Heute in den Feuilletons "Büchereien zu schließen ist Kindesmissbrauch"

"Die Zeit" recherchiert: Ist der bayerische Imam Benjamin Idriz ein Verfassungsfeind? Die "FAZ" schreibt über Psycho-Techniken zur Reduzierung der Verweildauer in Großausstellungen. Entsetzen in Großbritannien: 800 öffentliche Bibliotheken sollen geschlossen werden - die "NZZ" berichtet.



Aus den Blogs, 12.05.2011

(Via turi2) Die AP will auf Herausgabe der Fotos vom toten bin Laden klagen, meldet John Hudson im Atlanticwire und zitiert: "'This information is important for the historical record,' said Michael Oreskes, senior managing editor at The Associated Press. 'That's our view.'"

Die Tageszeitung, 12.05.2011

Einen deprimierenden Kulturabend erlebte Ingo Arend mit den Grünen im Haus der Kulturen, an eingedeckten Tischen: "Dass an diesem Abend gar nichts an die Alternativ- und Widerstandskultur erinnerte, aus der sie auch hervorgingen, war symptomatisch. Parteichefin Claudia Roth war zwar gerade von einer Reise nach Tunesien zurückgekehrt. Und schwärmte vom Rap als 'Melodie der Revolution'. In der Auster lauschte sie dann ihrer Abgeordnetenkollegin Agnes Krumwiede. Die gelernte Konzertpianistin aus Ingolstadt, Jahrgang 1977, trat im schulterfreien Abendkleid aus dunkelvioletter Seide an den Flügel. Und intonierte hingebungsvoll Puccini und Ravel. Ein Hauch von Kurkonzert lag in der Luft."

Weiteres: Als hübsche Kinderfantasie genoss Cristina Nord Woody Allens Cannes-Auftakt "Midnight in Paris". Tim Caspar Böhme unterhält sich mit dem altgedienten Elektrojazzheroen Klaus Doldinger, der heute 75 wird. Isabelle Reicher hat sich bei den Kurzfilmtagen Oberhausen Tierfilme angesehen. Besprochen wird eine Monografie des Fotografen Rolf Tietgens.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 12.05.2011

Marion Löhndorf stellt fest, dass es um die britische Lesekultur nicht schlecht stünde, hätte die Regierung nicht angekündigt, 800 öffentliche Büchereien zu schließen. Allenthalben Entsetzen: "'Büchereien zu schließen, ist Kindesmissbrauch', rief auch der Schriftsteller Alan Bennett".

Weitere Artikel: Gabriele Detterer warnt, dass Italiens Biennale-Pavillon in Venedig marea alta droht: Hochwasser. Alfred Schlienger blickt auf die neuen Spielpläne am Theater Basel voraus.

Besprochen werden Peter Weirs Gulag-Film "The Way Back" (den Christoph Egger doch recht "unbedarft" findet), Dominik Perlers Studie "Transformationen der Gefühle" und Jens Steiners Debüt "Hasenleben" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Die Welt, 12.05.2011

Hanns-Georg Rodek hat in Cannes Woody Allens Film "Midnight in Paris" gesehen, in der der von Owen Wilson gespielte naive Jungamerikaner in das Paris der zwanziger Jahre mit Fitzgerald und Hemingway versetzt wird. Und beide, Wilson und Allen, bleiben in Paris hängen, findet er: "Wilson trifft eine, die wie er Paris am schönsten findet, wenn es regnet ..., und Allen wird seine Tour der europäischen Filmförderungen fortsetzen."

Weitere Artikel: Paul Jandl trägt neueste Details zum Wiener "Lulu"-Skandälchen bei: sollte Birgit Minichmayr nackt spielen? Gabriela M. Keller geht durch die Straßen von Tunis, wo nach der Revolution eine neue Street Art aufblüht. Michael Stürmer denkt in einem kleinen Essay über das Süd-Nord-Gefälle in Deutschland nach. Dankwart Guratzsch erhofft sich vom Umbau des Pergamon-Museums neues Leben für die Museumsinsel insgesamt.

Besprochen werden Manish Pandeys und Asif Kapadias Dokumentarfilm über den Rennfahrer Ayrton Senna (mehr hier) und Nicole Weegmanns Film "Schenk mir dein Herz" mit Paul Kuhn und Peter Lohmeyer (mehr hier).

Der Freitag, 12.05.2011

Unwohl fühlt sich Medienjournalistin und Gebührenzahlerin Silke Burmester, wenn ihr ARD und ZDF in ihren prominentesten Nachrichtensendungen Angebote des eigenen Kanals annoncieren: "Es ist das Gefühl, hier stimmt was nicht. Die verarschen mich. Die nehmen mich nicht ernst. Die meinen, ich merke es nicht, wenn sie mir ihre Eigenwerbung unter dem Deckmantel 'relevanter' Beiträge verkaufen."

Ziemlich virtuos parodiert Matthias Dell das Genre des Spiegel-Porträts mit szenischem einstieg und schwurbelnder Psychologisierung am Beispiel des armen ehemaligen Nannen-Preisträgers Rene Pfister: "Pfister ist aufgeregt, er versucht sich nichts anmerken zu lassen. Sein Stück 'Am Stellpult' ist in der Kategorie Beste Reportage nominiert. In Klammern: 'Egon Erwin Kisch Preis'. Das ist die Königsdisziplin, der Zehnkampf heute abend."

Außerdem: Michael Angele unterhält sich mit Paul Nizon über Max Frisch - ein leicht vergiftetes Verhältnis, wie es scheint.

Frankfurter Rundschau, 12.05.2011

Einfach begeistert ist Peter Michalzik von Albert Ostermaiers Stück "Aufstand", das Stephane Hessels "Empört Euch!" und das Pamphlet "Der kommende Aufstand" aufgreift: "Ostermaier bestätigt mit dem Text wieder den Ruf, einer der sprachmächtigsten, phantasievollsten und emotionalsten Dramatiker zu sein. Er kann geheimen Gefühlen und Gedanken eine Sprache geben, er durchglüht sozusagen die Köpfe und Herzen, er macht das, was man mal 'Reingehen' nannte. Ostermaier hat die Fähigkeit, Worte weiterzudenken, bis sie über sich selbst hinaussprudeln."

Weiteres: Beglückt hat Woody Allens Romanze "Midnight in Paris" zur Eröffnung der Filmfestspiele in Cannes Anke Westphal: "Was er hier veranstaltet, sprengt alles Dagewesene." Hans-Jürgen Linke unterhält sich mit dem Jazzmusiker Klaus Doldinger zu dessen 75. Geburtstag. Auf der Medienseite informiert Ulrike Simon: Aldi Süd druckt keine Schweinebauchanzeigen mehr in Tageszeitungen.

Besprochen werden Julie Kreuzers Doku zum Fall des Sexualstraftäters Klaus D. "Auf Teufel komm raus" und Oliver Schmitz' Drama  "Geliebtes Leben".

Die Zeit, 12.05.2011

RTL-Chefin Anke Schäferkordt stellt sich Interviewfragen zum Erfolg von RTL und der Bedienung niederer Instinkte: "Die Instinkte des Menschen können wir im Fernesehen so wenig beeinflussen wie Sie im Zeiungsbereich." Zeit: "Wir wollen das ja auch gar nicht." Schäferkord: "Auch nicht die gehobenen Instinkte? Da bin ich jetzt erstaunt."

Im Aufmacher sieht sich Adam Soboczynski "verführt, Kritik am berüchtigten Gutmenschentum der Deutschen zu üben". Cannes wird zwei neue Filme von Jafar Panahi und Mohammed Raoulof zeigen, meldet Christoph Siemes. Susan Neiman reist nach Ägypten, "um zu erkunden, was Aufklärung ist". Iris Radisch schreibt zum 100. von Max Frisch. Bruno Kammertöns schreibt den Nachruf auf Gunter Sachs.

Bsprochen werden die Ausstellung "Schicksal" im Literaturmuseum Marbach, Toshio Hosokawas Oper "Matsukaze" mit einer Choreografie von Sasha Waltz in Brüssel, eine Ausstellung des Medienkünstlers Paul Pfeiffer in der Sammlung Goetz in München, Pepe Danquarts Dokufilm "Joschka und Herr Fischer" ("Der Protagonist schnipselt sein Leben für das Goldrähmchen zurecht", ätzt Götz Aly) und Bücher, darunter drei Bände über Max Frisch (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Dossier schreibt Albrecht Metzger über den bayerischen Imam Benjamin Idriz ("Grüß Gott, Herr Imam"), der vom Verfassungsschutz als "Feind der deutschen Verfassung" beschrieben wird: Metzer findet die Gründe dafür mehr als dürftig.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2011

In der Londoner National Gallery steht eine Leonardo-Ausstellung bevor. Um den Betrieb nicht zu lange aufzuhalten, wird der Aufenthalt jedes einzelnen Besuchers auf dreißig Minuten beschränkt, macht ein bisschen mehr als vier Minuten pro Bild. Heftiger Streit ist entbrannt und Julia Voss findet, es war, weil das Problem in Wahrheit schon länger besteht, an der Zeit: "Das Monster Blockbuster hat Feuer gespuckt, aber - das darf man nicht vergessen - in seinem giftigen Atem müssen wir es schon lange aushalten. Anders gesagt: Wenn Museumsdirektor Nicholas Penny als Rausschmeißer auftritt, dann spricht er nur aus, wozu uns subtilere Mittel längst zwingen. Um die Aufenthaltsdauer zu verkürzen, steht ein Arsenal von Psychotechniken bereit, denen Besucher gehorchen, ohne sie zu bemerken."

Weitere Artikel: Mehr als nett fand Verena Lueken den neuen Woody-Allen-Film "Midnight in Paris" zum Cannes-Auftakt nicht. Der Architekt Hans Kollhoff antwortet auf Kritik an seinem Siegerentwurf fürs Revirement des Frankfurter Altstadtquartiers Dom-Römer. Die British Library hat gerade den Vorlass der Lyrikerin Wendy Cope gekauft - 40.000 E-Mails inklusive: Gina Thomas erklärt, warum die E-Mail den Archiven viel Arbeit, aber auch Freude macht (mehr dazu bei wired ). In der Glosse macht sich Jürgen Kaube Gedanken über die mangelnde Begeisterung für Olympia und die Neoliberalität der Alpen. Christoph Hämmelmann schildert das Leben und den Tod im KZ Dachau des Pfarrers Georg Häfner, der am Sonntag seliggesprochen wird. Auf der Kinoseite berichtet Rüdiger Suchsland vom Kurzfilmfestival in Oberhausen. Andreas Platthaus hat das weitgehend zeitgleich stattfindende Festival für kurze Animationsfilme in Stuttgart besucht. Andreas Kilb gratuliert Senta Berger zum Siebzigsten. Auf der Medienseite erklärt Lisa Zeitz, was Künstler und andere Menschen mit Twitter so tun.

Besprochen werden ein Hamburger Konzert von Yusuf Islam aka Cat Stevens, die Uraufführung von Albert Ostermeiers "Räuber"-Update namens "Aufstand" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, Patrice Chereaus Inszenierung von Jon Fosses "Ich bin der Wind" am Londoner Young Vic, ein Pariser Auftritt des Bolschoi-Balletts, eine CD mit den "Kinderheften 1-3" und der "Klaviersonate 1" von Mieczyslaw Weinberg, eine Einspielung von Beethoven-Sinfonien des Netherlands Symphony Orchestra unter Jan Willem de Vriend und Bücher, darunter Nora Bossongs Gedichte "Sommer vor den Mauern" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 12.05.2011

Der Princetoner Nahost-Experte  Bernard Haykel macht sich nicht immer tiefschürfende Gedanken über das "Vermächtnis" bin Ladens und gerät zeitweilig sogar ins Plaudern:"Er hatte so etwas wie Star-Qualitäten. Einer meiner saudischen Kollegen erzählte mir gerade, dass seine Frau vom Tode Osamas tief betroffen sei - offensichtlich sei er ihr Idol gewesen. Und sie ist eine von vielen in Arabien und anderswo, die so reagierten. Wobei mich der Verdacht beschleicht, dass das weniger mit Osamas Charakter zu tun hat als vielmehr mit einem chronischen Mangel an Vorbildern in dieser Welt."

Willibald Sauerländer macht eine durchaus "sentimentale" Renaissance der altdeutschen Malerei in Museumsausstellungen aus und sieht als ihren Höhepunkt die Konrad-Witz-Ausstellung in Basel. Allerdings gibt es kaum gesicherte Werke: "Altdeutsche Malerei war immer schon ein beliebtes Jagdrevier der Attributzler, die sich an Meistern mit Notnamen delektierten und über deren Oeuvre mit kriminalistischem Eifer stritten."

Außerdem: Tobias Kniebe schickt seine erste Kolumne aus Cannes, die natürlich Woody Allens nostalgischem Paris-Film "Midnight in Paris" gilt.

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Auf Teufel komm raus", die Filme der Oberhausener Kurzfilmtage, Oliver Schmitz' Film "Geliebtes Leben", der das Thema Aids in Südafrika aufgreift, Albert Ostermaiers Stück "Aufstand" mit Motiven aus Schillers "Räubern" bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, die kulturanthropologische Schau über "Die Macht des Schenkens" im Dresdner Lipsius-Bau mit Sonnenmasken Dresdner Indianer und kanadischer Barock-Potentaten und Bücher, darunter Karen Russells Roman "Swamplandia" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).



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