Heute in den Feuilletons "Die moderierende Mittelmäßigkeit"

Die "Welt" beklagt die Heuchelei in Hany Abu-Assads Film "Paradise Now" über zwei palästinensische Selbstmordattentäter. Die "FR" sagt: "Du bist nicht Deutschland." Die "FAZ" will den Chinesen nicht trauen. Die "SZ" deckt den ersten Berliner Galerien-Fake auf.


Die Tageszeitung, 28.09.2005

In einem Interview spricht der britische Schriftsteller Kazuo Ishiguro über seinen neuen Roman "Alles, was wir geben mussten", über menschliche Klone und die Frage, was es bedeutet, ein Mensch zu sein - nämlich auch nichts anderes als ein Klon: "Ich wollte, dass sie (die Klone) dieselben Fragen stellen, die wir uns alle stellen. Das ist der Grund, warum sie auf merkwürdige Art und Weise ihr Schicksal akzeptieren, denn auch wir akzeptieren die Tatsache, dass wir sterblich sind, dass es keinen wirklichen Ausweg gibt. Wir können uns an die Religion halten oder versuchen, etwas zu hinterlassen, Kinder etwa oder Kunst… Auf unbestimmte Art denken wir gern, Liebe und dergleichen könnte uns helfen, nicht so sehr darunter zu leiden, dass der Tod bestimmt kommt. Wir hängen an dem Gedanken, dass Liebe den Tod überwinden könnte. Die Jugendlichen im Buch haben diesen Mythos, dass die letzte, zum Tode führende Organspende hinausgeschoben werden kann, wenn zwei sich wirklich lieben. Es ist ein Mythos, mehr nicht. Aber ich wollte wohl ausdrücken, Liebe und zu einem geringeren Ausmaß auch Kunst machen sehr wohl einen Unterschied. Sie geben ihrem Leben Bedeutung. Sie machen sie menschlich."

Besprochen werden der Film "Paradise Now" von Hany Abu-Assad und ein Opernmarathon in Berlin mit "Sophie's Choice" von Nicholas Maw an der Deutschen Oper, Verdis "Forza del destino" an der Staatsoper und Puccinis "Madame Butterfly" an der Komischen Oper.

Auf der Meinungsseite beruhigt der Politologe Aleksander Smolar von der Batory Foundation seine Interviewerin Gabriele Lesser: Die Partei für Recht und Gerechtigkeit der Gebrüder Kaczynski sei nicht fundamentalkatholisch oder gar antisemitisch, und ihre Kritik an Russland teilt er. "Es gibt einen breiten Konsens in der polnischen Gesellschaft, dass Russland seine imperialen Ansprüche noch nicht aufgegeben hat. Deutlich wurde dies zuletzt, als in der Ukraine die Wahlen gefälscht wurden, um einen Putin-freundlichen Kandidaten durchzusetzen. Polen hat die orangene Revolution unterstützt, also die Demokratie. Russland war dagegen, weil es noch immer imperiale Interessen in der Ukraine hat. Deutschland etwa hat zu den Vorgängen in der Ukraine einfach geschwiegen."

Schließlich Tom.



Frankfurter Rundschau, 28.09.2005

In Times mager setzt sich Harry Nutt fassungslos mit der Kampagne "Du bist Deutschland" auseinander, für deren Ziel, eine Art moralischer Aufrüstung der deutschen Miesepeterbefindlichkeit, eine Initiative namens "Partner für Innovation" Werbeplätze im angeblichen Wert von 30 Millionen Euro zur Verfügung stellt. "Die versammelte moderierende Mittelmäßigkeit von Günther Jauch über Ulrich Wickert bis Anne Will ist so beseelt von der nationalen Ermutigung, dass Du Dich fragtest, ob nicht irgendeine Sekte hinter der ganzen Sache steckt. Sind aber nur 25 führende deutsche Medienunternehmen, versuchtest Du Dich zu beruhigen. "

Tom Mustroph berichtet vom Festival "Poker im Osten", auf dem im Berliner Theater Hebbel am Ufer die Transformationen in Ostdeutschland diskutiert und theatralisiert wurden.

Besprochen werden die Ausstellung "In Concert" des Londoner Künstlers Martin Creed in der Frankfurter Schirn und Bücher, darunter Daniel Kehlmanns Roman (hier eine Leseprobe) "Die Vermessung der Welt" (für Martin Lüdke "einer der Höhepunkte dieses Bücherherbstes"), die Biografie "Hubert Burda - der Medienfürst" von Gisela Freisinger und Alice Munros Erzählband "Himmel und Hölle" (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages heute ab 14 Uhr).



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.2005

Hochrangige chinesische Militärführer sind auf Einladung des Generalinspekteurs der Bundeswehr an der "Bundesakademie für Sicherheitspolitik" in Berlin zu Gast, um "gemeinsam mit deutschen Strategen weit in die Zukunft zu blicken", berichtet Christian Schwägerl. Die Sache ist leicht unheimlich. Während die Amerikaner in China einen ernsthaften Konkurrenten sehe, womöglich mit Expansionsgelüsten, scheinen die Deutschen sich von den Chinesen nur Vorteile zu versprechen. "Das Szenario einer militärischen Bedrohung aus Asien hat bisher wenig Aufmerksamkeit gefunden. Selbst die Frage von Waffenlieferungen wird primär unter wirtschaftlichen und grundsätzlichen Aspekten abgehandelt. Dass diese Waffen im Extremfall gegen den Lieferanten eingesetzt werden könnten, wird nicht erwogen. Es scheint größtes Vertrauen in Bekundungen wie die des Generalmajors (Qian Lihua) zu geben: 'Wir haben noch kein anderes Land angegriffen, und wir werden kein anderes Land angreifen. Wir wollen nichts mehr als eine harmonische Entwicklung.'"

Rainer Hermann berichtet wie die türkische Regierung gerade ihre größte Forschungseinrichtung Tübitak ruiniert. Das Institut ist seit 1963 autonom, es wählt seinen Wissenschaftsausschuss und Präsidenten selbst. "Nach diesem System funktionierte Tübitak vier Jahrzehnte lang und erwarb sich ein internationales Renommee. Das droht nun verspielt zu werden. Denn die Regierung Erdogan hat, unter Missachtung von vier Gerichtsurteilen, den bisherigen Präsidenten ebenso entlassen wie den Wissenschaftsausschuss. An die Stelle der Entlassenen berief sie loyale Gefolgsleute. Es ficht sie nicht an, dass führende Wissenschaftler der Türkei, unter ihnen der Vorsitzende des Hochschulrats YÖK, der Juraprofessor Erdogan Tezic, die aktuelle personelle Zusammensetzung von Tübitak als 'ungesetzlich' brandmarken."

Weitere Artikel: Christian Geyer resümiert Hans Küngs Besuch bei Papst Benedikt XVI. im Castel Gandolfo: "Der Papst nimmt kein Verdikt zurück, Küng widerruft nichts, alles Strittige von damals wird vielmehr eingeklammert, man lässt es auf sich beruhen, wie auch das Kirchenvolk seinen Küng längst auf sich beruhen gelassen hat. Vor allen Sachfragen ein Magenbitter auf die Freundschaft!" Joseph Hanimann stellt das restaurierte Grand Palais in Paris vor. Erna Lackner war dabei als in Wien der "Austro-Koffer", der österreichische Literaturkanon vorgestellt wurde. Robert von Lucius gratuliert dem südafrikanischen Satiriker Pieter-Dirk Uys zum Sechzigsten.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über eine Posse, die Frankreichs Innenminister Nicolas Sarkozy inszeniert hat. Am Abend nach einer spektakulären, von vielen Journalisten beobachteten Festnahme mutmaßlicher Terroristen erklärte Sarkozy im Fernsehen und unter Anspielung auf die Festnahmen, wie und warum der Kampf gegen den Terrorismus verstärkt werden soll. Jetzt stellte sich heraus, dass Sarkozys Erklärung fünf Tage vor den Festnahmen aufgezeichnet worden war. Hendrik Kafsack erklärt, wie die EU-Kommission über Product Placement denkt. Und Michael Hanfeld lobt den Intendanten des Saarländischen Rundfunks, Fritz Raff, der massive Kürzungen in seinem Haus durchgesetzt hat.

Auf der letzten Seite porträtiert Heinrich Wefing den neuen Leiter des Hauses der Kulturen der Welt, Bernd Scherer. Hannes Hintermeier hält die Querelen über die Einführung des Büchergeldes in Bayern fest. Und Dirk Schümer erzählt, wie Südtirol - nach über achtzig Jahren Stellungskrieg zwischen Italienern und Deutschen - "zum Musterbeispiel einer regionalen Kultur (wurde), die sich über die Europäisierung erst gerettet und dann nach vorne gearbeitet hat".

Besprochen werden Hany Abu-Assads Film "Paradise Now", eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn, die Verbindungslinien zwischen Beuys und Rodin aufzuzeigen sucht, zwei Hindemith-Aufführungen - "Mathis der Maler" mit Sinome Young in Hamburg und "Cardillac" mit Kent Nagano in der Pariser Bastille-Oper, neue koreanische Choreografien von Ahn Eun-me und der Ahn Aee-soon-Company bei den Asien-Pazifik-Wochen in Berlin und Roberto Ciullis Inszenierung von Garcia Lorcas "Dona Rosita" in Mülheim an der Ruhr.



Die Welt, 28.09.2005

Einfach nur heulen könnte Alan Posener über Hany Abu-Assads Film "Paradise Now" und seine Kritiker, die ihn allesamt wegen seiner "differenzierten" Darstellung zweier Selbstmordattentäter lobten. "Nun ist 'Paradise Now' gewiss 'differenziert' im Vergleich zu den hasstriefenden antisemitischen Propagandafilmen, die in allen arabischen Ländern allabendlich im Fernsehen laufen. Gewiss ist er 'differenziert' im Vergleich zu den Videos, die Hamas, Hisbollah und Co. herstellen." Aber, meint Posener, ein kleines Detail fehle doch in diesem Märchen von zwei eigentlich guten Menschen: die Auswirkungen von Saids Attentat: "Frauen ohne Unterleib, Männer ohne Kopf, Kinder ohne Arme und Beine, Blut und Eingeweide in den Sitzreihen, verbrannte Fleischbrocken überall. Nichts davon: Nach einer Fahrt auf Saids Augen zu wird die Leinwand ganz licht und weiß und rein."

Der Bestseller-Autor John Grisham beschwört nach den Verwüstungen, die Katrina und Rita an der Golfküste den Pioniergeist der "good american people": "Hoffnung machen hier die Menschen und ihre bemerkenswerte Überzeugung, dass wir, halten wir nur zusammen, es schon überstehen werden. Die Golfküstenbewohner sind stolz darauf, einen Schlag einstecken zu können, selbst einen K.O.-Schlag, und dann auf wackligen Beinen und voller Sportsgeist in den Ring zurückzukehren. Ihre Eltern haben Camilla überlebt, und Betsy und Frederik, und sie sind fest entschlossen, auch aus dieser Legende das Beste zu machen."

Weiteres: Johnny Erling hat beobachtet, wie chinesische SPD-Forscher an der Universität Peking und am Marx-Engels Institut des ZK die Wahlen in Deutschland beobachtet haben und sich jetzt fragen, ob die Sozialdemokraten nun "vorwärts oder rückwärts in den Liberalismus zurück" fallen. Josef Engels schöpft angesichts neuester Zahlen aus dem musizierenden Deutschland neue Hoffnung: 20 Millionen Bundesbürger spielen irgendein Instrument. "Also jeder vierte. Endlich eine Dunkelziffer, die Mut macht." Als "Paradies für Puristen" hat Gabriele Walde die neue Ausstellung der Flick-Kollektion "Fast nichts" erlebt. Stefanie Bolzen berichtet von einem Angriff türkischer Neofaschisten auf eine Galerie in Istanbul, die eine Ausstellung über die Gewaltwelle zeigt, die vor fünfzig Jahren die türkischen Griechen heimsuchte. Uwe Wittstock hat sich im Schauspiel Frankfurt Stücke von Sartre und Camus angesehen.



Neue Zürcher Zeitung, 28.09.2005

Nicht überzeugt ist Samuel Herzog von der neunten internationalen Kunstbiennale von Istanbul. Zwar haben die Veranstalter interessante Orte wie Wohnhäuser und eine ehemalige Tabakfabrik ausgewählt, aber das diesjährige Thema "Istanbul" reizen die Künstler nicht aus: "Anstatt subjektive Blicke auf die Stadt zu werfen, haben viele nach allgemein gültigen Formeln gesucht; anstatt sich für ihre eigenen Emotionen und, warum auch nicht, Klischees zu interessieren, haben sie zu illustrieren versucht, dass sie keine Vorurteile und das Herz am rechten Fleck haben. Und das ist naturgemäß nicht gerade mitreißend."

Weitere Artikel: Iso Camartin erinnert sich an den Philosophen und Freidenker Giordano Bruno, der wegen seiner offenen Kritik an der Kirche 1600 durch die Inquisition verbrannt wurde. "Er lässt keine Möglichkeit aus, Spott und Hohn auch über heiligste Dinge zu schütten, und keine Obszönität scheut er, wenn es darum geht, einen Vertreter der weltlichen oder kirchlichen Stände als eingebildeten Affen, Tunichtgut oder Päderasten hinzustellen."

Weiteres: NZZ Online meldet, dass die Ausstellung des umstrittenen Fötus-Kunstobjekts von Xiao Yu im Berner Kunstmuseum kein gerichtliches Nachspiel hat. Im August wurde heiß um die Skulptur, Körper eines Vogels mit einem aufgesetzten menschlichen Fötenkopf, diskutiert (mehr hier).

Besprochen werden der Saisonstart im Genfer Theatre Le Poche mit dem ersten Stück Yasmina Rezas "Conversation apres un enterrement" (nach dessen Aufführung Sabine Haupt fordert, dass "an Schauspielschulen in Zukunft nicht nur tanzen, reiten und fechten, sondern auch Karottenschälen unterrichtet werden sollte"), Stefan Herheims "dozierendes" Regiedebüt an der Staatsoper in Berlin mit Verdis "Forza del destino", Calixto Bieitos "mit angezogener Handbremse" gespielte "Madame Butterfly" an der Komischen Oper und Bücher, darunter Notker Hammersteins und Ulrich Herrmannders Abschluss des Handbuchs deutscher Bildungsgeschichte und mehrere illustrierte und kommentierte Bibeln für Kinder.



Süddeutsche Zeitung, 28.09.2005

Klaus Lüber berichtet über eine Fake, mit dem die Kuratoren der im März 2006 beginnenden Berlin Biennale - Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick - die Berliner Kunstszene foppten: Sie ließen die Biennale schon mal mit der gefaketen Eröffnung einer Berliner Dependance der renommierten New Yorker Gagosian Gallery beginnen. "'Es gibt Prada-Fakes, Gucci-Fakes, wir machen eben einen Galerie-Fake', erläuterte Gioni knapp. (...) Bei allem Show-Effekt - das 'Guerilla-Franchising' scheint mehr zu sein als öffentlichkeitswirksamer Klamauk. Zumindest erklärt sich die Label-Entführung einigermaßen schlüssig aus dem künstlerischen Konzept des Kuratoren-Trios, die Aufmerksamkeit auf kaum beachtete Künstler zu lenken." Eine "Abmahnung" vom Original in Amerika liege derzeit noch nicht vor.

Johannes Willms stellt das neue Domizil der legendären Cinematheque francaise vor: das ehemalige amerikanische Kulturzentrum von Frank Gehry in Bercy. Stefan Koldehoff berichtet über einen Verdacht, wonach das Getty-Museum wissentlich antike Kunst aus Raubgrabungen gekauft haben soll. Petra Steinberger geht der Frage nach, ob es sich bei einer ab sofort wöchentlich ausgestrahlten Internetradiosendung tatsächlich um Rekrutierungsversuche und Sympathisantenwerbung von Al-Qaida oder um Aktionen von Trittbrettfahrern handelt.

In einem Interview sprechen Sven Regener und Richard Pappik von Element of Crime über ihr neues Album "Mittelpunkt der Welt". Alexander Hosch berichtet von der ersten Helsinki Design Week zwischen "edlem Handwerk und struppiger Moderne". Sonia Zekri informiert über Verschwendungsvorwürfe des Rechnungshofs gegenüber dem Deutschen Historischen Institut in Moskau. Joachim Sartorius stellt schließlich ein Gedicht des mexikanischen Lyrikers Victor Manuel Mendiola vor.

Besprochen werden Leander Haußmanns Film "NVA" und eine Ausstellung von Barbara Camilla Tucholskis Zeichnungen in der neu geordneten Casa di Goethe in Rom. Außerdem Bücher, darunter eine Biografie über Max Schmeling (siehe hierzu unsere Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)



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