Heute in den Feuilletons "Hinter selbst ernannten Göttern stehen ungehörte Menschen"

In der "FAZ" bewundert Alina Wituchnowskaja die anziehende ästhetische Qualität des Terrorismus. Die "NZZ" sieht hinter den Snipern ungehörte Menschen. Die "SZ" sucht vergebens nach den Utopien der neuen amerikanischen Friedensbewegung und die "FR" denkt über die Globalisierung der Angst nach.


Frankfurter Allgemeine Zeitung,   29.10.2002

Die 29-jährige Dichterin Alina Wituchnowskaja (Bild) bewundert die "anziehende ästhetische Qualität" des Terrorismus. Sie war am zweiten Tag der Geiselnahme in Moskau zum Musical-Theater gefahren und von den Menschen vor der Tür offenbar mehr abgestoßen als von den Terroristen drinnen. "Es klingt wahrscheinlich zynisch, aber mir schien, als wenn die Theateraufführung eine Fortsetzung erfahren habe. Das Publikum, das sich am Ort versammelt hatte, schien miteinander verbunden durch einen theatralischen, verlogen von Herzen kommenden Masochismus. Junge Leute hielten Plakate, auf denen die Namen von offensichtlich mit ihnen befreundeten Geiseln geschrieben waren, so etwas wie 'Sascha' und 'Natascha', und sangen Lieder. Das Musical lief weiter. Zu Beginn der Geiselaffäre hatte es einem Regieassistenten so geschienen, als stellte der bewaffnete Überfall einen neuen inszenatorischen Einfall seines Chefs dar." Wituchnowskaja hat auch eine Erklärung für ihr Gefühl: "Die absolut tote zeitgenössische Gesellschaft recycelt gedankenleer Ideen von Humanität und politischer Korrektheit. Die Konsumgesellschaft, die aus Trägheit fortbesteht, hat alle sakralen Werte des menschlichen Daseins völlig nivelliert. Terrorismus, Extremismus sind nicht nur politischer Kampf. Sie ziehen all jene an, welche spüren, wie falsch die moderne Welt ist."

Auch Kerstin Holm, die die Geiselnehmer nicht bewundert, beschreibt mit großem Unbehagen die theatralische Verehrung Putins. Bei der Bekanntgabe der Beendigung des Moskauer Geiseldramas habe er "in seiner Profillosigkeit geradezu irreal" gewirkt. Dennoch erblühten überall im Land "poppige Blumen des personalisierten Patriotismus". "Drei junge Sängerinnen, die sich 'Zusammensingende' nennen, intonieren ein Putin-Lied, in dem der Präsident, der stark und treu ist und nicht trinkt, der charakterschwachen und trunksüchtigen russischen Männerwelt als Vorbild hingestellt wird. Ein anderer Schlager empfiehlt als Mittel gegen den modernen Terrorismus den russischen Soldatengeist mit Minenwerfer 'Grad' im Namen Putins und des historischen Stalingrad, eine adrenalinhaltige Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg."

Weitere Artikel: Wolfgang Sandner berichtet vom 33. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. Joseph Hanimann war bei einem Streitgespräch zwischen Harald Szeemann und Jean Clair in Bordeaux anlässlich der Ausstellung "Les annees 70 - l'art en cause" am CAPC-Museum in Bordeaux. Während Szeemann die Kunst der Siebziger verteidigt, fragt sich Jean Clair noch heute, "wie er und seine Zeitganossen damals auf dass ganze Delirium von 'Wunschmaschine' un 'Anti-Ödipus' hätten hereinfallen können". Hans-Dieter Seidel trauert bei den Hofer Filmtagen um die Magie des Kinos, von der sich vor allem deutsche Filmemacher verabschiedet hätten. Eberhard Rathgeb meldet die Eröffnung des Bucerius Kunst Forums in Hamburg mit einer Ausstellung von Bildern aus der Dresdner Sempergalerie. Glückwünsche gehen an den Dichter Harald Hartung zum Siebzigsten, an den amerikanischen Maler Ron B. Kitaj (mehr hier) ebenfalls zum Siebzigsten und an den russischen Schriftsteller Alexander Sinowjew zum Achtzigsten.

Auf der Bücher-und-Themen-Seite sind Georg Kleins "schneidige Lobrede" auf Büchner-Preisträger Wolfgang Hilbig abgedruckt und Hilbigs Dankesrede. Jürgen Kaube macht sich Gedanken, wie die "Unseld-Theoriekultur" wachgehalten werden kann. Auf der letzten Seite liefert Paul Ingendaay eine Reportage von der Verleihung der Prinz-von-Asturien-Preise in Oviedo (Den "größten Lacher" erntete Woody Allen, "als er einen amerikanischen Komiker zitierte: Dieser habe sich für eine Auszeichnung mit den Worten bedankt, sie sei unverdient, doch das mache nichts, ebenso unverdientermaßen habe er Diabetes, so gleiche sich alles aus.") Und Niklas Bender porträtiert den Schriftsteller Pascal Quignard, der für seinen Roman "Les ombres errantes" mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.

Besprochen werden Thomas Bischoffs Inszenierung der "Maria Stuart" im Deutschen Theater Berlin und Bücher, darunter Manfred Pohls "Geschichte Japans" und Lucien Febvres Studie über die Religion des Rabelais (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).




Die Tageszeitung,   29.10.2002

Die taz dokumentiert in ihrem Aufmacher heute einen Auszug aus einer biografischen Studie des Bremer Historikers Karl Heinz Roth, die Anfang 2003 in der Zeitschrift "Sozial.Geschichte" (früher "1999"), erscheinen wird. Darin geht es um den "Gründervater der Zeitgeschichtsforschung", Hans Rothfels, sowie dessen Rolle und Wirkung in der bzw. für die NS-Zeit. Letztere sind derzeit Thema im neuen Heft der "Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte" (mehr hier), in dem Rothfels von einem Schüler - zum wiederholten Male - gegenüber diesbezüglich "zweifelhaften" Vorwürfen" eines so genannten "Nachwuchshistorikers" namens Ingo Haar verteidigt wird. Roth versucht in seinem Text nachzuweisen, dass "Rothfels zeitweilig eine faschistische Geschichtskonzeption" vertreten habe, und damit durchaus eine "Vorarbeit zur Zerstörung der Weimarer Republik" geliefert habe. Dennoch sei er kein "kein Nationalsozialist" gewesen, so Roth, "aber er betrachtete das Bündnis mit der NS-Massenbewegung als unverzichtbaren Bestandteil des Umsturzes im Innern und der anschließenden expansionistischen Machtentfaltung. Zweifellos lehnte Rothfels ihren biologischen Rassismus, dem er und seine Familie bald selbst ausgeliefert sein sollten, genau so ab wie die populistische Demagogie."

Anke Leweke resümiert derweil die Hofer Filmtage ("Viel zu selten gelang den in Hof gezeigten Filmen die Verbindung zwischen einer Wirklichkeit und den Mitteln des Kinos"), und Cornelia Niedermeyer berichtet aus dem Steirischen Herbst und von den Bemühungen von drei Regisseurinnen um Elfriede Jelineks monologische Kurzdramen "Der Tod und das Mädchen I-III".

Bücher werden auch besprochen, darunter eine schon ältere Liebeserklärung von Michel Houellebecq an H. P. Lovecraft, das neue Buch von Richard Sennett über Respekt und Ungleichheit, sowie ein Hörbuch: Ulrich Tukur liest Ödön von Horvaths "36 Stunden" (siehe auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).

Und hier TOM.




Neue Zürcher Zeitung,   29.10.2002

Die Motive der Heckenschützen von Washington hat Andrea Köhler untersucht und stellt fest, dass man leicht vergisst, "dass Amerikas Horror-Mythen nicht nur aus Hollywood, sondern viel eher aus der amerikanischen Wirklichkeit stammen." Letztendlich wurde aber die Hysterie der möglicherweise betroffenen Menschen erst durch das Zusammenwirken von Allmachtsfantasien der Täter und Medienmacht bei der Non-Stop-Berichterstattung hervorgerufen: denn "die Götter auf Erden brauchen den Götzendienst, um sich ernst genommen zu fühlen, sie wollen, dass alle wissen, mit wem sie es hier zu tun haben. Sie wollen erkannt sein. Hinter selbsternannten Göttern stehen unerhörte Menschen."

Der Prix Goncourt überrascht immer wieder, wie zit. meint: "Mit "Les ombres errantes" von Pascal Quignard ist ein Werk gekrönt worden, das entgegen den Gepflogenheiten des Goncourt kein Roman ist - und erst noch ein gutes Buch." Sollte der Preisträger nun auch noch den Preis verkaufsfördernd ablehnen, dann sei "die Wiederherstellung des Primats der Literatur vor dem Kommerz" erreicht.

Weitere Artikel: Zum Tod von Siegfried Unseld äußern sich Klaus Reichert, Jörg Steiner, Gertrud Leutenegger, Ulrich Beck, Egon Ammann sowie Dubravka Ugresi und führen ihre eigenen Erinnerungen an den Übervater der bundesrepublikanischen Literatur an. Joachim Güntner philosophiert über die Preisverleihung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Her. war bei der 3. Baltischen Trienale für internationale Kunst in Vilnius (mehr hier). Georges Waser hat bei der Royal Shakespeare Company erfahren, dass sie Salman Rushdies unspielbare "Mitternachtskinder" im Januar inszenieren wollen.

Besprochen werden die zwei Aufführungen des "Titus Andronicus" in München, die Aachener Ausstellung über Kunst in den Vereinigten Arabischen Emiraten (mehr hier) und ein Konzert des Trio Caleidoscopio.




Frankfurter Rundschau,   29.10.2002

In einem Text über die Ausbrüche "expressiver Gewalt" in Bali, Washington und Moskau reflektiert Manfred Schneider über die "Globalisierung der Angst". Ihre "gemeinsame Sprache" komme nicht "aus kollektiven, abgestimmten, politischen oder gar militärischen Plänen, sondern sie ist expressive, archaische, verzweifelte, zumeist juvenile Gewalt." Diese investiere "Leben und Blut, vor allem das eigene Blut und das eigene Leben. Dieser intensiv angsterregende Ausdruck einer die eigene Existenz und das Leben anonymer fremder Menschen verschlingenden explosiven Aktion ist religiös." Die terroristischen Akte sprächen damit eine "globalisierte Sprache der Beängstigung und bringen einen kollektiven Willen zum selbstmörderischen gewalttätigen Exzess zum Ausdruck. Es sind Mitteilungen, erst recht dann, wenn sie weiter nichts sagen als das, was sie tun."

Weitere Artikel: Peter Michalzik meldet einen Protesterfolg: Christoph Marthaler bleibt Intendant in Zürich. Frank Keil berichtet - leicht ratlos - von einer Kunstaktion, die in der Hamburger Wohnung des 11/9-Attentäters Mohammed Atta statt fand. Rüdiger Suchsland resümiert die 36. Hofer Filmtage. Hans-Jürgen Linke liefert Notizen zum 33. Deutschen Jazzfestival in Frankfurt a.M., und Ulrich Rüdenauer besuchte die Literaturtage in Fellbach. In der Kolumne Times Mager schließlich wundert sich "RuW" über das Geschichtsbild in Christopher Roths Film über Andreas Baader (mehr hier).

Ansonsten viele Besprechungen heute: Ulf Erdmann Ziegler lobt Thomas Demand mit seinen Arbeiten im Münchner Lenbachhaus als "teutonischen Meister", und Elke Buhr führt durch eine Schau neuer figurativer Malerei von Daniel Richter im Düsseldorfer Museum K21; vorgestellt werden außerdem zwei Berliner Ausstellungen: zunächst die des Architekten Max Bächer in der Galerie Aedes, des weiteren eine Schau zum Thema "Die Kultur der Favela" im Brasilianischen Kulturinstitut. Peter Iden sah gleich zwei Aufführungen von Shakespeares "Titus Andronicus" in München: einmal im Residenz- und einmal im Volkstheater. Petra Kohse stellt eine Inszenierung von "A. ist eine Andere" des Autoren-Duos Sauter-Studlar am Schauspiel Leipzig vor, und Sylvia Staude beurteilt Kevin O'Days Choreografie "Fielding Sound" im Mannheimer Schauspielhaus allenfalls als "Talentprobe".




Süddeutsche Zeitung,   29.10.2002

Andrian Kreye erklärt, was der Protest gegen die amerikanische Irak-Politik mit Vietnam zu tun hat. Die neue Friedensbewegung (mehr zum Beispiel hier), stellt er fest, stehe im Vergleich zu der vor 30 Jahren vor allem auch "für eine trügerische Nostalgie". "Der entscheidende Unterschied der Protestepochen: 1968 wurde von Utopien beflügelt, 2002 wird von Realismus bestimmt. Kein Wunder also, wenn die Mitglieder der neuen Protestgeneration nicht von Humor und Optimismus geprägt sind, wie ihre Vorväter Abbie Hoffman und Tom Hayden, ja nicht einmal von der Wut der Black Panthers oder Young Lords. Die jungen Stimmen wie Naomi Klein, Thomas Frank oder Michael Hardt sind kluge Denker, wenn nicht sogar Visionäre. Doch ihr abgeklärter Realismus lässt keinen Raum für Utopien, höchstens noch für Perspektiven."

Wolfgang U. Eckart erinnert aus gegebenem Anlass in einer kurzen Geschichte tödlicher Reizstoffe im 20. Jahrhundert an den "deutschen Vorsprung auf diesem Gebiet". Er hält es für möglich, dass in Moskau das "Nervengas VX oder ein ähnlicher Stoff zum Einsatz kam. Das Gas VX ist eine der wohl vernichtendsten Waffen, die jemals entwickelt wurden. Ein einziger Tropfen dieser phosphororganischen Verbindung reicht aus, um die Signalübertragung der Nerven zu blockieren. Durch Atemlähmung und Herzstillstand kommt es schnell zum Tod."

Weitere Artikel: Johannes Willms beschäftigt sich anlässlich der deutsch-französischen Einigung über die EU-Agrarpolitik mit dem "Glück in den Rüben", das die Franzosen bereits "seit unvordenklichen Zeiten" suchten. Christine Dössel informiert über die "zweite Chance", die Christoph Marthaler in Zürich erhält. Christian Jostmann resümiert eine Tagung der Südostdeutschen Historischen Kommission, und Michael Diers besuchte ein Basler Kolloquium zu Ehren des Kunsthistorikers Gottfried Boehm. In der Kolumne Zwischenzeit räsoniert Joachim Kaiser über den "Wahn absoluter Werktreue"; sehr schön dazu passend kommentiert Fritz Göttler den als ruchlos gescholtenen Plan, den zweiten Teil der Verfilmung von "Der Herr der Ringe" ausgerechnet, dafür aber absolut werktreu "Die zwei Türme" zu nennen. Ulrich Raulff gratuliert dem Historiker Rudolf Vierhaus zum Achtzigsten, "ff" würdigt den Maler und Zeichner R. B. Kitaj anlässlich seines siebzigsten Geburtstags. Andreas Grabner schreibt einen Nachruf auf den Publizisten und Essayisten Gerhard Szczesny, und der Schriftsteller Volker Braun liefert noch eine Erinnerung an Siegfried Unseld nach.

Besprochen werden die musikalische Revue "The White Town", mit der Robert Wilson dem Architekten und Designer Arne Jacobsen im Kopenhagener Bellevue-Theater zum Geburtstag gratuliert. Vorgestellt werden die Ausstellung "Expedition Kunst" über Malerei und Naturwissenschaft der Romantik in der Hamburger Kunsthalle und eine Hommage an Antonin Artaud im Wiener Museum für Moderne Kunst. Als "zärtlich" gelobt wird der neue Dogma-Film von Ole Christian Madsen "Kira". Und in einer Sammelrezension geht es schließlich um mehrere Bücher über den 11. September (siehe dazu auch unsere Bücherschau ab 14 Uhr).








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