Heute in den Feuilletons "Lüstern, luftig und voller Süße"

Jon Stewart bringt die Enthüllung von WikiLeaks auf den Punkt. In der "Berliner Zeitung" isst Liv Ullmann Fleischklopse mit Ingmar Bergman und Woody Allen. Die "Zeit" fordert von den Öffentlich-Rechtlichen: Gebühren oder Quote. Und alle sind hin und weg von Wolfgang Rihms "Dionysos"-Oper.



Aus den Blogs, 29.07.2010

Jon Stewart hat jetzt zwar einen schrecklichen Bart, aber sein Kommentar zu den Reaktionen auf die Veröffentlichung von WikiLeaks ist einfach grandios. All diese oberschlauen Experten, die es zum Beispiel nicht neu finden, dass der Westen Pakistan Milliarden zuschiebt, damit dessen Geheimdienst die Taliban aufrüsten kann.


Berliner Zeitung, 29.07.2010

Liv Ullmann erzählt im Interview mit Jan Brachmann, wie sie ein Treffen zwischen Woody Allen und Ingmar Bergman arrangierte, als sie in New York die Nora spielte und Bergman ebenfalls in der Stadt war: "Woody Allen ist ja ganz anders als in seinen Filmen. Er kam in einer großen Limousine samt Chauffeur mit weißen Handschuhen vorgefahren, betrat Ingmars Zimmer, ich stellte die beiden einander vor. Und sie sagten - nichts! Zwei Genies, die sich nur anstarrten, vor Staunen stumm. Es gab etwas zu essen. Ingmar nahm Fleischklopse, Woody Allen nahm Fleischklopse. Er machte alles nach, was Ingmar machte. Keiner sagte was. Bei der Heimfahrt in seiner Limousine fasste Woody Allen mich plötzlich am Arm und seufzte: 'Danke, Liv!' Kaum war ich zu Hause, rief Ingmar an: 'Danke, Liv!'"

Neue Zürcher Zeitung, 29.07.2010

Musik von "bisweilen unglaublicher Schönheit" hat Peter Hagmann in Wolfgang Rihms in Salzburg uraufgeführter "Dionysos"-Oper gehört. Das beste aber sind die Brüche: "Gewiss erinnert die Eröffnungsszene mit ihren lachenden Frauen um den sprachlosen N. an die Rheintöchter aus Wagners 'Ring', spielt das zweite Bild mit der 'Alpensinfonie' von Richard Strauss und wartet das dritte mit einem allerliebsten Walzer auf. Doch kaum leuchtet es, platzt die Birne."

Weiteres: Joachim Güntner schreibt den Nachruf auf die Love Parade: "Festhalten muss man, dass die Love Parade weder an Alkohol noch an Designer-Drogen oder zu lauter Musik zugrunde gegangen ist, sondern daran, dass man aus der bewegten eine gestaute Masse machen wollte, eingezäunt und eingeengt in eine Arena." Markus Bauer meldet, dass bisher unbekannte Briefe Paul Celans in Rumänien aufgetaucht seien.

Auf der Filmseite unterhält sich Sarah Elena Schwerzmann mit Regisseur Christopher Nolan über seinen Film "Inception". Simon Spiegel hat sich "Toy Story 3" angesehen.

Besprochen werden außerdem Werke von Borges und Bioy Casares in der Gesamtausgabe und Isabelle Stamms Roman "Schonzeit" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Frankfurter Rundschau, 29.07.2010

Der Militärhistoriker Klaus Naumann fürchtet in einem kleinen Essay zum Afghanistan-Einsatz, dass die Republik "die im öffentlichen Auftrag entsandten Mitbürger in Uniform mit der ganzen Person für halbe Sachen haften lässt". Arno Widmann begrüßt die nach links blickende Büste Heinrich Heines ("das Äußerste an Subversion") in der Walhalla. Hans-Jürgen Linke staunt nach Anhören und Betrachten des Rihmschen "Dionysos" nach Nietzsche, "wie unversehrt, verschlossen, ganzheitlich" Rihms Musik angesichts der Fragmente des Philosophen ist, und feiert die Oper als "einsamen Höhepunkt" im Salzburger Sommer. In der Leitglosse schildert Bernhard Bartsch, wie China aus einer klassenlosen zu einer Gesellschaft von VIPs wurde.

Auf der Medienseite stellt Christian Esch den überaus Putin-treuen russischen Staatssender Russia Today vor.

Besprochen werden die "Toy Story 3" und Radu Mihaileanus Film "Das Konzert" (mehr hier).

Die Tageszeitung, 29.07.2010

So schlimm wird sie in Deutschland gar nicht diskriminiert, schreibt Cigdem Akyol, Tochter von Gastarbeitern aus dem Ruhrgebiet, außer von Journalistenkollegen, denen sie hundert mal zurufen kann: "Ich habe Völkerrecht studiert, nicht Einwandererdasein... Bei meinem ersten Vorstellungsgespräch wünschte ich mir, nicht über Migrationsthemen schreiben zu müssen. Mein Ressortleiter äußerte Verständnis, aber es sei gerade Ramadan. Ob ich nicht einen türkischen Metzger porträtieren könne?"

Tobias Nolte liest in der Zeitschrift Mittelweg 36 Briefe von Hannah Arendt und Leni Yahil. Werner Ruzicka, Leiter der Duisburger Filmwoche, spricht im Mailinterview über die Katastrophe in Duisburg und Spektakelkultur.

Besprochen werden Christopher Nolans Film "Inception", Dietrich Brüggemanns Film "Renn, wenn du kannst", Christian Freis Dokumentarfilm "Space Tourists" über die Reste der russischen Raumfahrt und Chaplins Film "Monsieur Verdoux" auf DVD.

Schließlich Tom.

Die Welt, 29.07.2010

Eckhard Fuhr begutachtet Bert Gerresheims Heine-Büste für die Walhalla und erklärt zufrieden: "Keiner ist in der Walhalla so zerrissen wie Heine. Aber Heines Zerrissenheit geht doch nicht so weit, dass alle anderen dumm da stehen." Für das Archiv des amerikanischen Musik-Ethnologen Alan Lomax (1915-2002, mehr hier) wurde am Wochenende ein eigener Kanal auf Youtube gegründet, dort kann man jetzt Filmaufnahmen von Lomax sehen, freut sich pp. Stefan Koldehoff meldet einen Teilerfolg im Raubkunststreit.

Besprochen werden die Uraufführung von Wolfgang Rihms "Dionysos"-Oper in Salzburg (einen "unterhaltsamen, ganz selten rührenden Abend", hat Manuel Brug erlebt), der Pixarfilm "Toy Story 3", Radu Mihaileanus Klassikmelodram "Das Konzert" und Dietrich Brüggemanns Behindertendrama "Renn, wenn du kanst".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2010

Ganz hin und weg ist Eleonore Büning von Wolfgang Rihms in Salzburg uraufgeführter Nietzsche-Oper "Dionysos": "Lüstern, luftig, voller Süße und konstruktiver Ironie ist diese Musik. Unmöglich, von all ihren Wundern zu berichten, die füllhornartig ausgekippt werden. Viele Instrumentationszaubereien stecken darin; einiges in der Feinheit der Stimmenführung, die mit flüssiger Opulenz gekoppelt ist, erinnert wieder einmal stark an die Meisterschaft des späten Richard Strauss. Aber vor allem steckt jede Menge Rihm in diesem neuen Rihmschen Werk." Kurzum: "So muss Oper sein: eine Ahnung dessen, was gemeint war mit der Utopie vom Gesamtkunstwerk."

Weitere Artikel: Ex-Bundesaußenminister Klaus Kinkel ist ganz anderer Ansicht als Patrick Bahners, der die antiföderalistischen Anwandlungen von Annette Schavan kritisierte, und plädiert für die Aufhebung des zwischen Bund und Ländern festgeschriebenen "Kooperationsverbots". Über die sehr kontroverse US-Diskussion zu Sinn und Bedeutung der Wikileaks-Afghanistan-Dokumente berichtet Jordan Mejias. Bei der Aufnahme Heinrich Heines in Walhalla war Oliver Jungen zugegen. Am Rande schreibt Hannes Hintermeier den Nachruf auf einen der reichsten und unbekanntesten Deutschen, den Aldi-Mitgründer Theo Albrecht. Alles, was man über die Umbaupläne der Tübinger Universität wissen muss (und womöglich noch viel mehr), erfährt man von Timo John. Vom Literatur- und Musikfest "Wege durch das Land" berichtet Andreas Rossmann. Gina Thomas erläutert die Einzelheiten der heftig kritisierten Abschaffung der britischen Filmförderanstalt UK Film Council (Website mit Kommentar zur Abschaffung).

Besprochen werden Jakob Ahlboms Salzburger Theaterprojekt "Innenschau", die Ausstellung "Scheinbar vertraut" im Staatlichen Museum Schwerin, die Ausstellung "Glitter and be Gay - Erik Charell und die schwule Operette" im Berliner Schwulen Museum, Laurie Andersons erste Platte seit Ewigkeiten "Homeland", das neue Here-We-Go-Magic-Album "Pigeons", Lee Unkrichs Spielzeugfilmsequel "Toy Story 3" (mehr) und Bücher, darunter Patrice Nganangs Roman "Hundezeiten" und der zum "Inception"-Start einschlägige Sammelband "Das Kino träumt" (mehr in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 29.07.2010

Gekürzt abgedruckt wird Dominik Grafs ziemlich großartige Laudatio auf den Filmemacherkollegen Klaus Lemke zur Verleihung des Münchner Filmpreises. Er erzählt darin eine wirklich super Anekdote: "In einer der - wahrscheinlich vor allem für uns Filmleute - lustigsten Lemke-Szenen überhaupt bekommt [Paul] Lyss in 'Leopoldstraße kills me' vom Tonmann einen Sender ans Revers geheftet, der angeblich achteinhalbtausend - damals noch D-Mark - kostet... Lyss läuft mit dem guten Stück auf der Leopoldstraße auch prompt den Filmern davon. Sie versuchen dann über den Sender akustisch zu erkennen, wo er gerade sein könnte. Und kriegen hilflos mit, wie er das Ding an den nächstbesten Hehler für zweieinhalbtausend Mark weiterverkauft."

Weitere Artikel: Warum das E-Book ein verlockendes Geschäftsmodell für jene ist, die ohnehin schon bekannt sind, erläutert Thomas Steinfeld am Beispiel des Agenten Andrew Wylie, der die traditionellen Verlage gerade zur Weißglut treibt. Schreibkurse von Richard Powers (mehr) und Donna Leon im Schweizer Musikdorf Ernen hat Kristina Maidt-Zinke besucht. Jens Bisky blickt voraus auf die "Geretteten Götter", das heißt die rekonstruierte Ausstellung der im Krieg weitgehend zertrümmerten Skulpturen und Reliefplatten von Tell Halaf. Über derzeit noch in der Projektphase befindliche berührungslose Computer-Interfaces und Zwischenstationen dahin informiert Andrian Kreye.

Besprochen werden die Salzburger Uraufführung von Wolfgang Rihms Nietzsche-Oper "Dionysos" (Reinhard J. Brembeck lobt sie als "ästhetisch radikaler" als Rihms bisheriges Werk), Jakob Ahlboms in der Salzburger "Young Directors"-Sektion zu sehendes Theaterprojekt "Innenschau", die Ausstellung "Miroslaw Balka: Wir sehen dich" in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe (Ausstellungsfilm), die Ausstellung von Eckhart Schmidts neuem Fotozyklus "Roma/Amor" in der Münchner Galerie Stephen Hoffman, der neue Pixar-Film "Toy Story 3" und Christian Freis Doku "Space Tourists" sowie ein Sammelband zum Thema "Think Tanks. Die Beratung der Gesellschaft" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Zeit, 29.07.2010

Das öffentlich-rechtliche System muss sich entscheiden, meint Jens Jessen genervt von der Volksverblödung bei ARD und ZDF: Gebühren oder Quote. Dass es sich aber mit Milliarden für eine Freiheit ausstatten lässt, die es nicht nutzt, hält er für untragbar: "Man könnte sogar den satanischen Gedanken fassen, dass die Programmmacher inzwischen selbst schön finden, was sie tun, also ehrliche Fans von Hansi Hinterseer sind, von Traumschiff-Serien und minderwertigem Dudelfunk. Man will es nicht glauben. Die Alternative ist jedoch charakterlich nicht erfreulicher: Dann wären es Zyniker, die den Massen verachtungsvoll vorwerfen, was sie selber niemals konsumieren würden. Aber natürlich gibt es noch eine blasse dritte Möglichkeit, und das ist die Feigheit im Schatten übermächtiger Politikeinflüsse. Da wäre dann tatsächlich, weil Idealismus im Schatten der Macht nicht gedeiht, die Quote das einzige Argument für den Bestand der öffentlich-rechtlichen Sender."

Henning Kober unterhält sich mit Schriftsteller Bret Easton Ellis über dessen neuen Roman "Königliche Schlafgemächer" und Ellis' guten Vorsatz, stabil zu werden: Keine Drogen mehr. "Kein Wein mehr, auch kein Bier, zurzeit mag ich Tequila sehr gern."

Weiteres: Anna Marohn knüpft sich die Ministerpräsidenten vor, die sie in Sachen Medienpolitik für völlig überfordert hält. Ijoma Mangold besucht das Museum am Alten Garten in Schwerin. Frank Zöller erzählt, dass Michelangelo zu seiner "Kentaurenschlacht" von einer antiken Marmorgruppe inspiriert wurde. Besprochen werden Hans Neuenfels' Bayreuther "Lohengrin" ("Auf Gralsbeglückung können die Rattenmenschen nicht mehr hoffen", weiß Claus Spahn jetzt), die beiden Salzburger Aufführungen vom "Jedermann" und von Peter Steins "Ödipus auf Kolonos", das Album "The ArchAndroid" der begnadeten Janelle Monae, Beethoven-CDs des Artemis-Quartett, ein 3D-"Piranha"-Film und Bücher, darunter Ferdinand von Schirachs "Schuld" sowie Wassili Grossmans Erzählung "Alles fließt" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Auf der ersten Seite bescheidet Andrea Böhm WikiLeaks und andere Unbefugte, dass zu großer Enthüllungseifer nicht immer zum Besten des Volkes sei: "Das 'Leak', die Weitergabe vertraulicher Informationen ist nicht an sich schon ein Segen. Die Geheimhaltung in der Politik ist nicht nur dazu da, um Kriege zu verschleiern und die Bevölkerung zu belügen. Oft dient sie auch dazu, Schlimmeres zu verhindern."



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.