Heute in den Feuilletons "Mentale Geiseln des Kalten Krieges"

Die "Zeit" hat nachgezählt: 68 war eigentlich 67. Die "Welt" sieht mit Unbehagen den Einfluss der russischen Orthodoxie im Westen wachsen. Die "taz" protestiert gegen die Ausbeutung Afrikas durch westliche Popstars.


Die Tageszeitung, 16.05.2007

Auf der Meinungsseite ärgert sich der Schriftsteller Ilija Trojanow maßlos über die Ausbeutung von Afrika - gerade auch durch westliche Popkünstler wie Björk, die ein paar Tage nach Mali reiste, um einen Song mit dem großen Toumani Diabate aufzunehmen. Abgelaufen sein soll das so: "Toumani hatte am Nachmittag des vorigen Tages mit Björk an einem gemeinsamen Stück gearbeitet. Er lud mich ein, am nächsten Morgen mit ihm ins Bogolan-Studio zu fahren, um die Aufnahme zu hören. Doch die Pop-Prinzessin war schon wieder abgeflogen, ohne sich zu verabschieden. Toumani fand nur eine Nachricht ihres New Yorker Partners Matthew Barney auf seiner Mailbox vor: It was nice in Mali, thank you! See you next time in Iceland! Der Tontechniker war besonders verärgert. 'Vorhin war sie hier, hat sich die Aufnahme auf ihren Laptop überspielt, und schon war sie wieder weg! Diese Leute wissen nicht, wie man sich zu benehmen hat! Sie betreten ein Land, als ob sie in ein Restaurant gehen. Beim Rausgehen begleichen sie schnell die Rechnung, und kurz darauf haben sie schon wieder vergessen, wo sie gewesen sind.'"

Im Interview erklärt die Menschenrechtsaktivistin Ludmilla Alexejewa, warum man besser nicht davon ausgehen sollte, dass Putin - trotz guter Umfragen - von den Russen auf Dauer unterstützt wird. "Im Februar 1917 sind Frauen auf die Straße gegangen, weil kein Brot geliefert worden war. Nach einer Woche war das dreihundertjährige Zarenreich am Ende. Warum? Weil niemand bereit war, das Regime zu verteidigen. Im August 1991 zogen die Moskauer zum Weißen Haus, um ihr Land gegen die Putschisten zu verteidigen. In beiden Fällen gab es keine organisierte Opposition und niemand ahnte, was geschahen würde. Heute gibt es eine große Entfremdung zwischen Volk und Staatsmacht. Die wirkliche Stimmung der Bevölkerung kennt niemand. Niemand weiß, was passieren wird. Deshalb ist es auch schwierig, die Chancen der Opposition zu beurteilen."

Im Kulturteil schreibt Alexander Cammann zum Siebzigsten des Germanisten und Literaturkritikers Peter von Matt. Cristina Nord freut sich auf Autorenfilme in Cannes. Besprochen werden Florian Opitz Dokumentarfilm  "Der große Ausverkauf", Gregory Hoblits Film  "Ein perfektes Verbrechen" und Mirja Stöckers Buch "Das F-Wort. Feminismus ist sexy" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Schließlich Tom.

Die Zeit, 16.05.2007

Die Zeit hat ihren Internet-Auftritt erneuert. Natürlich ist jetzt alles viel interaktiver, aber Artikel aus der aktuellen Druckausgabe haben wir heute morgen nicht gefunden.

Einen Schwerpunkt setzt das Feuilleton diese Woche auf den 2. Juni 1967, der sich demnächst zum vierzigsten Mal jährt. Mathias Greffrath erinnert sich an sein erstes Studiensemester im Sommer 67 und jenen Tag, als der Schah nach Berlin kam: "Nachmittags bekamen wir am Schöneberger Rathaus ein paar kleine Schrammen ab, als Mitglieder der Deutsch-Iranischen Gesellschaft mit Stöcken auf uns losgingen. Danach hatten wir keine Lust auf den Abend an der Oper und außerdem Besuch von Marion, in die wir alle verliebt waren." Und natürlich gab es auf beiden Seiten gewisse hysterische Auswüchse, aber nicht nur: "Auf unterschiedliche Weise waren wir alle noch mentale Geiseln der Vergangenheit und des Kalten Krieges. Die überwild ausschlagenden Seismografen zeigten die Erschütterungen des Alten. Über die Konturen des Neuen musste von nun an gestritten werden. Aber wo wäre der Rahmen dafür gewesen, ein Raum, eine Öffentlichkeit für alle?"

In weiteren Artikeln zum Jahrestag erklären unter anderem Volker Ullrich, dass 68 eigentlich ein 67 war, Ulrich Greiner, dass die Jugend von 67 es leichter hatte als die heutige, Susanne Mayer, dass die 68er nicht die Familien zerstört haben, Thomas Assheuer, dass die Studenten guten Grund hatten, Springer "als zuverlässigen Feind" zu schätzen.

Außerdem: Evelyn Finger besucht die Choreografien Sasha Waltz bei ihren Proben zur Tanzoper "Medea": "Keiner scheint zu bemerken, dass hier etwas Großes gelingt." Im Interview mit Thomas Groß spricht Songwriter Rufus Wainwright über Berlin, die Fähigkeit zur Selbsterneuerung und seine Enttäuschung über Amerika: "Alle Amerikaner haben dieses Gefühl, betrogen worden zu sein, die Soldaten, die Obdachlosen, die Homosexuellen, die Liberalen, sogar die Konservativen selbst." Volker Hagedorn hat sich das aufpolierte Bachhaus in Eisenach angesehen. Und Claudia Herstatt berichtet vom Kunstmarkt über den Handel mit Porzellan.

Besprochen werden Pierre Boulez' und Patrice Chereaus Inszenierung von Leos Janaceks Oper "Aus einem Totenhaus" und Neues aus der Diskothek.

Im Aufmacher des Literaturteils preist Georg Diez Don DeLillos bisher nur auf Englisch erschienenen 9/11-Roman "Falling Man": "Was diesen neuen Roman nun so atemberaubend macht, ist die Art, wie Erzählerisches und Essayistisches in ein Gleichgewicht gebracht werden... 'Falling Man' ist ein Roman im freien Fall, eine Übung im freien Denken."

Für das Dossier betrachten Anita und Marian Blasberg, wie sich Bangladesch und die Niederlande auf die große Flut vorbereiten.

Frankfurter Rundschau, 16.05.2007

Daniel Kothenschulte wirft einen Blick auf das beginnende Festival von Cannes. Ein zumindest im Internet namenloser Autor blickt zurück auf sechzig Jahre Festival an der Croisette. Hans-Jürgen Linke besucht das neu eröffnete Bach-Haus in Eisenach. Stefan Schickhaus unterhält sich mit dem Bariton Zeljko Lucic, der die Oper Frankfurt verlässt und eine Weltkarriere antritt. Inge Günther berichtet über eine antisemitische Micky-Maus-Variation im Kinderfernsehen der Hamas. Gemeldet wird, dass Unionsfraktionen im Bundestag und im Berliner Abgeordnetenhaus gegen einen neuen Hauptstadtkulturvertrag sind. In Times mager extemporiert Arno Widmann über die Meldung, dass ein siebzehnjähriger junger Mann den Polizeibeamten der japanischen Stadt Aizuwakamatsu in einer Plastiktüte den abgeschlagenen Kopf seiner Mutter übergab - mit dem Hinweis, er habe den Terror bekämpfen müssen.

Besprochen werden Julie Delpys Film "2 Tage Paris" und regionale Kulturereignisse.

Neue Zürcher Zeitung, 16.05.2007

Günter Seufert sammelt Stimmen zur verwickelten Lage in der Türkei, von den Initiatoren der Großdemonstrationen gegen die "religiöse Reaktion" etwa, aber auch von Intellektuellen, die sich nicht auf die Wahl zwischen Islam oder Militär einlassen wollen: "Fünfhundert von ihnen haben Anfang dieser Woche eine Erklärung gegen die Putschdrohung des Militärs veröffentlicht. 'Wir glauben nicht, dass die laizistische Republik durch Memoranden des Militärs gestärkt werden kann, sondern nur durch mehr Demokratie', heißt es darin. Solch klare Worte fanden bisher weder die Opposition noch die Teilnehmer der Großdemonstrationen, welche in Izmir der Besatzung eines Kriegsschiffes zugejubelt haben. Denn mehr Demokratie, wie sie in der Erklärung der 500 Akademiker gefordert wird, löst das Problem der säkularen Mittelschichten auf den Demonstrationen nicht. Mehr Demokratie zielt auf die politische Integration bisher benachteiligter Schichten: der Frommen Anatoliens und der Kurden. Es sind diese Gruppen, welche dem Idealbild vom säkularen Türken nicht ohne weiteres entsprechen und die sich trotzdem immer stärker bemerkbar machen, wirtschaftlich, kulturell und eben auch politisch."

Besprochen werden Pierre Boulez' und Patrice Chereaus "berührende und erfüllende" Inszenierung von Leos Janaceks "Aus einem Totenhaus" im Theater an der Wien, neue Dauerausstellung im Bauhaus Dessau und Bücher, darunter May Sheldons Bericht über ihre Afrikareise im Jahre 1891 "Bibi Bwana" und Michael Wildts Studie "Volksgemeinschaft als Selbstermächtigung" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.05.2007

Christian Schwägerl besuchte einen von der Daimler-Benz-Stiftung in Berlin organisierten Kongress, auf dem Hirnforscher in ihre unheimlichen Tätigkeiten einführten, zum Beispiel der Berliner Forscher John-Dylan Haynes: "'Das Bewusstsein ist eine vereinfachte Version dessen, was in Ihrem Hirn vorgeht.' So versuchte John-Dylan Haynes vom Berliner Bernstein-Zentrum die Zuhörer auf den Schock einzustimmen, den seine jüngsten Forschungsergebnisse bedeuten können: Haynes spitzt die berühmten Libet-Experimente noch zu, er kann durch Messungen der Hirnaktivität treffsicher vorhersagen, wie sich eine Versuchsperson zwischen simplen Alternativen entscheiden wird - und das, noch bevor es dem Betreffenden selbst bewusst wird."

Weitere Artikel: Im Aufmacher erinnert Martin Otto an den großen Berliner Ulrich Biel, der einst an der Seite der amerikanischen Alliierten nach Berlin zurückkehrte und sich um die Berliner und deutsche Politik verdient machte - er wäre morgen hundert geworden. Verena Lueken stimmt ein auf das morgen beginnende Festival von Cannes. Heinrich Wefing beobachtete Bono im Einsatz für Afrika bei einer Pressekonferenz vor dem G8-Gipfel. Lorenz Jäger gratuliert dem Historiker Michael Wolffsohn zum Sechzigsten. Oliver Jungen schreibt zum Tod des Mediävisten Wolfgang Kluxen.

Auf der Medienseite berichtet Gina Thomas über den im Internet dokumentierten Streit zwischen dem BBC-Journalisten John Sweeney und der Scientology-Sekte (hier die Scientology-Version, hier die BBC-Version des inzwischen weltweit bekannten Wutausbruchs). Jürg Altwegg erzählt, dass familiäre Pikanterien im Leben der französischen Präsidentschaftskandidaten (Sarkozys Frau hat den zweiten Wahlgang ausgelassen, und Segolene Royal hat sich angeblich zur Wahl gestellt, weil sie sich für die Geliebte ihres eigentlich für die Präsidentschaftskandidatur vorgesehenen Mannes Francois Hollande rächen wollte) von der Presse zurückgehalten werden. Siegfried Thielbeer berichtet, dass die baltischen Länder über die Gründung eines russischen Senders nachdenken, damit sich die russischen Minderheiten nicht nur im offiziellen russischen Fernsehen informieren können. Und gemeldet wird, dass die Entscheidung über den Umzug der Bild-Zeitung nach Berlin nun endgültig gefallen ist.

Auf der letzten Seite porträtiert Stefanie Peter den Warschauer Verleger Pawel Dunin-Wasowicz, der nicht nur die Autorin Dorota Maslowska entdeckte, sondern auch noch die Zeitschrift Lampa macht - und zwar allein: "Dunin wusste nicht nur, wie man einen Artikel schreibt und redigiert, er beherrschte auch das Handwerk des Setzers. Und da er zudem exzellent zeichnen konnte, musste er auch das Illustrieren nicht zwangsläufig anderen überlassen." Außerdem berichtet Jürg Altwegg, dass in den Schweizer Buchhandlungen nach Aufhebung der Buchpreisbindung die Preise schon purzeln. Und Linda Benkner porträtiert den japanischen Autor Ryuta Kawashima, der mit einem spielerischen Gehirntraining-Buch mit dazugehöriger Software auch in Deutschland Erfolge feiert.

Besprochen werden Nuran David Calis' "Hamlet"-Inszenierung am Wiener Volksthater, Aribert Reimanns "Melusine"-Oper in Nürnberg, eine Christiane-Möbus-Ausstellung in Nürnberg und junge Dramatik beim "Stückemarkt" des Berliner Theatertreffens.

Die Welt, 16.05.2007

Morgen werden die Russisch-orthodoxe Kirche und die 1917 abgespaltene Auslandskirche (Roka) ihren kanonischen Zusammenschluss besiegeln, Gernot Facius sieht mit Unbehagen den Einfluss der Orthodoxie im Westen wachsen: "Bei den heiklen Themen Menschenrechte und Religionsfreiheit geht vor allem das Moskauer Patriarchat auf Distanz zur westlichen Definition. In der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sieht es den Humanismus der Aufklärung am Werk, der den theologischen Humanismus des Christentums untergräbt, den Menschen 'weg von Gott' führt... Und zum Entsetzen westlicher Beobachter der russischen Religionsszene identifizierte der Metropolit sich mit der orthodox-patriotischen Staatsideologie, wie sie auch in den Reden Putins aufscheint: Die Nation schafft den Glauben und die Religion."

Weiteres: Uwe Wittstock hat sich die Ausstellung zu Ignatz Bubis in Frankfurts Jüdischem Museum angesehen und stellt verwundert fest, wie sich die politischen Koordinaten in Deutschland seit dem Tod des jüdischen Politikers verändert haben. Hanns-Georg Rodek gibt einen Ausblick auf das Festival von Cannes, das heute Abend eröffnet wird. Gabriele Walde meldet, dass Berlins Regierender Klaus Wowereit grünes Licht für eine provisorische Kunsthalle auf dem Schlossplatz gegeben hat. Sven Felix Kellerhoff blickt auf die ehrenvolle Geschichte der Agentur Reuters zurück, die nun mit dem amerikanisch-kanadischen Informationsdienst Thomson fusioniert.

Besprochen werden Douglas-Gordon-Retrospektive im Kunstmuseum Wolfsburg und auf der Kinoseite werden Michael Caton-Jones Ruanda-Film "Shooting Dogs", Julie Delpys Regiedebüt "2 Tage Paris" und Florian Opitz' Privatisierungsdoku "Der große Ausverkauf".

Süddeutsche Zeitung, 16.05.2007

Die Mehrheit der Gesellschafter will ihre Anteile an der Süddeutschen Zeitung verkaufen. Jürgen Habermas überlegt, wie die Qualitätszeitungen vor gierigen Finanzinvestoren geschützt werden können. Mit staatlicher Unterstützung vielleicht? "Ohne die Impulse einer meinungsbildenden Presse, die zuverlässig informiert und sorgfältig kommentiert, kann die Öffentlichkeit diese Energie nicht mehr aufbringen. Wenn es um Gas, Elektrizität oder Wasser geht, ist der Staat verpflichtet, die Energieversorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Sollte er dazu nicht ebenso verpflichtet sein, wenn es um jene andere Art von 'Energie' geht, ohne deren Zufluss Störungen auftreten, die den demokratischen Staat selbst beschädigen? Es ist kein 'Systemfehler', wenn der Staat versucht, das öffentliche Gut der Qualitätspresse im Einzelfall zu schützen. Es ist nur eine pragmatische Frage, wie er das am besten erreicht."

Die kanadische muslimische Feministin Irshad Manji fordert in ihrem Buch "Der Aufbruch. Plädoyer für einen aufgeklärten Islam" eine Rückkehr zum Ijtihad, zum kritischen Denken im Islam. Für reformfähig hält sie den Islam allemal. "Der Islam hat durchaus die Fähigkeit, modern zu sein. Während des Goldenen Zeitalters des Islam wurden so viele Fortschritte erzielt, dass sie zur Grundlage für die europäische Renaissance wurden. Wir Muslime müssen uns ändern, das ist der entscheidende Unterschied. Wir können nicht ständig Amerika oder Israel oder dem Westen die Schuld an unserer Misere geben."

Weitere Artikel: Stefan Koldehoff erzählt, wie Emil Noldes "Nadja"-Bildnis zufällig auf einem Speicher entdeckt wurde. Am 12. Juni soll die Dame nun versteigert werden. Lothar Müller sieht die Ära Harald Schmidt zu Ende gehen. Andrian Kreye stellt den House-Star David Morales vor, der diese Woche durch Deutschland tourt. Susan Vahabzadeh bereitet uns auf das Filmfestival von Cannes vor, das am Mittwoch mit Wong Kar-Wais Film "My Blueberry Nights" eröffnet wird. Harald Eggebrecht beschreibt die Feierlichkeiten zum Hundertsten des Bachhauses in Eisenach. Jörg Königsdorf schildert seine Eindrücke beim 9. Kinder- und Jugendtheatertreffen in Berlin.

Besprochen werden Julie Delpys Film "2 Tage Paris", der Dokumentarfilm "Der große Ausverkauf", Ben Verbongs Film "Herr Bello", Stefan Haupts Film "Ein Lied für Argyris", eine Ausstellung über den Verleger Kurt Wolff im August-Macke-Haus Bonn, ein Jugendkonzert mit Bernd Alois Zimmermanns Orchesterprelude "Photoptosis" und Georg Friedrich Haas' "Bruchstück" in der Münchner Philharmonie, ein Essay von Anita Albus über Tania Blixen und Hans Joachim Schädlichs Erzählungsband "Vorbei" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).



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