eins gemeinsam, nämlich dass die allermeisten Dinge nicht stimmen", schreibt Burkhard Müller-Ullrich zurecht über die "Cello-Hoden", eine von den Briten erfundene Berufskrankheit. Dankbar ist man für den Satz auch angesichts einer Studie über die Folgen der Masturbation.

Die Welt, 29.01.2009

Uta Baier berichtet von der wiedergefundenen Dia-Sammlung, für die Adolf Hitler 1943 - "Führerauftrag Monumentalkunst" - Fotografen durchs Reich schickte, um bedeutende Wandgemälde, Fresken oder Tapisserien festzuhalten. Eckhard Fuhr freut sich in der Randglosse, dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann selbst in der Krise sein "sonniges Gemüt" nicht verliert. Insgesamt gelungen findet Holger Kreitling das neue Porsche-Museum in Stuttgart: "Wirkt das Haus von außen etwas zu gewollt, ist das Innere schlicht fantastisch." Als genialen literarischen Hexenmeister preist Uwe Wittstock den verstorbenen John Updike in seinem Nachruf. Sven Felix Kellerhoff hat sich den Dreiteiler "Die Wölfe" angesehen, mit dem das ZDF den Reigen der Historienfilme in diesem Jahr eröffnet. Michael Pilz kündigt an, dass Peter Maffay wieder auf Tournee geht.

Auf der Filmseite staunt Peter Zander, dass der reichlich dünne "Seltsame Fall des Benjamin Button" zugleich so schwerfällig ist. Josef Engels kann dagegen Ricky Gervais' manchmal vielleicht etwas holprige, aber meist fantatstische Komödie "Wen die Geister lieben" empfehlen.

Neue Zürcher Zeitung, 29.01.2009

Nicht nur wegen der Holocaustleugnung eines der vier wieder in die Katholische Kirche aufgenommenen Bischöfe der Lefebvre-Bewegung kritisiert der Theologe Jan-Heiner Tück die Entscheidung des Papstes: "Es wäre ein skandalöser Rückschritt, wenn nun Bischöfe, die das Zweite Vatikanum offen in Frage stellen, in der Kirche Heimatrecht erhielten. Eine Gleichzeitigkeit nicht nur ungleichzeitiger, sondern auch widersprüchlicher Theologien wäre für die Kirche prekär. Das betrifft auch den latenten Antijudaismus, der in traditionalistischen Kreisen nach wie vor verbreitet zu sein scheint."

Weitere Artikel: Birgit Sonna besucht die große Kandinsky-Retrospektive in München. Andrea Köhler resümiert amerikanische Reaktionen auf John Updikes Tod. Auf der Kinoseite geht's um David Finchers Film "Der seltsame Fall des Benjamin Button", um David Koepps "Ghost Town" mit dem britischen Starkomiker Ricky Gervais und um ein spätes Comeback von Jean-Paul Belmondo.

Die Tageszeitung, 29.01.2009

Birgit Glombitza erklärt, worum es in dem romantischen Märchen "Der seltsame Fall des Benjamin Button" von David Fincher mit Brad Pitt geht: um bedrohte Männlichkeit. "Die monolithische Männlichkeit von einst wird mit ihren gebrochenen Darstellungen in 'Benjamin Button' zu einem höchst instabilen Konstrukt. Zu einem Ausdruck einer unaufhörlichen Krise und zu einem Repräsentationsprozess mit offenem Ausgang. Ob er sich als Gentleman wie Gary Cooper in Schale wirft und seiner Jugendliebe in der Garderobe ein Blümchen überreicht oder lässig wie Steve McQueen sein Segelboot im Wind wendet. Über allem liegt eine schöne Vergeblichkeit."

Rolf Lautenschläger weiß, warum man derzeit lieber nicht in der Haut des Präsidenten der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz stecken möchte: wegen der prekären Finanzlage. Saskia Draxler informiert über ein Symposium in der Londoner Tate Britain, das sich mit den Bedingungen der Kunstproduktion in der arabischen Welt beschäftigte. Andreas Hartmann berichtet über "bestürzende" Schwarzmalerei auf einer Veranstaltung des Festivals Club Transmediale in Berlin: Netzlabel-Macher darüber diskutierten, wie Musiker in Zeiten sinkender Verkaufszahlen das Netz nutzen können. Besprochen wird der Film "Stilles Chaos" von Antonello Grimaldi mit Nanni Moretti. Und in tazzwei schreibt Dirk Knipphals zum Tod von John Updike.

Hier Tom.

Süddeutsche Zeitung, 29.01.2009

Tobias Moorstedt berichtet von der Münchner Konferenz zu "Digital Life Design", auf der alles von morgen war: "Massenmedien wie Tageszeitungen und Fernsehsender wurden auf der Konferenz beinahe nur in Sätzen mit Imperfekt-Konstruktionen erwähnt." Alex Rühle schildert Sinn und - doch eher: - Unsinn der bibliometrischen, d.h. rein statistischen Erfassung wissenschaftlicher Qualität. Sehr vorbildlich findet Kia Vahland das Verhalten des Prado, der Goyas berühmten "Koloss", ohne mit der Wimper zu zucken, einem eher unbekannten Goya-Epigonen namens Asensio Julia zuschreibt, und das nur, nur weil diese stark wertmindernde Umwidmung der Wahrheit entspricht. Das Bundesverfassungsgericht entscheidet über die staatliche Mittelzuwendung für jüdische Gemeinden in Deutschland - und ein erfreuliches Ergebnis wird das Urteil, so Alexander Kissler, in jedem Fall haben: "Der deutsche Sonderweg, die Fiktion eines homogenen Judentums, wird vorbei sein." Petra Steinberger gratuliert der feministischen Literaturwissenschaftlerin Germaine Greer zum Siebzigsten.

Besprochen werden ein Konzert des jungen Pianisten Herbert Schuch in München, die Ausstellung zu Papst Pius XII. im Berliner Schloss Charlottenburg, eine Ausstellung zum DDR-Kino des Jahres 1965 im Münchner Filmmuseum, aktuelle Filme wie Antonello Grimaldis Tragikomödie "Stilles Chaos", Edward Zwicks Drama des jüdischen Widerstands gegen die Nazis in Polen "Defiance" und Isaac Juliens Jarman-Film "Derek" und Bücher, darunter der Band "Die große Entfernung" mit Prosagedichten von Farhad Showghi (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.01.2009

Patrick Bahners hat für die Print-Fassung seinen Nachruf auf John Updike noch einmal überarbeitet: "Als Miniaturmaler auf breiter Leinwand ist Updike verspottet worden. Aber Beschreibungsverfahren und Erzählform, Mikro- und Makrokosmos verbindet sein Stil in belebender Harmonie. Updikes Talent war ein technisch gesehen höchst spezielles, wie das der Elfenbeinmalerin Jane Austen, aber in der Wirkung universell. Er war der größte, wenn nicht der einzige Lyriker des realistischen Romans." Gewürdigt wird der Autor auch von Daniel Kehlmann ("einer der Größten im zwanzigsten, also dem amerikanischen Jahrhundert") und Marcel Reich-Ranicki. Jordan Mejias sammelt amerikanische Stimmen zu Updikes Tod.

Weitere Artikel: In der Glosse würdigt Wiebke Hüster den Hamburger Ballettchef John Neumeier als feste Burg im Zeitalter der "turbokapitalistischen Künstlerherumschickung". Still, stellt Jan Brachmann fest, und im wesentlichen nur mit einem Vortrag von Christoph Markschies im Berliner Dom, wurde Kaiser Wilhelms II. Geburtstag begangen. Günter Kowa hat im Museum für Vorgeschichte in Halle den Sarg von Königin Editha (Bild) gesehen. Gemeldet wird, dass der zunächst unter einem Aufschrei von allen Seiten gefeuerte Weimarer Intendant Stephan Märki seinen Job jetzt doch behält. Wie ganz anders als in Deutschland die Muttersprache in Frankreich auch und gerade behördlicherseits gepflegt wird, legt Joseph Hanimann ausführlich dar. Julia Bähr stellt das neue Literatur-Präsentations-und Bewertungs-Portal Triboox.de vor. Lorenz Jäger erklärt, warum man den Pius-Bruder-Gründer Marcel Levebvre als Kind seiner Zeit verstehen kann und auch muss. Auf der Kinoseite informiert Till Krause über nachlassende Geschäftstätigkeit beim Sundance-Festival.

Besprochen werden die Ausstellung "Casting a Shadow. Alfred Hitchcock und seine Werkstatt" in der Berliner Kinemathek, Antonello Grimaldis Film "Stilles Chaos", und Bücher, darunter Ipal Calislars Biografie "Mrs. Atatürk - Latife Hanim" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Zeit, 29.01.2009

"Barack Obama erzeugt ganz offenbar erheblichen Stress auch auf unserer Seite des Atlantiks. Paradoxerweise besonders dann, wenn er alte Lieblingsforderungen der Europäer erfüllt", konstatiert Jörg Lau, der in der Debatte um die Aufnahme von Guantanamo-Häftlingen seinen Ohren nicht traut: "Kaum eine Woche ist der neue Präsident im Amt, und schon steht die deutsche Innenpolitik kopf: Jürgen Trittin von den Grünen wirft Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) 'blanken Antiamerikanismus' vor. Und seine Kollegin Renate Künast sekundiert, indem sie die 'Undankbarkeit' von CDU und CSU gegenüber den Amerikanern anprangert: 'Ich erinnere nur an den Marshallplan, die Carepakete, die Berliner Luftbrücke. Wie kann man da heute sagen, die USA sollen das Problem selber lösen?'"

Im Feuilleton läutet schon das Mauerfall-Gedenkjahr ein: Nach Besichtigung der Ausstellung zur "Art of Two Germanys" in Los Angeles muss Hanno Rauterberg feststellen, dass der soziale Realismus Ost und die Abstraktion West doch einige Hohlheiten teilten. Beim Berliner Festival UltraSchall hat Volker Hagedorn erlebt, was die ostdeutschen Komponisten auszeichnete: Ihre Töne waren notwendig, selten ironisch. Der Lyriker Kurt Drawert hat sich schon den ZDF-Dreiteiler zum Mauerfall "Die Wölfe" angesehen.

In der Randspalte erinnert Thomas Assheuer an die Worte des von Papst Benedikt in "väterlicher Einfühlsamkeit" in den Schoß der Kirche zurückgeholten Bischofs und Holocaust-Leugners Richard Williamson: "Es sind nichts als Lügen, Lügen, Lügen. Nicht ein einziger Jude wurde durch Gas in Gaskammern getötet." Der Politikwissenschaftler und Diplomat aus der Vorzeigedemokratie Singapur, Kishore Mahbubani, erklärt das Ende der westlichen Dominanz so: "Der geopolitischen Inkompetenz Washingtons entspricht eine außerordentliche geopolitische Kompetenz Pekings." Claus Spahn hat in Äthiopien ein Dorf besucht, an das die Organisation One Laptop Per Child eben hochleistungstarke Laptops verteilt verteilt hat - es gibt sogar zwei Steckdosen im Dorf. Iris Radisch staunt, wie viel und wie schön gestorben wird in David Finchers Oscar-Anwärter "Der seltsame Fall des Benjamin Button".

Im Literaturteil unterhält sich Michael Naumann mit Schriftsteller Philip Roth, dessen 23. Roman "Empörung" gerade erscheint. Geradezu positiv gestimmt ist Roth: "Falls es nicht zu einer unvorhersehbaren Katastrophe kommt, ist der Antisemitismus in Amerika ganz einfach tot."



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