Heute in den Feuilletons "Didaktischer Kitsch, fataler Schuldstolz"

In der "taz" bekennt Annett Gröschner, dass sie gern ihr Leben als Quotenostfrau beenden würde. Die "FAZ" versucht, den Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky zu verstehen. Die "SZ" findet Peter Eisenmans Holocaust-Mahnmal nach erster Begehung "still, einfach, vernünftig, aufgeklärt, zivil, fromm, alles zusammen".

Die Tageszeitung, 15.12.2004

Die Schriftstellerin  Annett Gröschner würde gern  ihr Leben als Quotenostfrau beenden - wenn man sie nur ließe. "Zur Ostdeutschen gemacht wurde ich erst am 9. November 1989. Vorher hielt ich mich für eine Individualistin, die kein Interesse daran hatte, in den Westen zu gehen. Plötzlich steckte ich in einem Sack zusammen mit Volkspolizisten, Pionierleiterinnen, HO-Verkäuferinnen und Genossenschaftsbauern ... Ich würde jetzt den Sack gerne verlassen und mich anderen Themen widmen, beispielsweise den Strukturproblemen in Südwestdeutschland, dem öffentlichen Transportwesen in Buenos Aires oder der Geschichte des westdeutschen Terrorismus."

Weitere Artikel: Rolf Lautenschläger schreibt  zum fertiggestellten Holocaustmahnmal. Und Andreas Hartmann stellt  Platten und Bücher der Melvins  vor.

Thomas Brussig , Ko-Autor von Edgar Reitz' "Heimat 3", schimpft  im Interview auf das deutsche Fernsehen: "Die Fernsehleute waren allein von irgendwelchen Quotenfantasien besessen. Lieber heute eine Quote von 30 Prozent und morgen wieder vergessen, als mit einer Quote von 20 Prozent in zehn Jahren zu den Fernsehereignissen gezählt zu werden, die haften blieben."

Das Brussig-Interview steht auf der Tagesthemenseite. Auf der Meinungsseite finden wir ein Interview  mit Edgar Reitz. (Könnte die Kultur bitte wieder drei Seiten haben?) Er erzählt, warum seine Helden im dritten Teil  nicht in den Hunsrück zurückkehren, sondern in das Mittelrheintal gegenüber der Loreley (mehr ): "Für mich ist das fast der deutscheste aller deutschen Orte. Alles, was sich an Mythen, Märchen, Liedern und Tourismus um typisch deutsche Dinge dreht, hat dort seinen Brennpunkt ... Ich erzähle Geschichten nicht, um etwas zu beweisen, sondern um etwas nachträglich zu überprüfen. Es gibt nicht zuerst die Idee und dann die Geschichte, sondern zuerst die Geschichte und dann die Idee, die sich daraus herleitet. Und in 'Heimat 3' überprüfe ich die Frage: Wie ist das, ein Deutscher zu sein?"

Schließlich Tom .

Frankfurter Rundschau, 15.12.2004

Marion Victor, Geschäftsführerin des Verlags der Autoren , erklärt im Interview , warum die Theaterverlage in Deutschland nicht überleben werden, wenn im Januar die Sonderregelung abgeschafft wird, die bisher ihre Beitragspflicht für die Künstlersozialkasse reduziert hat. "Bei der damaligen Gesetzgebung waren die Bühnenverlage schlicht übersehen worden. Das Gesetz war für sie unzumutbar, deshalb kam es zu der Ausnahme. Ohne sie stehen wir vor folgendem Problem: Der Betrag, den jeder Verlag an die KSK abzuführen hat, berechnet sich nach den Autorenhonoraren. Normalerweise machen die zehn Prozent des Umsatzes aus. Bei uns sind es 85. Wir sind ganz anders strukturiert als Buchverlage, wir bestreiten unsere Gemeinkosten mit 15 Prozent des Umsatzes. Wenn wir davon 5,8 Prozent für die Künstlersozialkasse abziehen, gibt es uns nicht mehr."

Weitere Artikel: Christian Thomas stellt  Überlegungen an zum Holocaustmahnmal ("Noch kann man das Mahnmal nicht betreten, doch angesichts der Erinnerung an das Grauen scheint das Holocaust-Mahnmal dazu gemacht, die Grenzen des begrifflichen Denkens abzustecken und die Bedeutung der vielfältigen Figur, des Signifikanten zu betonen."). Richard Wagner fragt sich , wo in der Stadt Heimat ist ("Je größer die Stadt, so eine Binsenweisheit, desto wichtiger der Stadtteil. Immer wieder wird dieser als Zuhause bezeichnet, nicht die Stadt als Ganzes.") In Times Mager überlegt  Harry Nutt, ob es nun gut oder schlecht ist, dass die Kultur bei der Föderalismusreform keine Rolle spielt.

Besprochen werden Bücher, darunter Paul Nizons Journal  1973-1979, die Gedichte  von Nicolas Born und Thomas Steinfelds Band  "Der leidenschaftliche Buchhalter (mehr in unserer Bücherschau  heute ab 14 Uhr).

Neue Zürcher Zeitung, 15.12.2004

Uwe Justus Wenzel berichtet  etwas ratlos von einer Tagung  "Zivilisationsbruch mit Zuschauer - Gestalten des Mitgefühls", die unlängst in Berlin und Potsdam stattfand und sich dem Phänomen des medial erregten Mitleids in Zeiten schwindender Nächstenliebe widmete. Derek Weber hat sich Emmerich Kalmans "Herzogin von Chicago" an der Wiener Volksoper angehört, die Adorno weiland als "läppisch inszenierten Krieg zwischen ungarischer Zigeunermusik und Jazz" beschrieb, und Renate von Scheiper hat sich "magisch" anziehen  lassen von den bronzezeitlichen Preziosen der Schau  "Der geschmiedetet Himmel", die derzeit im Landesmuseum Halle/Saale zu sehen ist.

Weitere Besprechungen widmen sich einer Ausstellung  zur slowenischen Architektur  an der Akademie der Künste in Berlin sowie Büchern: die Exil-Protokolle  von Heinrich Mann, ein Interview-Buch  von Studs Terkel, Ulla Hahns Gedichtband  "So offen die Welt" ("säkularisierter Rilke"), Lyrik  von Ferdinand Schmatz  und ein von Annemarie Schimmel  herausgegebenes Buch mit Gedichten  von Frauen der islamischen Welt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.12.2004

Mark Siemons versucht im Aufmacher zu verstehen, was der Neuköllner Bürgermeister Heinz Buschkowsky meint, wenn er vom Scheitern des Multikulturalismus und von Parallelgesellschaft spricht und kommt zu dem Ergebnis, es handle sich um "eine Zersplitterung, in der es kein milieuübergreifendes Lernen voneinander gibt, keine gegenseitige Hilfe, keinen Wettbewerb, zusammengehalten nur noch durch die Sozialhilfe."

Weitere Artikel: Christian Geyer befürwortet in der Leitglosse eine Initiative der Familienministerin, die es auch älteren Paaren erlauben will, Kinder zu adoptieren. Michael Jeismann meditiert über den tieferen Sinn des in diesen Tagen vollendeten Holocaust-Mahnmals und begreift es als ein europäisches Denkmal. Jörg Magenau verfolgte  eine Lesung Rada Billers, Elena Lappins und Maxim Billers im Berliner Jüdischen Museum . Dokumentiert wird die Laudatio Durs Grünbeins auf den deutsch-britischen Lyriker Michael Hofmann, dem der DekaBank-Preis für Verdienste um die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland zuerkannt wurde.

Auf der Medienseite unterhält sich Michael Seewald mit Edgar Reitz, dessen neue "Heimat"-Folgen jetzt in der ARD laufen. Er beschreibt seine Dramaturgie als "die Umsetzung eines Satzes von Karl Valentin, der gesagt hat: 'Solange ich lebe, muss ich damit rechnen, dass ich weiterlebe.' Das ist das antidramatische Prinzip par excellence und kommt dem Leben am allernächsten." Jörg Thomann erzählt, wie der Rennfahrer Ralf Schuhmacher die Häme Stefan Raabs nur abstellen konnte, indem er ihm in dessen Show  zu Füßen kroch. Michael Hanfeld erzählt neueste Episoden aus dem Streit zwischen ARD und ZDF um 3sat. Jürg Altwegg meldet, dass Frankreich den islamistischen Satellitensender Al Manar  verbietet und dass Gerard Courtois den zurückgetretenen Chefredakteur von Le Monde Edwy Plenel ablöst.

Auf der letzten Seite erzählt Annett Busch, wie Musiker ein in einer Wohungsauflösung gefundenes Tonband eines unter Verfolgungswahn leidenden Rentners vertonten. Michael Althen berichtet über die Aussöhnung zwischen Oliver Stone, der einst das Drehbuch für den Türkei-kritischen Film "Midnight Express" schrieb, und eben der Türkei. Und Wolfgang Sandner schreibt eine kleine Hommage auf den Pianisten Leon Fleisher, der wegen einer Erkrankung nur noch Stücke für die linke Hand spielt (so jüngst Hindemiths Klaviermusik für die linke Hand mit den Berliner Philharmonikern).

Besprochen werden Steven Soderberghs Film "Ocean'sTwelve"  (über dem nach Andreas Kilb ein "Schleier der Resignation" liegt, Ausstellungen Caravaggios und Damien Hirsts in Neapel, ein Konzert  der Beastie Boys  in Düsseldorf, ein Konzert von De la Soul in Hamburg und Frederick Ashtons Choreografie "La fille mal gardee" ebendort.

Süddeutsche Zeitung, 15.12.2004

"Still, einfach, vernünftig, aufgeklärt, zivil, fromm, alles zusammen" findet  Gustav Seibt nach erster Begehung das Berliner Holocaust-Mahnmal  von Peter Eisenman : "Die Kommentare am Wegrand, zunächst angesichts des zerfurchten Baugeländes oft feindselig und voller Ressentiments, sollen freundlicher geworden sein, berichten die Bauleute. Zustimmung und Nachdenklichkeit gewinnen mit dem Anwachsen sinnlicher Eindrücke von einem modernen Kunstwerk an Boden. Denn dass es sich um ein solches Kunstwerk, wenn auch kein ganz leicht zu definierendes, handelt, das ist nun bei ersten Begehungen evident geworden. Die schlimmsten Gefahren, die moralisch-historische Allegorie, der didaktische Kitsch, auch ein fataler Schuldstolz, die nichts kostende Zerknirschtheit im Kollektiv, wurden vermieden."

Weiteres: Reinhard Schulz feiert den ungarischen Komponisten György Kurtag (mehr hier ), der ganz neu zeigt, was heutzutage Denken in Musik heißen kann: "Jeder Ton trägt Bedeutung, selbst leiseste Klänge drohen aus den Nähten zu platzen. Botschaften, geflüstert, verschlüsselt oder wie auf kleinem Zettel weitergereicht künden von elementaren Ereignissen." Sonja Zekri findet den neuen Regierungsentwurf zum Schutz von Kulturgütern absolut nicht ausreichend: "Einzig jene Gegenstände, die vom Herkunftsstaat... als 'besonders bedeutungsvoll bezeichnet' wurden und die dieser in einer entsprechenden Liste eingetragen hat, werden von der Regierung als schützenswert anerkannt."

Christine Brinck fordert mehr Exzellenz und weniger Egalität an deutschen Hochschulen. Johann Schloemann berichtet von einer Tagung über Schule und Computer. Henning Klüver schreibt einen Nachruf auf den in Italien verstorbenen Widerständler Hans Deichmann. Jörg Häntzschel erzählt, wie sich die Barnes Foundation aus den testamentarischen Fesseln ihres Gründers windet.

Auf der Plattenseite erinnert Julian Weber an die anspruchsvolleren 80er-Jahre-Bands wie Palais Schaumburg, S.Y.P.H. und Jeans Team. "wieg" meldet in der Randspalte, dass der Zapatisten-Anführer, Subcommandante Marcos, die letzten Jahre damit verbracht hat, einen Krimi zu schreiben: "Unbequeme Tote" heißt er.

Auf der ersten Seite berichtet berichtet Christoph Schrader, dass Google die Bibliotheken von Oxford, Harvard, Stanford und Michigan sowie der New York Public Library digitalisieren wird.

Besprochen werden eine CD-Sammlung von Grateful Dead, das neue Album "Street's Disciple" des Rappers Nas, und Bücher, darunter Salman Rushdies Essays "Überschreiten Sie diese Grenze" und Martin Meisers Porträt des "Judas Iskarioth" (mehr in unserer Bücherschau  ab 14 Uhr).

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