Heute in den Feuilletons "Lasst Tom Cruise in Berlin spielen"

Die "FAZ" beschwört die für traditionelle Medien problematische Freiheit im Internet. In der "SZ" rät "Politiken"-Chefredakteur Toger Seidenfaden von allzu starkem Insistieren auf westliche Werte ab. "Welt" und "Zeit" denken über den Benefiz-Glamour von Live Earth nach.


Neue Zürcher Zeitung, 05.07.2007

Die NZZ druckt einen Artikel aus dem Observer nach, in dem der ausgestiegene Dschihadist Hassan Butt darüber nachdenkt, wie man auch andere Islamisten vom Extremisten vom Pfad des Terrors abbringen kann: "Wenn unser Land sich den radikalen und gewalttätigen Extremisten tatsächlich stellen will, dann müssen die islamischen Religionsgelehrten zunächst einmal über die Bücher gehen. Wir brauchen neue, zeitgemäße Regeln, ein revidiertes Verständnis für die Rechte und Verantwortlichkeiten von Muslimen, deren Häuser und Seelen fest in dem verwurzelt sind, was ich das Land der Koexistenz nennen möchte. Und wenn dieses neue theologische Terrain erschlossen ist, dann werden Muslime im Westen sich von längst obsoleten Weltbildern befreien und die Regeln des Zusammenlebens neu formulieren können; dann werden wir vielleicht entdecken, dass das Konzept des Tötens im Namen des Islam nur mehr ein Anachronismus ist."

Besprochen werden Bücher, darunter György Konrads Schrift "Das Buch Kalligaro", Barbara Gowdys Roman "Hilflos" und eine Publikation über das Unesco-Welterbe (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Tageszeitung, 05.07.2007

Alexander Camman hat im ersten Themenheft der Zeitschrift "Recherche Film und Fernsehen" geblättert, das dem "Nachspiel DDR" gewidmet ist. Ekkehard Knörers Videokolumne ist heute Johnnie Tos' Film "Election" gewidmet.

Besprochen werden Sydney Pollacks Dokumentarfilm "Sketches of Frank Gehry", Craig Brewers Spielfilm "Black Snake Moan" und Luc Boltanskis anthropologische Studie "Soziologie der Abtreibung" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages)

Und Tom.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2007

Frank Schirrmacher führt mit dem Sozialstaatsverteidiger Albrecht Müller (mehr hier) und dem Verleger Hubert Burda ein Gespräch über unsere "depressive Gesellschaft". Es geht dabei auch ums Internet und die traditionellen Medien. Schirrmacher sagt in einer Frage den rätselhaften Satz: "Gerade in den traditionellen Medien merken wir, dass sich die Welt immer stärker ausdifferenziert und fragmentarisiert. Das heißt, dass unser Wahrheitsanspruch, der in der Willy-Brandt-Zeit ja noch gigantisch war, schwindet. Alles läuft auf Selbstorganisation hinaus." Burda antwortet etwas klarer: "Die öffentliche Meinung wird nach wie vor von jener kleinen Anzahl von Menschen geprägt, die täglich bestimmen, was publiziert wird. Die tragen eine ungeheure Verantwortung. Aber auch das ändert sich durch die Blogger und die Foren im Internet. Hier entsteht eine Form der Selbstorganisation, eine meinungsbildende Öffentlichkeit." (Das Gespräch ist hier online.)

Weitere Artikel: Andreas Platthaus feiert im Aufmacher zwei deutsche Übersetzungen von Comicmeisterwerken der letzten Jahre, Paul Hornschemeiers "Komm zurück, Mutter" und Patrice Killoffers "Sechshundertsechsundsiebzig Erscheinungen von Killoffer". "till" kritisiert in der Leitglosse die totale Unsicherheit der Zeithistoriker in der Frage, ob es Masseneintritte in die NSDAP gab oder nicht. Christian Schwägerl und Jürgen Kaube berichten über Bestrebungen europäischer Politiker, den biblischen Schöpfungsmythos in die Biologielehrpläne einzubauen. Heinrich Wefing sieht es als Skandal der politschen Korrektheit, dass Tom Cruise bestimmte Berliner Drehorte für seinen Stauffenberg-Film versperrt werden. Rose-Maria Gropp liest das dritte Kapitel aus Elfriede Jelineks ausschließlich im Internet erscheinenden Roman "Neid". Jürg Altwegg berichtet über die von Nicolas Sarkozy geplante Universitätsreform. Andreas Kilb verfolge eine Berliner Tagung über Strategien der Terrorprävention.

Auf der Kinoseite ist Rüdiger Suchsland den Filmen William Friedkins und diesem selbst wiederbegegnet - ihm war die Retro in München gewidmet. Andreas Kilb hat im Zeughaus-Kino einige Filmausschnitte und Dokumente über das Berliner Stadtschloss gesehen und wünscht sich deren Veröffentlichung auf DVD. Bert Rebhandl verweist auf eine Werkschau des Stummfilmregisseurs Richard Eichberg in Berlin.- Peter Körte glossiert Oliver Stones Projekt eines Porträts über Ahmadinedschad, das von diesem leider abgelehnt wurde. Gemeldet wird, dass die EU stolz zu ihrem europäischen Sexszenenwerbefilm für das europäische Kino steht, das auf Youtube veröffentlicht ist.

Auf der Medienseite schreibt der Kinderfernsehmacher Gert K. Müntefering über den Stand des Genres. Karen Krüger berichtet über Greenpeace, das zu Vorzugskonditionen sein Magazin bei Lidl verkaufte und zugleich durch überraschend gute Gemüse-Ökotests bei Lidl erstaunte. Und Michael Hanfeld meldet, dass das ZDF und die ARD-Tochter Bavaria kooperieren wollen.

Für die letzte Seite besucht Regina Mönch die fast fertig restaurierte Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Joachim Müller-Jung zitiert Kritik an einer großen Zahl von Abtreibungen von Mehrlingsföten nach künstlicher Befruchtung. Und Ruth Neumann porträtiert die junge Biochemikerin Birgit Liss, die den Alfried-Krupp-Hochschulpreis bekommen hat.

Besprochen werden ein Dokumentarfilm Sydney Pollacks über Frank Gehry und seine Skizzen, Bachs Matthäus-Passion in Glyndebourne, die Ausstellung "Neubauland" im Deutschen Architekturmuseum und eine Wanderausstellung über die Wehrmachtjustiz zur Zeit in Berlin.

Die Zeit, 05.07.2007

Vor den rund um den Globus am Samstag stattfindenden "Live Earth"-Konzerten konstatiert Robert Misik, wie Green Glamour dafür gesorgt hat, dass "Weltrettertum" nicht mehr verbiestert, sondern fröhlich erscheint: "Das Thema Ökologie, das sehr deutsch und auf engen Bahnen seinen Weg um die Erdball begonnen hat - mit Verbots- und Verzichtsjargon, Gegen-Lifestyle und Technikskepsis -, kommt nun sehr amerikanisch wieder zurück: als breite Entertainmentwelle, mit viel Schick und einem großen Löffel Wohlfühlrhetorik. Statt des übellaunigen 'Wir müssen uns bescheiden' jetzt das ermunternde 'Wir können es schaffen'. Heute heißt es nicht mehr 'Jute statt Plastik', sondern Hybridauto statt Benzinstinker. Nachhaltigkeit wird zur höchsten Form der Eleganz."

Weiteres: Elisabeth von Thadden will noch einmal aufrütteln: Wir können nicht auf Kosten der Armen glücklich werden, meint sie. "Lasst Tom Cruise in Berlin spielen, ruft Josef Joffe in der Randspalte, der es nur dumm, aber nicht schimpflich findet, dass Cruise sein Geld den Scientologen hinterwirft - wie andere einem Familienaufsteller oder Management-Consultant. Im Interview mit Evelyn Finger hält es der Historiker Norbert Frei durchaus für glaubhaft, dass Walser, Lenz und Hildebrandt nichts von ihrer Mitgliedschaft bei der NSDAP gewusst haben.

Besprochen werden das neue Album "Kapitulation" von Tocotronic (über das Thomas Groß frohlockt: "Den vernünftigen Leuten kann tatsächlich nicht gefallen, was sie da zu hören bekommen"), Peter Konwitschnys Lehar-Inszenierung "Land des Lächelns", "Schwedisch für Fortgeschrittene" als "Feel-Good-Movie für Frauen ab vierzig, Stefan Tolz und Marcus Vetters eBay-Doku "Trader's Dream" und Unsuk Chins fanatisch-fantastische Oper "Alice in Wonderland" in München.

Im Aufmacher des Literaturteils bespricht Eckhard Nordhofen Arnold Angenendts Studie zum Christentum "Toleranz und Gewalt" zusammen mit Ian Burumas Buch über den Mord an Theo van Gogh "Die Grenzen der Toleranz" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Welt, 05.07.2007

Michael Pilz beklagt unter der schönen Überschrift "Der Schein heiligt die Mittel", dass mit dem am Wochenende stattfindenden "Live Earth"-Konzert die Idee des Benefizkonzerts zu Tode geritten wird: "Der Pop braucht heute jede äußere Erregung und romantische Gefühle dringender als dass politische Probleme noch den Pop und seine Handlungsreisenden nötig hätten."

Weiteres: Ulli Kulke schreibt über die morgen eröffnende Ausstellung "Im Zeichen des Goldenen Greifen", die die spektakulären Funde aus den Gräbern der Skythen zeigt, die unter anderem der Berliner Chef-Archäologe und baldiger Preußen-Stiftungschef Hermann Parzinger in der zentralasiatischen Steppe ausgegraben hat. Berthold Seewald kann keinen Rufmord darin sehen, Lenz, Walser und Hildebrandt als einstige NSDAP-Mitglieder zu outen. Für ihn geht es "um die banale Frage, warum intellektuelle Größe offenbar über Jahrzehnte verhinderte, eine Jugendsünde zuzugeben."

Besprochen werden die Ausstellung "Ende offen" mit Werken von Maurizio Cattelan im Frankfurter MMK und auf der Kinoseite Colin Nutleys Film "Schwedisch für Fortgeschrittene", Sydney Pollacks vielsagende Dokumentation "Scetches of Frank Gehry", Craig Brewers Musikfilm "Black Snake Moan" und Douglas Mackinnons Radfahrer-Epos "Flying Scotsman".

Frankfurter Rundschau, 05.07.2007

Christian Schlüter hat das Buch der in Irland geborenen und in Harvard lehrenden Politikwissenschaftlerin Louise Richardson "Was Terroristen wollen" gelesen, das die für ihn beunruhigenden Frage stellt, ob es auch gute Terroristen gibt. In der Kolumne Times Mager ätzt Christian Thomas ein bisschen über den näher rückenden Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Harry Nutt beschäftigt sich mit dem neuen Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung.

Besprochen werden eine Werkschau zum hundertsten Geburtstag von Frida Kahlo im Palast der Schönen Künste in Mexiko-City, das Choreografieprojekt des Berliner Staatsballets "Shut up and Dance" im legendären Hauptstadtclub "Berghain", Sidney Pollacks Dokumentarfilm über seinen Freund, den Architekten Frank O. Gehry "Sketches of Frank Gehry" (für Daniel Kothenschulte "weniger ein Architekturfilm als ein eigenwilliger Austausch über künstlerische Ethik und das, was Karrieren im Weg stehen kann") und Colin Nutleys Film "Schwedisch für Fortgeschrittene" (den Heike Kühn "subversiver als 'Sex and the City' und komischer als 'Desperates Housewifes' findet).

Süddeutsche Zeitung, 05.07.2007

Der Chefredakteur der dänischen Zeitung "Politiken", Toger Seidenfaden befürchtet, dass die westlichen Intellektuellen mit ihrer "offensiven Beschwörung westlicher Werte - und in der bekennenden Gegnerschaft zu allem, was als islamisch erscheint" zu Fundamentalisten werden könnten. Dann hätte der islamistische Terror sein Ziel erreicht. "Intellektuelle sollten in der Lage sein zu erkennen, dass alle liberalen Werte, wenn sie an Ideen von nationaler Identität und Kultur gebunden werden, ihre Universalität einbüßen - und damit ihre Liberalität."

Weitere Artikel: Für Jens Bisky ist das neue Gedenkstättenkonzept aus dem Haus des Kulturstaatsministers Bernd Neumann ein "überwiegend vernünftiges Arbeitspapier". Till Briegleb regt sich über das kommerzielle Konzept der Hamburger Ballinstadt auf, das die Migrationsgeschichte der Stadt als Touristenevent gestalten will. Auf der Filmseite feiert der deutsche Regisseur Dominik Graf das Gangster-Kino des japanischen Regisseurs Takashi Miike. Jörg Königsdorf hat sich mit dem scheidenden Bremer Intendanten Klaus Pierwoß unterhalten. Wolfgang Schreiber schickt einen Bericht vom Kissinger Sommer.

Besprochen werden Craig Brewers Film "Black Snake Moan", Marcus Vetters E-Bay-Dokumemtarfilm "Traders' Dreams", Douglas Mackinnons Radrennfahrerfilm "The Flying Scotsman" und Bücher, darunter Hans-Joachim Simms "Die Religionen der Welt. Ein Almanach zur Eröffnung des Verlags der Weltreligionen".



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