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11. September 2007, 10:06 Uhr

Heute in den Feuilletons

"Jude kann man nicht werden"

Die "FAZ" pocht auf den Unterschied zwischen Embryonen und Föten. Die "taz" besucht die Biennale von Istanbul. Der "Tagesspiegel" beschreibt, wie sich Comic-Superhelden in den Terror-Kampf verstricken.

Die Welt, 11.09.2007

Nachdem sich der Germanist und langjährige DKP-Politiker Peter Schütt am Samstag in der Welt über seine Konversion zum Islam ausließ, antwortet ihm der iranische Schriftsteller Said in einem wütenden Artikel und fragt den "Instant-Konvertiten", warum es denn immer eine neue Religion sein muss: "Bist Du sicher, dass Du Mohammed nicht mit Lenin verwechselt hast? Oder war es wieder Dein glühender Antiimperialismus, der Dich in die Arme des Islam geführt hat? Auch Präsident Ahamadinedschad schreibt in Teheran - auf Kosten der Andersdenkenden - seinen Antiimperialismus, radikaler als Du. Selbst Osama Bin Laden ist Antiimperialist, schon vergessen? ... Du bleibst ein ewiger Konvertit. Auf Deinen nächsten Neuanfang bin ich sehr gespannt. Was kommt diesmal? Judentum? Buddhismus? Oder eine exotische Religion aus der Südsee?"

Weitere Artikel: Reinhard Wengierek wirbt für das Berliner Renaissancetheater, in dem der Schauspieler Dominique Horwitz Charlotte von Mahlsdorf spielt. Ute Baier schreibt über den "furchtbar gekränkten" Roger M. Buergel und die Kritik an seiner Documenta. Dankwart Guratzsch war zu Besuch im geschichtsträchtigen Hotel "Erfurter Hof", das nach dem Besuch Willy Brandts zu einer Touristenattraktion avancierte und nun zu einem "Bürohaus mit Nostalgiegefühl" umgebaut wurde. Joachim Lange berichtet über das Theater Erfurt, das mit dem Doppel "Mariana Pineda" und "La brocca rotta" in die neue Saison startet. Manuel Brug porträtiert Fabio Luisi, der als neuer Generalmusikdirektor die Leitung der Sächsischen Staatsoper und Staatskapelle Dresden übernimmt. Matthias Heine stellt den neuen Film "Salvador" vor, in dem Daniel Brühl in der Rolle eines Widerstandskämpers zu sehen ist, darunter findet sich ein Interview mit dem Schauspieler in dem er feststellt: "Ich bin nicht die neue Romy Schneider!" Manuel Brug bespricht das Doppelalbum "Voices" der Sopranistin Inge Nielsen.

Der Tagesspiegel, 11.09.2007

Das Thema 9/11 hat längst auch den amerikanischen Comic-Mainstream erreicht, berichtet Lars von Törne. Das eindrücklichste Beispiel ist die Serie "Civil War": "Auch in der amerikanischsten Variante des Comic-Genres, im Superhelden-Universum, herrscht 'Civil War'. So lautet der Titel eines verzweigten Epos aus dem Marvel-Verlag, in dem sich in einer Haupt- und zahlreichen Unterserien die Schockwellen von Irakkrieg und 9/11Trauma im Reich der kostümierten Muskelmutanten fortsetzen. (...) Im Comic liest sich das so: Ein misslungener Polizeieinsatz gegen außer Kontrolle geratene Superhelden hat hunderte Zivilisten getötet. Für die Regierung ist das ein willkommener Anlass, um den Kampf gegen den Terror auszurufen und die Bürgerrechte einzuschränken. Geschöpfe mit außergewöhnlichen Kräften sollen sich registrieren lassen und für den Staat arbeiten. Das spaltet sonst recht staatstragende Figuren wie Iron Man und Captain America, Spider-Man und die Fantastischen Vier in mehrere Lager: Während die einen der Regierung helfen wollen, tauchen die anderen in den Untergrund ab und machen auf Bürgerrechtler. Einige wandern sogar aus, weil sie mit diesem Land, Amerika, nichts mehr zu tun haben wollen."

Henryk M. Broder nimmt sich das Thema Konversion aus jüdischer Perspektive vor und dekretiert, dass man Jude sowieso nicht werden kann: "Dabei ist es unmöglich, zum Judentum überzutreten. Jude kann man nur sein, man kann es nicht werden. Das mag rassistisch klingen, dennoch ist es so. Jeder Nichtjude kann sich jüdisches Wissen aneignen, Pessach statt Ostern und Chanukka statt Weihnachten feiern. Doch ein 'jüdischer Kopf' lässt sich dadurch nicht herstellen. Auch wenn es schwierig ist, das, was einen Juden ausmacht, zu definieren - die Religion allein ist es nicht. Es ist eine Mischung aus Frechheit und Paranoia, schlechten Manieren und gutem Essen, Rechthaberei und Selbstironie. Und es ist die Art, wie jeder Jude sein Judesein bestimmt."

Süddeutsche Zeitung, 11.09.2007

Sonja Zekri fährt nach Moskau und St. Petersburg, um die gewaltigen Bauten zu besichtigen, die internationale Architekten in den für "Exzesse offenenen" Städten Russlands errichten. Zum Beispiel die einstige Schokoladen-Fabrik "Roter Oktober", die von Architekten wie Jürgen Willen, Norman Foster und Jean Nouvel in ein "Loftparadies für Superreiche" umgebaut werden soll. "Außerdem plant Willen einen gläsernen Lift und einen Pier: 'Dann kann man mit dem Schiff heranfahren und im Glasaufzug nach oben schweben.' Die milliardenschwere Kundschaft lässt sich gern überraschen. Willen baut in Schanghai und in Dubai, aber von Moskau schwärmt er. 'Eine Palme in Dubai am Leben zu erhalten, kostet 2000 Dollar im Jahr. Trotzdem werden da ganze Haine angelegt. Nichts ist nachhaltig, alles nur teuer. Moskau ist anders. Die Geschäftskultur ist uns näher. Für Architekten ist es der beste Markt der Welt', sagt er. Das sehen viele Kollegen ähnlich. Russland schwimmt in Öl und Gas und also im Geld. Aus der ganzen Welt reisen Architekten an, im Gepäck Pläne für neue Städte, im Kopf Quadratmeterzahlen in Dimensionen, die der Vertreter einer deutschen Baufirma mal 'den reinen Orgasmus' nannte."

Zwischen Nordrhein-Westfalen und den Stiftern des Beuys-Museums auf Schloss Moyland haben sich tiefe Gräben aufgetan, berichtet Stefan Koldehoff. Grund sind kaufmännische wie künstlerische Fehltritte. "Schon zwei Wochen nach der Eröffnung des Museums hatte die tageszeitung darüber berichtet, dass ein Beuys-Relief mit einem Schwan auf dem Kopf stehend ausgestellt worden sei. Ein niederländischer Förster habe versichert, dass Schwäne nur so herum fliegen könnten, behauptete eine Museumssprecherin. Eva Beuys hingegen konnte auf eine Zeichnung ihres Mannes verweisen, die das Gegenteil belegte."

Weiteres: Meinungsfreiheit findet in Afghanistan nur auf der Bühne statt, bemerkt Arnd Wesemann beim vierten Theaterfestival in Kabul. Als Moderatorin darf Eva Herman entfesselt plappern, als Autorin nicht, stellt Thomas Steinfeld fest. "job" meldet den unaufhaltsamen Niedergang der MTV Awards. Hermann Unterstöger verkündet in einer sprachlich inspirierten Zwischenzeit den Sieg der Elefantendame über die Elefantenkuh. Jörg Häntzschel hält spätestens seit Erscheinen des Buchs "Debunking the 9/11 Myths" der Zeitschrift Popular Mechanics alle Verschwörungstheorien rund um den 11. September für erledigt.

Auf der Medienseite nimmt Christopher Keil die neue Partnerschaft zwischen dem NDR und dem "Deutschen Herbstmeister" Stefan Aust unter die Lupe.

Besprochen werden Helmut Baumanns Inszenierung von Jacques Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt" in der Volksoper Wien, und Bücher, darunter Richard Dawkins' "Der Gotteswahn" und Christopher Hitchens' "God is not great", sowie Bruno Preisendörfers Roman "Die Vergeltung" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Neue Zürcher Zeitung, 11.09.2007

Martin Krumbholz hat sich in Essen umgesehen, der Europäischen Kulturhaupstadt des Jahres 2010 - und ist beeindruckt: "Essen, die größte Stadt des Ruhrgebiets, war im Grunde schon immer Kulturhauptstadt, es ist nur nicht offiziell geworden. Es gibt hier eine bemerkenswerte Fülle von Kulturereignissen auf engem Raum: der schöne Gruga-Park mit der dazugehörigen 'Halle' im spätexpressionistischen Stil der fünfziger Jahre; das elegant geschwungene Aalto-Musiktheater, 1988 eröffnet; das Folkwang-Museum mit seiner wichtigen Gemäldesammlung, das zurzeit (bis auf einen Teil des Altbaus) abgerissen und von David Chipperfield bis 2010 neu gebaut wird; die renommierte Folkwang-Hochschule für Musik, Tanz, Theater; die Lichtburg, das seinerzeit (1928) grösste und modernste Kino Deutschlands. Die Tendenz zum Superlativ, zur Megalomanie ist dabei schwerlich zu übersehen: In Essen muss alles möglichst groß sein."

Weitere Artikel: Arthur Miller hat, wie ein Artikel der amerikanischen Vanity Fair aufdeckt, einen am Down-Syndrom leidenden Sohn nach der Geburt ins Heim gesteckt und aus seinem Leben gestrichen - Andrea Köhler kommentiert die Diskussionen, die in den USA nun um die moralische Glaubwürdigkeit des 2005 verstorbenen Autors geführt werden.

Besprochen werden die Uraufführung von Joachim Schlömers Choreografie "A Clear View of Heaven" beim Lucerne Festival, die Genfer Ausstellung von Marcovilles 'Foret de verre' und Bücher, darunter Ulrich Peltzers "betörender" Roman "Teil der Lösung" (hier eine Leseprobe) und Michael Köhlmeiers "ambitionierter" Roman "Abendland" und der Briefwechsel zwischen Uwe Johnson und Fritz J. Raddatz (mehr dazu in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 11.09.2007

Die zehnte Istanbul Biennale bespielt einige vom Abriss bedrohte Gebäudeensemble der Stadt und thematisiert auch sonst den Wandel, wie Brigitte Werneburg feststellt. "Trotz ihrer raumgreifenden Dimension wirbt die Baustelle des chinesischen Künstlers Huang Yong Ping in der Weite des Antrepo No. 3, der in unmittelbarer Nachbarschaft zum Istanbul Modern gelegenen Lagerhalle am Hafen, eher leise, aber wirkungsvoll um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Zunächst fällt nur die Spitze auf, die raketengleich über die Bauplanen hinausragt, die den größten Teil des schräg aufgebahrten Minaretts verbergen. Es stellt den Aluminiumnachguss eines der vier Minarette dar, die - neben acht Kalligrafien mit dem Namen Allahs und der Beseitigung des Kreuzes - genügten, um die Hagia Sofia, die 916 Jahre christliche Kirche war, für weitere 481 Jahre in eine Moschee zu verwandeln. Mit einigem Erstaunen wird man gewahr, mit welch geringen Mitteln, ohne weitere Zerstörung oder gar Abriss, einstmals der ideologische Transfer vonstatten ging."

Auf der Meinungsseite erklärt Isolde Charim, dass der Papst erfolgreich ist, weil er sich und die Kirche als unzeitgemäß inszeniert. im Feuilleton annonciert Lars Quadfasel die Comicfortsetzung der einstigen Fernsehserie "Buffy - die Vampirjägerin". Thomas Winkler unterhält sich mit "The Enemy"-Sänger Tom Clarke über Ruhm und erfährt: "Dem Ersten, der mich einen Promi nennt, werde ich eine aufs Maul hauen."

Empfohlen wird das neue Album "Civilians" des Songwriters Joe Henry.

Und Tom.

Frankfurter Rundschau, 11.09.2007

Die Ausstellung "Freizeit im Faschismus" in der ehemaligen Feriensiedlung Prora auf Rügen zeigt die Freizeitpolitik der Nationalsozialisten, wie Harry Nutt informiert. "Die faschistischen Bewegungen mussten die gesellschaftliche Körperorientierung nicht eigens entwickeln. Sie schöpften vielmehr die Trends einer sportiven Mobilität ab und arbeiteten sie für anstehende Kriegsvorbereitungen um. Dass ihnen dabei auch die demografische Situation in die Hände spielte, darauf hat zuletzt der Historiker Gunnar Heinsohn (Merkur, Heft 700) hingewiesen. In den Straßenkämpfen nach 1930 tobten die Jahrgänge 1900 bis 1914 auf den Straßen. Während der Verfassungsschutz heute etwa 15000 gewaltbereite Rechts- und Linksradikale verzeichnet, waren es in den frühen dreißiger Jahren vier- bis fünfmal soviel."

Weiteres: Die Frankfurter Messerattacke auf einen Rabbi und die in Oberschledorn geplanten Anschläge scheinen Harry Nutt wie die Botschaften von Ausgeschlossenen einer sich "immer stärker verfugenden Gesellschaft". Ina Hartwig nutzt eine Times mager, um sich über die im Spiegel geäußerte, heftige Kritik des documenta-Leiters Roger M. Buergel an den Kunstkritikern zu wundern.

Besprochen werden Jorinde Dröses Inszenierung von Hebbels "Maria Magdalena" im Berliner Maxim Gorki Theater, Christof Nels Version von Claude Debussys Oper "Pelleas et Melisande" an der Rheinoper in Düsseldorf, sowie Thomas Karlaufs Biografie Stefan Georges.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2007

Max Schöler, Direktor des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, setzt sich mit der Kritik des Philosophen Robert Spaemann an der Stammzellforschung auseinander: "Wer wie Spaemann behauptet, dass für diese Forschung die 'Tötung menschlicher Föten' notwendig sei, muss sich vorwerfen lassen, dass es ihm an elementaren Grundkenntnissen der Biologie fehlt. Oder aber, dass er gezielt Horrorszenarien ohne sachliche Grundlage entwirft. Denn: Ein Embryo ist kein Fötus und eine Zelle kein Mensch. Diese Unterscheidungen sind keine Spitzfindigkeit oder Wortklauberei. Es geht um fundamentale Unterschiede, die unser Denken und Fühlen bestimmen. Jene Zellen, mit denen wir Wissenschaftler forschen, stammen aus Embryonen in einem sehr frühen Stadium der Entwicklung: Fünf bis sechs Tage nach der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist ein kugelförmiges Gebilde aus hundertfünfzig bis zweihundert Zellen entstanden."

Weitere Artikel: Die Historiker Robert Gerwarth und Stephan Malinowski kritisieren die Thesen von Jürgen Zimmerer (mehr), denen zufolge Hitlers "Vernichtungskrieg im Osten als Kolonialkrieg und der Holocaust als 'kolonialer Genozid' zu betrachten wäre. In der Leitglosse staunt Edo Reents, dass die Bahn in Sachen Rauchverbot ohne jedes Getöse "Sargnägel mit Köpfen" gemacht hat. Bissig kommentiert Andreas Platthaus die Tatsache, dass der Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock als Drehbuchmitarbeiter des Spielfilms "Schattenwelt" heute gut am Terrorismus verdient. Paul Ingendaay hat das gerade eröffnete neue Museum Würth in Agoncillo in der spanischen Weinregion La Rioja besucht. Mark Siemons berichtet von einem Auftritt des Soziologen Ulrich Beck in Peking, wo seine Globalisierungsthesen auf freundlich formulierte Skepsis stießen. Günter Kowa stellt das neue Bernburger Martinszentrum vor, einen Neubau, der die städtische Kirche umgibt. Martin Wittmann erzählt die Familiengeschichte des Erfolgsgetränks Bionade (Website). Alexandra Kemmerer stellt die Thesen der als zukünftige demokratische Außenministerin gehandelten US-Völkerrechtlerin Anne-Marie Slaughter vor, die sich emphatisch zu amerikanischen Werten bekennt.

Besprochen werden Dimiter Gotscheffs Inszenierung von Heiner Müllers "Hamletmaschine" in Berlin ("siebzig Minuten Sauerkitsch", schimpft Irene Bazinger), ein Auftritt der Russell Maliphant Company beim Weimarer Kunstfest "Pelerinages", eine CD der Sängerin Magdalena Kozena mit Händelarien, ein Konzert von Denis Fischer in Bremen und Literatur, nämlich Dzevad Karahasans Geschichten "Erzählungen aus der dunklen Welt".

Ins Netz gestellt wurde jetzt auch das Gespräch, das Martin Walser im Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über Finanzdinge führte. Titel: "Reichtum macht unabhängig. Aber auch hässlich."

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