Heute in den Feuilletons Ist Gursky ein verdammter Angeber?

In der "Frankfurter Rundschau" wägt Heinrich August Winkler Chancen und Risiko des deutschen Streits mit Amerika ab. In der "FAZ" fordert der ehemalige amerikanische Botschafter John C. Kornblum eine "Bereitschaft zum Risiko und zum Opfer" von den Deutschen.


Frankfurter Rundschau,   15.02.2003

Heinrich August Winkler (mehr hier), Professor für Neueste Geschichte an der Berliner Humboldt Universität, äußert sich im Interview zu unnötig zerbrochenem außenpolitischen Porzellan in der Irak-Frage. Europa steht in dem Konflikt mit den USA am Scheideweg der Geschichte, meint er. "Vielleicht formt sich jetzt in der Auseinandersetzung mit der neuen amerikanischen Strategie so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit. Diese würde sich über kurz oder lang wohl auch in den meisten Staaten durchsetzen, die sich jetzt für die amerikanische Position ausgesprochen haben. Das wäre die optimistische Variante. Das pessimistische Szenario hingegen wäre, dass sich Europa dauerhaft zerstreitet. Und damit die größte Chance seiner Geschichte verspielt: das Zusammenwachsen von West- und Osteuropa zu gestalten."



Weitere Artikel: Martina Meister vermutet, dass die besonders wilden Partys auf der diesjährigen Berlinale mit der Entstehung eines neuen Genres zusammenhängen: dem Grenzfilm. Renee Zucker bekommt eine Nachricht von der Achse des Guten und stellt uns in Zimt den gemeinwohlgesinnten Stadtrat Krüger vor. Meldungen besagen, dass Hans-Ulrich Treichel (mehr hier) den erstmals vergebenen Margarete-Schrader-Preis für Literatur und das Picasso Museum in Münster eine bedeutende Sammlung französischer Malerbücher des 20. Jahrhunderts erhalten.



In Zeit und Bild blättert Roman Luckscheiter in diversen Literaturmagazinen und erfährt mehr über Hoffmanns gebeutelte Helden oder die Logik der Legenden.



Hugh Grant plaudert über Europudding, seine vier Wohnungen in Chelsea und die Kunst. "Ich habe einen Gursky, um mal über deutsche Kunst zu reden. Den sehe ich mir an und denke: Ist der wirklich gut, oder bin ich nur ein verdammter Angeber (massive sucker)?" Tja, geht uns doch genauso!



Auf der Medienseite bemerkt Markus Brauck, dass die Zeitungen in diesen konfliktreichen Zeiten zu ihren alten Feindbildern zurückkehren - die FR kommt in seinem Schwarzbuch natürlich nicht vor.



Besprochen werden die selbstbewusste neue Platte von Surrogat "Hell in Hell", Andreas Dreesens urkomische Realsatire "Herr Wichmann von der CDU", eine üppige Retrospektive des Impressionisten Francis Picabia im Pariser Musee d'Art Moderne, und Bücher, darunter ein prall gefüllter Bildband über das Werk des sozialkritischen Fotografen Martin Parr (hier einige Beispiele) und die Neuübersetzung einer Tragödie und eines Poems von Wladimir Majakowskis "Wladimir Majakowski" und "Wölkchen in Hosen".



Im Magazin teilt Kriegsgegner George Clooney mächtig aus. Jeder aus der Regierung kriegt sein Fett ab, Colin Powell ("Kaum müssen Leute wie der nicht mehr selbst ihren Kopf hinhalten, sinkt ihre Hemmschwelle"), Donald Rumsfeld ("Na ja, der Rumsfeld redet manchmal dummes Zeug") und natürlich der Präsident: "Ich sage Ihnen noch, worin Bushs persönliches Problem liegt: Wir hatten mit Clinton acht Jahre lang eine gute, auch erfolgreiche Zeit. Jetzt haben wir einen Präsidenten, den wir gar nicht gewählt haben. Und dieser Präsident ist ein Verwalter, der mangelndes Charisma mit autoritärem Gehabe kompensiert. George Bush leitet die USA wie die Sopranos (mehr hier)."



Außerdem: Marc-Stefan Andres hat die letzten 20 Einwohner von Centralia besucht, die in der Stadt in Pennsylvania ausharren, obwohl sich unter ihren Häusern seit 40 Jahren ein Bergwerksbrand durch die Erde frisst. Roland Mischke berichtet dagegen vom Paradies, das wohl bald Geschichte ist: die Galapagos-Inseln. Und Jörg Hunke erzählt die noch recht überschaubare Kulturgeschichte des Snowboards.






Frankfurter Allgemeine Zeitung,   15.02.2003

John C. Kornblum, Chairman der Investmentbank Lazard in Berlin und ehemaliger amerikanischer Botschafter in Deutschland (1997-2001), versucht die verwirrten Deutschen zu trösten, indem er an den desolaten Zustand der Vereinigten Staaten im Jahre 1979 erinnert: Nach Robert Kennedys Ermordung, dem Vietnamkrieg, Watergate, der Ölkrise und einem Präsidenten Jimmy Carter, der glaubte "mit Anstand und Moral" auch die schwierigsten Probleme lösen zu können, war Amerika "erschöpft". "Ein Mantel der Unwirklichkeit legte sich über das gesamte Land." In Deutschland, so Kornblum, findet heute ein "ähnlich gelagerter Kampf zwischen Unschuld und Realität" statt. "Deutschland hat sich unter dem Einfluss einer fast unkritischen Bewunderung der Vereinigten Staaten von Amerika und auf der Basis einer idealisierten Selbsteinschätzung zu einem wohlhabenden Land entwickelt, einem Bild der Perfektion, das sich aufzulösen beginnt." Deutschland erlebe zur Zeit einen Umbruch, der die "Bereitschaft zum Risiko und zum Opfer" fordere. Dies, so Kornblum, muss es aber lernen. Denn: "Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Entwicklungen wäre Deutschland einer der Hauptverlierer der amerikanisch-europäischen Streitigkeiten."



Die Schriftsteller Orhan Pamuk und Javier Marias erklären, wie die Menschen in der Türkei und Spanien auf den deutsch-französischen Sonderweg reagieren. Orhan Pamuk hat keine Angst, dass der Konflikt innerhalb der Nato die deutsch-türkische Freundschaft beschädigt. "Diese Frage wird hier nicht dramatisiert, worüber ich froh bin. Die Menschen in der Türkei begreifen, dass es hier weniger um uns geht als vielmehr darum, dass Europa mit Hilfe von Deutschland und Frankreich versucht, die eigene Identität zu definieren. Europa ist im Begriff, zu einer Kraft zu werden, die nein zu den Vereinigten Staaten sagen kann. Darum gibt es hier keine Traumatisierung der Diplomatie. Ich begrüße diese Bemühungen, den amerikanischen Forderungen zu widerstehen."



Javier Marias glaubt nicht, dass die Einheit Europas über den Streit um einen Irakkrieg zerbricht. "Das Leben geht weiter, wir sind Nachbarn, und in den täglichen Fragen sind wir meistenteils derselben Meinung ... Ich schäme mich für die spanische Regierung und ihre Entscheidung, in dieser Sache der Bush-Politik blind zu folgen. Aznar benimmt sich wie der Butler des amerikanischen Präsidenten. Dagegen bin ich stolz auf die französische und deutsche Regierung. Ich wünschte, auch andere europäische Staaten hätten diese aufrechte Haltung gewählt."



Weitere Artikel: Der evangelische Bischof Wolfgang Huber erklärt den Unterschied in der Haltung der katholischen und evangelischen Kirche zu einem Irakkrieg. Mark Siemons verteidigt die Kriegskritik: die deutsche Öffentlichkeit verlange zu Recht Beweise für einen Bedrohung durch den Irak. Jürg Altwegg hat französische Zeitschriften durchgeblättert und meldet "Haffners Triumph und Noltes Niedergang". Kerstin Holm hat das Kunstmuseum von Nowosibirsk besucht. Jochen Hieber gratuliert dem Germanisten Hermann Kurzke zum Siebzigsten. Felicitas von Lovenberg gratuliert Elke Heidenreich zum Sechzigsten.



Auf der Berlinaleseite werden drei Filme aus Israel und Palästina vorgestellt und die Wettbewerbsfilme "Samurai in der Dämmerung" und "Alexandra's Project" besprochen. In den Ruinen von Bilder und Zeiten erzählt Franz Georg Kaltwasser, wie Amerika zu seinem Namen kam. Abgedruckt ist außerdem die Dankesrede Martin Mosebachs zur Verleihung des Kleist-Preises 2002.



Besprochen werden Martin Scorseses Film "Gangs of New York" und Bücher, darunter Philip Roths Roman "Das sterbende Tier" und ausgewählte Werke von Johann Wilhelm Ludwig Gleim (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).



Auf der Schallplatten- und Phono-Seite werden CDs von Calexico, Saxofourte, Massive Attack, Amelia Muge und den Baltic Voices vorgestellt. Außerdem Klavierkonzerte von Schumann und Tschaikowski mit Daniel Barenboim und den Münchner Philharmonikern. Magnus Klaue denkt über die schwierige Kunst des Tributes nach.



In der Frankfurter Anthologie stellt Uwe Wittstock ein Gedicht von Steffen Jacobs vor, das "Kindertodtenlied".

"Wir hätten dir gerne von früher erzählt,
wie es war, als wir dich noch nicht kannten.
Wir hatten nicht mal einen Namen gewählt,


ehe sie dich verbrannten..."




Die Tageszeitung,   15.02.2003

Die taz verlässt die Perspektive der großen Politik und berichtet gleich in zwei Artikeln vom Alltag in Amerika im Zeichen von Code Orange. Auf der Meinungsseite schickt Andrea Böhm ihren fünften Bericht von der Heimatfront in Washington (Tipps von der Katastrophenschutzbehörde hier). "Im Radio hat gestern jemand vorgeschlagen, Christo solle gleich die ganze Stadt einpacken, 'und wir machen eine Riesenparty unter Plastik'. Meine Nachbarin, Mrs. Gray, überlässt mit ihren 94 Jahren alle Vorsichtsmaßnahmen gegen ABC-Waffen 'Jesus, unserem Retter und Herren'. Christiane Kühl berichtet aus New York, wo angeblich alle bereits Plastikfolie und Isolierband bereithalten, für den Fall einer biochemischen Attacke. Und "Soldaten, die in die Golfregion versetzt werden, stürmen die Samenbanken, die den Soldaten sogar Rabatt geben - jedenfalls in Kalifornien."



Sehr grundlegende Gedanken macht sich Peter Fuchs zur Trivialisierung der politischen Rhetorik und zum Wahlsystem an sich, und zwar mit Hilfe der alles erklärenden, selbst aber wiederum schwer zu erklärenden Systemtheorie. Das klingt dann so: "Politik irritiert sich selbst durch systematisch eingeführte Unsicherheit über ihre Zukunft. Sie reagiert, würde das heißen, auf Eigenprobleme und immer weniger auf Sachprobleme. Oder anders: Sie definiert Sachprobleme um in Wahlchancenprobleme." Aha.



Eine einsame Besprechung widmet sich Gerhard Henschels Briefroman "Die Liebenden". Und hier ein Blick zur Berlinale-Seite.

Auf der Medienseite erzählt Kathrin Haasis von der 75. Geburtstagsparty Gotthilf Fischers, einem "Urviech der Unterhaltung". Und Jenny Zylka freut sich schon auf den britischen Jungspund und Starkoch Jamie Oliver, der Alfred Biolek Konkurrenz machen soll.



Im tazmag geht Jack Hitt mit den neuartigen Tierschützern von Wild Aid auf Pirsch im kambodschanischen Regenwald (mehr über das Land). Sie jagen Wilderer - und erschießen sie notfalls. Denn mit Gesetzen allein komme man gegen die global agierenden Wildererorganisationen nicht an. "Im Dschungel ist es wichtig, lautlos zu kommunizieren. Bowman hat Ek und seinen Leuten Handzeichen beigebracht. Eine geballte Faust heißt: 'Halt!' Die Hand vor dem Mund und der Zeigefinger meinen: 'Still, da ist was, versteckt euch!' Lautlos und dunkel gekleidet kann die ganze Mannschaft in Sekundenschnelle mit dem Dschungel verschmelzen. Um das Gefühl für die Zeit zu bewahren, machen wir jede Stunde fünf Minuten Trinkpause. An einer Wegbiegung gibt Ek plötzlich das Alarmsignal."



Weiteres: Christian Füller gibt Hilfestellung in Sachen Kindererziehung - in der Grauzone zwischen Rohrstock und antiautoritärem Chaos (mehr zu den neuen Erzieherinnen der Nation). Jutta Heess beschäftigt sich mit der zwiespältigen Angelegenheit, dass wir immer größer werden (mehr Großes hier). Jan Feddersen versteht nicht, warum die Volksmusik das Schmuddelkind des Musikgeschäfts ist, wo doch gerade die vermeintlich rebellischen Songs aus Pop und Rock heute auf jedem Durchschnitts-Sampler zu finden sind. Und Judith Luig widmet sich der harmonischen Welt der Eurythmie (was das ist, steht hier), in der es gerade ziemlich knirscht.



Schließlich Tom.




Neue Zürcher Zeitung,   15.02.2003

Peter Wien vom Zentrum Moderner Orient in Berlin erzählt in einem äußerst informativen Artikel die Geschichte des Iraks anhand der Dreiteilung des Landes, die den historisch dominierenden Konflikt zwischen den kurdischen, sunnitischen und schiitischen Bevölkerungsgruppen widerspiegele.



Weitere Artikel: Claudia Schwartz schreibt zum 200. Geburtstag des Architekten Ludwig Persius, der die Potsdamer Schlösser- und Parklandschaft entscheidend mitgestaltet hat. Christine Wolter stellt das experimentelle Teatro Vascello in Rom vor. Besprochen wird die Uraufführung von Lukas Bärfuss' "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" im Basler Schauspielhaus.



Literatur und Kunst widmet der Mediationsakte von 1803, mit der Napoleon vor zweihundert Jahren die Eidgenossenschaft in die moderne Zeit rettete, ein ganzes Dossier. Eine kleine Einführung zum Thema liefert tmn. V. M. stellt die Mediationsakte selbst vor. Victor Monnier schildert die Verhandlungen der Consulta in Paris 1802/03. Thomas Maissen beschreibt die Ausbildung der Territorialstruktur von 1803. Und Jonas Römer stellt die Frage, ob mit der Mediationsakte eine Revolution zum Abschluss kam.



Weiteres: Martin Meyer erinnert an den vor hundert Jahren geborenen Schriftsteller George Simenon. Jörg Becker denkt darüber nach, ob Georges Simenon nicht eigentlich für das Kino geschrieben hat. Schließlich kündigt Uwe Justus Wenzel ein Dossier über Europa und die Türkei an: "Christian Meier, nicht nur Althistoriker, versucht das Problem zu bestimmen, das sich mit der Erweiterung der EU stellt. Der Turkologe Klaus Kreiser führt in einer kulturhistorischen Skizze vor Augen, welche Wurzeln die Moderne in der Türkei des 20. Jahrhunderts geschlagen hat." Beide Texte haben wir im Netz nicht gefunden, dafür aber das Referat, das der rumänische Schriftsteller Mircea Cartarescu Ende Januar an einem Europa-Symposium im Literaturhaus Hamburg gehalten hat.






Süddeutsche Zeitung,   15.02.2003

Alles wie gehabt, nur dass der Slogan 1903 Blut für Zucker hieß. Wolfgang Eckart erinnert an den Krieg um Kuba und betont ausdrücklich etwaige Parallelen mit der Gegenwart. "Kriegsfieber erfasste den von Kongress, in dem die Republikaner die Mehrheit hatten und der nun auch einen Zwischenfall aufgreifen konnte, der sich im Februar vor Kuba ereignet hatte, die Explosion des US-Schlachtschiffes Maine. In der Nacht des 15. Februar 1898 war die Maine plötzlich nach Detonationen an Bord gesunken. Mehr als 250 Marines starben. Ein Untersuchungsausschuss des Naval Court unterstellte am 28. März spanische Minensabotage. Was für ein casus belli! Amerika würde seinen 'splendid little war' haben."



Leonardo di Caprio gibt uns im Aufmacher die Ehre und plaudert recht brav über seine bisherigen, gegenwärtigen und zukünftigen Filme. Einen guten Tipp hat er wenigstens für angehende Filmstars. "Am Ende hilft nur eine Regel: Wenn du keinen Film hast, musst du dich tot stellen. Keine Interviews, keine Parties, gar nichts. Du bist wie vom Erdboden verschluckt. Nur so kannst du ein Geheimnis wahren, das dir erlaubt, glaubwürdig hinter einer Rolle zu verschwinden."



Weiteres: Niels Werber kommentiert in der Reihe Briefe aus dem 20. Jahrhundert ein Schreiben des berühmt-berüchtigten Juristen und politischen Philosophen Carl Schmitt (Kurzbiografie), in dem dieser dem Strafrechtslehrer Paul Bockelmann 1950 versichert, seine Ansichten würden durch die Geschichte bestätigt werden. Tobias Kniebe meldet sich von der Berlinale und attestiert dem Regisseur Oskar Roehler ein Gefühl für Stil. Frank Arnold war dabei, als Jury-Chef Atom Egoyan seinen neuen Film "Ararat" gezeigt, sich ansonsten aber sehr bedeckt gehalten hat. Gottfried Knapp berichtet aus Leipzig, wo der Streit um den Wiederaufbau der 1968 gesprengten Paulinerkirche eskaliert. Alexander Menden gratuliert dem Dramatiker und Schriftsteller Karl Otto Mühl zum Achtzigsten. Wolfgang Jean Stock überreicht ebenfalls Glückwünsche, und zwar an die hundertjährige und damit älteste Architekturzeitschrift Deutschlands, den Baumeister und ihren langjährigen Chefredakteur Paulhans Peters, der achtzig wird. "zri" meldet, dass das russische Oberhaus das eben erst erlassene nationale Sprachhygienegesetz wieder gekippt hat.



Krieg auf der Medienseite: Christoph Maria Fröhder war 1991 Sonderkorrespondent der ARD in Bagdad und erzählt von seinen Erfahrungen mit Medien im Krieg. Ulrich Kienzle schildert Saddam Hussein, wobei ihm zugute kommt, den Diktator kurz vor dem ersten Golfkrieg interviewt zu haben. RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler schimpft über den Preiskrieg bei den Fußballrechten, die Champions League und die Zukunft der Bundesliga im Fernsehen.



Die Literaturseite ist heute unter dem etwas makabren Motto "Was vom Autor übrig blieb" den Witwen von Schrifstellern gewidmet. Caroline Pross stellt die diversen Frauen Brechts vor; Hilmar Klute beschäftigt sich mit Irmgard Born, die ihren Mann Nicolas überlebte; Thomas Steinfeld zollt der klugen und umsichtigen Ilse Benn Respekt, während Lothar Müller Marianne Frisch porträtiert; die selbsternannte "Kafka-Witwe" Klaus Wagenbach darf sich selbst äußern. Abgerundet wird das Ganze durch Julia Enckes Typologie der Schriftstellerwitwe.



Besprochen werden zwei Geburtstagsausstellungen in Amsterdam und Otterlo zur Entwicklung und Rezeption von Vincent van Gogh, Sandra Bullocks neuer Film "Ein Chef zum Verlieben" mit Hugh Grant, zwei gelungene Tschaikowsky-Konzerte der Cellisten Mischa Maisky und Ha-Na Chang in München, der Münchner Auftritt der Hamburger Philharmoniker unter Ingo Metzmacher im Rahmen ihrer Welttournee, Barbara Freys Inszenierung von "Die sexuellen Neurosen unserer Eltern" von Lukas Bärfuss am Theater Basel und kein einziges Buch.



In der SZ am Wochenende erfahren wir von Georg M. Oswald (mehr hier) in einer Kurzgeschichte, was er am Sonntagvormittag so treibt, wenn Frau und Tochter in die Kirche aufgebrochen sind. Der Beginn ist schon mal verheißungsvoll. "Ich bin noch nicht aufgestanden, ich liege im Bett und sondiere die Lage. Die Vorhänge vor meinem Fenster sind zugezogen, grobe, braune Leinenvorhänge, kaum lichtdurchlässig. Meine Mutter hat sie genäht, angeblich sehen sie gut aus, weil sie selbst gemacht sind. Bei uns sieht Selbstgemachtes auch dann gut aus, wenn es in Wirklichkeit zum Kotzen aussieht - eben weil es selbst gemacht ist. Lange Zeit habe ich die Leinenvorhänge in meinem Zimmer gehasst, bevor ich eine kranke, zynische Liebe zu ihnen entwickelte."



Der rote Faden fürs Leben kostet 23 Euro und ist einer der Skurrilitäten, die man in Roland Albrechts winzigem Museum in Berlin kaufen kann. Sensationell, findet Birk Meinhardt, der ihn dort besucht und wunderliche Dinge erlebt hat. Eine Kostprobe: "Ich trete zur ersten Konsole. In den Samt eingelassen ist ein fingerkuppengroßer quadratischer roter Knopf, sonst nichts. Ich drücke ihn und höre, wie eine Stimme gedehnt 'ahoi' sagt, immer nur 'ahoi, ahoi'. Der Mann, der Museumsdirektor, kramt, ohne aufzuschauen und scheinbar ohne mitzuhören, in einer Ecke in irgendwelchen Papieren." Der Lohn der Mühe: die Antwort auf die brennende Frage, wie der böhmische Gruß "Ahoi" zur Schiffahrt kam.



Außerdem: Willi Winkler erzählt noch einaml das Märchen von Phil Spector, um den tiefen Fall des unter Mordanklage stehenden Musikproduzenten deutlich zu machen. Marc Hujer schildert, wie George Bush mit seinen Keuschheitsparolen dem Oralsex in Amerika zu einer Blüte verhilft. Und Christine Brinck spricht mit Vera Gräfin Lehndorff - besser bekannt als Model Veruschka in den Sechzigern und Siebzigern - über unerwarteten Gestapo-Besuch und die unerträgliche Langeweile des Modelseins.










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