Heute in den Feuilletons "Dein ganzer Körper ein Musikantenknochen"

Die "SZ" macht uns mit der Wirkung nicht tödlicher Waffen vertraut. Die "FR" muss zugeben: Christian Thielemann lässt sich als Wagner-Dirigent nicht toppen. In der "NZZ" analysiert Richard Herzinger den transatlantischen Streit. Die "taz" nimmt die von Habermas initiierte "Kerneuropa"-Debatte auf, fühlt sich von dem Philosophen allerdings im Stich gelassen: "armseliges Europa-Bild".


Süddeutsche Zeitung,   02.06.2003

Strom, Gas, Mikrowellen. Olaf Arndt und David Artichouk stellen den neusten Schrei bei den Polizeiwaffen vor: Non Lethal Weapons. Auf einem Symposium des Fraunhoferinstituts präsentierte etwa der smarte Thomas P. Smith von Taser.com die neuste Generation seiner Stromharpune. "Ein Kurzfilm zeigt das in drastischer Metaphorik: Ein blutiges Fünf-Kilo-Steak, das ohne Frage 'uns', die Ziele, repräsentiert, wird durch ein Paket Badehandtücher hindurch erfolgreich getasert: ein Dröhnen, als sei dein 'ganzer Körper ein Musikantenknochen' (Smith). Danach werden wir eine Zeit lang Probleme haben, die Muskeln unter Kontrolle zu halten, aber das vergeht. Zurück bleiben zwei Einstichlöcher von den Harpunenspitzen, groß wie Insektenstiche. Eine Erfahrung, die von 40.000 Freiwilligen trotz hoher Belohnung keiner ein zweites Mal machen wollte." Das einzige Problem: Auch die Gegenseite kann sich in Zukunft aus ihrer Mikrowelle eine Kanone basteln.

Weitere Artikel: Nikolaus Piper verteidigt die Wirtschaftsjournalisten gegen Ivan Nagels Polemik zum Falschwörterbuch der Sozialreformen. "Im Grunde verlangt Ivan Nagel von den Wirtschaftsjournalisten, dass sie lügen. Das werden wir nicht tun." Hongkong-Star Maggie Cheung spricht über ihren Film "Hero" und ihre Leiden mit dem unkonventionellen Regisseur Wong Kar-wai. Ralf Berhorst verabschiedet den Meisterbrief als Folklore des Alltagslebens. Siggi Weidemann sieht Anzeichen, dass Holland vor einer weiteren Drogenliberalisierung steht. "Imue" berichtet von den computergestützen Mutmaßungen um die Identität von Moliere, die sich langsam zu einer französischen Shakespeare-Debatte ausweiten. Gemeldet wird, dass Fiat den wegen seiner Ausstellungen gerühmten Palazzo Grassi in Venedig aufgibt, dass die Friedrich Ebert Stiftung das Raubkunst-Gemälde "Städtchen am Fluss mit Viadukt (La Procession)" des französischen Impressionisten Lucien Adrion nun an die Erben der ehemaligen Besitzer zurückgegeben hat und dass Verlegerin Hildegard Winkler gestorben ist.

Auf der Medienseite stellt uns Jakob Winkler in der Reihe Große Journalisten den "Tagesschriftsteller" Egon Erwin Kisch vor.

Besprochen werden eine Schau mit Fotos von Henri Cartier-Bresson in Paris, das triumphale Gastspiel von Pina Bauschs Tanz-Stück "Istanbul" im Atatürk-Kulturzentrum der namensgebenden Stadt, die Aufführung von Bohuslav Martinus sehr später Oper "Der wiedergekreuzigte Christus" in Bremen, die ambitionierte Ausstellung religiös inspirierter Kunst "Warum! Bilder diesseits und jenseits des Menschen" im Berliner Gropius-Bau, Christophe Roussets gewöhnungsbedürftige Bearbeitung von Alessandro Melanis Don-Juan-Oper "L'empio punito" in Leipzig, und Bücher, darunter drei französische Texte zum Irak-Krieg, von Wolfgang Hilbig angenehm sächselnd vorgetragene eigene Prosa- und Lyrikstücke auf CD sowie "Ist schon doll das Leben", der editierte Briefwechsel von George Grosz und Max Herrmann Neisse (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).




Neue Zürcher Zeitung,   02.06.2003

In der NZZ reflektiert Richard Herzinger heute den transatlantischen Streit. Er wirft den Amerikanern wie den Europäern vor, sich gegenseitig als hässliches Spiegelbild zu benutzen, "auf das sie alles Hässliche und Abstoßende projizieren, das sie an sich selbst nicht sehen wollen". Und geht sogleich dazu über, heuchlerische Argumente zu entlarven, so etwa bei den Franzosen, die den Amerikanern Unilateralismus vorwerfen und selbst Truppen an die Elfenbeinküste geschickt haben, ohne vorher die UNO zu konsultieren. Bei den Amerikanern sieht Herzinger die Heuchelei in dem Vorwurf, die Europäer würden sich mit Staaten verbünden, in denen die Menschenrechte nicht eingehalten werden, wie etwa Russland. Genau dieses Russland sei aber eben auch ein Verbündeter, bei dem sich die USA nicht scheuen würden, "Putin als Alliierten im Kampf gegen den Terrorismus den Hinterkopf zu streicheln, obwohl er seit Jahren einen brutalen Krieg gegen die tschetschenische Zivilbevölkerung führen lässt". Doch Herzinger schließt: "Egal wie, sie müssen und werden sich wieder zusammenraufen. Und sich bei nächster Gelegenheit wieder zerstreiten. Und so weiter. Wie das nun einmal ist unter intimen Partnern, die nicht voneinander loskommen."

Weitere Artikel: Impressionen von den 25. Solothurner Buchtagen vermittelt Roman Bucheli, denen er vorwirft, sie seien nur dem Namen nach eine Jubiläumsveranstaltung. "Es fehlten die großen Momente und die hinreißenden Lesungen; man vermisste die überflüssigen, aber engagiert geführten und gerade darum so unentbehrlichen Diskussionen." Roman Hollenstein schwärmt vom neuen Bau des Contemporary Art Centers in Cincinnati. Dieser ist von der Irakischen Architektin Zaha Hadit entworfen und für Hollenstein "ein Fest für die Augen". Vom Festival "nouvelle danse" in Luzern berichtet Christina Turner, meint aber, die "live vorgeführten Körperbewegungen dürften noch ausgereifter und tänzerisch variantenreicher sein". Zum hundertsten Geburtstag von Max Aub schreibt Albert Buschmann "Seine einzige Heimat war sicher die spanische Literatur, nicht Spanien. In den Kategorien von Nationalliteraturen und -kulturen ist er nicht zu begreifen, eher als Autor der Migration." Und Paul Jandl meldet schließlich, dass Jürgen Flimm als Schauspielchef der Salzburger Festspiele von Martin Kusej abgelöst wird.

Besprochenweiter außerdem die Aufführung von "Alice in Wonderland" im Schauspielhaus Hannover, die Doppelaustellung im Centre Dürrenmatt in Neuenburg, in der Friedrich Dürrenmatt und Dieter Roth in zwei unabhängigen, aber "aufs herrlichste korrespondierenden Ausstellungen" zusammengeführt werden.




Frankfurter Rundschau,   02.06.2003

Einem Musiktheaterereignis "von beglückendem Rang" durfte Joachim Lange bei der Premiere von Christian Thielemanns "Tristan" an der Wiener Staatsoper beiwohnen. Lange schwärmt. "Hier hat offenbar ein Orchester einen Dirigenten gefunden, bei dem es so zu sich kommt, dass es scheinbar mühelos bis an seine Grenzen vordringt. Da verbindet es nicht nur Streicherglück und Bläserfreude miteinander, da wächst es bei hochgefahrenem Orchestergraben mit seiner Pianokultur über sich selbst hinaus, geht auf gestalterisch erfühlte Intentionen ebenso ein wie auf die Spezifik von Sängern wie etwa Thomas Moser als Tristan, der kein Mann für die donnernde Emphase ist, sondern einer, der mit seinem sinnlichen Timbre und seiner Gesangskultur besticht. In Wien reiht sich so manche Sternhalbstunde an die andere - wenn schon kein gedeckelter Bayreuther Graben, dann so!"

Weiteres: Alexander Kluy würdigt erst einmal das geschleifte VEB Plattenwerk Johannstadt in Dresden, bevor er den irisch-sächsischen Architekten Ruairi O'Brien (hier stellt er seine Mikromuseen vor) zu Wort kommen lässt, der die Bedeutung des sozialistischen Wohnungsbaus mit einer Lichtinstallation auf dem Brachgelände betonen will. In Times mager bezichtigt Christian Schlüter die amerikanischen Politiker der Lüge und der Coolness. Gemeldet wird, dass der umstrittene Intendant des Hamburger Schauspielhauses Tom Stromberg im Sommer 2005 voraussichtlich gehen muss und dass der spanischstämmige Schriftsteller und Dramaturg Armando Llamas tot ist.

Auf der Medienseite berichtet Eva Schweitzer von den Protesten gegen die geplante Lockerung der ohnehin schon recht lauen Antikonzentrationsbestimmungen im amerikanischen Mediengesetz. Peter Nowak weiß mehr über die als Werbung getarnten A-Clips, die in Kinos für Verwirrung sorgen sollen.

Besprechungen widmen sich einer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein, wo Daniel Richter erstmals auch Zeichnungen zeigt, und Kerstin Hensels schlicht schönem Roman "Im Spinnenhaus" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).




Die Tageszeitung,   02.06.2003

Der Aufruf von Habermas, Derrida & Co (siehe Feuilletonrundschau vom Samstag) beschäftigt die taz heute auf der Tagesthemenseite. Detlef Gürtler sieht sich zu einer kleinen Polemik veranlasst. "Kennzeichnend für die Armseligkeit des Europabildes unserer Bedenken- und Friedenspreisträger ist Habermas' Versuch, den 15. Februar 2003 als 'Signal für die Geburt einer europäischen Öffentlichkeit' zu heiligen. Als ob Ohnemichel-Demonstrationen, und seien sie noch so zahlreich, ein kontinentales Bewusstsein stiften könnten!" Christian Semler vermisst "eine realistische Bestandsaufnahme, wie europäische Interessen heute subjektiv von den Bevölkerungen empfunden werden. Besonders hier lässt uns der Philosoph im Stich, erwähnt er doch die retardierenden Politiken und Gefühlslagen in Europa, die um Abschottung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus kreisen, mit keinem Wort." Dennoch sollten Habermas und Derrida offene Ohren finden, meint Semler. Immerhin geben die beiden Anlass für einen Streit um eine alternative Politik der Europäer.

Die Nachbereitung des ökumenischen Kirchentags bestimmt einen zweiten Schwerpunkt auf der Tagesthemenseite. Philipp Gessler zieht eine vorsichtig positive geistige Bilanz des Treffens. Jan Feddersen widmet sich eher dem Fleischlichen und befindet, dass es insgesamt doch eine schöne Party war. Dmitri Tultschinski von der Russischen Informationsagentur Nowosti schildert kurz, wie die Ökumene in seiner Familie längst vollzogen ist. Dazu gibt es ein paar Kommentare der vorigen Woche und eine Zusammenfassung der Höhepunkte.

Auf der Medienseite erwartet Michael Streck von der Entscheidung um die Lockerung der Monopolvorschriften am US-Medienmarkt (Fakten zur US-Kommunikationsbehörde FCC) nur einen Gewinner: die großen Konzerne.

Das Feuilleton wartet mit drei Rezensionen auf: Henning Kober porträtiert Helge Timmerberg, den legitimen Erbe von Hunter S. Thompson und Meister des Gonzo-Journalismus, und bespricht dessen neues Buch "Schneekönig". Harald Fricke stellt Arbeiten der Exiliranerin Parastou Forouhar in Berlin vor. Ralph Bollmann preist Uwe Gössels "Clean-up. Aktion 2,99", das am Schauspiel Nordhausen uraufgeführt wurde.

Schließlich Tom.




Frankfurter Allgemeine Zeitung,   02.06.2003

Schöne Perspektiven entwickelt Christian Schwägerl für unser Hirn. Peter Fromherz vom Max-Planck-Institut in Martinsried, so meldet er, gelang es erstmals, das Hirn von Schnecken, dann auch von Ratten, mit einem Computer zu vernetzen. "Das nennt man Kommunikation", freut sich Schwägerl und erläutert den Sinn der Technologie: "Die Neurochips, für die sich inzwischen ein großer Halbleiterhersteller begeistert hat, können in der Hirnforschung zum Einsatz kommen. Sie erlauben es, komplexe Nervennetze in Millisekundenauflösung zu beobachten. So lässt sich das Geschehen im lebendigen Gehirn, das nur schwer von außen zu beobachten ist, gut simulieren und besser verstehen. Die Neurochips können auch, und hier liegt ihr eigentlicher Markt, in der Pharmakologie gebraucht werden. Man kann mit ihrer Hilfe schneller und genauer neue Wirkstoffe gegen Gehirnkrankheiten wie Depression und Alzheimer testen. Irgendwann, hofft Fromherz, wird man sich an die Entwicklung einer künstlichen Netzhaut machen, die Blinde wieder sehen lassen kann. Das ist der Zielhorizont."

Weitere Artikel: Bernard Andreae fragt in einem interessanten Hintergrundartikel, ob die vor einigen Jahren im Mittelmeer aufgefundene antike Bronzestatue eines tanzenden Satyrs (Bilder hier) eine Kopie oder ein Original sei - ein wissenschaftlicher Kongress in Rom wird diese Frage morgen und übermorgen vertiefen. Stefanie Peter schickt einen Bericht aus Krakau, das am Wochenende von zwei großen Männern beehrt wurde, von George W. Bush, der auch Auschwitz besuchte, und von Günter Grass, der vom polnischen Publikum ebenfalls verehrt wird und im Goethe-Institut aus seiner Novelle "Im Krebsgang" las. Andreas Rossmann resümiert ein Düsseldorfer Kolloquium über Baudelaire und Deutschland. Andreas Rosenfelder hat gleichzeitig eine Bonner Tagung über Adornos Kulturkritik verfolgt. Dietmar Polaczek freut sich über eine spektakuläre Schenkung des Sammlerpaars Gernsheim an die Bibliotheca Hertziana in Rom, die nun ein Archiv von 175.000 Fotografien von Zeichnungen aus öffentlichen und privaten Sammlungen, das "Gernsheim Corpus of Drawings" beherbergt. Martin Kämpchen stellt zwei neue indische Literaturzeitschriften, nämlich Evam und Gallerie, vor, die sich mit der indischen Vorstellung von Schönheit und Mahatma Gandhi befassen.

Für die letzte Seite hat Gustav Falke Impressionen vom Ökumenischen Kirchentag gesammelt. Regina Mönch meldet, dass Loriot eine Honorarprofessur an der Berliner Universität der Künste antritt. Und Jürg Altwegg porträtiert den Schweizer Alt- und Neulinken Jean Ziegler. Auf der Medienseite fürchtet Heinrich Wefing die Bildung neuer Medienkonglomerate in den USA, die durch die Lockerung von Gesetzen entstehen könnten. Heike Hupertz erzählt, dass die New York Times nicht zur Ruhe kommt: Es stellt sich heraus, dass der Pulitzer-Preisträger Rick Bragg mit Hilfe freier Journalisten recherchierte, die im Artikelabspann nicht genannt wurden (ob so etwas in Deutschland Skandal machen würde?) Und Michael Seewald freut sich, dass die Sendung "Kino, Kino" auf Bayern 3, die zuletzt kaum noch Quote hatte, gründlich renoviert und zu besserer Sendezeit neu starten darf.

Besprechungen gelten einer Reihe mit oscargekrönten Trickfilmen im Berliner Filmmuseum, einem Auftritt Nick Caves und seiner Bad Seeds, ebenfalls in Berlin, der wiederentdeckten Oper "L'empio punito" von Alessandro Melani beim Bachfest in Leipzig, einem "Tasso", inszeniert von Jens-Daniel Herzog, im Nationaltheater Mannheim, Isaac Albeniz' Oper "Merlin" in Madrid und einigen Sachbüchern, darunter Volker Reinhardts "Geschichte Italiens".








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