Heute in den Feuilletons Der Politiker als Punk

Die "Welt" lauscht dem durchdringenden Schweigen Chinas zum 40. Jahrestag der Kulturrevolution. Die "Zeit" besucht Protagonisten der virtuellen Meinungsfreiheit in China. Alle wissen: Das Festival von Cannes begann enttäuschend.


Die Zeit, 18.05.2006

Viel dabei heute: Nächste Woche wird Angela Merkel in Peking auch die kritischen Journalisten Chen Guidi und Wu Chuntao treffen. Grund genug für Georg Blume, in einer schönen Reportage im Dossier einige bekannte Blogger und Protagonisten der virtuellen Meinungsfreiheit in China zu besuchen. "Mitten in China, auf einem schummrigen Nachtmarkt des Städtchens Fuyang in der Bauernprovinz Anhui, bleibt das Taxi in einer Menschentraube stecken. Im Halbdunkel wird die Tür aufgestoßen, ein Mann ruft: 'Komm raus! wir gehen zu Fuß weiter.' Es ist Li Xinde bei der Arbeit. Li , 46 Jahre, in seiner Jugend Marinetaucher und Opernsänger, gilt als Chinas bekanntester Enthüllungsjournalist. Er ist Einzelgänger. Alle Medien in China werden von der Partei zensiert. Doch alles, was Li schreibt, steht unzensiert auf seinen Blogs im Internet (hier ist einer davon). Im Moment, hier in Fuyang, ist er einem flüchtigen Schokoladenfabrikbesitzer auf der Spur." Zu Li gibt es noch ein schönes Porträt in der New York Times.

Im Feuilleton schaltet sich der Schriftsteller Andreas Maier in die Frankfurter Fachwerksdiskussion ein. "Man hätte das Technische Rathaus, wie es dasteht in seiner ganzen Pracht (es überragt die umliegenden Häuser um ein Vielfaches), einfach in echt Frankfurter Art eine Fachwerkfassade vorblenden sollen, nach allen Seiten, das wäre historisch ebenso aufrichtig gewesen und hätte Frankfurt wahrscheinlich auf einen Schlag weltberühmt gemacht."

Weitere Artikel: Außenminister Frank-Walter Steinmeier beteuert gegenüber Thomas E. Schmidt, dass im Goethe-Institut zwar eingespart und umgebaut, die Eigenständigkeit jedoch nicht angetastet wird. Hilal Sezgin trifft in Kairo Oppositionelle, Intellektuelle und Religiöse und hört überall die Forderung nach mehr Meinungsfreiheit und sozialer Gerechtigkeit. Silvia Stammen porträtiert den Tiroler Dramatiker Händl Klaus, der mit seinem Stück "Dunkel lockende Welt" auf den Mülheimer Theatertagen und beim Berliner Theatertreffen vertreten ist. Hans-Joachim Müller erinnert Renzo Pianos Erweiterungsbau für die New Yorker Morgan Library angenehm an einen Universitätscampus. Das staatliche Interesse für die DDR-Vergangenheit kommt viel zu spät, klagt Evelyn Finger. Gabriele Killert findet den Büchnerpreis für den Lyriker Oskar Pastior "prima". Claudia Herstatt berichtet in ihrer Kunstmarktkolumne, dass das 290-teilige bayerische Königsservice unter den Hammer kommt .

Besprochen werden Christoph Hochhäuslers "großer stiller" Film "Falscher Bekenner", Pina Bauschs neue und "zauberhafte" Choreografie "Vollmond", die in Wuppertal zu sehen ist. Auf der Musikseite geht's um Till Brönners neues Album "Oceana" und den Jazztrompeter selbst, Jonathan Notts Konzerte mit den Bamberger Symphonikern, die Platte "It's Never Been Like That" der französischen Popband Phoenix und noch eine Handvoll weitere CDs.

Die Zeit eröffnet den sommerlichen Reigen an Literaturbeilagen und rezensiert Denis Johnsons "unglaubliche" Erzählungen "Jesus' Sohn" neben Neuem von Jan Faktor, Norbert Zähringer und Jose Samarago. Wir werden die Beilage wie gewohnt in den nächsten Tagen auswerten.

Aus anderen Ressorts: Stefan Krempl erklärt auf den Wirtschaftsseiten, was sich mit der geplanten Reform des Urheberrechts ändern soll und warum die Autoren dagegen Sturm laufen. Im Leben-Ressort spricht der Fußballnationaltorwart Jens Lehmann mit Henning Sussebach auch über das Phänomen des plötzlichen Fußballeralterns. Christian Grefe unterhält sich mit dem Mc-Donalds-Kritiker Eric Schlosser, dessen Buch "Fast Food Nation" nun als Film im Wettbewerb von Cannes läuft. Ray Davies von den "Kinks" träumt von mehr sozialer Kompetenz.

Neue Zürcher Zeitung, 18.05.2006

Heiko Kappe berichtet, dass der niederländische Historiker Ies Vuijsje mit seiner Behauptung, die Niederländer hätten mehr vom Holocaust gewusst als sie zugeben, viel Staub aufwirbelt: "Nachdem erst spät darüber offen diskutiert worden ist, dass in den Niederlanden die Überlebenschancen für Juden viel kleiner und die Zahl der Kollaborateure wie SS-Freiwilligen größer gewesen war als in anderen besetzten Ländern, bekommt das einst schwarz-weiße Geschichtsbild weitere Grautöne."

Ueli Bernays staunt, dass die CD "Fundamental", auf der die Pet Shop Boys in "süffigen Songs" die britische und amerikanische Politik kritisieren, so hörbar geworden ist. Denn zu Beginn verfassten Neil Tennant und Chris Lowe ein Manifest. "Griffige Popsongs wollte das britische Pop-Duo schreiben, die, stilistisch durch Elektro-Pop geprägt, zeitgemäß klingen und die gesellschaftliche Stimmung nach 9/11 einfangen sollten; 'keine Angst vor Ironie', schrieb man unter Punkt fünf, Punkt sechs verlangte spielerische Mehrdeutigkeit; die Musik sollte dann verfremdet werden durch technoides Kratzen und Rauschen; gemäss Punkt acht waren 'human feelings' zu vermeiden - um dem synthetischen Pop Schärfe zu verleihen." Alles haben sie zum Glück nicht geschafft.

Weiteres: Der Schriftsteller Matthias Zschokke erzählt, wie zu wenig Fußballtalent in Betrügereien mündet. Besprochen werden Ron Howards "ausgedörrte" Verfilmung von Dan Browns Roman "Sakrileg", Ghostface Killahs CD "Fishscale" und Bücher, darunter Mirko Bonnes Roman "Der eiskalte Himmel" und Lorenz Dittmanns Buch über "Die Kunst Cezannes" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Rundschau, 18.05.2006

Volkmar Sigusch, Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft an der Universität Frankfurt am Main, stellt Ergebnisse einer Studie über die Zusammenhänge von Alter, Beziehungsdauer und Koitusfrequenz vor: "So verkehren 60-Jährige, die in gleich langen Beziehungen leben wie 30-Jährige, statistisch nicht seltener."

Weiteres: Nach Sichtung von Ron Howards Verfilmung von Dan Browns Beststeller "Das Sakrikeg" bescheinigt Rüdiger Suchsland dem Film "den Charakter einer überlangen Terra X-Folge." In der Kolumne Times Mager beginnt Ina Hartwig schon die Tage bis zum Ende der WM zu zählen. Oliver G. Hamm kann nicht verstehen, dass die neue Dauerausstellung "Geschichtsort Olympiagelände" - über das Berliner Olympiastadion unter den Nazis - während der WM nicht zugänglich sein wird.

Besprochen werden Saverio Costanzos "begnadeter, weltweit mit Preisen überhäufter" Debütfilm "Private" über den Nahostkonflikt und Christoph Hochhäuslers "Falsche Bekenner": "Hellsichtiger und zugleich humorvoller kann ein Film kaum vom heutigen Deutschland sprechen", meint Sascha Westphal.

Die Tageszeitung, 18.05.2006

Christoph Hochhäuslers Film "Falscher Bekenner" hat Bert Rebhandl als Fallstudie über moderne Adoleszenz beeindruckt. "Bewerbungsgespräche fungieren in 'Falscher Bekenner' wie ein Leitmotiv. Durchweg wird erwartet, dass Armin sich als er selbst zu erkennen gibt und zugleich als die wertvolle Arbeitskraft, die er werden sollte. Er soll authentisch und konstruktiv sein, er soll sich bekennen - zu sich selbst und zu dem Unternehmen, in das er eintreten will. Hier nimmt Hochhäusler die kleine, aber entscheidende Verschiebung vor, die seinem Film den Titel gibt. Statt einer weiteren Bewerbung schreibt Armin einen Brief an die Polizei, in dem er sich die Schuld an einem Autounfall, bei dem ein Bankier getötet wurde, zuschreibt. Er bewirbt sich um die Urheberschaft für ein Unglück, dessen Zeuge er zufällig wurde. So wird er ein 'Falscher Bekenner'."

Weitere Artikel: Cristina Nord übermittelt aus Cannes ihre Eindrücke von Ron Howards "Da Vinci Code". Ekkehard Knörer empfiehlt wärmstens Angela Schanelecs vierten Spielfilm, "Marseille", der jetzt auf DVD erschienen ist: "Auch wenn die Preise weiterhin die Filme der anderen gewinnen: Hier ist das wirklich aufregende Kino aus Deutschland." Claus Löser rekapituliert zum Jubiläum sechzig Jahre Defa.

Schließlich Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.05.2006

Die mit viel Getöse angekündigte Verfilmung des "Da Vinci-Codes", die gestern Abend das Festival von Cannes eröffnete, ist ein Flop, berichtet Verena Lueken: "Dem Regisseur Ron Howard aber ist überhaupt nichts eingefallen. Er spielt die Geschichte vom Blatt, er lässt die Figuren ununterbrochen reden, erklären, dozieren, laut denken, wie sie es im Buch tun. Zwischendurch jagt er sie durch touristisch wohlerschlossenes Gelände und sorgt dafür, dass kein Staubkorn an ihren Schuhen hängenbleibt, kein Windhauch ihr Haar zerzaust und niemals ihre Nase glänzt. Vierundzwanzig Stunden dauert diese Jagd nach dem Heiligen Gral im Buch, im Kino fühlt es sich ebenso lang an." Zwei weitere Artikel zum Film füllen die Seite 1 des Feuilletons. Christian Geyer schreibt über Reaktionen des Opus Dei. Und Jochen Buchsteiner berichtet, dass der Film ausgerechnet in Indien für massive Proteste sorgt.

Um Ernsteres geht es in einer Meditation des Autors Burkhard Spinnen über den Verkauf der urdeutschen Firma Märklin an internationale Investoren: Eisenbahn steht nicht mehr für Fortschritt: "Ich kann das verstehen... Eine Dampflok der Baureihe 38 ist heute ein Objekt sehnsüchtiger Romantik, man schaut sie an wie eine Burgruine oder eine ländliche Idylle. Und können wir wirklich wollen, dass unsere Kinder melancholisch ins Leben starten?"

Weitere Artikel: In der Leitglosse unterrichtet uns Andreas Platthaus, dass das Historische Museum der Stadt Frankfurt ein großes Konvolut von Zeichnungen der neuen Frankfurter Schule um F. K. Waechter und Robert Gernhardt erworben hat. Bernd Hennigsen, Leiter des Nordeuropa-Instituts an der Humboldt-Uni, schreibt einen bitteren Artikel über die Schließung der Goethe-Institute in Skandinavien, die mit einem "rapide abnehmenden Interesse an deutscher Kultur und Sprache" in diesen Ländern glücklich koinzidiert. Angelika Heinick besucht das renovierte Musee de l'Orangerie in den Tuilerien, in dem Monets "Seerosen" neu präsentiert sind. Lorenz Jäger gratuliert dem Verleger Axel Matthes (Matthes und Seitz) zum Siebzigsten. Vincenzo Velella schreibt zum Tod des amerikanischen Kirchenhistorikers Jaroslav Pelikan.

Niklas Maak besucht für die "Design"-Seite das neue Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart. Peter Richter untersucht die Beziehungen zwischen Kunst und Autos und Niklas Maak die Beziehung zwischen Architektur und Autos. Für die Kinoseite besuchte Hans-Jörg Rother das Dokumentarfilmfestival von Nyon. Besprochen wird außerdem eine Ausstellung des türkischen Videokünstlers Kutlug Ataman in Antwerpen. Und Andreas Platthaus fragt sich, warum ausgerechnet Uma Thurman die Verfilmung von Frank Schätzings "Schwarm" produzieren wird.

Für die Medienseite wirft Gisa Funck einen Blick auf das beginnende Fernsehfestival Cologne Conference, das sich mit dem gleichzeitig stattfindenden Medienforum NRW zerstritten hat und ab nächstem Jahr einen neuen Ort sucht. Jürg Altwegg meldet, dass die französische Zeitung France Soir endgültig vor dem Aus steht. Und Michael Hanfeld notiert die betroffene Reaktion der FR-Redaktion auf den statsstreichartigen Austausch der Chefredakteure.

Für die letzte Seite hat der Berliner DJ und Produzent Daniel Haaksman eine interessante Recherche über die Krise des klassischen Musikfernsehens und das neueste Ding im Internet unternommen: Da bei MTV nur noch alberne Shows laufen, guckt man sich die Videos jetzt auf Youtube.com an. Die Musikindustrie reagiere gelassen, "Denn Musikvideos sind ihrem Wesen nach Werbefilme, und jeder Zuschauer ist ein potenzieller Kunde." Marta Kijowska berichtet über den deutschen Buchmessenschwerpunkt bei der Warschauer Buchmesse. Und Rainer Schulze macht uns mit dem ecuadorianischen Schamanen Tzamarenda Naychapi bekannt, der mit der Nationalmannschaft seines Landes anreist und die von ihr zu bespielenden Fußballfelder von negativen Energien befreit.

Besprochen wird ein Auftritt der Popsängerin Pink in Köln.

Die Welt, 18.05.2006

Im Politikteil lauscht Johnny Erling dem dröhnenden Schweigen des offiziellen China zum vierzigsten Jahrestag der Kulturrevolution: "Die Kommunistische Partei hat ganze Arbeit geleistet, um das einst epochale Ereignis aus dem kollektiven Gedächtnis der Nation zu tilgen. Die Propagandabehörden haben Chinas Medien zur Sicherheit auch noch ausdrücklich jede Debatte verboten. Sie sollen selbst den Begriff der 'Wenhua Dageming' vermeiden, wie Mao Tse-tung seine vor genau 40 Jahren im Mai gestartete 'Große Kulturrevolution' auf chinesisch nennen ließ."

Im Feuilleton schreibt Hanns-Georg Rodek recht freundlich über Ron Howards Verfilmung des "Da Vinci Codes" - nur Tom Hanks findet er papieren. Konrad Adam resümiert eine Diskussion über die Motive des Widerstandes gegen Hitler am Münchner Institut für Zeitgeschichte. Uta Baier meldet, dass die deutsche Künstlerin Tomma Abts für den britischen Turnerpreis nominiert ist. Besprochen wird Michael Glawoggers Dokumentarfilm "Workingman's Death" (mehr hier).

Süddeutsche Zeitung, 18.05.2006

Während des Theatertreffens in Berlin diskutierte man mal wieder über Sparpläne für die Kultur. Finanzsenator Thilo Sarrazin gab sich besonders pampig, berichtet Peter Lautenbach. "Selbst die harmlose Frage des Moderators Jens Jessen, ob Sarrazin in einer Stadt ohne Theater leben wolle, nutzte Sarrazin für eine aparte Provokation: 'Man ist in anderthalb Stunden in Hamburg . . .' - Der Politiker als Punk, der auf jeden Weichzeichner verzichtet."

Ron Howard lässt in seiner Verfilmung von Dan Browns "Da Vinci Code" einen wahren Informations-Overkill auf den Zuschauer niederprasseln, schreibt Tobias Kniebe, der den Film in Cannes gesehen hat. "Das Abendmahl, die Tempelritter, die Kreuzzüge, Kaiser Konstantin, alles rauscht vorbei, auch als Flashback, alles wird ein einziger Fluss, dann Strom, dann Brei von Symbolen und Namen." Und doch: "Es gibt Momente, im Buch wie im Film, wo man den kühlen Hauch der Ehrfurcht spürt". Jean Reno, der in dem Film mitgespielt hat, erzählt im Interview, dass er sich nächtelang im Louvre aufhalten durfte, nur mit dem Team und ein paar Wächtern.

Weitere Artikel: Petra Steinberger erzählt, wie die Mafia Brasiliens drittgrößter Stadt Sao Paulo gerade in einen Bagdad-ähnlichen Zustand versetzt. "Eine Glanzstunde der Gelehrtenrepublik in den feudalen Räumen der Münchner Siemens-Stiftung", schreibt Ijoma Mangold enthusiastisch über einen Vortrag, den Martin Mosebach über Heimito von Doderer hielt. Christiane Kohl beschreibt die Choreografie der allmählichen Annäherung zwischen den Dresdner und Moskauer Museen. Christoph Haas war in Konstanz auf einer internationalen Tagung über Verschwörungstheorien. Martin Reischke feiert die Defa, die in dieser Woche den sechzigsten Jahrestag ihrer Gründung begeht, und berichtet außerdem von einen Life-Werbespot im Theater.

Besprochen werden Lionel Baiers traumhafter Erstlingsfilm "Dummer Junge", Christoph Hochhäuslers Film "Falscher Bekenner", Otto Sanders Vorstellung als "Krapp" in Samuel Becketts "Das letzte Band" bei den Recklinghausener Ruhrfestspielen, Terry Gilliams Kunstprojekt "Past People", mit dem er sein Debüt als Medienkünstler gibt. Daniel und Geo Fuchs' Fotoausstellung "Stasi - Secret Rooms" in der Münchner Villa Stuck und Bücher, darunter Borwin Bandelows Abhandlungen über die psychischen Probleme ausgewählter Prominenter "Celebrities. Vom schwierigen Glück, berühmt zu sein" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

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