Heute in den Feuilletons "Das Ende der Bücherflut"

Fast alle Zeitungen beschäftigen sich mit dem Bericht einer vom Konzern selbst eingesetzten Kommission über die Verstrickung der Bertelsmänner in der Nazizeit. In der "FR" kommentieren Claus Leggewie und Horst Meier das Debakel um die V-Leute im Verfahren gegen die NPD. Die "NZZ" feiert Litauen und die "taz" verkündet das Ende der Bücherflut.


Süddeutsche Zeitung,   08.10.2002

Franziska Augstein erzählt die Geschichte der "Unabhängigen Historischen Kommission", die im Auftrag des Konzerns die Verstrickung der Bertelsmänner in der Nazizeit darstellt, lobt deren Unabhängigkeit und fasst die Ergebnisse zusammen: "1938 waren 75 Prozent der Herstellungskapazitäten mit der Produktion von Kriegsromanen ausgelastet. Weil der Verlag zudem über eine einfallsreiche Werbeabteilung verfügte (deren Einsichten dem Unternehmen in den fünfziger Jahren bei der Gründung des Leserings zugute kamen), machte er bald viel höhere Profite, als es mit der theologischen Literatur möglich gewesen wäre. Vom ersten Tag des Krieges an explodierten die Gewinne. Das hatte verschiedene Gründe: Romane waren gefragt, die den Deutschen ihr Heldentum vor Augen führten. Soldaten im Feld brauchten Lektüre: Mohn zog viele Wehrmachtsaufträge an Land. Bertelsmann war der Marktführer auf dem Gebiet der Feldausgaben - sogar den der NSDAP gehörigen Eher-Verlag stachen die Gütersloher aus."

Johannes Willms war in der "Nuit blanche" in Paris unterwegs, bei der ganz rasant was geboten wurde: "Auf der Spitze des Eiffelturms beispielsweise hatte es sich die Künstlerin Sophie Calle in einem Bett bequem gemacht, um Besucher, die es schafften, bis zu ihr vorzudringen, zu empfangen. In dieser Nacht und Höhe waren aber die Rollen vertauscht, denn nicht Frau Calle sollte Geschichten erzählen, sondern ihre Besucher hatten die Aufgabe, sie mit solchen jeweils fünf Minuten lang möglichst geistreich zu unterhalten, um sie derart am Einschlafen zu hindern."

Weitere Artikel: Till Briegleb stellt die zukünftige Kulturstaatsministerin Christina Weiss vor ("immer bemüht, gerecht, klüngelfrei und ohne Falschheit zu sein, aber Showtalent hat sie keines"). Dieter Wulf erzählt von den Plänen Hitlers, mit einem Kamikaze-Angriff auf New York den Zweiten Weltkrieg doch noch zu gewinnen. Willy Messerschmitt konnte "dem Führer den lang ersehnten Fernbomber" jedoch nie liefern. Ijoma Mangold bereitet auf die Frankfurter Buchmesse vor, Clemens Prokop informiert über eine Klage der Konzertveranstalter gegen die Berliner Philharmoniker, Tobias Kniebe stellt die Bibel der Zukunft vor, die Steven Spielberg in seinem Film "Minority Report" aufgeschlagen hat, und Kristina Maidt-Zinke schreibt den Nachruf auf Undine Gruenter. In der Kolumne Zwischenzeit räsoniert Evelyn Moll über dein mögliches Ende der Markendiktatur. Hingewiesen wird außerdem auf ein Übersetzer-Stipendium.

Besprochen werden eine Inszenierung von Klaus Chattens "Karussell" im Berliner Maxim Gorki Theater, ein Haydn- und Mahler-Konzert der Berliner Philharmoniker mit Simon Rattle in München, eine Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags des Architekten und Designers Arne Jacobsen im Louisiana Museum und natürlich Bücher, u.a. eine Geschichte der Rothschild-Dynastie. (siehe auch unserer Bücherschau ab 14 Uhr)




Frankfurter Rundschau,   08.10.2002

Claus Leggewie und Horst Meier kommentieren das Debakel um die V-Leute im Verfahren gegen die NPD. Denn deren Praktiken richteten sich "nicht nur gegen die organisierte Kriminalität politischer Überzeugungstäter, wo man sie unter Umständen hinnehmen kann, sondern auch gegen legale Parteien, die von der regierenden Mitte als extremistisch eingestuft werden. Dabei geraten auch PDS-Leute und Globalisierungsgegner ins Visier des Verfassungsschutzes. Manche, die sich darüber erregen, hatten in den letzten Monaten wenig gegen die Bespitzelung der richtigen Feinde der Demokratie einzuwenden. Doch wenn sich Geheimdienstler in derart prohibitiver Weise für extremistische Parteien interessieren, ist das Recht auf Opposition bedroht und damit die Chancengleichheit aller politischen Richtungen. Man kann sich nur wundern, wie nonchalant die liberale Öffentlichkeit über diese Verbiegung der Demokratie hinweggeht, wozu Kohorten akademischer Extremismusforscher und antifaschistischer Selbsthilfegruppen beigetragen haben."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland besuchte die Präsentation von zwei umfangreichen Bänden einer Unabhängigen Historischen Kommission, die die Geschichte des Hauses Bertelsmann in der NS-Zeit erforschte; noch vor der notwendigen "sorgfältigen" Lektüre sei dabei bereits deutlich geworden, "dass Bertelsmann nach 1933 weit über das unvermeidbare Maß hinaus mit den Nationalsozialisten kooperiert hatte." Christian Schlüter findet nur lobende Worte für die designierte neue Kulturstaatsministerin Christina Weiss: "durchsetzungsfähig", "standhaft" und von "unbestreitbar intellektuellem Format". Hubertus Adam stellt die jüngsten Wohnbauprojekte der Rotterdamer Architekten MVRDV vor. In der Kolumne Times mager kommentiert "kcb" eine ziemlich planetarische Preisverleihung des Club of Budapest in der Frankfurter Paulskirche. Und I.H. schreibt einen Nachruf auf die Schriftstellerin Undine Gruenter.

Ansonsten gibt es Besprechungen: gelobt werden vor allem die Schauspieler in Thomas Imbachs Film über den von Tod von Petra Kelly "Happiness is a Warm Gun". Als "Vertrauenskredit" für die beginnenden Saison wird Bernd Loebes Inszenierung der Schubert-Oper "Fierrabras" am Opernhaus Frankfurt (mehr hier) bewertet. Vorgestellt wird außerdem die Ausstellung "Berlin, cut and paste um 1900. Der Zeitungsausschnitt in den Wissenschaften" im Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (mehr hier).




Die Tageszeitung,   08.10.2002

Kolja Mensing konstatiert anlässlich der morgen beginnenden Frankfurter Buchmesse "das Ende der Bücherflut". Zwar werde noch immer schrecklich viel über "Literatur geredet und geschrieben, diskutiert und gestritten - aber um Bücher geht es dabei nur am Rande. Auch das gehört zum Ende der Bücherflut und ihrer metaphorischen Überhöhung, in der sich einst die alles mit sich reißende Kraft der Literatur mit dem Vertrauen in die Dynamik des Buchmarktes vereinigte. Auch die Fakten sprechen für sich: "Konnten bisher von Jahr zu Jahr immer neue Rekordmarken aus Frankfurt gemeldet werden, so kündigt sich jetzt ein gegenläufiger Trend an. 330.000 Titel werden ab morgen an den Messeständen ausliegen, das sind knapp 70.000 weniger als im vergangenen Jahr."

Weitere Artikel: Klaus-Rainer Brintzinger berichtet über das klammheimliche Verschwinden des sogenannten Hörerscheins für studentische Buchkäufe, und Jörg Buddenberg stellt eine umfangreiche Jeff-Koons-Retrospektive in der Kunsthalle Bielfeld vor.

Besprochen werden natürlich auch Bücher, darunter Klaus Theweleits 9-11-Kulturkritik-Kritik "Der Knall", die Neuübersetzung eines Werks vom Michel de Montaigne und eine Untersuchung über die Kniffe der "Kulturwissenschaftsrhetorik" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr)

Und hier TOM.




Neue Zürcher Zeitung,   08.10.2002

Ab heute stellt sich Litauen als Gastland der Frankfurter Buchmesse vor. Claudia Sinnig blickt auf ein Land zwischen Tradition und Moderne, das immer noch auf dem Weg zu sich selbst ist. "Litauen ist janusköpfig. Immer häufiger zeigt es ein heiter bis tiefsinniges, sehr gereiftes und doch frisches Antlitz, das der Welt offen zugewandt ist, während auf der anderen Seite aber noch sein trüber, ängstlich und stur nach innen gekehrter Blick lauert." Und dennoch präsentiere sich Litauen selbstbewusst und für viele überraschend: "Bei Litauens Charmeoffensive zur Buchmesse geht es also nicht in erster Linie um Literatur oder Bücher. Vielmehr präsentiert sich das Land in allen Gattungen und mehrsprachig mit Theater, Film, Musik, Kunst, Design und, ja, auch mit Büchern als Gesamtkunstwerk. Diese so erstaunlich weltläufige, keineswegs trübsinnige und dezidiert gegenwartsbezogene Selbstdarstellung wird vermutlich nicht nur die Deutschen, sondern auch die meisten Litauer überraschen."

Die NZZ hat heute auch ihre Literaturbeilage im Heft.

Mit jüngeren Publikationen zum deutsch-polnischen Verhältnis hat sich Gerhard Gnauck beschäftigt. Er kommt zu der Erkenntnis, dass das Verhältnis noch lange nicht "auf festem Boden gebaut" ist. "Die Erinnerung an Kriegs- und Nachkriegszeit, so ergab eine Studie des Warschauer Instituts für öffentliche Angelegenheiten, ist im kollektiven Bewusstsein der Polen wie der Deutschen bis heute stärker verankert als die gesamte übrige Zeit der tausendjährigen Nachbarschaft, die überwiegend friedlich und fruchtbar war." Es sei aber von deutschen und polnischen Historikern "Wegweisendes" geleitetet worden, das zu einer weiteren Annäherung beitragen könne, statt in stärker nationalistische Töne zurückzufallen. Um weitere Differenzen abzubauen, hat das Deutsche Historische Institut in Warschau für den 18./19. Oktober zu einer Tagung im Collegium Polonicum in Slubice eingeladen, so wird berichtet.

Weitere Artikel: Andrea Köhler schreibt einen Nachruf zum Tode der Schriftstellerin Undine Gruenter. Andrea Eschbach hat Entwürfe Matali Crassets, Shootingstar des französischen Designs, in Lausanne gesehen. Alfred Zimmerli gibt einen begeisterten Rückblick auf das Festival "Musica" in Straßburg. Hanno Helbling berichtet von Umbauten im Weltkirchenrat, dem ökumenischen Rat der Kirchen. Von der Züricher Schriftstellerin Chistine Trüb ist heute ein Auszug aus ihrem neuen Prosaband "Das schwimmende Wort" zu lesen.

Besprochen werden eine Ausstellung in der Freiburger Kunsthalle Fri-Art, die unter dem Motto "Small is OK" läuft, sowie ein neuer Roman von Anouar Benmalek.




Frankfurter Allgemeine Zeitung,   08.10.2002

Es ist soweit: Der Sommer ist aus. Die Buchmesse beginnt. Die FAZ eröffnet ihre 48-seitige Literaturbeilage (im letzten Jahr waren es noch 64 Seiten!) mit Hubert Spiegels Besprechung von A.L. Kennedys neuem Roman "Alles was du brauchst": "Ein todessüchtigeres und lebensgierigeres Buch als dieses ist lange nicht mehr geschrieben worden". Der Perlentaucher wird die Beilagen in den nächsten Tagen auswerten.

Und hier das feuilletonistische Tageswerk:

Nachgedruckt wird Günter Grass' Rede zur Eröffnung des Willy-Brandt-Hauses in Lübeck. Sowohl Brandts Ostpolitik als auch seine Arbeit in der Nord-Süd-Kommission schreibt er der neuen Regierung ins Aufgabenbuch: "Der knappe Wahlsieg der rot-grünen Koalition verpflichtet beide Parteien, ihre mühevolle pragmatische Alltagsarbeit zu ergänzen, indem sie die von Willy Brandt entwickelten Konzepte zur Grundlage ihrer politischen Arbeit machen und von seiner visionären Kraft zehren. Es gilt, die deutsche Einheit zu vollenden, damit doch noch 'zusammenwächst, was zusammengehört', und es gilt, die Erkenntnisse der von Willy Brandt geleiteten Nord-Süd-Kommission nach jahrelanger Ignoranz endlich wahrzunehmen und Entwicklungspolitik mit Vorrang als Beitrag zur Bekämpfung des Terrorismus zu begreifen." Auch in einem zweiten Artikel geht es um Willy Brandt. Ingolf Kern hat den Erfurter Hof besucht, in dem Brandt einst bei seiner DDR-Reise logierte und der erregten Menge beschwichtigend zuwinkte und der heute verfällt.

Christoph Albrecht resümiert ein Internationales Symposion zum Thema "Technik und Gesellschaft", in dem ihm einige Solidaritätsadressen mit den Palästinensern und dem Irak so auf die Nerven gingen, dass er zu einem harschen Schluss gelangt: "Wir hassen die Amerikaner so, wie wir unsere Lehrer hassten, bevor wir erfuhren, wie miserabel sie bezahlt werden. Europa gleicht einer Bande feiger, aber intelligenter Intriganten, die ihre zurückgebliebenen Mitschüler zu stellvertretenden Helden des Widerstands gegen das 'System' stilisieren, während sie selbst heimlich und diszipliniert ihre Hausaufgaben machen."

Weitere Artikel: Barbara Hobom kommentiert die gestern bekannt gegebenen Medizin-Nobelpreise an Sydney Brenner, John Sulston und Robert Horvitz für die Erforschung der "genetischen Steuerung bei der Organentwicklung und dem dabei unerlässlichen Zelltod". In einem zweiten Artikel erklärt Hobom genauer, was unter "Apoptose", also dem programmierten Zelltod zu verstehen ist. Wolfgang Sandner ist begeistert von Andre Hellers Pariser Inszenierung der "Erwartung" von Schönberg und der "voix humaine" von Francis Poulenc mit Jessye Norman in den Hauptrollen. Richard Kämmerlings schreibt zum Tod der Schriftstellerin Undine Gruenter.

Auf der letzten Seite meldet Peter Kropmans die Einstellung der renommierten Gazette des Beaux-Arts im 144. Jahr ihres Erscheinens. Dieter Bartetzko betrachtet das vom Londoner Science Museum rekonstruierte Gesicht Tutanchamuns, das seiner berühmter Todesmaske leider um einges nachsteht: " Nichts hat dieses Gesicht vom Liebreiz der originalen Bildnisse. Statt dessen stiert ein Dickschädel unter wulstigen Augenbrauen und mit geschwollenen Lippen auf einem äffisch vorgewölbten Oberkiefer ins Leere; ein grobknochiger Skinhead, ein Rapper aus Neandertal." Hier die ausführliche Website des Science Museum zum Thema.

Auf der Medienseite lesen wir die entsetzliche Meldung, dass Arts & Letters Daily (der englischsprachige Perlentaucher sozusagen) wegen Bankrotts der Betreiberfirma eingestellt werden soll - es sei denn, es findet sich in letzter Minute ein Bieter. Michael Hanfeld nutzt die Erkenntnisse der Bertelsmann-Kommission (der Konzern leiste unter den Nazis lieder so gar keinen Widerstand) zu einem weiteren Lobgesang für den abgesägten Thomas Middelhoff, der einst den Mut hatte, die Kommission einzusetzen. Und Jürgen Kaube resümiert den Bericht der Kommission: " Kurz gefasst ist ihr Ergebnis: Das erste große Wachstum des Verlages Bertelsmann verdankt sich dem entschiedenen Willen Heinrich Mohns, die Lesebedürfnisse der vom Nationalsozialismus auf Kriegsbegeisterung gestimmten Massen zu bedienen."

Besprochen werden ein Konzert der A-cappella-Gruppe Wise Guys in Frankfurt, Stephane Braunschweigs Inszenierung von Kleists "Familie Schroffenstein" in Straßburg, Schuberts Oper "Fierrabras" in Frankfurt und die Uraufführung von Caryl Churchills Stück "A Number" in London.








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