Heute in den Feuilletons "Es ist wirklich ungeheuerlich!"

In der "taz" behauptet Martin Walser, dass ein Verriss im "Literarischen Quartett" noch schlimmer gewesen wäre. Die "NZZ" bringt erste Kommentare von Marcel Reich-Ranicki: "Ungeheuerlich"! Die südliche Hälfte der Republik feiert derweil Fronleichnam.


Die Tageszeitung,   30.05.2002

Patrick Schwarz gehört zu den Glücklichen, die ein Interview mit Martin Walser bekommen haben. "Da steht so viel drin - und Sie haben jetzt natürlich nur diesen elenden Artikel!", sagt Walser über seinen neuen Roman "Tod eines Kritikers". "Es ist ein Buch über die Machtausübung im Literaturbetrieb zu Zeiten des Fernsehens - vom Standpunkt des Autors aus geschrieben." Frank Schirrmacher habe das Fernsehen nicht gebraucht, wendet der Interviewer ein. Aber Walser ist sich sicher: "Im 'Literarischen Quartett' erledigt zu werden war viel schlimmer als auf dem Papier." Und hier nochmal der Link auf den Artikel von Frank Schirrmacher in der FAZ.

Und im Feuilleton: Dirk Knipphals muss schmunzeln. Jetzt habe sich also die deutsche Literaturwissenschaft in Person des 1962 geborenem Rostocker Germanisten Moritz Baßler (mehr hier) des Phänomens Pop-Literatur angenommen ("Der deutsche Pop-Roman" siehe auch Bücherschau des Tages) "Das folgt so sehr der bekannten Weisheit, dass die Eule der Wissenschaft ihren Flug erst in der Dämmerung beginnt, dass einem wie von selbst das Wort Verspätung in den Sinn kommt. Thema tot. Und schon kommt die Germanistik daher."

Besprochen werden: das Carlos-Santana-Konzert in der Berliner Waldbühne (dazu ein schönes Interview mit Santana: "Niemand hat niemals das Recht so sehr auf seiner Seite, dass dies die Tötung von Menschen rechtfertigt." ) Frank Darabonts Film "The Majestic" sowie Jacques Derridas jetzt als Buch erschienene Rede "Seelenstände der Psychoanalyse". Auf der Medienseite bespricht Philipp Gessler eine Dokumentationsreihe im Hessischen Rundfunk, die sich mit dem Raubzug der Deutschen gegen ihre entrechteten jüdischen Nachbarn während der NS-Zeit befasst.




Neue Zürcher Zeitung,   30.05.2002

Was die anderen nicht geschafft haben ist der NZZ offensichtlich gelungen. Joachim Güntner hat mit Marcel Reich-Ranicki gesprochen, der Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" am Dienstagabend gelesen hat: Er "kommentiert eine erste Lektüre mit den Worten: 'Es ist wirklich ungeheuerlich.' Und wohl weil Reich-Ranicki davon ausgehen kann, dass der literarische Verriss Walser mehr schmerzt als eine Reaktion persönlicher Betroffenheit, verdammt er nicht nur den 'antisemitischen Ausbruch, der ja wirklich offenkundig ist', sondern rückt das Kritikerurteil an die erste Stelle. 'Miserable Literatur' sei das Ganze: 'So schlecht hat Walser noch nicht geschrieben.'"

Der Rest sind Rezensionen: Samuel Herzog bedauert, dass das die große Basler Ausstellung "Painting on the Move" im Kunstmuseum, Museum für Gegenwartskunst und der Kunsthalle eine rätselhafte undurchschaubare Konzeption habe. Besprochen werden ferner eine Ausstellung zu dem Dichter Ernst Herbeck in Krems, das Internationale Musik-Festival in Davos, eine Ausstellung zu dem Architekten Hendrik Petrus Berlage in Rotterdam, ein Konzert des Cellisten Mischa Maisky mit dem Zürcher Kammerorchester, eine CD von Andrew Pekler und einige Bücher, darunter Moritz Baßlers Abhandlung "Der deutsche Pop-Roman", neue Schriften von Dubravka Ugresi, Jim Crace' Roman "Satans Speisekammer" und zwei Kurzromane des Briten Alan Bennett (siehe unsere Bücherschau ab 14 Uhr).






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