Heute in den Feuilletons Fukushima in der Lachdemontage

In der "Welt" fordert der Historiker Thomas Weber eine Neubewertung des Historikerstreits. Die "taz" verteidigt den Literaturbetrieb. Die "NZZ" fragt, wie die japanische Kunstszene Fukushima verarbeitet, und die "SZ" will mehr Welt in der deutschen Literatur und lehnt die Digitalisierung ab.


Die Welt, 12.03.2012

Der Historiker Thomas Weber beruhigt Hannes Stein, der kürzlich befürchtete, Joachim Gauck könne als Bundespräsident den Holocaust relativieren, indem er ihn mit den Verbrechen des Kommunismus gleichsetzt: Von relativieren könne keine Rede sein, doch sei die Zeit reif, "dass wir uns dem Vergleich von Nationalsozialismus und Kommunismus und der Analyse der Wechselwirkungen zwischen roter und brauner Vergangenheit neu stellen. Doch seit dem Historikerstreit von 1985 ist das öffentliche Klima in dieser Frage derart vergiftet (was an beiden Seiten der damaligen Kontrahenten liegt), dass viele deutsche Historiker einen weiten Bogen um diese Fragen gemacht haben. Deshalb sind das öffentliche Geschichtsbild und das öffentliche Wissen um die deutsche Vergangenheit oftmals in den 80ern stecken geblieben. Davon zeugt Steins Aufsatz ebenso wie der Erfolg der Thesen Daniel Goldhagens und Götz Alys zum Holocaust."

Weitere Artikel: Jan Küveler beglückwünscht die Mitglieder der Schillergesellschaft, die nach drei Jahren ihre Zustimmung zur neuen Satzung des Literaturarchivs Marbach gaben. Uwe Schmitt informiert über den HBO-Film über Sarah Palin (mit Julianne Moore in der Hauptrolle, in the Daily Beast erklärt David Frum noch einmal, warum Palin ein solcher Erfolg war). Matthias Heine schreibt zum Tod des SF- und Comiczeichners Jean Giraud alias Moebius.

Besprochen werden David Böschs Inszenierung von Ibsens "Gespenster" mit dem "Dream-Team" Kirsten Dene und Martin Schwab in Wien und eine Ausstellung der Schätze aus dem Ägyptischen Museum in Turin im Historischen Museum in Speyer.

Die Tageszeitung, 12.03.2012

Dirk Knipphals verteidigt kurz vor Beginn der Leipziger Buchmesse den Literaturbetrieb gegen seine Kritiker. Super funktioniere er, wenn es um die "Erstwahrnehmung" neuer deutscher Autoren gehe: "Das erste betrifft das Projekt, das viele deutsche Schriftsteller gerade umtreibt: das Projekt, Lebensläufe erzählbar zu machen und damit Erfahrungen weiterzugeben. Kann schon sein, dass da neben interessanten Büchern auch nur anliterarisierte Familiengeschichten herauskommen, aber das wird sich ja nicht dadurch ändern, dass weite Teile der Literaturkritik die Autoren hier geradezu alleinlassen, weil sie sich auf komplexe Gegenwartsbeschreibungen versteift haben oder Familiengeschichten per se unter Mainstreamverdacht stellen."

Sonja Vogel gratuliert dem großen Chargen Alfred Edel zum Achtzigsten. Ingo Arend besichtigt Boris Mikhailovs Ausstellung "Time is out of joint" in der Berlinischen Galerie.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 12.03.2012

Lisette Gebhardt untersucht, wie die japanische Kunstszene Fukushima verarbeitet und stößt dabei auf die apokalyptischen Fantasien verschiedener Mangazeichner, eine Autorin, die ihre Leser therapieren will und auf eine Theatergruppe, die ihre Erfahrungen bei den Aufräumarbeiten direkt verarbeitet. Den Roman 'Koi suru genpatsu' (Das verliebte Atomkraftwerk) von Takahashi Genichiro kann Gebhardt besonders empfehlen: "Der Text handelt von einem männlichen Protagonisten, der für eine Charity-Aktion zugunsten der Opfer von Fukushima tätig wird - sein Projekt ist ein Pornofilm! Takahashis Lachdemontage der japanischen Gesellschaft und des Fukushima-Syndroms wird der Komplexität der Situation in Japan vielleicht gerechter als die neue Heimatliteratur mit ihren Trostverlautbarungen und ihrem Wiederaufbaupathos."

Weiteres: Samuel Herzog berichtet über die Whitney-Biennale in New York. Marc Zitzmann bedauert den Tod des französischen Comicautors Jean Giraud alias Moebius. Besprochen wird Luis Sepúlvedas Roman "Der Schatten dessen, was wir waren" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 12.03.2012

Alles penible Recherche und eigene Erinnerung, beklagt Burkhard Müller beim Blick in die deutsche Gegenwartsliteratur deren mangelnde Imaginationskraft, über den eigenen Blick auf die Welt hinaus zu erzählen: "Wenn es je eine Weltstunde des reinen Individuums gegeben hat, zum Guten wie zum Bösen, dann heute. Allerdings müsste, wer von ihm als Romanautor spricht, über die Fähigkeit verfügen, es zu schildern, wie es sich selbst vorkommt, ohne sich doch mit ihm identisch zu fühlen. Und er müsste in der Lage sein, ihm seine Geschichte zu erfinden - eine Geschichte, die sich nicht im Plot erschöpft".

Defekte CD-ROMs, neue Betriebssysteme und veraltete Hardware - der Digitalisierung unserer Kultur- und Kunstarchive begegnet Ira Mazzoni mit äußerster Skepsis. Womöglich droht sogar ein digitales Mittelalter, das seiner Nachwelt nichts überliefert, fürchtet sie: Die "Dingwelt schrumpft auf kleine flache, spiegelnde Formate. Damit diese Winzlinge sich an jedem Ort der Welt zu jeder Zeit über verfügbares Wissen austauschen können, werden die Speicher in wolkig verklärte Großrechner verlagert. Während wir gewohnt sind, in den Museen der Welt Faustkeile, Tonschalen, Schrifttafeln und Artefakte zu finden, die genau betrachtet, wenigstens bruchstückhaft über das Leben vor Tausenden von Jahre Auskunft geben können, scheint es, dass sich unsere Zeit durch die digitale Revolution kaum noch signifikant dauerhaft abbildet."

Weitere Artikel: Susanne Gmür ist sehr unzufrieden mit der typografischen Gestaltung von Buchcovern, die das Bild stets überprivilegierten. Volker Breidecker sieht mit der am vergangenen Wochenende abgesegneten neuen Satzung der Schillergesellschaft, die das Marbacher Literaturarchiv trägt, die Zeichen für ein Wiedererwachen der Institution gegeben. Conrad Wiedemann wünscht sich ein Lessing-Mendelssohn-Denkmal in Berlin. Helmut Mauró ließ sich beim Konzert des Pianisten Lang Lang von dessen "durch und durch seriöser Musikalität und Virtuosität" irritieren und begeistern. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Niklas Hofmann von einer gewissen TED-Talks-Übersättigung unter Bloggern. Henning Klüver informiert, dass der 1972 tot aufgefundene, italienische Verleger Giangiacomo Feltrinelli neuen Hinweisen nach zu urteilen womöglich doch ermordet worden sei. Christoph Haas schreibt den Nachruf auf den Comicmeister Jean "Moebius" Giraud, von dessen Werk man sich in diesem tollen Blog ein Bild machen kann.

Besprochen werden neue DVDs, die Performance "Schubladen" von She She Pop im HAU in Berlin, sowie eine von Uwe Schultz verfasste Doppelbiografie von Ludwig XVI. und Robespierre und im Medienteil eine Biografie von Axel Springer (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr)

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2012

Kerstin Holm geißelt die orthodoxe in Kirche in Russland und die russischen Behörden, die die Mädchenpunkband Pussy Riot wegen einer Anti-Putin-Aktion in der Christi-Erlöser-Kathedrale am liebsten in der Hölle schmoren sähen - es drohen den Frauen mehrere Jahre Gefängnis und andere Schikanen.

[Link zum Video]

Jakob Strobel y Serra wettert im Aufmacher gegen die Deutschen, die Kochsendungen gucken und dabei Tiefkühlpizza kauen, die bei Autos klotzen und bei Nahrung sparen: "Dabei ist die Lösung so einfach und so lustvoll dazu. Sie heißt Geschmack. Gutes Essen schmeckt gut, schlechtes Essen schmeckt scheußlich."

Weitere Artikel: Andreas Platthaus schreibt zum Tod des französischen Comicgenies Moebius. Melanie Mühl greift Berichte auf, die dem im Internet kursierenden Film "Invisible Children" über den ugandischen Massenmörder Joseph Kony und seine Kindersoldatenarmee Manipulation vorwerfen (mehr dazu von Andrea Böhm bei Zeit online und von Jacob Jung bei der Saarländischen Online-Zeitung ). Jordan Mejias berichtet über einen drohenden kartellrechtlichen Prozess in den USA gegen Apple und einige Buchverlage wegen verbotener Preisabsprachen bei Ebooks (das Wall Street Journal hatte die Geschichte recherchiert, mehr dazu bei beyond print und bei der Presse ). Hubert Spiegel berichtet, dass sich der in der FAZ gerade noch aufs dramatischste beschworene Streit um das künftige Modell des Marbacher Literaturarchivs nach einer Abstimmung aller Beteiligten in Luft aufgelöst hat - das vom ehemaligen FAZ-Kollegen und heutigen Institutsleiter Ulrich Raulff befürwortete Modell hat sich mit großer Mehrheit durchgesetzt.

Besprochen wird eine Retrospektive des Fotografen Mark Morrisroe in der Münchner Villa Stuck.



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