Heute in den Feuilletons "Der Mensch kommt mit Systemen icht zurecht"

In einer Antwort auf Ian Buruma schreibt Necla Kelek im "Perlentaucher": Islamische Krankenhäuser unterscheiden sich grundsätzlich von katholischen. Die Welt befasst sich mit der Sinnkrise der afroamerikanischen Männer in den USA. In der SZ verteidigt der Autor und Anwalt Georg M. Oswald im Fall Maxim Biller die Freiheit der Kunst.


Die Welt, 05.02.2007

Während die afroamerikanischen Frauen recht gut vorankommen, stecken die schwarzen Männer der USA in einer tiefen Krise, schreibt Uwe Schmitt mit Verweis auf eine Studie und Serie der Washington Post: "Jeder vierte Schwarze hat seit mindestens einem Jahr nicht gearbeitet, jeder dritte wird früher oder später im Gefängnis landen. Sechs von zehn schwarzen Männern geben an, dass ein Freund oder ein Familienmitglied ermordet wurde; sieben von zehn sagen, jemand,der ihnen nahe steht, sitze in Haft. Mehr als die Hälfte halten die Ehe in Ehren, auch Kindererziehung, aber 38 Prozent der schwarzen Väter leben ohne ihre Kinder. Und sechs von zehn geben sich kollektiv die Schuld an der Misere."

Weitere Artikel: Im Forum spricht Andreas Seibel mit dem Chef des Jüdischen Museums Berlin, W. Michael Blumenthal, und dem Studenten afghanischer Herkunft Habib Qubad über die Erfahrung des Exils. Im Feuilleton glossiert Thomas Lindemann die Meldung, dass ausgerechnet im Comicland Belgien die Hälfte aller verkauften Comics Mangas sind. Der katholisch-protestantische Theologe Klaus Berger vermutet, dass die Relique von Manoppello, das "wahre Antlitz Christi" zeigt. Und Sven Felix Kellerhoff liest ein apolegetisches Buch über Wesen und Wirkung der DDR-Volkspolizei.

Besprochen werden Lukas Bärfuss' Stück "Die Probe" in München, ein Buch über die "Generation Praktikum", eine Ausstellung über Erich von Stroheim in Potsdam und "Don Karlos" in der Regie Nicolas Stemanns in Berlin.

Perlentaucher, 05.02.2007

Was soll an einem islamischen Krankenhaus schlimmer sein als an einem katholischen, fragte Ian Buruma in seiner Antwort auf den Artikel Pascal Bruckners. Mit einer Antwort unter anderem auf diese Frage greift heute Necla Kelek in der Bruckner-Buruma-Ash-Debatte ein: "Ein muslimisches Krankenhaus unterscheidet sich grundsätzlich von einem katholischen Krankenhaus. In einem muslimischen Krankenhaus werden die Patienten nach Geschlechtern getrennt - Männer dürfen nur von Männern behandelt werden, Frauen werden nur von Frauen behandelt. Muslimische Krankenschwestern waschen zum Beispiel keine männlichen Patienten, sie fassen sie noch nicht einmal an. In Deutschland häufen sich die Klagen von Ärzten über muslimische Männer, die immer öfter zu verhindern trachten, dass ihre Frauen in Krankenhäusern von Ärzten behandelt oder auch nur untersucht werden. (...) In islamischen Krankenhäusern wird der Ehemann entscheiden, ob ein Kaiserschnitt durchgeführt wird oder ob sich seine Frau nach vier Geburten sterilisieren lassen darf - in Le Monde gab es hierzu jüngst eine bestürzende Reportage. Und in der türkischen Zeitung Hürriyet wurde kürzlich berichtet , dass sich eine Radiologin in Istanbul aus religiösen Gründen weigerte, einen jungen Mann zu untersuchen, der am Unterleib verletzt war. "

Neue Zürcher Zeitung, 05.02.2007

Naomi Bubis zeichnet ein düsteres Bild von der Stimmung in der israelischen Gesellschaft, die unter den Fehleinschätzungen im Libanonkrieg und immer neuen Skandalen in der Regierung leidet. Positiv äußert sich nur die Gymnasiallehrerin Ifat Shoham: "Sie habe Respekt vor der Unabhängigkeit der israelischen Justiz, sagt sie. Gerade der Untersuchungsausschuss zum Libanonkrieg zeige doch, wie gut die demokratischen Institutionen funktionierten. Die vielen innenpolitischen Korruptions- und Sexskandale schadeten zwar Israels ohnehin angeschlagenem Image im Ausland, doch seien die unabhängige Justiz und die regierungskritischen Medien Sinnbild einer freien, gut funktionierenden Gesellschaft."

Weiteres: Auch die Historikerin Fania Oz-Salzberger hält im Gespräch fest: "Die Fundamente unseres Staates und unserer Gesellschaft sind gesund." Zu den jüngsten Korruptionsfällen sagt sie: "Ich denke, das Wahlsystem trägt seinen Teil zur Korruption bei. Damit meine ich insbesondere die Methode der innerparteilichen Vorwahlen, der Primaries. Im rechten Likud, aber auch in der Arbeitspartei kommen durch diese Vorwahlen Menschen in die Politik, die ihre eigennützigen Motive haben und nicht unbedingt von politischen Idealen getrieben werden, wie es lange Zeit der Fall war in Israel. Diese Primaries begünstigen die Verbindung von Macht und Geld."

Österreich ist Musterkind beim Umsetzen des europäischen Bologna-Prozesses, berichtet Paul Jandl. Nur gebe es viel zu wenig Studienplätze für die vielen Studierwilligen, es fehle an Personal und der nötigen Infrastruktur. Uwe Justus Wenzel denkt anlässlich des Klimawandels über Freiheit nach. Rolf Urs Ringger schreibt zum Tod des Opernkomponisten Gian Carlo Menotti.

Besprochen werden die Uraufführung von Lukas Bärfuss' "Probe" in München, das fünfte Festival "Ear we are" für improvisierte Musik in Biel, ein Konzert des Komponisten Jörg Widmann beim Collegium Novum Zürich und eine Ausstellung des Malers Hermen Anglada-Camarasa im CaixaForum in Barcelona.

Die Tageszeitung, 05.02.2007

Im Interview mit Cristina Nord erklärt Festivalleiter Dieter Kosslick die allseits bedrohte Identität zum Schwerpunkt der Berlinale - "gleich ob es um pubertierende Jugendliche oder um Menschen geht, die durch die Globalisierung aus dem Gleis geworfen werden, etwa durch den Turbokapitalismus in China. Der Mensch kommt mit den Systemen nicht zurecht."

Steffen Grimberg stimmt in der zweiten taz auf die heutige Entscheidung der ARD über die Christiansen-Nachfolge ein. Reinhard Wolff informiert, dass in Schweden Online-Rollenspieler demnächst echte Steuern auf ihre virtuell gemachten Gewinne zahlen sollen.

Besprechungen widmen sich Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Lukas Bärfuss'Stück "Die Probe" an den Münchner Kammerspielen, einer Ausstellung über "Sex-Zwangsarbeit in NS-Konzentrationslagern" in der Gedenkstätte Ravensbrück, und Peter Handkes Roman "Kali" ("Auf den letzten Seiten steht der Kitsch knüppeldick", beschwert sich Dirk Knipphals.)

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2007

Jochen Hieber gibt im Aufmacher anlässlich der jüngsten Neuauflage der RAF-Debatte noch mal sachdienliche Hinweise im aktuellen Kampf gegen Katharina Blum: "Bölls Untertitel lautet: 'Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann'. Dieses Versprechen löste 'Die verlorene Ehre der Katharina Blum' schon Mitte der siebziger Jahre nicht ein. Denn beide, Buch wie Film, sehen die Hauptverantwortlichen für die 'Gesinnungslage der Nation' nicht in den Terroristen, sondern bei Staat, Massenmedien und Gesellschaft."

Weitere Artikel: Heinrich Wefing fordert, dass die Regelung der Patientenverfügung endlich per Gesetz umgesetzt wird. Von einem "Friendraising"-Dinner in New York zu Gunsten des Berliner Stadtschlosses berichtet Lisa Zeitz: Es gab "Ahs und Ohs" und 60.000 Dollar. In der Glosse wahrt "jöt." noch so eben die Fassung angesichts der Tatsache, dass nach Udo Lindenberg nun auch noch der Trio-Sänger Stephan Remmler ("Da da da") einen Sprachpreis erhält - und fragt: Wann ist Wolfgang Petry dran? Ingeborg Harms hat sich durch deutsche Zeitschriften von "Merkur" bis "Muschelhaufen" gelesen und sieht die "Naturkatastrophe Mensch" als roten Faden der vorgestellten Texte. Eleonore Büning schreibt den Nachruf auf den Komponisten Gian Carlo Menotti.

Auf der letzten Seite porträtiert Jürgen Kaube den einstigen Bertelsmann-Aufsichtsratsvorsitzenen Gerd Schulte-Hillen in seiner heutigen Funktion als Präsident des Deutsch-Spanischen Forums, das gerade eine Tagung zum Thema Integration ausrichtet. Und Christian Schwägerl stellt die bisher in Berkeley lehrende russische Mathematikerin Olga Holtz vor, die den bestdotierten deutschen Wissenschaftspreis gewonnen hat und nun an der TU Berlin eine Million verforschen darf: "Olga Holtz, Jahrgang 1973, hatte daheim in Tscheljabinsk keine Tapeten mit Differentialgleichungen, aber ihr Elternhaus war 'voll von Computercode'. Mutter und Vater arbeiten als Programmierer in der Industriestadt am Ural. Ihre Tochter las die in der Wohnung herumliegenden Computerfachbücher wie andere Kinder Comics. Ihre ersten Zeichnungen zeigten nicht Baum und Sonne, sondern Flussdiagramme."

Besprochen werden Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Lukas Bärfuss' "Die Probe" an den Münchner Kammerspielen, Nicolas Stemanns "Don Karlos"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, die Wiedereröffnung des Kasseler Staatstheaters mit "Tristan und Isolde" und eine Ausstellung mit graphischen Arbeiten von Otto Mueller in Regensburg.

Auf der Sachbuchseite informiert Josef Hanimann über die jüngste französische Debatte um das Verhältnis von Martin Heideggers Philosophie zum Nationalsozialismus. Daneben werden ein Sammelband zum Thema "Bakteriologie und Moderne" und Louann Brizendins Studie "Das weibliche Gehirn" besprochen. Rezensionen gibt es außerdem zu Thomas Jonigks Roman "Vierzig Tage" und zu den unterm Titel "Hermes Baby" gesammelten Kurztexten des "Universalkünstlers" und "Yello"-Masterminds Dieter Meier (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Rundschau, 05.02.2007

Nach der Premiere der "Probe" in den Münchner Kammerspielen verschreibt Peter Michalzik sowohl Autor Lukas Bärfuss als auch Regisseur Lars-Ole Walburg Lockerungsübungen. "Lars-Ole Walburg meißelt seine Inszenierungen gern. So auch in diesem Fall, auf einem runden, sich drehenden, großen Präsentierteller stehen die Mitglieder der Familie Korach zwischen Ledersofas und Kühlschrank (Bühne Robert Schweer) ziemlich steif herum und produzieren Sprechblasen, die sie gerne frontal ins Publikum sprechen. Bärfuss' höchst problematischen, weil maximalerregten Stückanfang, 'Ich will mit der Zunge beginnen. Und einem Teppichmesser. Damit werde ich diesen Fleischlappen aus ihrem Mund säbeln, damit die Welt verschont bleibt von ihren Lügen', spricht Oliver Mallisons Peter nicht irgendwie zurückgenommen, sondern maximal grimmig in sein Mikrofon. Da weiß man eigentlich schon, dass nach diesem überspannten Beginn nichts Spielerisches mehr kommen kann."

Weitere Artikel: Harry Nutt war nicht nur auf einer Tagung des Potsdamer Einstein-Forums über die Ängste der Gegenwart, sondern auch in Paris, von wo er in einer Times mager Impressionen von einer Ausstellung mit Fotografien Robert Doisneaus abliefert. Gemeldet wird, dass der in Kanada geborene Stephen Kovats zum künftigen Leiter des Berliner Festivals für digitale Kultur transmediale ernannt wurde.

Eine Besprechung beschäftigt sich mit Nicholas Broadhursts Inszenierung von Niccolo Piccinnis Oper "Catone in Utica".

Süddeutsche Zeitung, 05.02.2007

Der Anwalt und Schriftsteller Georg M. Oswald widmet sich anlässlich einer Tagung zur Freiheit der Literatur noch dem Verbot von Maxim Billers Roman "Esra". Er hofft, dass die Verfassungsbeschwerde gegen das Verbot zugelassen wird. Denn "der Bundesgerichtshof im Fall 'Esra', das Berliner Landgericht im Fall 'Meere', verkennen den formal zugestandenen Kunstcharakter des Romans, wenn sie seinen Inhalt lesen, als wäre er nonfiktional. Das Landgericht Berlin begründet im Fall 'Meere' die Persönlichkeitsverletzung damit, der Leser müsse glauben, die geschilderten Intimitäten seien 'tatsächlich Erlebtes'. Dem ist mit dem Bundesverfassungsgericht entgegenzuhalten, dass es die in Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz vorbehaltlos geschützte Kunstfreiheit verbietet, die Frage der Persönlichkeitsverletzung nach den Wirkungen des Romans auf ein Leserpublikum zu beantworten, das das Dargestellte ohne Blick für seine kunstspezifische Bedeutung wie eine Dokumentation auf Übereinstimmungen mit der Wirklichkeit untersucht."

Weiteres: Henrik Bork hat sich die Bücher besorgt, die die chinesische Zensurbehörde gerade verboten hat - "in China ein untrügliches Zeichen für Qualität". Besonders empfehlen kann er "Ich bin dagegen" (Wo fandui) der jungen Journalistin Zhu Ling und "Alte Geschichten aus dem Leben einiger Pekingopernstars" (Lingren wangshi) der 65-jährigen Pen-Preisträgerin Zhang Yihe. Werner Bloch testet auf der transmediale in Berlin künstliche Ohren des australischen Künstlers stelarc. Für Dirk Peitz verlagert sich mit Jamie T und den "Good Shoes" das Kraftzentrum des britischen Pops in die Peripherie. Susan Vababzadeh meldet, dass sich Hollywood bisher auf keinen der demokratischen Präsidentschaftskandidaten geeinig hat. Jens-Christian Rabe resümiert die vierte Reihe der hauseigenen Diskussionsreihe "Reden über Europa", wo es diesmal ums europäische Erinnern ging. Karl Bruckmaier schreibt zum Tod des Folk-Musikers und Malers Eric von Schmidt.

Besprochen werden die "hilf- und arglose" Uraufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Die Probe" durch Lars-Ole Walburg an den Münchner Kammerspielen, Niccola Piccinnis Oper "Catone in Utica" im Mannheimer Nationaltheater, dirigiert von Reinhard Goebel, eine Retrospektive zu Sigmar Polke im Museum Frieder Burda in Baden-Baden, ein gemischter Tanzabend im Festspielhaus Hellerau mit William Forsythes Zahlenspiel "Fivefold", Raul Ruiz' Film "Klimt" und Jonathan Caouettes Film "Tarnation" auf DVD, sowie Bücher zu Tattoos, Grigori Paskos Gefängnistagebauch "Die rote Zone" und Gabriele Wohmanns Erzählband "Scherben hätten Glück gebracht" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).



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