Heute in den Feuilletons Der Mythomanen-Magnet

In der "Zeit" erklärt Benjamin Korn, warum aus Frankreich sogar die Köche auswandern. Die "NZZ" berichtet über einen von Voltaire ausgelösten Eklat in Genf. In der "SZ" erklärt Paul Theroux, warum er der Liebe Bonos und Bill Gates' zu Afrika misstraut. Die "Welt" zweifelt leise am Sinn der Akademien.

Die Zeit, 21.12.2005

Die Zeit hat sich im Netz noch nicht aktualisiert. Daher keine Links zu den Artikeln. Der in Paris lebende Theaterregisseur Benjamin Korn reitet eine zweiseitige Attacke gegen die große Nation der Neinsager: Frankreich, aus dem inzwischen selbst die Köche auswandern: "Die französische Politik hat seit dem Zweiten Weltkrieg, als das Kolonialreich zusammenbrach, ein großes Problem mit der Wahrnehmung der Realität, genau genommen seit eben jenem unvergesslichen 25. August 1944, als de Gaulle, vier Tage vor den Alliierten, in Paris einmarschierte und den Franzosen weismachte, sie, die alte Weltmacht, hätten den Krieg zuletzt noch heroisch gewonnen... Die Verleugnung der Kriegsniederlage war eine psychische Katastrophe für Frankreich, und die Folgen dieser Verleugnung sind noch heute spürbar und schlagen sich in der 'sinistrose' nieder, jener allgemeinen Katastrophenstimmung, die auf Frankreich lastet und mit der Aufzählung aller sozialen Probleme, die auch von anderen europäischen Ländern geteilt werden, nicht ausreichend erklärt werden kann."

Hanns Zischler berichtet von den Dreharbeiten zu Steven Spielbergs Film "München" über die Jagd auf die Olympia-Attentäter von 1972: "Er dreht schnell, sehr schnell, aber die eigentümliche, mitreißende, von einem enorm mitdenkenden Team unterstützte Geschwindigkeit ist schiere Konzentration, Ökonomie der Kräfte. Und nur diese extreme Sorgfalt eröffnet einen freien Raum für überraschende Variationen, Steigerungen, auch Abschweifungen im größten (kontrollierten) Trubel."

Weiteres: Der Schriftsteller  Feridun Zaimoglu erzählt uns eine Weihnachtsgeschichte aus Rom. Jakob Augstein feiert Sam Mendes' Kriegsfilm "Jarhead" , der von dem Leiden eines Scharfschützen im ersten Golfkrieg erzählt, der um seinen Schuss betrogen wird: "Das ist skandalös und unmoralisch und vollkommen neu." Außerdem besprochen werden Andrea Breths "Minna von Barnhelm" (mit einem Sven-Eric Bechtolf als selbstgefälliger Major Tellheim, der Peter Kümmel ein wenig an Helmut Kohl erinnerte: "Hier ist jedes Wort gebacken im Salz ungeweinter Tränen."), Andre Hellers Spektakel "Afrika, Afrika", Nicolaus Harnoncourts "Messias"-Aufnahme, Billy Bob Thorntons Album "Hobo" und Roman Polanskis Klassiker "Ekel" auf DVD.

Im Aufmacher des Literaturteils feiert Eckhard Nordhofen Hans Beltings Studie zur Zeichentheorie "Das echte Bild". Im Dossier spürt Wolfgang Büscher dem Schweißtuch Jesu nach.

Frankfurter Rundschau, 21.12.2005

Elke Buhr stellt  das Ausstellungsprojekt "The Iraqi Equation" vor, das die Kuratorin und Ex-documenta-Leiterin Catherine David für die Kunst-Werke Berlin  zusammengestellt hat. "Hier geht es nicht um die Präsentation von Kunst im engeren Sinne, hier geht es darum, etwas zu erfahren, Dinge zu verknüpfen, sich auf die Suche nach einer Kultur zu begeben, deren Konturen durch die Kameras von CNN nicht wirklich auszumachen sind. Die Variablen und Rechenoperationen der Iraqi Equation, der 'irakischen Gleichung', sind dabei nicht leicht zu fassen, und das offensichtlich nicht nur aus der Sicht des desinformierten Durchschnittseuropäers. Denn ob am Ende der prekären Rechenoperation irakischer Wiederaufbau ein Plus oder ein Minus herauskommen wird, darüber gehen die Meinungen auseinander."

Reinhard Markner informiert  über den "weitgehend feststehenden Änderungsumfang" zur Reform der Rechtschreibreform, allein auch die Vorschläge wiesen "viele Unstimmigkeiten auf". Wir sind überrascht. Harry Nut kommentiert  den Rücktritt von Adolf Muschg als Präsident der Akademie der Künste . Besprochen werden die eine Inszenierung  von Brittens "Peter Grimes" in Zürich und Bücher, darunter der Roman  "Zu weit draußen" von Johannes Groschupf, die Familiengeschichte  des Künstlers Gerhard Richter im Nationalsozialismus von Jürgen Schreiber und eine Studie  über Ribbentrops Pressechef Paul Carell (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 21.12.2005

Auf den Kulturseiten berichtet  Dorothea Hahn über einen Historikerstreit in Frankreich über die gesetzlich verordnete positive Darstellung des Landes als Kolonialmacht. "'Die positive Rolle der französischen Präsenz in Übersee soll im Unterricht gewürdigt werden', steht in Artikel 4 in Gesetz Nummer 158. Mehr als 40 Jahre nach dem Zusammenbruch des französischen Weltreichs soll die koloniale Ausplünderung in eine Wohltat verwandelt werden."

Besprochen  wird die Ausstellung "The Iraqi Equation" in den Berliner Kunst-Werken , die den Zugang zum Kulturleben des Irak sucht, gelobt  wird außerdem eine "Kleine Bibliothek der Weltweisheit".

Und Tom .

Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2005

Voltaires Theaterstück "Mahomet" ist immer noch für einen Streit gut, wie Sabine Haupt berichtet. 1742 musste es nach der dritten Aufführung abgesetzt werden, weil die katholische Kirche es als Kritik an religiösem Fanatismus interpretierte. 1993 und 1994 konnte eine Lesung des Stücks in Genf von protestierenden Moslems verhindert werden. Als jetzt eine neue Lesung in Genf eine Aufführung von Lessings "Nathan der Weise" als Rahmenprogramm begleiten sollte, gab es wieder Proteste von "Vertretern mehrerer muslimischer Verbände, darunter auch dem Sprecher der Genfer Moschee, Hafid Ouardiri. Voltaires Stück, in dem der Prophet Mohammed, stellvertretend für alle Arten von religiösem Fanatismus, als intriganter Despot dargestellt wird, sei, so Ouardiri, eine Beleidigung des Islam: 'Wir akzeptieren die Meinungsfreiheit, aber wir verlangen Respekt.' Er kündigte an, vor dem Theater Flugblätter zu verteilen." Diesmal jedoch gaben die Genfer Behörden nicht nach, die Lesung fand statt.

Weitere Artikel: Claudia Schwartz fasst  Reaktionen auf Adolf Muschgs Rücktritt als Präsident der Akademie der Künste zusammen: "Während Ehrenpräsident Walter Jens 'eine kleine catilinarische Verschwörung gegen Muschg' erkennt, hat nun Peter Härtling dem Präsidenten 'Show-Gehabe' im Stil eines 'absolutistischen Fürsten' vorgeworfen." Henner Löffler schreibt  zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Anthony Powell.

Besprochen werden Roman Polanskis Verfilmung  des "Oliver Twist" , die Ausstellung  "Les 7 tours de Moscou" im Brüsseler Kulturzentrum Botanique und Bücher, darunter Carlo Levis erstmals auf Deutsch erschienener Roman  "L'orologio" und Kristof Magnussons Roman  (Leseprobe ) "Zuhause" (mehr in unserer Bücherschau  heute ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 21.12.2005

Der Romancier und Reiseschriftsteller Paul Theroux , der selbst lange in Afrika gelebt hat, übt in einem Essay (hier das Original  aus der New York Times) harsche Kritik an wohlmeinenden Prominenten wie wie Bono oder Bill Gates, die mit ihren Hilfsaktionen dem afrikanischen Kontinent mehr schadeten als nützten - in ihrem eigenen Interesse. "Weil Afrika so anders zu sein scheint als der Rest der Welt, zieht es wie ein Magnet Mythomanen an - Menschen, die die Welt von ihrem persönlichen Wert überzeugen wollen. Afrika bietet jenen eine Projektionsfläche, die sich selbst als Persönlichkeit neu erfinden wollen. Diese Spezies Mensch gibt es in den unterschiedlichsten Ausprägungen und in großer Zahl. Besonders weiße Prominente, die sich in Afrika großtun, lauern an allen Ecken und Enden. Als ich unlängst Brad Pitt und Angelina Jolie sah, wie sie im Sudan afrikanische Kinder an sich drückten und der Welt einen Vortrag über Mildtätigkeit hielten, musste ich an Tarzan und Jane denken."

Weitere Artikel: Carlos Widmann analysiert unter der Überschrift "Narzissmus-Leninismus" die "lateinamerikanische Linkswende", die Hugo Chavez in Venezuela eingeleitet hat. Lothar Müller resümiert einen Aufsatz des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Harold Bloom im Guardian ( hier  das Original), wo er das amerikanische Selbst in Kapitän Ahab verortet. Johannes Willms stellt die "Bonbonniere der Belle Epoque", das frisch renovierte Petit Palais  in Paris vor. "tost" informiert darüber, wie sich die Berliner Akademie der Künste  gegen die Vorwürfe ihres zurückgetretenen Präsidenten Adolf Muschg wehrt.

Besprochen werden zwei Theateraufführungen in Bochum: "Sanft und grausam" von Martin Crimp und "Antigone" von Sophokles, außerdem Fausto Paravidinos Stück über den G8-Gipfel in Genua "Genua 01" im Münchner Marstall, die Ausstellung "Mythologica et Erotica" im Palazzo Pitti  in Florenz, Roman Polanskis "Oliver Twist"  und Bücher, darunter der Reiseband des Niederländers Geert Mak "In Europa" und der Band "Von seltenen Vögeln" von Anita Albus (mehr in unserer Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr).

Die Welt, 21.12.2005

Uwe Wittstock unternimmt  anlässlich der Krise der Berliner Akademie der Künste einen Streifzug durch die Akademienlandschaft in Deutschland und meldet leise Zweifel an ihrem Sinn an: "Sobald diese Akademien mit Aplomb ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, so wie die Berliner Akademie jetzt dank ihres Neubaus am Pariser Platz, machen sie zumeist eine schlechte Figur. Mit der Einigkeit der kunstproduzierenden Einzelgänger, die Heinrich Böll einmal beschworen hat, ist es auch in Akademien nicht weit her. Fast jedes Mitglied versteht ihre Aufgaben anders als die anderen und verfolgt eigene Ziele. Nicht wenige betrachten die Tagungen vor allem als Gelegenheit zu eher privatem Austausch mit anderen Mitgliedern - ein Kontakt, dessen Nutzen für den Einzelnen man nicht unterschätzen sollte. Doch den alles klärenden intellektuellen Rat, den unsere Zeit so händeringend sucht, wird sie auch hier nicht finden."

Weitere Artikel: Uli Kulke besucht  ein rekonstruiertes steinzeitliches Sonnenobsatorium in Goseck . Holger Kreitling fragt sich , warum ausgerechnet der Schnulzier Bono zum "Mann des Jahres" gewählt wurde. Besprochen werden eine Ausstellung  über den Regisseur und Theaterleiter Otto Falckenberg in München  und Laurent Chetouanes Inszenierung  von Goethes "Iphigenie auf Tauris" ebendort.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.12.2005

Prinz Asfa-Wossen Asserate, der vor einigen Jahren durch sein Buch "Manieren"  bekannt wurde, berichtet nach einer Reise in sein Herkunftsland Äthiopien von bürgerkriegsartigen Szenen. Das Regime unter Ministerpräsident Meles Zenawi weigerte sich, eine Wahlniederlage anzuerkennen und kartätscht jeden Widerstand blutig nieder. Der Westen unterstützt es dennoch, weil er Äthiopien als Bollwerk gegen den Terorrismus betrachtet. Ein Irrtum, meint Asserate: "Die westlichen Regierungen sollten wissen, dass eine Zersplitterung Äthiopiens eine Gefahr für die gesamte Region um das Horn von Afrika darstellt. Sie müssen Zenawi nicht nur ins Gewissen reden, sondern die enormen Subventionen für das äthiopische Staatsbudget von zivilisiertem, demokratischem Verhalten abhängig machen." Asserates Vorschlag: "Eine Katastrophe wie in Somalia kann nur durch die schnelle Bildung einer Übergangsregierung der nationalen Einheit vermieden werden."

Im Aufmacher schildert  Hannes Hintermeier den Streit zwischen der Buchhandelskette Thalia und den Verlagen, denen Thalia immer höhere Rabatte abverlangt: "Thalia, das gilt vielen in der Verlagsbranche als ausgemacht, wolle den stationären Buchhandel aushungern. Und zwar mit den Methoden, mit der die hauseigene Parfümerie-Kette Douglas Furore gemacht hat... Das Expansionstempo ist hoch, 2006 sind mindestens sechs Neueröffnungen geplant. Die lange gültige Abmachung, anderen Platzhirschen nicht ins Gehege zu kommen, ist aufgekündigt. Ziel ist die nationale Marke."

Weitere Artikel: Jordan Mejias kommentiert  in der Leitglosse den Streik im ÖPNV von New York. Mark Siemons berichtetr von der Eröffnung eines neuen riesigen Zentrums für moderne Kunst durch den koreanischen Millionär Kim Chang-Il in Peking. Andreas Rosenfelder wendet sich gegen einen Plan der SPD, die eigenen Reihen von Burschenschaftern zu säubern. Matthias Grünzig besucht die sächsische Stadt Wurzen , deren Bevölkerung um 25 Prozent gesunken und zudem überdurchschnittlich alt ist - dabei stellt sich heraus, dass die Leute lieber in den Plattenbausiedlungen wohnen bleiben, als in die renovierte Altstadt zu ziehen. Thomas Scheen schildert in der Reihe "Deutsche gesucht" die Schwierigkeiten für deutsche Einwanderer in Südafrika. Camilla Blechen gratuliert dem realsozialistischen Maler Walter Womacka zum Achtzigsten. Reinhard Markner berichtet über Widerstand gegen die Rechtschreibreform in den Niederlanden.

Auf der Medienseite gratuliert  Michael Hanfeld der Bundesliga, die es schaffte, ihre Einnahmen aus Fernsehrechten von 300 auf 400 Millionen Euro zu erhöhen. Und Marcus Theurer schildert neueste Details aus der Auseinandersetzung zwischen Springer und Kartellamt um die Fusion mit Pro 7 Sat 1.

Auf der letzten Seite verbreitet Michael Gassmann neue Erkenntnisse zur Herkunft des Kleinen Zittauer Fastentuchs . Und Jordan Mejias erzählt, dass die Bibliothek Edit Whartons wieder an ihren Herkunftsort, ihre Villa  in den Hügeln der Berkshires zurückkehrt.

Besprochen werden Roman Polanskis Verfilmung  von "Oliver Twist"  und eine Ausstellung mit Fotografien Eugene Druets in Berlin.