Heute in den Feuilletons Fein gezupftes Fleisch mit Speckschaum

In der "FR" erinnert sich Andreas Maier an das Redestressklima in den Achtzigern. Die "taz" befasst sich mit der Krise der mittelgroßen Verlagshäuser. Die "Berliner Zeitung" weiß: Chinese Democracy war nur eine schlechte Idee von Guns N'Roses.


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.07.2008

Weiteres: Dorothea Razumovsky, die Ehefrau des damaligen FAZ-Korrespondenten in Prag, erinnert sich an das Prag der sechziger Jahre. Abgedruckt ist eine Auszug aus Orlando Figes' Buch "Die Flüsterer: Leben in Stalins Russland". Günter Bannas besucht das Maritime Museum in Hamburg. Besprochen werden Raoul Schrotts Buch über "Homers Heimat" und Arno Orzesseks Roman "Drei Schritte von der Herrlichkeit" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Im Feuilleton löst Nicholas Carrs Stoßseufzer über seinen durchs Internet verursachten generellen Konzentrationsmangel einen Exkurs von Oliver Jungen über "sehr alten, reflexhaften Kulturpessimismus" aus. Journalisten: Miesepeter, die an alles und jeden ein Etikett heften und die Dinge runterkochen müssen. Nicht mit Tobias Rüther, der sich die Botschaft der Berliner Rede Obamas bewahren will: "Doch, sagt Obama, man darf auch in der Politik meinen, was man sagt. Man darf das Politische existentiell nehmen." Freddy Langer schreibt zum Achtzigsten des Fotografen Elliott Erwitt. Jürgen Dollase speist bei dem niederländischen Koch Hans van Wolde: "Die Wirkung einer konsequenten Interpretation ist auch bei einer Lamm-Variation mit Speck in verschiedenen Verwendungen (darunter geschmortes und fein gezupftes Fleisch mit Speckschaum oder ein Karottenpüree mit Speck) zu beobachten." Arnold Bartetzky lobt das "für polnische Verhältnisse ungewöhnlich strenge denkmalpflegerische Regiment", mit dem der Stadtkonservators von Nikischschacht Henryk Mercik oberschlesische Arbeitersiedlungen vor Satellitenschüsseln bewahrt. Rainer Hermann hofft, dass es mit einer deutschen Künstlerakademie am Bosporus bis 2010 noch was wird. Auf der letzten Seite wagt sich Paul Ingendaay auf die Weide des spanischen Stier-Züchters Manuel Sanz de la Morena: "Während wir uns den zwölf Stieren nähern, wächst die Spannung. Manuel geht voran, also wird es sicher sein; wir folgen ihm auf den Fersen. Jetzt dreht uns der am nächsten stehende Stier den Hintern zu, dann noch einer. Aber ein anderer tut das Gegenteil, er schaut uns an und will wissen, wer seine Weide betritt ..."

Auf der Schallplatten- und Phono-Seite geht's um eine Folk-CD der Felice Brothers, eine Aufnahme der "Choros" von Heitor Villa-Lobos, Götz Friedrichs Bayreuther "Tannhäuser"-Inszenierung auf DVD und Rap-Collagen.

In der Frankfurter Anthologie stellt Eckart Kleßmann ein Gedicht von Nikolaus Lehnau vor:

"Himmelstrauer

Am Himmelsantlitz wandelt ein Gedanke,
Die düstre Wolke dort, so bang, so schwer;
Wie auf dem Lager sich der Seelenkranke,
Wirft sich der Strauch im Winde hin und her.
..."

Süddeutsche Zeitung, 26.07.2008

Im Aufmacher der SZ am Wochenende erinnert sich Hasan Nuhanovic an das Jahr 1995 - Nuhanovic war damals für die UN als Dolmetscher tätig und verlor seine ganze Familie beim Massaker von Srebrenica. Er klagt heute gegen den holländischen Staat und schildert in seinem Bericht die Szenen, in denen die holländischen Unmos-Soldaten seine Familie in den Tod schickten. "Meine Eltern sehen mich an. Es ist gegen Mitternacht. Wir hören von draußen Schüsse. Immer wieder. Es gibt keinen Rhythmus bei diesen Schüssen, so wie sonst bei den Serben, wenn sie ihre Waffen im Krieg abfeuern. Es klingt nicht wie DaDaDaDaDa, sondern so: Tak. Tak. Tak. Die Geschosse enden offenbar schnell irgendwo, in einem Körper, im Fleisch. Ich ahne also: Menschen werden getötet. Die Serben töten Jungen und Männer draußen vor der Tür."

Gleich zwei Artikel widmen sich im Feuilleton dem Zustand der Mittdreißiger. Ganz falsch findet Jens-Christian Rabe etwa Martin Reicherts in seinem Buch über die "Generation Umhängetasche" angestellte Diagnose, es handle sich um eine Generation von Dauerjugendlichen, die nicht erwachsen werden wollen: "Prinzipiell als 'erwachsen' eingeschätzte Einstellungen und Verhaltensweisen sind die Regel, nicht die Ausnahme." Willi Winkler kennt das wahre Jugendelixier - es ist der Rock'n'Roll, dessen noch aktive Vertreter einsehen mussten: "Sterben kann jeder, Überleben ist besser." Außerdem war Alex Rühle für die Serie "Bei der Arbeit" mit dem Verleger Gerhard Steidl unterwegs, bei Karl Lagerfeld in Paris und bei Robert Frank in Kanada. Lars Weisbrod kommentiert nicht ohne Sympathie den arg verspäteten Einzug des Goethe-Instituts ins Second Life.

Besprochen werden die Münchner Festspielpremiere der von Robert Carsen inszenierten und von Kent Nagano dirigierten Richard Straussschen "Ariadne auf Naxos", eine Aufführung von Ernst Kreneks (Nicht-)Oper "Karl V." bei den Bregenzer Festspielen (für Wolfgang Schreiber eine "Operngeschichtslektion von europäischem Rang"), die Ausstellung der Sammlung Rheingold "Paradies und zurück" auf Schloss Dyck bei Jüchen, und Bücher, darunter Khushwant Singhs Roman "Der Zug nach Pakistan" und Peter Wendes Buch über "Das britische Empire" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Im Samstagsmagazin geht es um das Jeans-Label Prps und die tödliche Sorglosigkeit der Pioniere der Radioaktivität. An literarischer Lektüre gibt es Heike Geißlers Erzählung "Das luftige Leben". Der Künstler Daniel Richter spricht im Interview übers "Scheitern", das seiner Ansicht nach offenkundig eine sehr dialektische Angelegenheit ist: "Gescheitert ist man immer dann, wenn man das, was man wollte, erreicht hat."

Die Tageszeitung, 26.07.2008

Exemplarisch findet Wiebke Porombka die Probleme des Aufbau-Verlags - und zwar nicht nur für den Niedergang der DDR-Verlage, sondern auch für das Schicksal mittelgroßer Verlage überhaupt im Zeitalter der "Konzernisierung": "Während die Kleinstverlage von Anfang an Strategien für die die schwierigen Bedingungen auf dem Markt entwickeln mussten, häufig als Ein- oder Zweimannbetriebe funktionieren und auf diese Weise unter Fragen wie Renditedruck mehr oder weniger wegtauchen können, haben mittelgroße Verlage ein strukturelles Problem. Hier ist der Druck auf das einzelne Buch genauso gestiegen, wie er das bei den konzerngebundenen Verlagen ist. Gleichzeitig hat man es aber eben ungleich schwerer, seine Bücher in den großen Handelsketten in die Regale zu bringen."

Weitere Artikel: Ulrich Gutmair erklärt, was die deutsche Obama-Begeisterung mit Kant und mit Star Trek zu tun hat. Besprochen werden neue Popmusik aus Afrika und Bücher, darunter Emmanuel Lepages Sandinisten-Comic "Muchacho" und Christiane Hoffmanns Bericht "Hinter den Schleiern Irans" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

In der zweiten taz freut sich der bekennende "Obamaniac" Robert Misik über die Begeisterung, die Obamas Auftritt in Deutschland ausgelöst hat: "Den Frust, den Bush auslöste, bekommt Obama in gewechselter Münze zurück: als unbedingte Zuneigung, gewürzt mit einer Prise messianischer Heilserwartung." Felix Lee stellt die gleich fünf chinesischen Olympiamaskottchen (hier im Bild) vor und weiß auch, warum sie beim Volk Angst und Schrecken auslösen. In einem kurzen Interview erklärt der österreichische Künstler Florian Nährer, was er sich dabei gedacht hat, den wegen Inzest inhaftierten Josef Fritzl in einem Pop-Art-Bild zu porträtieren.

Im taz-mag-Gespräch schildert der Rebellionshistoriker Wolfgang Kraushaar die unterschiedlichen Ost-West-Wechselwirkungen von Achtundsechzig. Einerseits würden die Parallelen zwischen Studentenrevolte und Prager Frühling überschätzt, andererseits werde "viel zu wenig wahrgenommen, wie seitens der SED versucht wurde, das linke Potenzial der APO auf die eigene Seite zu ziehen. Da verriet sich zum Beispiel an einer Rede von Walter Ulbricht im Sommer 1967, in der er, der starke Mann der DDR, sich für die Unterstützung der westdeutschen Studentenbewegung aussprach."

Und Tom.



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