Heute in den Feuilletons Gesundheit ist kein positiver Wert

Die "SZ" findet: Steve Case hätte durchhalten sollen. Die "NZZ" proträtiert den Autor "B.Akunin". Die "FAZ" bringt die Rede des Gouverneurs George Ryan gegen die Todesstrafe. Die "taz" macht sich systemtheoretische Gedanken über das Gesundheitssytem. Die "FR" ertappt "Deconstruction Jackie" beim Angriff auf die Demokratie.


Süddeutsche Zeitung,   15.01.2003

Mit der Kapitulation von AOL-Gründer Steve Case, sei zwar die Ära der "hemdsärmeligen, großmäuligen NetzVisionäre" zu Ende gegangen, meint Sonja Zekri, doch hält sie es überhaupt nicht für ausgemacht, dass der "Gedanke einer Verbindung zwischen Inhalt und Medium" so abwegig war, wie er heute scheint. Vielleicht hat Steve Case einfach nicht lange genug durchgehalten? Vielleicht waren die Aktionäre zu gierig für eine Vision? "In der Tat kann man selbst heute, im Lichte der Post-New-Economy, nicht mit Sicherheit sagen, ob aus solchen Hoffnungen nur die reine Naivität sprach: Denn die Doppelentertainmentmonarchie hat mit den Pfunden aus der Unterhaltung bislang kaum gewuchert. Zwar ist unbestritten, dass Stars von Alanis Morisette bis Madonna, Filme wie 'Herr der Ringe', Zeitschriften wie Time und Fortune oder Sender wie Ted Turners CNN dem Konzern für sich genommen Geld bringen. Nur geschieht dies eben nicht wegen, sondern trotz des Internet-Partners AOL".

Weitere Artikel: Alexander Kissler fragt sich, wer wem in der Klondebatte nähersteht und ob Schwarz und Grün über die Gene zusammenfinden könnten. Harald Welzer erkennt im drohenden Irak-Krieg einen "ganz anachronistischen anti-zivilisatorischen Akt", der "der Sache nach dem Zeitalter des Imperialismus zugehörig ist und den wir faktisch seit gut vier Jahrzehnten in Europa nicht mehr erlebt haben". Fast epische Qualität hatte die Debatte um den Wiederaufbau des World Trade Centers angenommen, findet Jörg Häntzschel, nun werde sie fast grotesk. Bei jüngsten öffentlichen Hearings kommentierten statt der Anwohner und Interessierten vor allem professionell Engagierte die neuen WTC-Entwürfe: die weinende Mutter, der Verschwörungstheoretiker, der Vertreter des Vogelschutzvereins und so weiter.

Fritz Göttler schreibt einen Nachruf auf den Hobbesianer des japanischen Kinos, Kinji Fukasaku. In der Reihe "Deutschland extrem" hat sich Martin Mosebach in Frankfurts vornehmstes Wasserhäuschen begeben. Alex Rühle hat bei der Verleihung der American Music Awards selbst als kleine Sofakartoffel die große Straßenglaubwürdigkeit gespürt.

Auf der Medien-Seite betrachtet Hans-Jürgen Jakobs dem Kampf der Stuttgarter Holtzbrinck-Gruppe um die Berliner Zeitung.

Besprochen werden die neue Star-Trek-Episode "Nemesis", Rene Polleschs Stück "Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter" im Prater der Berliner Volksbühne, David Gieselmanns Stück "Frühstück" am Schauspiel Hannover, die Uraufführung von Fitzgerald Kusz' "Alleinunterhalter" in Nürnberg, das neue Album von Martin Gretschmann alias "Console" und Bücher, darunter Bela Balazs' "Baedeker der Seele", Alexander Honolds "Nach Olympia. Hölderlin und die Erfindung der Antike" und Istvan Örekenys "Minutennovellen" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).




Die Tageszeitung,   15.01.2003

Peter Fuchs macht sich systemtheoretische Gedanken über das Gesundheitssystem, das gar nicht funktionieren kann, weil für den Ressourcen verschlingenden Moloch nur die Krankheit zählt, Gesundheit also gar kein positiver Wert ist, und weil überhaupt niemand weiß, was denn Gesundheit sein soll. "Sagt man, Gesundheit sei die Abwesenheit aller Leiden, ein körperliches und geistiges Wohlbefinden, muss man recht stumpfe, egozentrierte Lebewesen vor Augen haben, die weder zu einer anständigen Melancholie noch zu einem ernsthaften Kater, weder zu kräfteverzehrenden Leidenschaften noch zu irgendwelchen anderen Abenteuern in der Lage sind - also die Ödnis par excellence."

Weitere Artikel: Jochen Schmidt legt "77 Tipps gegen die Grippe" ("Lachen Sie mal wieder") als völlig untauglich beiseite. Besprochen werden Amelie Niermeyers Aufführung der "Effi Briest" am Theater Freiburg und neue Bücher in der Kurzversion, darunter Richard Fords "Eine Vielzahl von Sünden" oder John Wrays "Die rechte Hand des Schlafes" (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der Meinungsseite erinnert sich Mathias Greffrath an die Zeiten, als man "Briefe bis eine halbe Stunde vor Mitternacht abgeben, und sie waren, zum Normaltarif, am nächsten Tag in Hamburg", als er "auf dem Kurfürstendamm Paare oder Passanten kucken" konnte, ohne dafür einen Latte Macchiato kaufen zu müssen, weil es noch öffentliche Sitzbänke gab, als er in gelben Telefonzellen, "gegen Wind und Mithörer geschützt, telefonieren konnte, zum Ortstarif eine Stunde". Und wer ist Schuld, dass es das alles nicht mehr gibt? Der "Turbokapitalismus".

Die Malaise beschäftigt die Medien-Seite gleich mehrfach: Steffen Grimberg befürchtet, dass nach dem Abgang von Steve Case nun wieder die Buchdrucker das Sagen bei AOL/Time Warner haben. Und Nick Reimer beschäftigt sich damit, dass der Holtzbrinck-Verlag nun eine Ministererlaubnis für die Übernahme der Berliner Zeitung beantragt hat.

Schließlich Tom.




Frankfurter Rundschau,   15.01.2003

Roman Luckscheiter hat "Voyou" (Galilee), das neue Buch von Jacques "Deconstruction Jackie" Derrida gelesen, in dem dieser sämtliche Demokratien zu Schurken erklärt, die USA natürlich zu den Oberschurken. "Die schärfsten Kritiker der Elche waren selber welche - Derrida wandelt die alte Weisheit mit dem Verweis darauf ab, dass die amerikanischen Bombardements Libyens und des Irak vor Jahren von gleicher Grausamkeit gewesen seien wie die Angriffe des 11. September. Wegen solcher Aufrechnungen, die längst zum Phrasenarsenal der kritischen Intelligenz gehören, bräuchte man Derridas jüngste Schrift nicht eigens hervorzuheben. Aber der Meister der Dekonstruktion geht einen Schritt weiter und sucht die Wurzel der spezifisch westlichen Schurkerei nicht im aktuellen politischen Personal Washingtons, sondern im System. Und das heißt: in der Demokratie. Ausgerechnet sie, in deren Namen sich die Feldzüge für das Gute formieren, habe nämlich mit ihrem Souveränitätskonzept ein logisches Problem, das sich immer mehr zur Legitimationsfalle ihres Handelns ausweite."

Weitere Artikel: Auf einer Bürgerversammlung in New York will Eva Schweitzer festgestellt haben, dass auch die neuen Entwürfe für eine neues World Trade Center den New Yorkern zu "effekthascherisch" oder zu "gargantuisch" sind (die WTC II-Entwürfe sind hier zu sehen). "Times mager" hat dank Bild herausgefunden, was echter Erfolg ist.

Auf der Medien-Seite begrüßt Michael Ridder den ZDF-Berufsjugendlichen Steffen Seibert als neuen Moderator der "heute"-Nachrichten.

Besprochen wird die Ausstellung "deutschemalereizweitausenddrei" in der Frankfurter Schirn und eine Schau mit Fotografien von James Nachtwey in der Pariser Bibliotheque Nationale.




Neue Zürcher Zeitung,   15.01.2003

In ihrer sehr lesenswerten Reihe "Russland, persönlich" porträtiert Maja Turowskaja den Autor Grigori Tschchartischwili, der unter seinem wirklichen Namen eine Abhandlung über "Schriftsteller und Sebstmord" und unter dem Pseudonym "B. Akunin" sehr erfolgreiche Krininalromane verfasst, die die "Intelligenzia mit der Unterhaltungsliteratur" versöhnen. Helden der Krimis sind ein Moskauer Detektiv und sein japanischer Assistent. Das Pseudonym ist nicht nur eine Anspielung auf Bakunin: "Tatsächlich stellte sich heraus, dass 'akunin' auf Japanisch 'Missetäter' bedeutet, dafür gestattet die Initiale B. einen Schlenker in Richtung russische Geschichte. Überhaupt ist das Pseudonym ein Tribut an das nicht ganz ausgeräumte Vorurteil des Intellektuellen gegenüber der Massenkultur."

Weitere Artikel: Franz Haas berichtet über die Werbeaktionen der Repubblica und des Corriere della Sera, die ihren Zeitungen sehr preisgünstige Bücher beilegen und ihre Auflagen damit beträchtlich steigern. Ulrich M. Schmid schreibt zum Tod des Slawisten Wolfgang Kasack. Volker S. Stahr porträtiert den syrischen, in Deutschland lebenden Autor Rafik Schami.

Besprochen werden Rene Polleschs Stück "Soylent Green ist Menschenfleisch, sagt es allen weiter!" in Berlin, darunter zwei neue Bücher von Frederic Beigbeder (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr.)




Frankfurter Allgemeine Zeitung,   15.01.2003

Die FAZ veröffentlicht die in ihrer Einfachheit großartige Rede, mit der der Gouverneur von Illinois, George Ryan, seine Entscheidung begründete, alle Todeskandidaten in seinem Staate zu begnadigen: "Wenn Sie wirklich wissen wollen, was schändlich und unerträglich ist, dann meine ich, dass siebzehn in Illinois zum Tode Verurteilte, die später freigesprochen werden mussten, nichts anderes als ein katastrophales Versagen darstellen." Ryan bringt in seiner Rede auch eine kleine Hommage auf den Publizistikprofessor Dave Protess unter, der mit seinen paar Studenten einige Fälle erfolgreich aufrollte. Die FAZ empfiehlt folgende Seite zum Thema.

Weitere Artikel: Dietmar Dath schreibt zum 95. Geburtstag des Wasserstoffbombenerfinders Edward Teller. Gerhard Stadelmaier gratuliert dem Schauspieler Hans Caninenberg zum Neunzigsten. Eleonore Büning findet anlässlich des hundertsten Geburtstags der Gema, dass diese ein neues Image gebrauchen könnte. Lorenz Jäger schreibt zum sechzigsten Geburtstag von Günter Maschke. Reiner Haußherr schreibt zum Tod der Kunsthistorikerin Erika Dinkler von Schubert. Andreas Kilb schreibt zum Tod des japanischen Filmregisseurs Kinji Fukasaku. (Bei Geburtstagsartikeln und Nachrufen entwickelt diese Zeitung wirklich ihr volles Potenzial!)

Auf der letzten Seite fragt Henning Ritter nach den Gründen der heutigen Popularität Napoleons. Martin Kämpchen berichtet von einem Treffen von Auslandsindern (inklusive Naipaul und Amartya Sen) in Neu Delhi. Eberhard Rathgeb porträtiert ganz verzückt die 25-jährige Schauspielerin Birgit Minichmayr: "ein Feger mit Wiener Drall. Sie hat rote Haare, lang und wild, und einen schmähschönbreiten Mund, dem man sofort ansieht: Diese Frau hat, wenn sie nicht anders kann, weil es einfach aus ihr heraus muss, ein kolossales Maulwerk." Auf der Medienseite wirft Michael Hanfeld dem Holtzbrinck Verlag vor, sich bei der Regierung anzubiedern, damit sie ihm erlaubt, die Berliner Zeitung zu kaufen. Joseph Hanimann meldet, dass Liberation unter erheblichen Schwierigkeiten wegen der Konkurrenz kostenloser Zeitungen leidet. Gina Thomas porträtiert Rebekah Wade, die Chefredakteurin der Sun. Auf der Stilseite fordert Jürgen Dollase die Anerkennung der Spitzenküche als Kunst.

Besprochen werden Mike Leighs neuer Film "All or Nothing" (mehr hier), David Gieselmanns Stück "Frühstück" in Hannover und Mozarts "Figaro" in Madrid.








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