Heute in den Feuilletons Nicklige Nabelschau

Allgemeines Wundenlecken und posttraumatisches Rationalisieren in sämtlichen Titeln. Der Betrieb erschrickt über sich selbst: In der FAZ schimpft Roger de Weck über den Medienbetrieb, in der NZZ schimpft Martin Meyer über den Sensationsdrang des Kulturjournalismus. Die SZ bringt ein ganzes Dossier über die Kritik. Die taz untersucht den "sekundären Antisemismus".


Frankfurter Allgemeine Zeitung,   15.06.2002

In einem Artikel über den Unterschied zwischen Antiisraelismus und Kritik an Israel erklärt die Historikerin Fania Oz-Salzberger, warum die Möllemann-Affäre in Israel mehr Staub aufwirbelte als die Walser-Affäre: "Unsere Gesellschaft verschlingt Romane und ist daher literarische Kontroversen ebenso gewöhnt wie härteste literarische Darstellungen. Die zu Walsers Roman am häufigsten gestellte Frage lautet: 'Ist das zu irgend etwas gut?' Reich-Ranickis Antwort wäre interessanter, wenn er sie in seiner Rolle als ehrfurchtgebietender Literaturkritiker statt als Holocaust-Opfer gegeben hätte; schließlich sind uns beide Gestalten bestens vertraut. Möllemann dagegen steht für die unbekannte, dunkle Zukunft, die da heraufziehen mag. Hier kann niemand fragen: 'Ist das zu irgend etwas gut?'"

Roger de Weck, ehemaliger Chefredakteur der Zeit, legt eine kleine Brandschrift über den Populismus a la Möllemann und die Journalisten vor, die darin auch nicht besonders gut abschneiden: "Das Geheimnis der FDP ist, dass sie alles macht, was der Medienbetrieb macht, und deshalb der Medienbetrieb gern mitmacht. Er giert nach Ereignissen, auch solchen, die keine sind und deshalb events genannt werden: Medienereignisse. Anders als der Journalismus will der Medienbetrieb längst nicht mehr die Wirklichkeit abbilden, sondern erschaffen und inszenieren - die gemeinsame Aufgabe von Journalisten und Populisten ist der Auftritt, die Show. Die Wissensgesellschaft ist in Wahrheit Unterhaltungsgesellschaft."

Weiteres: Reante Schostak resümiert einen Münchner Vortrag des Architekten Norman Foster über seine Auffassung von menschenwürdiger Stadtarchitektur. Michael Siebler berichtet über Ausgrabungen im hessischen Waldgirmes, wo sich eine nach der Varus-Schlacht verlassene römische Siedlung befand (Bild). Patrick Bahners hat einem Vortrag der Münchner Historikerin Marie-Luise Recker zugehört, die "eine Geschichte des bundesdeutschen Parlamentarismus im Spiegel des Selbstverständnisses der Parlamentarier" schreibt. Kerstin Holm kommentiert den "Weltmachtschmerz" der Russen, nachdem sie bei der WM das Achtlefinale nicht erreichten. "jschl" vermeldet den Amtsantritt des neuen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, der gleich mehr Geld für die Wissenschaft forderte (hier seine Ansprache).

Ferner macht uns Michael Gassmann auf das "Jahr der Rheinromantik" mit verschiedenen Ausstellungen und Veranstaltungsreihen in Köln und Bonn aufmerksam. Andreas Rosenfelder besucht eine Karrieremesse in Köln und stellt fest, dass es auf diesen Debütantenbällen der New Economy auch schon mal fröhlicher zuging. Ilona Lehnart schildert den traurigen Fall der Berlinischen Galerie, die seit vier Jahren ein Domizil sucht. Christian Schwägerl hat die größte Biotech-Messe der Welt in Toronto besucht. Georg Imdahl schreibt zum Tod des Malers Raimund Girke (Bilder). Joseph Croitoru liest osteuropäische Zeitschriften, die sich mit dem drastischen Geburtenrückgang seit der Wende befassen. Siegfried Stadler meldet, dass in der Intendanz Henri Maiers das Leipziger Opernpublikum wächst.

Besprechungen widmen sich einer Eva-Hesse-Retrospektive im Museum Wiesbaden mit selten zu sehenden Werken der Künstlerin, dem Ojai Music Festival bei Los Angeles, Elke Weber-Moores Kinodebüt "Storno", der "Artgenda", einer Biennale für junge Kunst aus dem Ostseeraum in Hamburg.

Für die ehemaligen Bilder und Zeiten schickt Eleonore Büning einen langen und begeisterten Bericht über ein Festival mit sämtlichen Haydn-Quartetten in Eisenstadt, dem Wirkungsort des Komponisten. Dokumentiert wird die Dankrede Robert Menasses für den Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg.

In der Frankfurter Anthologie stellt Walter Hinck ein Gedicht von Günter Grass vor - "Liebe":

"Das ist es: Der bargeldlose Verkehr. Die immer zu kurze Decke. Der Wackelkontakt..."




Neue Zürcher Zeitung,   15.06.2002

Martin Meyer schreibt gewissermaßen das Pendant zum Artikel Roger de Wecks in der FAZ und untersucht den Sensationalismus in der jüngsten Debatte um Martin Walser - näher geht er dabei auf Karlheinz Bohrers Attacke gegen Jürgen Habermas in der FAZ und auf Thomas Assheuers Antisemitismusvorwürfe gegen Walser in der Zeit ein. Seine Konklusion: "Dieser Kulturkampf denn, der seinen Anfang bei einem schlechten und höchst geschmacklosen Roman Martin Walsers nahm, es ist schon gesagt worden, reproduziert sich nun ständig weiter. Er scheint mittlerweile angelangt bei der Durchsetzung und Fortsetzung der Selbstdarstellung an beinah allen Fronten mit beinah allen Mitteln. Freud hatte schon recht, die Triebe verschwinden nicht, sie verwandeln und verändern sich - manchmal leider auch zur Kenntlichkeit ungehemmter Rede."

Weiteres: Maja Turowskaja stellt in ihrer äußerst lesenswerten Serie "Russland, persönlich" die Verlegerin Irina Prochorowa vor. Besprochen werden der Auftakt der Schubertiade in Schwarzenberg und eine Ausstellung über Grotten der Goethezeit in Frankfurt.

Ferner finden wir ein Gedicht von Alfred Brendel: "Vielleicht ist Ihnen aufgefallen dass man neuerdings überall Engel sieht Künstler Päpste Polizisten selbst Hühner nichts als Engel Kindermörder Giraffen Schosshunde Fussballer lauter Engel oder Erzengel die hoheitsvoll aneinander vorbeirauschen..."

In Literatur und Kunst denkt Thomas Zaunschirm über den Erfolg deutscher Fotografie in den USA nach - Markenname "Struffsky": Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky. Voraussetzung dafür ist für ihn eine technische Entwicklung: die Möglichkeit, Fotos in der Größe von Gemälden zu präsentieren. "Auch Cindy Shermans Aufnahmen kamen zunächst bescheiden und kleinformatig daher und weckten nur ausnahmsweise die Neugier, was denn ihre 'stills' darstellten. Erst die bunten, großen Formate, die in historisch maskierten, neosurrealistischen Phantasien kulminierten, ebneten der Künstlerin den Weg in die Galerien und Museen." Und Struffsky? " Das polyfokale Umherschweifen in den Menschenmassen bei Gursky und Urwaldpflanzen (Struth), die aperspektivische Frontalität (Ruffs Architekturen und Gesichter) - das alles sind Verweise auf die alte Kategorie des Erhabenen." Kerstin Stremmel bespricht beistehend außerdem eine Ausstellung über zeitgenössische Fotografie aus Düsseldorf ebendort.

Weiteres in dieser so empfehlenswerten Samstagsbeilage: Jörg Sutter berichtet von der Sydney-Biennale. Dokumentiert wird eine Rede des Philosphen Gianni Vattimo (mehr hier) über das "Christentum im Zeitalter der Interpretation". Hanno Helbling meditiert über den Briefeschreiber Rudolf Borchardt (mehr hier). Hans-Albrecht Koch weist außerdem auf ein "Anabasis-Fragment" des Dichters hin. Buchbesprechungen gelten den Briefen und Kriegsaufzeichnungen Felix Hartlaubs (mehr hier) und einer Biografie über den Dichter Hans Leip.




Die Tageszeitung,   15.06.2002

Im taz-Gespräch rechtfertigt der Soziologe Werner Bergmann den Begriff des "sekundären Antisemitismus", der ein Motiv biete, das traditionelle Klischees mit neuem Leben erfüllen könne, und erklärt den Balanceakt der Möllemann-Affäre: "Der Zentralrat muss darauf bestehen, dass die Norm wiederhergestellt wird. Aber er muss auch den Eindruck vermeiden, auf jedes Grummeln und Nachkarten, auf jede kleine Provokation immer wieder zu antworten. Wahrscheinlich ist es klüger, den Skandal, wenn es möglich ist, für beendet zu erklären. Denn wenn der Überdruss wächst, wird dafür teilweise Möllemann, aber teils auch der Zentralrat verantwortlich gemacht. Dann wird der Lerneffekt, den die Wiederherstellung der Norm bewirken kann, eventuell wieder verschenkt."

Besprochen werden William Kentridges Kasseler documenta-Beitrag "Zeno Writing" als Bühnenfassung "Confessions of Zeno" in der Kommunikationsfabrik in Frankfurt sowie die Wanderausstellung "Madame de Pompadour et les arts" in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung in München.

In den Tagesthemen lesen wir ein Interview mit der palästinensischen Autorin Sumaya Farhat-Naser über die palästinensische Gesellschaft unter der Besatzung, eine Gesellschaft, die zunehmend verroht, wie sie erklärt, weil ihre zivilen Wurzeln zerstört sind, eine Gesellschaft überdies, in der 18000 Kollaborateure das Miteinander zur Hölle machen und die von einem patriarchalen Symbol geführt wird: "Arafat denkt total patriarchal. Aber das behindert nicht den Friedensprozess, sondern die Entwicklung der Demokratie. Arafat ist kein Demokrat."

Schließlich TOM.




Frankfurter Rundschau,   15.06.2002

Der belgische Autor Jean-Philippe Toussaint schickt einen Erfahrungsbericht von der Fußball-WM in Japan und feiert die Frisuren des Gastgeber: "Ein Team aus Stars, Rocksängern und jugendlichen Heißspornen, auf deren jugendlichen Haarschopfen wild durcheinander Wahnsinnssträhnen in allen venezianischen Farbtönen des Blonds und des Kastanienbrauns glänzen, nicht zu vergessen der orange-rote Irokesenkamm Kazuyuki Todas, die Eiserne Maske - voll im Stil Jean-Paul Gaultiers - von Tsuneyasu Miyamoto, und der stets wirkungsvolle Kahlschädel von Shinji Ono." Letzterer vor allem hat es Toussaint angetan, kommt er doch "aus einer brillanten französischen Tradition, die unter ihre Vertreter gleichermaßen Barthez wie Foucault zählt".

Auch die FR macht sich Gedanken über die Kritik. In der Walser-Affäre allerdings kann Michael Rutschky nicht die Spur davon entdecken: "Statt dass Kritiker ihre mehr-minder wohl begründeten ästhetischen Urteile austauschen, erörtern (potenzielle) Zensoren, ob ein Buch erscheinen oder besser verboten werden sollte, um den Lesern eine Schädigung zu ersparen. Diese leidenschaftliche Zensurdebatte rechne ich zu der gegenwärtig expandierenden Verbotskultur." Im übrigen aber sei das Ganze "eine herrliche Gelegenheit für große Auftritte in der Show", eine Form der Regression.

Weitere Artikel: Ina Hartwig erklärt, wo Christa Wolfs und Sascha Andersons jüngste Ich-Literatur sich moralisch und stilistisch trifft. Peter Salner freut sich, dass das Mausoleum des aus Frankfurt stammenden Rabbiners Chatam Sofer in Bratislava vor der Zerstörung gerettet werden konnte. Burkhard Spinnen erzählt von seinen Lektüreerfahrungen mit Heimito von Doderer, und in einem "Kursbuch"-Essay dröselt der Zürcher Psychoanalytiker Mario Erdheim die psychohygienische Komponente des allgemein verbreiteten Vergnügens an Biografien auf.

Besprechungen widmen sich Eminems neuem Album "The Eminem Show ", einer Schau zur Kunst nach dem 11. September im Berliner Haus am Lützowplatz, der Eröffnungsausstellung "Premiers mouvements - fragiles correspondances" im neuen Pariser Kunsttempel "Le Plateau", Neuauflagen der klassischen Fotobände der "Blauen Bücher" aus den 30ern, Niklas Luhmanns Überlegungen zum "Erziehungssystem der Gesellschaft" sowie Erzählungen des neuen französischen Literatur-Shooting-Stars Anna Gavalda (siehe unsre Bücherschau Sonntag um 11).

Im Magazin-Gespräch schließlich plaudert Isabella Rossellini über Schönheit mit kleinen Fehlern und über ihre Bewunderung für Muhammad Ali. Außerdem erklärt sie, sie sei offen für ein Casablanca-Remake, wenn nur Wim Wenders Regie führe, und sie sagt diesen ganz und gar ungeheuren Satz: "Ich wäre lieber ein Mann geworden."




Süddeutsche Zeitung,   15.06.2002

Wie stehts um die ästhetische Kritik, welchen Sinn, welche Aufgabe hat sie? Die SZ startet eine groß angelegte Untersuchung zum Thema. Ulrich Raulffs einleitender Artikel vermittelt allerdings den Eindruck, als sei die Gesinnungskritik, ein neuer McCarthyismus, längst an ihre Stelle getreten: "Seit Jahren mehren sich die Fälle - und keineswegs nur in der Literatur -, in denen über Wort oder Werk eines Künstlers der Stab gebrochen wurde, ohne dass seine Äußerung die leiseste Chance hatte, sich als Kunstform zu erweisen ... man könnte eine gehörige Liste von Fällen aufmachen, in denen die ästhetische Kritik von politischen Kommentatoren wie ein lästiger Hund unters Sofa geschickt wurde. Die erregbare Öffentlichkeit vibriert unter der Peitsche der Moraldompteure, und wer von Kunst redet, macht sich verdächtig."

Ganz ähnlich sieht es auch Lothar Müller in einem Beitrag über literarische Kritik. Müller illustriert den Niedergang der philologisch fundierten Kritik am Beispiel des Literarischen Quartetts: Die diskursive Lücke, schreibt er, die sich durch MRRs "Rückentwicklung des Kunstrichters zum 'Mann von Geschmack'" ergab, "wurde immer deutlicher mit der Melange von Literaturkritik und Typenkomödie gefüllt, bis das ästhetische Urteil vor allem als persönliche Marotte des jeweiligen Kritikers erschien". Eine Retourkutsche der Literatur auf dieses Phänomen sei Martin Walsers "Tod eines Kritikers" nicht zuletzt darin, dass darin die Reich-Ranicki nachgebildete Figur Andre Ehrl-König eine Inkarnation weniger der Literaturkritik als des Literaturbetriebs ist.

Eine Reihe weiterer kleiner Beiträge befasst sich mit der Position der anderen Kunstformen (von der Architektur übers Kino, Kunst, Theater, klassische Musik bis hin zum Pop) zwischen ihren eigenen Ansprüchen und denjenigen der Politik sowie mit der jeweiligen Rolle der Kritik. In einem Essay schließlich entdeckt uns der Literaturwissenschaftler Jean Starobinski (mehr hier) die drei historischen Wurzeln der Kritik, als da wären: Auswählen, wiederherstellen, deuten.

Außerdem schreibt Petra Steinberger über den Terroristenshuttle Fracht-Container, Sabine Leucht berichtet vom Festival  Theaterformen in Hannover und Braunschweig, Christian Kortmann hörte den Architekten Norman Foster in der Vorlesungsreihe "Iconic Turn" an der Münchner Universität und Anton Thuswaldner gratuliert der Schriftstellerin Elfriede Gerstl zum siebzigsten Geburtstag.

Besprochen werden die Ausstellung "Friends but enemies" über die Jahrhundertbeziehung Matisse - Picasso in der Tate Modern in London, Simon Aebys Film "Three Below Zero", eine Ausstellung über Juden an der Universität Heidelberg in Heidelberg, Dirk Dobbrows Stück "Alina westwärts" in Kaiserslautern.

In der Wochenendbeilage fragt Herbert Riehl-Heyse, ob wir noch zwischen den letzten und hinterletzten Dingen unterscheiden können und findet, seicht und tief schließen einander nicht aus, das Problem sei vielmehr, dass wir verlernt hätten, die Prioritäten zu sehen. "So erfreulich sind die Hauptsachen der Welt nicht, dass es nicht nötig wäre, sich immer wieder durch die Nebensachen von ihnen ablenken zu lassen. Es müsste uns nur eben die Unterscheidung gelingen, auf jedem Feld. In diesem Fall würden sich die deutschen Stammtische nicht stundenlang über die Brillantine in den Haaren des Michel Friedman und ihren Beitrag zum Wiederaufkeimen des Antisemitismus ereifern, sondern darüber nachdenken, was es bedeutet, wenn waschkorbweise Aufnahmeanträge gestellt werden in eine FDP, die man als deutscher Nachwuchs-Nazi vielleicht endlich wählen kann."








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