Heute in den Feuilletons "Das merkt hier alles keiner"

Die "SZ" staunt über die neoromantischen Maler. In der "NZZ" rät Nasr Hamid Abu Zaid den Europäern, muslimische Werte anzunehmen. Im "Tagesspiegel" spricht Heinrich Breloer über seinen Film "Speer und er". In der "Welt" erklärt Bertrand Tavernier, wie Schauspieler mit Erdbeeren Terror verbreiten.

Die Welt, 29.04.2005

Bertrand Tavernier war in Berlin und hat Filmstudenten eine Lektion über das Filmemachen und Machtspielchen erteilt, erzählt  mh. "Den trickreichen Umgang mit Schauspielern lernte Tavernier von Pierre Granier-Deferre . Als der mit Simone Signoret  'Der Sträfling und die Witwe' drehte, wollte die Diva eine Küchenszene nicht beginnen, bevor der Requisiteur nicht einen ganz bestimmten Kupferkessel besorgt hatte. Nach einer Stunde war der Kessel da, und Signoret mochte anfangen. Aber nun bestand Granier-Deferre darauf, dass er erst noch ein Körbchen Erdbeeren brauchte. Das Team und Signoret mussten warten, bis die Erdbeeren in Paris Mitte Januar gefunden waren. Tavernier: 'Das war die brillanteste Demonstration von Machtverhältnissen, die ich je erlebt habe.'"

Der Architekt Albert Speer spricht  im Interview über seinen Vater, Hitlers Rüstungsminister, über schrumpfende und wachsende Städte: "Es ist eine ungeheure Verstädterung im Gange. Beispiel Afrika. Wir arbeiten in Abuja , wo die 1970 oder 1972 neu gegründete Hauptstadt einmal gedacht war für 1,2 Millionen. Inzwischen leben dort mehr als zwei Millionen Menschen. Das gleiche Thema haben wir in Saudi Arabien. Riad ist zu einer Millionenstadt geworden, Experten rechnen damit, dass in dieser Stadt in 15 Jahren etwa zehn Millionen Menschen leben werden. Das merkt hier alles keiner. Und dann natürlich Länder wie China. In Shanghai sind wir in zwei großen Bereichen tätig. Der eine ist: Shanghai plant neun Satellitenstädte. Davon machen wir eine Satellitenstadt und die steht im Zusammenhang mit der Automobilindustrie."



Süddeutsche Zeitung, 29.04.2005

"Malerei im Plusquamperfekt" hat Holger Liebs in Frankfurt erlebt, wo eine Phalanx neoromantischer Künstler - von Christopher Orr  über Kaye Donachie  bis Justine Kurland  - angetreten ist, die Welt mit "überzarten Idyllen, gemalten Traumwelten und Seelenlandschaften zu bezaubern": "Man hat's ja auch wirklich nicht leicht heutzutage. Der Bush, der Krieg, der Turbokapitalismus, der tägliche Medien-Tsunami, es ist zum Davonlaufen. Und genau das tun sie auch, die vielen jungen Künstler zwischen dreißig und vierzig, ob sie nun in Miami oder in Karlsruhe wohnen: Sie trauen sich nicht mehr vor die Tür, üben sich in erhabener Weltflucht und erschaffen malerische Paralleluniversen, die sie aus ihren Träumen gewinnen... Und so erleben wir, schreibt Max Hollein in seinem Katalogvorwort zur Ausstellung 'Wunschwelten', die am 12. Mai in der Frankfurter Schirn  eröffnet wird, weltweit 'das vehemente künstlerische Aufblühen einer neuen romantischen Haltung'. Wobei man Haltung auch durch Manier ersetzen könnte."

"Warum fällt uns bei Bulgarien immer nur das Papstattentat ein und bei Rumänien Dracula oder, schlimmer noch, das Ehepaar Ceausescu? Was macht diese Länder in unseren Augen so arm und so fremd, dass wir meinen, sie passten nicht zu uns", fragt der Schriftsteller  Richard Wagner. Warum nicht Christo oder Eugene Ionescu? Das Problem der EU-Erweiterung sieht Wagner weniger in den beiden Ländern als in der Trägheit des Westens: "Klar, Rumänien und Bulgarien haben noch einen weiten Weg vor sich, bis sie die Standards der Kernländer der EU erreichen können. Ihnen soll auch nichts geschenkt werden, zur Kontrolle hat aber, wie bisher, das Instrumentarium des 'Aqui communautaire' zu genügen. Darüber hinaus jedoch sollte man sich langsam an den Gedanken gewöhnen, dass eine erweiterte EU nicht nur den Osten verändert, sondern auch den Westen."

Weiteres: Daniel Brössler berichtet, dass das Moskauer Puschkin-Museum  zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsende mit einer Ausstellung der Beutekunst protzt, die die Rote Armee aus Berlin "gerettet" hat. Schwammig, hohl und zum Teil unsinnig findet Gunnar Tausch den Masterplan  für das Berliner Kulturforum, den Verzicht auf die überflüssigen Parkplätze hält er aber für einen Fortschritt. Zur Frage, ob es eine Rückkehr der Religionen gibt, weist der Bochumer Religionswissenschaftler Volkhard Krech darauf hin, dass es einen Unterschied gibt zwischen Religiösität, diffusem religiösen Interesse und die Sehnsucht nach sakraler Aura.

Im Interview mit Helmut Mauro erklärt der Musikwissenschaftler Volker Klotz, was die Operette so "brisant" macht. Andrian Kreye versucht , begreiflich zu machen, warum das Duo Modern Talking bei New Yorkern Einwanderern so beliebt ist. "bru" liefert einen nachruf auf den Rock'n'Roller Hasil Adkins.

Auf der Literaturseite schreibt Lothar Müller über Schillers Blick auf die Kreuzzüge, Thoams Steinfeld über Schillers Leidenschaft für Krimis.

Besprochen werden Yasmina Rezas "Spanisches Stück" in Hamburg", Thomas Frydetzkis "Kino-Trashkomödie "Max und Moritz Reloaded" und Schillers "Schöne Briefe (siehe auch unsere Bücherschau  ab 14 Uhr).



Die Tageszeitung, 29.04.2005

Andreas Hartmann porträtiert  den "König Midas des extremen Rock", Mike Patton , ein Mann, der fast ausschließlich an Projekten und Platten anderer mitgewirkt hat. "Es gibt zwei Soloplatten von Patton, das ja, doch kaum jemand hat diese je gehört, und diejenigen, sie sie gehört haben, urteilen zumeist, sie seien 'mutig' oder 'avantgardistisch', meinen damit aber: Diese beiden Platten bestehen fast ausschließlich aus Gegurgel und Geschrei von Patton. Man muss sich auch vor Augen halten, wer diese beiden, Ende der Neunziger auf John Zorns Tzadik-Label erschienenen Platten damals gehört hat. Nicht nur Hartgesottene, die das Gekreische einer Diamanda Galas  beim Kochen hören, sondern bestimmt auch ein paar Faith-No-More-Fans."

Mitte Mai läuft Bernd Eichingers Führerbunkerdrama "Der Untergang" in drei israelischen Kinos an. Das positive Votum eines Testpublikums hat den Weg für den Film frei gemacht, berichtet  Susanne Knaul. "Die Kinogänger selbst trafen die endgültige Entscheidung über das Für und Wider, den 'Untergang' auch auf die israelische Leinwand zu bringen. Rund eintausend per Losverfahren ausgewählte Abonnenten hatten Gelegenheit, sich in Probevorführungen selbst ein Bild zu machen und anschließend ihre Stimme abzugeben. 91 Prozent der Zuschauer entschieden für den Film, der ab Mitte Mai zunächst auf die Leinwand von drei der insgesamt sieben Bühnen der Kinokette 'Lew' kommt."

Besprochen werden Jürgen Gosches Inszenierung  von Yasmina Rezas "Ein spanisches Stück" am Hamburger Schauspielhaus und die neue Bruce-Springsteen- CD  "Devils & Dust".

Schließlich Tom .



Der Tagesspiegel, 29.04.2005

Ab nächster Woche läuft Heinrich Breloers Dokudrama über Albert Speer. Für den Tagesspiegel haben Joachim Huber und Barbara Nolte den Filmemacher interviewt , der durch die rabiate Archivpolitik der Öffentlich-Rechtlichen auch den Verlust eines Speer-Interviews beklagt, das er schon 1981 führte. "Auch das Rohmaterial für ein Fernsehinterview, das der Historiker Joachim Fest mit Speer im Jahr 1969 führte, ist weg. Es gibt nur das fertige Interview. Fest fragte: 'Fühlen Sie sich für Auschwitz verantwortlich?', und Speer antwortet: 'Ja, ich fühle mich für Auschwitz verantwortlich'. Zwischen Frage und Antwort ist ein Schnitt. Mich würde interessieren: Was war dazwischen?"



Frankfurter Rundschau, 29.04.2005

Christian Thomas findet  es unbegreiflich, dass Frankfurts Kulturdezernent nicht entschieden, sondern nur "spontan zugestimmt" hat, dem Direktor der Frankfurter Kunsthalle Schirn Max Hollein von 2006 an auch die Direktion des Städel und des Liebieghauses zu übergeben. "Um Holleins Doppelfunktion herbeizuführen, bedurfte es keiner Ausschreibung, keiner Findungskommission. 'Die Findungskommission, das war ich', so Nikolaus Schweickart, der Vorsitzende der Städel-Administration und Vorstandsvorsitzende der in Bad Homburg vor der Höhe residierenden Altana AG . Aus einer radikal autonomen Ich-Perspektive, an der mancher Alte Meister seine Freude gehabt hätte, wurde Holleins Berufung zum Direktor des 1815 gegründeten Städel herbeigeführt. Wenn man darüber hinaus als Mitglied der Frankfurter Zivilgesellschaft erfahren kann, dass Frankfurts Kulturdezernent, Hans-Bernhard Nordhoff (SPD), der vollendeten Tatsache spontan zugestimmt habe, stellt man sich die Frage, inwieweit die Kulturpolitik in Frankfurt überhaupt noch von der Kulturpolitik gestaltet wird?"

Besprochen werden die Ausstellung  "1945 - Der Krieg und seine Folgen" im Deutschen Historischen Museum  in Berlin und Yasmina Rezas "Ein Spanisches Stück"  im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg.



Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2005

Bisher haben die deutschen Feuilletons Oliver Gehrs Buch über Stefan Aust geflissentlich ignoriert. Wenigstens die NZZ bespricht  es jetzt auf ihrer Medien- und Informatikseite. H. SF. ist allerdings nicht sonderlich zufrieden: "Oliver Gehrs versteht den Typus Aust nicht. Ähnlich wie Mathias Döpfner, der heute den Springer-Verlag leitet, und Frank Schirrmacher, der fürs Feuilleton zuständige FAZ-Herausgeber, gehört Aust zur in Deutschland neuen Spezies des journalistischen Managers, der die Bildung der öffentlichen Meinung nicht mehr in erster Linie in der Präzeptorenrolle des Leitartiklers betreibt, sondern Meinungsführerschaft als Mittel des unternehmerischen Erfolgs inszeniert. Diesem Phänomen kommt man mit Personalisierung nur bedingt bei."

Außerdem bestaunen  Cristina Elia und Stephan Russ-Mohl das Erfolgsmodell der italienischen Wirtschaftszeitung Il Sole 24 Ore , wie es der italienische Journalist Cristiano Draghi in einer Fachzeitschrift nachgezeichnet hat. Il Sole 24 Ore ist mittlerweile "auflagenmässig die Nummer drei in Italien" und zudem das "politisch unabhängigste Blatt des Landes". "Gleichwohl desillusioniert Draghis Blick hinter die Kulissen. Ein gut Teil seiner Analyse ist leidigen Personalia und damit dem Postenschacher 'all'italiana' gewidmet. Das Glück, dem Il Sole 24 Ore seine relative Unabhängigkeit zu verdanken hat, ist eben die Tatsache, dass - anders als in den meisten Presseunternehmen des Landes - nicht ein einzelner Industriellenclan das Sagen hat."

Das Feuilleton der NZZ schließt heute seine Serie "Der Islam und Europa" mit einem Beitrag des zwangsgeschiedenen ägyptischen Religionswissenschaftlers  Nasr Hamid Abu Zaid ab. Er will  die Modernisierung des Islam mit Veränderungen in Europa verknüpft sehen: "Der immer wieder aufflammende Streit ums islamische Kopftuch weist die Unfähigkeit der säkularen Zivilgesellschaft aus, die religiösen Symbole ihrer muslimischen Mitbürger zu akzeptieren und zu integrieren. Wenn islamische Intellektuelle und insbesondere die im Westen lebenden Muslime willens sind, ihre eigene Tradition neu zu überdenken, um sie mit modernen Werten und der Ethik der Zivilgesellschaft vereinbar zu machen - dann sollte das säkulare Europa umgekehrt einige Schritte unternehmen, um muslimische Werte und islamische Ethik dort anzunehmen, wo sie den Werten und der Ethik der Zivilgesellschaft nicht widersprechen."

Georges Waser räumt  auch nach seinem Besuch der Ausstellung  von Gemälden August Strindbergs in der Londoner Tate Modern dem Dichter den Vorzug vor dem Künstler ein. Dennoch haben ihn Strindbergs düstere Szenarien, gemalt in einer an "Fingermalerei" erinnernden Technik, fasziniert: "Im Gegensatz zu Caspar David Friedrich vermag Strindberg, wenn sich bei ihm Meer und Land treffen, keine fast heilige Scheu vor der Weite der Welt heraufzubeschwören. Doch es fehlen in seinen Bildern eben auch die kleinen Menschen - seine Welt ist den Urgewalten untertan, ist in Werken wie den genannten ein düsteres kosmisches Durcheinander."

Weiteres: Auf dem 19. Salon du livre  in Genf gilt die Literatur afrikanischer Frauen, die "in den letzten zwanzig Jahren einen spektakulären Aufschwung erlebt hat", als zukunftsträchtig, während sich das offizielle Gastland Italien eher "diskret" darstellt, findet  Sabine Haupt. "Doch wenn man durch die Gänge schlendert, gewinnt man ohnehin den Eindruck, dass die Sparte Literatur von Jahr zu Jahr unwichtiger wird." Besprochen  wird eine Austellung Schweizer Videokunst in Bern. Bestürzung hat der unerwartete Tod von "Ellingtons Lieblingsbassisten" Jimmy Woode ausgelöst .



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.04.2005

Über die in Oxford aufbewahrten Oxyrhynchus-Papyri, die jetzt durch neue Technologien leichter lesbar gemacht werden können, hat die FAZ schon letzte Woche berichtet. Heute schreibt der Basler Philologe Joachim Latacz (der nebenbei auf ein Forum  im Internet und eine erläuternde Seite  des Oxforder Instituts verweist): "Sollte sich .. entsprechend den Ankündigungen herausstellen, dass die Lesungen mit Hilfe der neuen Technik schneller möglich waren als zuvor, exakter sind und durch die Erleichterung von 'joints' den vorhandenen Textbestand in Zukunft rascher verdichten werden, dann steht uns eine hocherfreuliche Beschleunigung der papyrologischen Arbeit an den weltweit gehorteten Papyrusschätzen bevor."

Weitere Artikel: Nachdem ein Politiker elektronische Fußfesseln für Arbeitslose vorschlug, regt  Patrick Bahners in der Leitglosse entsprechende Apparaturen für Politiker an ("Beim Besuch in Liechtenstein schellt's direkt im Büro Thierse.") Joseph Croitoru berichtet über den Roman "Blauer Code" des israelischen Autors Zvika Amit, in dem eine Gruppe nationalreligiöser Extremisten die Macht im Lande an sich reißt. Gerhard Rohde hat bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik  "künftige Möglichkeiten für musikalisiertes Theater" erkundet. Heinrich Wefing wurde von seiner Zeitung nach Tokio geschickt, wo er die Ausstellungen des deutschen Kulturjahrs  besuchte - sie geben bereits einen Eindruck davon, wie später die Berliner Sammlungen auf der Kulturinsel präsentiert werden. Wolfgang Sandner schreibt zum Tod des Jazzbassisten Jimmy Woode. Andreas Platthaus betrachtet auf eine Bilderseite Schnappschüsse  des Wehrmachtssoldaten Wilhelm Rose aus dem Alltag des Zweiten Weltkriegs.

Auf der Medienseite berichtet  Frank Stier, dass es auch in Bulgarien einen Skandal um die Bewerbung zum Grand Prix d'Eurovision gibt. Und Hubert Spiegel war dabei, als der erste Riehl-Heyse-Journalistenpreis in Anwesenheit von Gerhard Schröder persönlich an den Journalisten Stefan Geiger von der Stuttgarter Zeitung verliehen wurde.

Auf der letzten Seite erinnern Detlef Karres und Axel Vogel an eine den Kanadiern zu verdankende Luftbrücke, die den Nordwesten der Niederlande in den letzten Kriegstagen mit Brot versorgte. Christian Geyer hat sich die Antrittsvorlesung des Philosophen Martin Seel  in Frankfurt angehört. Und Andreas Rossmann stellt den neuen Leiter der Ruhrfestspiele  Frank Hoffmann vor.

Besprochen werden Yasmine Rezas "spanisches Stück", wo Schauspieler Schauspieler spielen in Hamburg und Franziska Meletzkys Debütfilm "Nachbarinnen"  und Sachbücher, darunter Daniel Dennetts  bisher nur auf englisch erschienenes "Sweet Dreams  - Philosophical Obstacles to a Science of Consciousness".



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