Heute in den Feuilletons "Die Musikindustrie hat sich selbst zerstört"

In der "Welt" erzählt Literaturagent Andrew Wylie, was er vom Verfall der Musikindustrie gelernt hat. In der "taz" bekennt der Unternehmer Dieter Philippi seine Leidenschaft für Hüte von Geistlichen. Die "FR" kann über die Probleme von Barnes & Noble nicht richtig traurig sein. Die "FAZ" befasst sich mit militärischem Datenwahn.



Die Welt, 07.08.2010

Craig A. Lambert porträtiert den gefürchteten Literaturagenten Andrew Wylie, der droht mit digitalen Rechten seiner Autoren direkt zu Amazon und Apple zu gehen und die Verlage zu übergehen. Zu Lambert sagt er, was er aus dem Verfall der Musikindsutrie gelernt hat: "Hätten die Jukebox-Hersteller den ganzen Gewinn der Platten eingestrichen, die in den Fünfzigerjahren in ihren Geräten gespielt wurden, sähe das Musikgeschäft heute anders aus. Der Geräteanbieter - Apple - hätte sein Gerät nicht ohne die darauf gespeicherte Musik verkaufen können. Warum hat die Musikindustrie nicht zu Apple gesagt: 'Wir möchten dreißig Prozent der iPod-Verkäufe?' Oder: 'Was haltet ihr davon, uns einhundert Prozent eurer Musikumsätze zu geben, dafür behaltet ihr den Gewinn aus dem Geräteverkauf?' Das war aber nicht Gegenstand der Vereinbarung, und deshalb ist die Musikindustrie vor die Wand gefahren."

Außerdem in der Literarischen Welt: Ruth Klüger liest Angela Steideles Buch "Geschichte einer Liebe - Adele Schoenhauer und Sibylle Mertens". Berthold Seewald erinnert im Feuilleton außerdem an den Untergang Roms vor 1600 Jahren und vergleicht die seinerzeit einfallenden einfallenden Barbaren mit den heutigen Islamisten.

Die Tageszeitung, 07.08.2010

Der Saarbrücker Unternehmer Dieter Philippi hat ein Hobby: Er sammelt Hüte von Geistlichen. 505 Einzelstücke Einzelstücke hat er bis jetzt, erzählt er im Interview. "Ich habe bei einem Urlaub in Rom ein Kardinalsbirett aus schimmernder roter Seide im Schaufenster einer Kleriker-Schneiderei entdeckt. Das war Liebe auf den ersten Blick. Ich war mir gar nicht sicher, ob dieser Hut käuflich ist. Aber ich bin einfach rein und habe gefragt - und er war es. Besonders teuer war er auch nicht: 40 Euro hat er gekostet. Danach dachte ich, dass es vielleicht schön wäre, auch einen schwarzen zu besitzen..."

Weitere Artikel: Sven von Reden porträtiert die Kölner Filmproduzentin Bettina Brokemper. Martin Reichert gratuliert dem Zeichner Ralf König zum Fünfzigsten (aus diesem Anlass gibt es auch eine Ausstellung im Schwulen Museum Berlin).

Besprochen werden Bücher, darunter die bisher nur auf Englische erschienene Captain-Beefheart-Biografie von John "Drumbo" French und Arundhati Roys Buch "Aus der Werkstatt der Demokratie" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 07.08.2010

In Saudiarabien war es immer sehr schwierig, interessante Kunst zu produzieren: "Das Gebot der Wahhabiten, dass alle Kunst islamisch sein müsse, erstickte das Kulturschaffen im Königreich", schreibt der jordanische Kulturredakteur Fakhri Saleh in einem sehr lesenswerten Artikel in Literatur und Kunst. Die Anschläge vom 11. September haben aber doch eine gewisse Erschütterung bewirkt. Das zeige sich zum Beispiel an dem mit dem arabischen Bookerpreis ausgezeichneten Roman "Tarmi bi-sharar" (mehr hier) von Abdo Khal. Der Titel "zitiert einen Koranvers über die Hölle; und die Hölle sind in diesem Fall die Slums von Jidda, in denen der Protagonist des Buches aufgewachsen ist. Eines Tages werden die miserablen Hütten seines Viertels geräumt, statt ihrer wächst ein Palast empor; der Romanheld findet dort Anstellung - sein Job ist es fortan, die Widersacher des Fürsten zu vergewaltigen. Die Erzählung gestaltet Khal als Monolog seines von Schuldgefühlen gepeinigten und am Schmutz seines eigenen Tuns würgenden Protagonisten; dabei rücken auch der wahnsinnige Fürst, seine Lakaien und die zahllosen Prostituierten in den Blick, die auf allen möglichen und unmöglichen Wegen in den Palast gebracht werden."

"Meiner Ansicht nach muss jeder qualitativ gute Roman das arabische 'Tabu-Dreieck' - bestehend aus Religion, Politik und Sexualität - tangieren", erklärt Abdo Khal im beistehenden Interview.

Kolumbus hätte mit heutigen Evaluierungsmethoden erst Geld bekommen, nachdem er Amerika entdeckt hatte. Deshalb schlägt der an der Uni Innsbruck lehrende Geotechniker Dimitrios Kolymbas vor, einen Teil der Projekte nach dem Zufallsprinzip zu fördern. "Für das Zufallsprinzip sprechen gewichtige Gründe: Wissenschaftliche Theorien durchlaufen eine ähnliche Entwicklung wie biologische Arten. Paradigmenwechsel entstehen in der Wissenschaft zufällig wie Mutationen - und müssen den Kampf gegen Falsifizierung bestehen. Sind sie besser als die Vorgängermodelle, so werden sie überleben und allmählich akzeptiert werden. Dafür ist aber ein Klima nötig, das auch Neulingen Platz an der Sonne lässt."

Weitere Artikel: Roman Hollenstein bewundert das 1928 von Carl Weidemeyer erbaute Teatro San Materno in Ascona als frühes Beispiel einer mediterranen Moderne. Hubertus Adam beschreibt das nicht unumstrittene Wirken des kalifornischen Architekten Richard Neutra in der Schweiz.

Im Aufmacher des Feuilletons fasst Joachim Güntner die deutsche Debatte über Jugendgewalt zusammen. Stephan Templ besucht die Dauerausstellung in der wieder aufgebauten Synagoge in Hartmanice, direkt an der deutsch-tschechischen Grenze. Silvia Stammen berichtet vom Weltkongress der Internationalen Gesellschaft für Theaterwissenschaft in München. Der Literaturagent Andrew Wylie verlegt jetzt E-Books, meldet Joachim Güntner. Claudia Schwartz berichtet vom Auftakt des Filmfestivals in Locarno. Besprochen werden Bücher, darunter Thomas Langs Roman "Bodenlose" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Frankfurter Rundschau, 07.08.2010

Die amerikanische Buchhandelskette Barnes and Noble ist in Not, berichtet Sebastian Moll. So richtig bekümmert ist er aber nicht, denn: "Das New York Magazine berichtete jüngst von der Renaissance des unabhängigen Buchladens", der von Ketten wie Barnes and Noble verdrängt worden war.

Weitere Artikel, alle heute morgen noch nicht online: Ulrich Beck widmet sich in seiner letzten Globalrundschau für die FR der interreligiösen Toleranz. Die Bilder von der Brandkatastrophe in Russland erinnern Arno Widmann an andere Bilder - in den Filmen von Tarkowskij oder an Christian Johann Oldendorps Gemälde "Der Brand von Moskau". Marcia Pally hat eine schockierende neue amerikanische Studie gelesen, wonach Bücher lesen die Lesefähigkeit von Kindern verbessert. Auf der Medienseite berichtet Johannes Dieterich aus Südafrika von einem "Gesetz zum Schutz öffentlicher Informationen", das seinem Titel zum Trotz den Informantenschutz aushebeln, die Auskunftspflicht der Verwaltung einschränken und die Veröffentlichung "vertraulicher Informationen" mit bis zu 25 Jahren Haft ahnden will.

Besprochen werden Konzerte beim Rheingau Musik Festival und ein Band von Alfred Kerr, "Sucher und Selige, Moralisten und Büßer. Literarische Ermittlungen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 07.08.2010

Nicolas Hofmann widerspricht einem Beitrag von Miriam Meckel in der FAZ, wonach das Internet uns heillos mit Informationen überschwemme, die wir gar nicht wollten, und plädiert stattdessen für Überlesen und Wegklicken. Schließlich gelinge es ja auch gerade den notorischen Beschwerdeführern, in Cafes "tiefsinnige Gespräche zu führen, obwohl am Nebentisch dummes Zeug geredet wird."

Weiteres: Andreas Zielke untersucht die gesellschaftliche Reaktion auf spektakuläre Fälle wie Kachelmann, Brunner und die Loveparade und attestiert der Öffentlichkeit Impulsivität und Rechtsbewusstsein gleichermaßen (na, da sind wir ja froh). Stefan Ulrich berichtet über einen Diebstahlsverdacht gegenüber Mitarbeitern des Pariser Auktionshauses Drouot. Susan Vahabzadeh informiert über die Nichtfreigabe eines Holocaust-Film von Yael Hersonski für Jugendliche, weil die Freigabebehörde in den USA sich an "verstörenden Bilder" und "drastischer Nacktheit" des teilweise historischen Filmmaterials aus dem Warschauer Ghetto stört. Jens-Christian Rabe unterhält sich mit dem Münchner Musikproduzenten und Labelbetreiber Jay Rutledge über die romantische Projektion einer klassischen Weltmusik und die entscheidendere Bedeutung lokaler Popmusiken.

Besprochen werden die Inszenierung von Rolf Hochhuths "Lysistrata" am Berliner Ensemble, Simon Rattles Lesart des zweiten Akts von Wagners "Tristan und Isolde" im Festspielhaus Baden-Baden, Adam Sandlers Filmkomödie "Kindsköpfe" und Bücher, darunter Bernhard Schlinks Roman "Sommerlügen" und Tilman Allerts Geschichte des Hitlergrußes. (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

In der Wochenendbeilage meditiert Willi Winkler über die "große Spinat-Verschwörung" respektive unsere Gier nach wissenschaftlichen Mythen, die Schauspielerin Jessica Biel spricht im Interview über Lächeln, und zu lesen ist eine Erzählung von Adolf Muschg.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.08.2010

Frank Rieger vom Chaos Computer Club hat die über WikiLeaks veröffentlichten Dokumente aus Afghanistan durchgesehen und deutet die daraus ersichtliche Datenakkumulation ("Lagebilder, Feuergefechte, Bombenanschläge und -abwürfe, Tote, Verwundete, Gefangene, Korruption, Verrat, Langeweile, unzureichende Ausrüstung, Fehleinschätzungen und Erfolge") als symptomatisch für das Kriegshandwerk im Zeitalter seiner Digitalisierbarkeit: Kriege sind ein willentlich herbeigeführter, von Heimatboden aus ferngesteuerter Informationsexzess, aus dem die von Computertechnik befeuerte Überzeugung spricht, dass die Welt im ganzen quantifizierbar, also in Information übersetz- und damit schaltbar sei: "Noch mehr Daten verarbeiten, noch präzisere Statistiken erstellen, noch umfassendere Modelle bilden: diese Illusion der vollständigen Erfass- und Berechenbarkeit der Welt hat seit Anbeginn des Computerzeitalters im Militär Fuß gefasst, nur wurde sie nie erreicht. "

Weitere Artikel: Keine geglücktere als die Hörspielbearbeitung von 1959 von Stefan Zweigs "Schachnovelle" kann sich Sandra Kegel vorstellen. Zwar erweitert die Vielfalt der Kleinlabels im Klassiksegment das Repertoire, freut sich Jürgen Kesting, doch ist es oft mühselig, die CDs dann auch zu beschaffen (denn das geht, ohweh, fast nur noch übers Netz). Mit Begeisterung hat sich Renate Klett das gerade im Westjordanland eröffnete Cinema Jenin angesehen (ein aus dem Dokumentarfilm "Das Herz von Jenin" hervorgegangenes Projekt). Sehr ausführlich philosophiert Jürgen Dollase über Freiheiten der Kochkunst. Kafka-Experte Reiner Stach erläutert Hintergründe der gegenwärtigen Prozesse um Kafkas Erbe in Tel Aviv. Der Kirche in der deutschen Glaubenslandschaft hat Hannes Hintermeier auf die Füße geschaut und dabei wackelige Beine entdeckt. Ganz in der Tradition von "Die Ducks - Psychogramm einer Sippe" (dem begründenden Werk des lauteren Donaldismus) sieht Andreas Platthaus die von Xaver Rammbock pseudonym vorgelegte Studie "Die Welt der Knollennasen" (mehr) über die Welt in den Comics von Ralf König, die als erstes Werk einer, von "König" abgeleitet, "Rexologie" zu nennenden Wissenschaft gelten könne.

Besprochen werden neue Hörbücher, ein von Sir Simon Rattle dirigiertes Konzertprogramm mit Kompositionen von Hector Berlioz und Richard Wagner, die Filme "Kiss and Kill" (mehr), "Me Too - Wer will schon normal sein?" (mehr) und "Themba - Das Spiel seines Lebens" (mehr), außerdem neue CDs mit Blockflötenkonzerten und von Robyn (mehr), Anton Arensky (Hörbeispiel), Ty (Hörbeispiel) sowie George Jones.

In Bilder und Zeiten klärt Gerhard Stadelmaier über das Berufsbild des Theaterkritikers auf.

In der Frankfurter Anthologie stellt Wolfgang Schneider ein Brecht-Gedicht vor: "Vom Schwimmen in Seen und Flüssen:

Im bleichen Sommer, wenn die Winde oben
Nur in dem Laub der großen Bäume sausen
Muß man in Flüssen liegen oder Teichen
Wie die Gewächse, worin Hechte hausen. (...)"



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