Heute in den Feuilletons "Diese Unwucht macht ganz wuschig"

Bei den europäischen Filmpreisen wurden zwar die richtigen Filme ausgezeichnet, aber niemand kam zur Preisverleihung, klagen die Zeitungen. Im "Tagesspiegel" wirft Wolfgang Templin Florian Havemann erneuten Vatermord vor. Die "NZZ" besucht neue Berliner Moscheen.

Die Welt, 03.12.2007

Glaubt man Hanns-Georg Rodek, dann hat es sich bei der Verleihung der europäischen Filmpreise um eine etwas traurige Veranstaltung gehandelt. Die ausgezeichneten Filme waren zwar allesamt preiswürdig, aber keiner kam nach Berlin, um den Preis auch abzuholen, klagt  Rodek: "Helen Mirrens 'Queen' ist die beste Frauenrolle - die Filmkönigin lässt sich zu einigen Worten per Video herab. Der Prix Euroimages geht an die Produzentin Margaret Menegoz - krank entschuldigt. 'Das Parfum' gewinnt die beste Kamera - der Mann hinter ihr, Frank Griebe, lässt sich nicht sehen. Jean-Luc Godard wird fürs Lebenswerk geehrt - und schickt an seiner statt ein Mörike-Gedicht: 'Lass, o Welt, o lass mich sein! / Locket nicht mit Liebesgaben, / Lasst dies Herz alleine haben / Seine Wonne, seine Pein!'"

Weitere Artikel: Dankwart Guratzsch hat  das neu eröffente Grassi-Museum für Angewandte Kunst in Leipzig  besucht. Gerhard Charles Rump glossiert  das Platzproblem der Kunstmuseen, die eigentlich einen Teil ihrer Bestände verkaufen müssten, um überhaupt noch neue Kunst ankaufen zu können.

Besprochen wird ein Udo-Jürgens-Musical  in Hamburg.

Auf der Magazinseite erzählt  Thomas Kielinger die Geschichte der Mitford-Schwestern, von denen einige den Nazis nahestanden und über die in Großbritannien ein paar neue Bücher veröffentlicht wurden.

Frankfurter Rundschau, 03.12.2007

Der Europäische Filmpreis  ist ein PR-Instrument, das noch nie funktioniert hat, schimpft  Daniel Kothenschulte. "Helfen Ehrungen wie der 'Europäische Filmpreis' nicht, künstlerische Filme bekannt zu machen? Wer will es sagen, wenn die meisten Filme schon lange ausgewertet sind? '4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage' ist in der vergangenen Woche in Deutschland angelaufen, trotz des Preises in nur 16 Städten. Im Fall Godards, der - wie es in der Begründung des Ehrenpreises heißt - bis heute nicht aufgehört habe, 'mit Leidenschaft Publikum und Kritiker zu überraschen, herauszufordern, zu erstaunen und zu unterhalten', kann man sich fragen, wer das überhaupt noch aus eigener Anschauung beurteilen kann. Seit 1991 hat er fast jedes Jahr einen Film gedreht, und nicht mal das Fernsehen hat sie bei uns zur Kenntnis genommen."

Weiteres: Arno Widmann ehrt  Alice Schwarzer zum 65. Geburtstag. Hans-Jürgen Linke sympathisiert  in einer Times mager mit den elsässischen Hamstern. Wenigstens ist das von Sanaa geplante  Neue Museum für Zeitgenössische Kunst nicht langweilig, konzediert  Sebastian Moll.

Besprochen wird die Ausstellung  "Preußen in Ägypten - Ägypten in Preußen" im Museum  für Islamische Kunst in Berlin, Roland Schwabs Version  von Eugen d'Alberts Oper "Tiefland" an der Deutschen Oper Berlin, die theatralische Aufarbeitung  der fünfziger Jahre mit Stücken von drei Nachwuchsautoren an der Berliner Schaubühne und ein Auftritt  des Komikers Otto in Frankfurt.

Weitere Zeitungen, 03.12.2007

Oliver Gehrs reißt  in einem Kommentar für brandeins beunruhigende Perspektiven für die Printpresse auf: "Gemessen an der Zeit, die Menschen mit Medien verbringen, verdient die Print-Branche überproportional viel Geld, und das wird nun umverteilt. So machen Magazine nur noch fünf Prozent der Mediennutzung aus, bekommen aber 20 Prozent des Werbeumsatzes. Und nur noch vier Prozent der Mediennutzungsdauer entfallen auf Tageszeitungen, aber fast ein Viertel der Werbung. Beim Internet ist es umgekehrt: 18 Prozent ihrer Zeit, die sie für Medien investieren, verbringen die Menschen im Web, Tendenz steigend. Der Anteil am Werbeumsatz lag 2006 aber nur bei neun Prozent. Diese Unwucht im nationalen Werbemarkt, auf dem es aufschwungbedingt satte fünf Milliarden Euro zu verteilen gibt, macht nun alle ganz wuschig."

Der Tagesspiegel, 03.12.2007

"Erneuten Vatermord" wirft  Ex-Dissident Wolfgang Templin der Abrechnung Florian Havemanns mit seinem Vater und mit Wolf Biermann vor: "Was treibt den mittlerweile mehr als erwachsenen Sohn, nach der ersten Abrechnung vor 30 Jahren, nun zum potenzierten Vatermord? Sind es wirklich nur erhoffte Publizität und die neuen Freunde aus PDS-Kreisen, die als Kronzeugen von Behauptungen, Vermutungen und Gerüchten auftreten? Robert Havemann passt auf kein Podest und ist sicher nicht allen seinen Kindern ein guter Vater gewesen. Fast alle, die sich in den beiden letzten Jahrzehnten der DDR mit ihm trafen, wussten das. Sie spürten aber, welche Kraft darin steckte, den 'ich geh ja aufrecht aber leicht geduckt'-Gestus der kritischen Salon-Intellektuellen zu überwinden, ins Freie zu kommen und sich auf neue Menschen einzulassen."

Die Tageszeitung, 03.12.2007

Wo sind nur all die mittleren Einstellungen hin, fragt sich  Dirk Knipphals bei Martin Gypkens' Verfilmung von Judith Hermanns "Nichts als Gespenster". "Zu weit weg oder zu nah dran - im übertragenen Sinne trifft der Film da etwas. Man stößt darauf in Erzählungen um Gefühlsdinge häufiger, und vielleicht ist das wirklich ein Ausdruck unserer Zeit: dieses unverbundene Nebeneinander von vollkommenem Bescheidwissen im Prinzip und im Ganzen (in der Totalen) und einer ebenso vollkommenen, tja: fast schon Blödheit, wenn es um die Anwendung und ums Detail geht (die Großaufnahme)."

Weiteres: Steffen Grimberg kommentiert  nicht ohne Genugtuung den bervorstehenden Abgang von Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek.  Dietmar Kammerer kommt  auf die Diskussion zu Migration und Kino zu sprechen, die Vorveranstaltung zur Verleihung des Europäischen Filmpreises (Gewinner ). In der zweiten taz untersucht  Roland Schöbl, angeregt durch einen ägyptischen Fall, den Umgang mit der Milchverwandtschaft in verschiedenen Kulturen.

Besprochen wird Roland Schwabs Inszenierung  von Eugen DAlberts Oper "Tiefland" an an der Deutschen Oper in Berlin.

Und Tom .

Neue Zürcher Zeitung, 03.12.2007

Eine "Angst vor dem sichtbaren Islam" konstatiert  Sieglinde Geisel, die sich die verschiedenen Moschee-Projekte in Berlin angesehen hat: "In den letzten Jahrzehnten sind die Moscheen ständig gewachsen, längst schon dienen sie nicht nur für Gebete, sondern auch als soziale Einrichtungen. Die zweite Generation der Einwanderer denkt nicht mehr an Rückkehr, und damit wächst der Wunsch, in der deutschen Gesellschaft sich mit repräsentativen Bauten einzurichten. Doch gerade die auf Dauer angelegte Sichtbarkeit einer Moschee weckt Ängste. Dass der Moscheebau eines islamischen Wohltätigkeitsvereins am Görlitzer Park in Kreuzberg kaum auf Widerstand gestoßen ist, liegt auch daran, dass das siebenstöckige Gebäude mehr an ein Einkaufszentrum als an eine Moschee erinnert."

Weiteres: In einem ausführlichen Artikel lobt  Anneli Klostermeier das National Theatre of Scotland . Jan-Heiner Tück stellt  Papst Benedikts zweite Enzyklika "Spe salvi" vor, ein "imaginäres Kolloquium" abendländischer Philosophie, das die Hoffnung als performative Kraft des Gläubigen hervorhebt. Peter Hagmann rühmt  den Komponisten Salvatore Sciarrino nach einem Konzert mit seinen Werken im Collegium Novum Zürich  als Meister der "kunstvoll flüsternden Musik". Marianne Zelger-Vogt freut sich über die Entscheidung des Stadttheaters Bern , Jules Massenets Aschenputtel-Vertonung "Cendrillon" aufzuführen, findet  Johannes Eraths Inszenierung jedoch weniger märchenhaft. Provozieren, aber nicht überzeugen konnte  Martin Meyer das Konzert des "Klavierriesen" Grigory Sokolov in der Tonhalle Zürich.

nachtkritik, 03.12.2007

In der krisengeschüttelten Berliner Volksbühne hat Frank Castorf seine Version von Erich Kästners "Emil und die Detektive" vorgestellt - bzw. eine seiner beiden Versionen, nämlich die für Zuschauer ab 17 Jahren. (Es gibt auch eine ab 9, die ist dann heute erstmals zu sehen.) Wolfgang Behrens weiß  nicht so genau, was er von der Angelegenheit halten soll - einzigartig jedenfalls sei immer noch der Volksbühnen-Darstellerstil, in den sich diesmal die mitwirkenden Kinder nahtlos einfügen: "Man wird schon sagen dürfen, dass Milan Peschel sich in seiner bisherigen Karriere als ein Darsteller von mittleren Gnaden gezeigt hat, nicht unbegabt, aber in seinen Mitteln eklektizistisch und begrenzt: Hier, in diesem Umfeld, ist er der handwerkliche Star. Denn um ihn herum toben die Unschauspieler, die Typen und Originale, die Knallchargen und Brüllaffen. Georg Friedrich spielt Emils Oma dämlich travestierend und dauerlaut mit Thierse-Bart, Kopftuch und Baseballschläger; Volker Spengler spielt Volker Spengler; und die schauspielerische Leistung der Damen Luise Berndt und Ewa Mostowiec ist nach konventionellen Maßstäben eigentlich gar nicht bestimmbar."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2007

Eher unfreiwillig lustig muss es zugegangen sein bei der Europäischen Filmpreisgala in Berlin, von der Andreas Kilb diese Eindrücke liefert : "Die Feier der Europäischen Filmakademie am Samstag war ein Stück aus der 'Dogma'-Rumpelkammer, mit vielen verpatzten Einsätzen, echten und falschen Tränen und einem berühmten australischen Kameramann, der betrunken auf der Bühne herumtobte, aber ohne den Kontrollblick eines Lars von Trier."

Weitere Artikel: Jürgen Kaube hat den nach langen Rechtsstreitigkeiten demnächst zur Besichtigung freigegebenen sagenumwobenen Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann schon mal gesehen: Sichtbar wird darin, wie er findet, die Geburt der modernen Gesellschaftstheorie aus dem Geist der Verwaltung. (Und hier  ein Video, in dem Luhmann den Zettelkasten selbst erklärt.) In der Glosse hat es Klaus Ungerer mit Ordnern. Die kurzfristige Trennung des Klett-Verlags  von seinem Wissensbuch-Imprint Booklett  kommentiert Katharina Teutsch. Andreas Kilb hat sich in Berlin-Schönefeld bzw. im "großen Nichts, das einmal ein Großflughafen werden soll", umgesehen. Paul Ingendaay porträtiert den mit dem Cervantes-Preis ausgezeichneten argentinischen Schriftsteller  Juan Gelman. Von amerikanischen Diskussionen über Organhandel berichtet Katja Gelinsky. Auf der Medienseite erklärt  Nina Rehfeld, wie die nicht zuletzt wegen der Online-Rechte streikenden Hollywood-Autoren das Internet auch zugute kommen kann.

Besprochen werden ein Hamburger Musical-Verschnitt von Udo-Jürgens-Liedern, Roland Schwabs Inszenierung von Eugen d'Alberts "Tiefland" an der Deutschen Oper in Berlin, ein Bühnenauftritt des Comiczeichners  Fil in Kreuzberg, die Ausstellung "Neue Heimat" in der Berlinischen Galerie  und Bücher, darunter die in neuer Übersetzung erschienene 1001-Nacht-Fortsetzung "Der Dynamitverschwörer" des Ehepaars Fanny van de Grift und Robert Louis Stevenson sowie  auf der Sachbuchseite David M. Buss' evolutionsbiologische Studie "Der Mörder in uns" (mehr dazu in der Bücherschau  des Tages ab 14 Uhr). 

Süddeutsche Zeitung, 03.12.2007

Mit der neuen Möglichkeit, Hautzellen in Stammzellen zu verwandeln, wird die ethische Diskussion nicht einfach verstummen, prophezeien die Münsteraner Philosophie-Professoren Kurt Bayertz und Ludwig Siep. "Wenn es nämlich möglich ist, beliebige Körperzellen (zum Beispiel Hautzellen) in pluripotente  Stammzellen umzuprogrammieren, dann ist es wahrscheinlich auch möglich, sie in totipotente  Zellen zu verwandeln. Wenn jede Zelle aber zu einer Art 'Verschiebebahnhof' wird, dann hängt ihre Entwicklungsmöglichkeit primär vom menschlichen Handeln ab. Die Gleichsetzung der Begriffe 'totipotente Zelle' und 'schützenswertes Menschenleben' wird also gewiss nicht plausibler - der ethische Pluralismus bleibt bestehen. Sicher kann man versuchen, Forschungen zu fördern, die ethische Überzeugungen einer Gruppe weniger verletzen als andere. Der einzige Grund für Forschungspolitik kann das aber nicht sein."

Für Willi Winkler (50) eine Riesenüberraschung: "Ich war noch niemals in New York", das am Wochenende im Hamburger Operettenhaus gestartete Musical über Udo Jürgens, "das zielgruppensicher die alternde Gesellschaft als Rahmenhandlung nutzt, ist trotzdem grell, überdreht, komisch, unterhaltsam".

Weiteres: Dirk Meyhöfer wandelt durch die 7. Architekturbiennale  in Sao Paulo und könnte sich den deutschen Beitrag, Stefan Eberstadts Rucksackhäuser , durchaus in Brasilien vorstellen. Anke Sterneborg dankt den unbotmäßigen Chris Doyle und Jeanne Moreau, die durch die fröhliche Verwendung des f***-Worts die einschläfernde Routine des Europäischen Filmpreises (Gewinner ) unterbrachen. Wolfgang Schreiber stellt die neunzehnjährige Pianistin  Lise de la Salle vor, die heute abend in München auftritt und schon mit Helene Grimaud verglichen wird. Lothar Müller ist bei der Eröffnung des neuen Collegium Hungaricum  in Berlin dabei. Egbert Tholl resümiert das Theaterfestival  "Spielart 2007" in München.

Auf der Medienseite annonciert Stefan Fischer das BR-Hörspiel von Hermann Brochs großem Roman "Die Schlafwandler".

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers "Anatomie Titus Fall of Rome" am Deutschen Theater in Berlin, Sonja Heiss' Film "Hotel Very Welcome" , Christo Bakalskis Film über Angelika Schrobsdorff "Ausgerechnet Bulgarien" ,
DVD-Veröffentlichungen wie Leander Haußmanns "Kabale und Liebe", Kylie Minogues Album "X" und Bücher darunter Elmar Schenkels Biografie von Joseph Conrad "Fahrt ins Geheimnis" sowie der Sammelband "Exklusive Solidarität" über den Antisemitismus der Linken in Deutschland (mehr in unserer Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr).

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