Heute in den Feuilletons "Immunisierung des Islams"

In der "Welt" wendet sich Richard Herzinger gegen die nützlichen Idioten des politischen Islams. In der "FAZ" ruft David Gelernter nach einer Software-Kritik, die die Computerprogramme nach ästhetischen Qualitäten beurteilt.



Die Welt, 05.03.2011

Der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich macht es seinen Gegnern zu leicht, wenn er sich gegen Christian Wulffs Satz "Der Islam ist ein Teil Deutschlands" wende, denn das ist er natürlich längst, meint Richard Herzinger. Zugleich aber ist der politische Islam kein Hirngespinst von Islamkritikern, sondern werde von Staaten und Organisationen systematisch betreiben - unter Mithilfe nützlicher Idioten in der hiesigen Öffentlichkeit: "Neuerdings .. scheint ein erheblicher Teil des deutschen intellektuellen Establishments an der Immunisierung 'des Islam' gegen jede grundsätzliche Infragestellung mitwirken zu wollen. Liberale 'Islamkritiker' werden in deutschen Feuilletons als 'Panikmacher' denunziert und pauschal mit populistischen rechtsextremen Fremdenfeinden in Verbindung gebracht. Dies erinnert an die Art, wie Linke und Linksliberale in den 70er- und 80er-Jahren den Begriff 'Antikommunismus' in eine Stigmatisierungsvokabel umgemünzt haben."

In der Literarischen Welt bekennt Walter Laqueur seine Skepsis über die ägyptische Revolution: "Ist das Regime wirklich abgelöst worden? Geht es in Ägypten 2011 nicht zu wie 1848 in Europa, als Louis Philippe von Frankreich und Fürst Metternich stürzten, die Revolution dann aber trotzdem scheiterte?""

Außerdem schreibt Paul Michael Lützeler über drei neue Kleist-Biografien. Ruth Klüger schreibt in ihrer Kolumne "Bücher von Frauen" über die amerikanisch-vietnamesische Autorin Monique Truong. Nachdem es kein Kaff ohne Kommissar gibt, fragt Joachim Feldmann: "Wer will die Regio-Krimis eigentlich noch lesen?" Besprochen wird unter anderem Gerhard Schulzes Essay über "Krisen".

Im Feuilleton beklagt Ulf Poschardt den Abgang Margit J. Mayers aus der Redaktion des schicken Architekturmagazins AD. Wolf Lepenies geißelt Zensur in der "Bildungsrepublik Deutschland", denn die Bundesländer weigerten sich, die Lehrerfolge ihrer Schule objektiv messen zu lassen. Andreas Rosenfelder geht mit Klaus Theweleit (der demnächst ein Buch über Bob Dylan vorlegt) essen. Sebastian Borger berichtet über die höchst unschöne Kungelei der London School of Economics mit dem Gaddafi-Regime. Besprochen wird eine neue Platte von REM.

Neue Zürcher Zeitung, 05.03.2011

In Literatur und Kunst skizziert Patrick Straumann französische Filme, die versuchen, das verschwimmende kulturelle Selbstverständnis und die schrumpfende territoriale Ausdehnung Frankreichs zu analysieren. Katharina Borchardt wirft einen Blick auf neue Literatur aus Südkorea. Martino Stierli stellt Ludwig Mies van der Rohe als von den Dadaisten beeinflussten Meister der Fotomontage vor. Gabriele Reiterer schreibt über das Haus von Ludwig Wittgenstein in Wien: "Es ist ein rätselhafter Findling, traumverloren, ein kühler, stummer Solitär".

Im Feuilleton - heute morgen nicht online - erzählt Samuel Herzog von seinen Versuchen, in Guangzhou ein Stück Hundefleisch auf den Teller zu bekommen und leitet dann über zur Kulturzone - inklusive einem Opernhaus von Zaha Hadid -, die gerade in Guangzou erbaut wird. Michael Hagner schildert seinen digitalen Alltag.

Besprochen werden Ivo van Hoves Inszenierung von "Ludwig II." nach dem viscontifilm an den Münchner Kammerspielen und Bücher, darunter Schriften von Franz Overbeck und Patrick Bahners' "Panikmacher" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Frankfurter Rundschau, 05.03.2011

Vorab leicht gekürzt abgedruckt wird ein Kapitel aus dem Buch "Aufstand der Städte" der Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth. Die jüngsten Meldungen zum Niedergang des ehrwürdigen Zweitausendeins-Versands verfolgt in einer Times Mager Hans-Jürgen Linke.

Besprochen werden ein Offenbacher Konzert, bei dem die als Vorprogramm spielende Sara Bareilles sehr viel mehr überzeugte als die Headliner Maroon 5, Wajdi Mouawads "Zeit (Temps)" beim F.I.N.D.-Festival an der Berliner Schaubühne, eine Inszenierung von Daniel Glattauers "Gut gegen Nordwind" im Frankfurter Remond Theater, die Ausstellung "Picasso in Paris, 1900-1907" im Van-Gogh-Museum in Amsterdam und Bücher, darunter Joyce Carol Oates' Erzählungsband "Die Lästigen" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 05.03.2011

Dirk Knipphals unternimmt den Versuch, weniger den Aufstieg und Fall als Erscheinung und Bild Karl-Theodor zu Guttenbergs lebensstiltheoretisch auszuleuchten und in den weiteren Kontext entsprechender Anstrengungen seiner liberal-konservativen Ex-Kollegen zu stellen: "Auf zwei unterschiedliche Weisen sind in diesen Lebensentwürfen Politik und Privates miteinander verbunden: Während Karl-Theodor zu Guttenberg und Kristina Schröder in der Mühle hängen, konservative und moderne Ansprüche zugleich erfüllen zu wollen, will Guido Westerwelle zeigen, dass ein entspanntes und selbstbestimmtes Leben auch, nein vielmehr: gerade jenseits der von ihm immer wieder angegriffenen linken Hegemonie möglich ist."

Weitere Artikel: Jürgen Gottschlich informiert über die Verhaftung zehn regierungskritischer Journalisten wegen ageblicher Putschabsichten in der Türkei. Von einer leicht überdimensionierten Hochzeit in Indien mit geschätzten 18.000 bis 30.000 mehr oder minder geladenen Gästen berichtet Agnes Tandler. In der Leuchten-der-Menschheit-Kolumne erfahren wir, dass Wolfgang Kraushaar die Ex-Wagenbach-Mitarbeiter Thomas Schmid (heute Welt) und Thomas Platt als Initiatoren einer Suhrkamp-bei-Aldi-Spottaktion aus dem Jahr 1981 geoutet hat.

Besprochen werden ein Hercules-and-Love-Affair-Konzert im Berliner Berghain, das neue Glasvegas-Album "Euphoric // Heartbreak //", die Gastarbeiter-Komödie "Almanya" und Bücher, darunter Uwe Timms Novelle "Freitisch" und eine am Beispiel Schweiz erarbeitete Studie "Wie die Reichen denken und lenken" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.03.2011

Cyberguru David Gelernter schickt mal wieder einen seiner mäandernden Texte. Diesmal wünscht er sich eine Software-Kritik, die Computerprogramme nach ihren ästhetischen Qualitäten beurteilt. Für seinen MP3-Player hätte er zum Beispiel gern: "Es muss leicht möglich sein, die Noten herunterzuladen. Es muss leicht möglich sein, die Partitur mit Anmerkungen zu versehen und diese mit anderen Personen auszutauschen. Man muss verschiedene Aufführungen eines Stücks Satz für Satz bequem miteinander vergleichen und bei Bedarf zusätzliche Informationen aus der Cloud beziehen können. Man drückt einen Knopf, und solange man ihn drückt, strömen weitere Informationen herein..."

Weitere Artikel: Dirk Schümer kommentiert den Rücktritt des glücklosen italienischen Kulturministers Sandro Bondi. Für seine Gastrokolumne finanziert die FAZ dem Kritiker Jürgen Dollase einen Besuch beim Dreisternekoch Christian Bau, der unter anderem "Auster, Auster, Auster" reichte. Joseph Croitoru schildert die bedenkliche Nähe des bekannten libyschen Autors Ibrahim al Koni, zum Gaddafi-Regime und erinnert daran, dass der bekannte Kapitalismuskritiker Jean Ziegler den Gaddafi-Menschenrechtspreis im Jahr 2002 zusammen mit Holocaustleugner Roger Garaudy angenommen habe (Ziegler soll das allerdings bestreiten). Und letztes Jahr hatte Tayyip Erdogan die Ehre.

Auf der Schallplatten und Phonoseite geht's unter anderem um neue Einspielungen der großen Listzschen Klaviersonate durch Lars Vogt, Haiou Zhang und Kirill Gerstein und um eine CD des britischen Rappers The Streets (Musik und Videos). Besprochen wird außerdem eine Ausstellung der feministischen Künstlerin Lynda Benglis in New York.

In Bilder und Zeiten erinnert sich Heinz Ludwig Arnold an seine Zeit als Privatsekretär Ernst Jüngers. Anastasia Triantafillaki und Daniel Grinsted besuchen die türkisch-griechische Grenze, wo viele Flüchtlinge stranden, die nicht mal über ihre Rechte aufgeklärt werden: "Einen Asylantrag zu stellen, ist so gut wie unmöglich. Und selbst wenn es gelingt: In den Behörden der Hauptstadt haben sich inzwischen 46.000 unbearbeitete Anträge angesammelt." Martin Wittmann berichtet, dass Tischtennis bei prominenten New Yorkern extrem in ist

Auf der Literaturseite wird unter anderem John Ashberys Gedichtband "Ein weltgewandtes Land" besprochen - mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr. Auf der letzten Seite interviewt Martin Gropp den Ärzte-Musiker Bela B.

Für die Frankfurter Anthologie liest Hans Christoph Buch ein Gedicht von Nikolaus Lenau - "Ein Rezensent:

(...)
Ich sah ihn Unrat sammeln in Retorten,
Er sublimierte ihn zu scharfen Witzen,
Am Boden blieb nach schnellverdampften Worten
Als 'caput mortuum' die Ehre sitzen."

Süddeutsche Zeitung, 05.03.2011

Alexander Menden und Andrian Kreye erklären, wie man sich als Diktator mit der richtigen PR-Strategie erfolgreich als Beinahe-Demokrat inszenieren kann: "In den USA haben die Zeitschrift Mother Jones (hier) und die Journalistenvereinigung Politico (hier) unterdessen mit Hilfe von libyschen Oppositionellen aufgedeckt, dass die PR- und Beratungsfirma Monitor aus Boston im Auftrag Gaddafis an dessen Image als Intellektueller mit demokratischen Neigungen arbeitete. Für drei Millionen Dollar im Jahr karrte die Firma dem Diktator in den Jahren 2006 und 2007 hochrangige Intellektuelle aus den Ivy-League-Universitäten und den Thinktanks ins Land. Einige Wissenschaftler wie der Harvard-Politologe Joseph Nye Jr. und der Politologe Benjamin Barber, ehemaliger Berater von Präsident Bill Clinton, verfassten nach Libyen-Aufenthalten, die Monitor bezahlt hatte, wohlgesinnte Artikel."

Weitere Artikel: Über den angekündigten Rücktritt des ägyptischen Antikenministers und andere Umwälzungen in der Kulturpolitik des Landes berichtet Sonja Zekri. In seiner Taxifahrer-in-Kairo-Kolumne gerät der Schriftsteller Khalid al-Khamissi diesmal an einen Chauffeur, der eine Bildungsrevolution in Ägypten für notwendig, aber nicht sehr wahrscheinlich hält. Ganzseitig porträtiert Burkhard Müller den autodidaktischen Archäologen und Abenteurer Dominique Görlitz, der in der Nachfolge Thor Heyerdals nachweisen möchte, dass es schon zur Steinzeit einen Seeweg nach Amerika gab. In einem Gespräch aus Anlass seines 70. Geburtstags spricht Peter Brötzmann nicht gerade enthusiastisch über die globale Situation des Jazz. Tobias Kniebe bremst die Erwartungen, dass demnächst ein Wikileaks-Film von Steven Spielberg ins Haus stehen könnte.

Für den Aufmacher der SZ am Wochenende hat Rebecca Casati beruflich mit Büchern Befasste zur E-Book-Zukunft befragt, darunter auch den Kiepenheuer-und-Witsch-Verleger Helge Malchow, der gewaltige strukturelle Unterschiede zu den USA sieht und deshalb glaubt: "Am Ende werden die Buchverlage in Deutschland gedruckte Bücher verkaufen, wie immer - ich bin sogar sicher, dass das gedruckte Buch noch mindestens zehn Jahre der Hauptbezugspunkt bleiben wird - aber wir werden von diesen Büchern eben auch die elektronische Version verkaufen." Auf zwei Seiten wird die Frage sondiert, wie real die Gefahr eines stark anwachsenden Flüchtlingsstroms von Afrika nach Europa ist. Joachim Käppner hat eine "kleine Kulturgeschichte deutscher Rücktritte" verfasst. Hilmar Klute unterhält sich mit dem Empörer Stephane Hessel über "Gelassenheit".

Besprochen werden die Aufführung von Sofia Gubaidulinas 2. Violinkonzert mit Gidon Kremer in München, Ivo van Hoves Theaterversion von "Ludwig II." an den Münchner Kammerspielen, Günter Krämers "Siegfried"-Inszenierung an der Pariser Nationaloper, das neue R.E.M.-Album "Collapse Into Now" (auf dem sich, so Max Scharnigg, die Band auf angenehme Weise nicht neu erfindet), Kevin Macdonalds Sandalenfilm "Der Adler der neunten Legion" und Bücher, darunter ein bisher nur in englischer Sprache erschienener Band mit 25 Gesprächen mit Philosophen zu aktuellen philosophischen Themen und Aris Fioretos neuer Roman "Der letzte Grieche" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).



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