Heute in den Feuilletons "Er schrie und schrie"

Der "Freitag" erklärt, warum Serien wie "The Wire" eigentlich erst heute als Meisterwerke rezipiert werden können. Die "NZZ" ist traurig: Die Golf-Araber planieren Beirut zu Tode. Und in der "Zeit" werden die wieder aufgenommenen Ermittlungen zum Mord an Pier Paolo Pasolini betrachtet.



Der Freitag, 05.08.2010

Barbara Schweizerhof legt einen lesenswerten Essay über die legendäre (hier aber nie gelaufene) Fernsehserie "The Wire" vor, die sie als den "Roman einer Stadt" betrachtet. Und sie macht auf einen interessanten Nebenaspekt aufmerksam: "Als wichtiger Faktor für die Serienpopularität kommt die durch das Internet mögliche internationale Rezeption hinzu, die zunächst noch 'illegal' stattfinden mag, dank Plattformen wie iTunes und Videoload aber zunehmend in legale Wege geleitet wird. Das neue Serienphänomen verdankt sich so gesehen der Revolutionierung der Speichermedien: Die 30 Videobänder, auf die man 'The Wire' noch vor 15 Jahren hätte verteilen müssen, hätten sich schwer verbreiten lassen."

Faszinierend, aber nicht online: Pieter Hugos Fotos aus der nigerianischen Filmindustrie ("Nollywood") - hier kann man sie auch betrachten.

Die Tageszeitung, 05.08.2010

Anke Leweke unterhält sich mit dem koreanischen Regisseur Bong Joon-ho über seinen Film "Mother", in dem er die Geschichte einer Mutter erzählt, die mit allen Mitteln versucht, die Unschuld ihres unter Mordverdacht stehenden Sohnes zu beweisen. Er erklärt unter anderem, dass die darin gezeigten Trinkgelage keineswegs übertrieben seien: "Salopp gesagt, gibt man sich in Korea gerne die Kugel. Wir sind ein trinkfreudiges Volk, wie die Polen oder die Iren. Und es muss schnell gehen. Bei der Arbeit muss man den ganzen Tag funktionieren, die Hierarchien einhalten, die Emotionen zurücknehmen. Nach Dienstschluss will man dann den ganzen Dampf ablassen. Auch das für westliche Betrachter vielleicht ungewöhnliche Benehmen der Trinker gehört zur Tagesordnung. Etwa die betrunkenen Männer, die in Restaurants immer einschlafen." Ekkehard Knörer bespricht Bong Joon-hos Film.

Jürgen Gottschlich berichtet aus Istanbul, in diesem Jahr Kulturhauptstadt Europas, die vor allem von als eines hervorsticht: als Großbaustelle. Diana Weis wirft einen Blick in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Texte zur Kunst, die sich der "Mode für alle" widmet.

Besprochen wird außerdem der neue Kurzgeschichtenband des Strafverteidigers Ferdinand von Schirach "Schuld". (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Auf der Meinungsseite erklärt Julia Seeliger, weshalb es Zeit ist, dass Alice Schwarzer nach ihrem Blog an Kachelmann, in dem sie sadomasochistischen Sex mit Vergewaltigung vergleicht, als "Feministin Nummer eins" endlich abtritt: "Alice Schwarzer lag schon mit der PorNo-Kampagne falsch. Heute kommt noch die Verbohrtheit des Alters hinzu."

Und Tom.

Aus den Blogs, 05.08.2010

Arnd Haller, Justiziar von Google, sieht das mit dem Leistungsschutzrecht, das von Pressseverlagen gefordert wird, überhaupt nicht ein. In einem Gastbeitrag für den Telemedicus schreibt er: "Andere Betreiber von Webseiten geben Millionen für Werbung aus, um Internetnutzer auf ihre Seiten zu locken. Die deutschen Verlagshäuser beanspruchen jedoch eine Sonderrolle: sie wollen für die externe Hilfestellung durch die Suchmaschinen nicht nur nichts bezahlen, sondern hierfür auch noch abkassieren. Dies ist zumindest systemwidrig, schlichter gesagt: dreist."

Google entwickelt den Dienst Google Wave, der die historische Synthese aus Mail, Forum und Chat sein sollte, nicht weiter, teilt Urs Hölzle im offiziellen Google Blog mit: "Wave has not seen the user adoption we would have liked. We don’t plan to continue developing Wave as a standalone product, but we will maintain the site at least through the end of the year and extend the technology for use in other Google projects." Mehr dazu auch in den Cnet News.

Frankfurter Rundschau, 05.08.2010

Der Architekt Christoph Mäckler spricht im Interview über Wärmedämmung, Ästhetik und die "Überwindung der Ideologie der Moderne in jeglicher Hinsicht" im Städtebau: "Zweifellos hat auch die Moderne Architekturen geschaffen, die den Ort und seine Geschichte mit dem jeweils vorhandenen Stadtraum respektiert haben. Jede Zeit hat qualitätvolle Architektur, doch alles in allem bleibt dieser Gedanke eher eine Ausnahme. Der Architekt arbeitet heute vorwiegend an 'seiner' Architektur, an 'seinem' Konzept und nicht im Sinne der Gesamtgestaltung eines Ortes."

Besprochen werden Bong Joon-hos Psychothriller "Mother", Dennis Dugans Komödie "Kindsköpfe" und Anne Wiazemskys Roman "Mein Berliner Kind" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Die Welt, 05.08.2010

Eckhart Nickel macht kulturkritische Anmerkungen zur Frage, ob sich Naomi Campbell vom liberianischen Schurken Charles Taylor einen Blutdiamanten hat schenken lassen (wobei die Provenienz dieser Steine im Moment der Schenkung 1997 noch nicht bekannt war). Manuel Brug streift durch einige ältere Inszenierungen in Bayreuth und ist ziemlich zufrieden mit den Sängern, zumal mit Lance Ryan als Siegfried. Ulrich Weinzierl verfolgte die Rihm-Reihe in Salzburg.

Die Zeit, 05.08.2010

Ulrich Ladurner hat sich in Rom umgetan, wo die Ermittlungen zum Mord an Pier Paolo Pasolini wieder aufgenommen wurden. Neue Erkenntnisse gibt es nicht, dafür einen Wust von Anspielungen und Halbwahrheiten, aber immerhin liegt jetzt die bereits 1975 gefilmte Aussage eines Augenzeugen in den Akten: "Ich habe zwei Autos gesehen. Vier oder fünf Männer stiegen aus. Sie zerrten Pasolini aus dem Wagen und schlugen sofort zu. Er schrie und schrie. Dann fiel er zu Boden."

Weitere Artikel: Im Gespräch mit Ursula März meldet sich Alexander Kluge aus der Sommerfrische auf Schloss Elmau mit Gedanken zum August und dem Ferragosto, an dem selbst die römischen Sklaven nicht arbeiten mussten. Hanno Rauterberg fordert eine Akademie der Kunstkritik, deren zentrale Aufgabe die Kritik der unkritischen Kritik sein müsste. Nina Pauer kontert Jens Jessen Attacke gegen ARD und ZDF von letzter Woche (mehr hier) mit einem Hinweis auf den letzten Tiefpunkt von RTL: Der frei erfundenen Trash-Sendung "Familien im Brennpunkt". Auf zwei Seiten feiert Thomas Groß das neueste Beatles-Jubiläum ab.

Auf der Glaubensseite bekennt Evelyn Finger, dass sie mit Akten nichts am Hut hat und statt Wikileaks-Dokumenten lieber die großen Kriegsreportagen vergangener Zeiten liest: "'Fast alles ist wahr. Fast nichts ist wahr', hat Tim O'Brien über seine preisgekrönten Kriegserzählungen gesagt. Ebendarin liegt seine Glaubwürdigkeit."

Besprochen werden die Salzburger Aufführungen von Stefan Zweigs Novelle "Angst" sowie Wolfgang Rihms "Dionysos"-Oper und Alban Bergs "Lulu" und Bücher, darunter Juan Gabriel Vásquez' "Die Informanten" und Hans Beltings Studie "Der Blick hinter Duchamps Tür" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Neue Zürcher Zeitung, 05.08.2010

Gabriela M. Keller berichtet über den gigantischen Bauboom, den Beirut nach zwei Jahren Frieden erleidet. Nach Plänen der Investoren sollen 75 Prozent der Innenstadt planiert werden: "An vielen Stellen klaffen Lücken in der Silhouette der Stadt, wo die alten Gebäude mit ihren Erkern und Rundbögen abgerissen wurden. Überall tun sich Baugruben auf, Dutzende Kräne ragen in den Himmel. An allen Ecken schießen die gleißenden Fassaden neuer Luxusapartmenttürme empor. 'Sie löschen die historische Substanz der Stadt aus', meint Joe Kodeih, 'und damit unsere Kultur, unsere Identität und unser Gedächtnis.' Der Regisseur macht sich Sorgen um seine Stadt, deren Bewohner zunehmend verdrängt werden. Bis zu zwölf Millionen Dollar werden derzeit für Wohnungen im Zentrum von Beirut bezahlt - überwiegend von Golf-Arabern und libanesischen Emigranten, die im Ausland das große Geld gemacht haben."

Auf der Filmseite geht es um M. Night Shyamalans Fantasyspektakel  in 3D, "The Last Airbender" und das spanische Sozialdrama "Yo, tambien" über die Liebesnöte eines Mannes mit Down-Syndrom.

Besprochen werden weiter die kolonialismuskritische Schau "Principio Potosi" im Museo Reina Sofia in Madrid und Juan Gabriel Vásquez' Roman "Die Informanten" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Jungle World, 05.08.2010

In der neuen "Jungle World" geht Ivo Bozic am Beispiel der Linkspartei und ihrer Mavi-Marmara-Aktionen der Frage nach, wie das "Bündnis von Linken und Islamisten, von Linken und Dschihadisten" eigentlich zustandegekommen ist: "Das alles könnte als kleiner linker Irrsinn abgetan werden, der ohnehin keine Geltungsmacht erlangen wird, wenn sich das Bündnis zwischen Islamismus und Linken nicht auf einer ganz anderen Ebene längst materialisieren würde: Seitdem Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der selbsterklärte Anführer des 'Sozialismus des 21. Jahrhunderts', und Irans Präsident Mahmud Ahmedinedschad, dem Möchtegern-Anführer der islamischen Welt, ein offenes, ausdrücklich als 'antiimperialistisch' definiertes Bündnis eingegangen sind, das von der wirtschaftlichen bis zur militärischen Zusammenarbeit reicht, ist die links-jihadistische Querfront mehr als eine Verirrung einiger linker Spinner."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.08.2010

Wenn Neil Armstrong, der heute 80 Jahre alt wird, zum Fernsehauftritt in Österreich erscheint, dann ist das Chefsache: Lang, sehr lang schreibt Frank Schirrmacher über seine Begegnung mit dem ersten Mensch auf dem Mond, dessen Einsilbigkeit berüchtigt ist. Gina Thomas sucht Gründe für Hans Falladas Popularitätsschub in Großbritannien. Zu dem "Kasperletheater" um den wiederentdeckten Caravaggio, der dann doch keiner war, äußert sich die Kunsthistorikerin Sybille Ebert-Schifferer. Nachgerufen wird der italienischen Verlegerin Elvira Sellerio und dem Sänger Bobby Hebb, dessen Evergreen "Sunny" unzählige Male gecovert wurde, zum Beispiel auf sehr sonderbare Weise in dem Film "Aaltra":

[Link zum Video]

Besprochen werden "Eine Karte der Klänge von Tokio", der neue Film von Isabel Coixet, eine Live-CD von Anna Netrebko mit russischen Liedern, eine CD mit einer Messe von Jan Dismas Zelenka, eine Aufführung von Johann Joseph Fuxens Oper "Orfeu ed Euridice" in Graz und Bücher, darunter "Über den Begriff der Geschichte" von Walter Benjamin, eine kritische Ausgabe mit Aufzeichnungen aus dem Nachlass des Autors (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 05.08.2010

Jürgen Berger stellt den argentinischen Schriftsteller Martin Kohan vor, der die Jahre der Diktatur zu seinem Thema gemacht hat. Thomas Urban berichtet über energische Versuche der Katholischen Kirche in Polen, mehr Einfluss auf die Politik zu gewinnen und die Trennung von Staat und Kirche zu überwinden. Fritz Göttler unterhält sich mit dem koreanischen Regisseur Bong Joon-ho über seine Filme "Host" und "Mother" und den Horror in Familien. Susan Vahabzadeh vermeldet Neuigkeiten aus der Filmszene. Gemeldet wird die Schließung der Oper von Genua wegen Geldmangels.

Besprochen werden Cosima von Bonins Installationen im Kunsthaus Bregenz, eine Ausstellung zur 90-jährigen Geschichte der Salzburger Festspiele im Salzburg Museum, ein Brahmsabend des Pianisten Valery Afanassiev ebendort, Isabel Coixets Film "Eine Karte der Klänge von Tokio", die Komödie "Me too - Wer will schon normal sein?" von Alvaro Pastor und Antonio Naharro, die Bollywood-Satire "Tere Bin Laden", die den islamischen Terrorismus veräppelt, und Bücher, darunter Philip Singtons Roman über das Schicksal von Einsteins Tochter (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).



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