Heute in den Feuilletons Passive Lebenshaltung und sexuelle Unlust

Götz Aly erzählt in der "FR", wie er im Archiv des Auswärtigen Amtes durch einen prüfenden Blick der Lesesaalleiterin in die Kategorie Feind eingestuft wurde. Die "NZZ" macht uns mit dem Sozialtypus soshoku danshi vertraut. Und die "SZ" beleuchtet das Elend der audiovisuellen Archive.



Frankfurter Rundschau, 02.11.2010

Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde spricht im Interview über den Islam als Teil Deutschlands, bürgerliche Loyalität und die Leitkultur, die er nicht nur durch das Christentum definiert sieht: "Der Begriff 'Leitkultur' mag als Beschreibung dessen taugen, wovon unser gesellschaftliches Zusammenleben geprägt ist. Das ist nicht nur das Christentum, das sind auch Aufklärung und heute Pluralismus - beides Gehalte, die lange Zeit nicht gerade Sache der christlichen Kirchen waren."

Weitere Artikel: Der Theaterregisseur Volker Lösch kürt Stuttgart 21 - und sich gleich mit - zum Theater des Jahres 2010: "Wir haben die Debatte über mehr Mitbestimmung, direkte Demokratie, über die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört, angestoßen! Wir Stuttgarter waren es! So entstehen Revolutionen!" In Times Mager ärgert sich Harry Nutt über Kürzungen beim Goethe-Institut. Der Historiker Götz Aly erinnert sich, wie es war, im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn zu arbeiten: "Mit kurzem Blick stufte mich die Lesesaalleiterin in die Kategorie 'Feind' ein, ordentliche Verzeichnisse legte sie nicht vor, sachdienliche Auskünfte erteilte sie nie. Wie ich später erfuhr, nannten die Archivare ihre Findehilfsmittel intern Versteckhilfsmittel. Als Laptops aufkamen, wurde deren Gebrauch sofort untersagt. Die Archivarin verlangte sogar Einblick in meine handschriftlichen Notizen. Schrill."

Besprochen werden Vera Nemirovas Frankfurter Inszenierung der "Walküre" (die "nicht das Brachiale, sondern das Klarsichtige von Wagners Dramatik" betont, schreibt Hans-Jürgen Linke), Michael Thalheimers Inszenierung von Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" am Wiener Burgtheater (Stephan Hilpold findet erschreckend "viele Anknüpfungspunkte an die heutigen Verhältnisse") und John Le Carres neuer Roman "Verräter wie wir" (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

Aus den Blogs, 02.11.2010

Ross Dawson präsentiert in seinem Blog eine "Newspaper Extinction Timeline" zur Frage, wann in welchen Ländern Zeitungen irrelvant sein werden. In Deutschland haben sie noch eine Menge Zukunft vor sich - bis 2030.



(Via Medial-Digital) Thomas Mrazek interviewt auf scarlatti.de den Medienwissenschaftler Lorenz Lorenz-Meyer zum Stand des Online-Journalismus in Deutschland. Er ist nicht optimistisch: "Der Online-Journalismus in Deutschland fährt immer noch mit angezogener Handbremse. Solange Verleger und Altjournalisten in Abwehrhaltung gegenüber den digitalen Medien erstarrt bleiben, und solange falsche Erfolgskriterien wie möglichst große Reichweiten oder Geschwindigkeit vorherrschen, wird sich das auch nicht ändern."

Über das schwierige israelische Leben zwischen pro- und antiisraelischen Projektionen (und inmitten echter Gefahren) schreibt Judith Levy in einem lesenwerten Blogbeitrag auf Achgut: "Es ärgert mich .., wenn Kritiker im Ausland uns - während der Dampf über ihren Laptops aufsteigt - beschwören, wir sollten innerhalb der nächsten zehn Minuten den Iran angreifen, weil sie offenbar an unserer Stelle urteilen, jetzt sei die Zeit reif. Zugegeben: Mein Ärger rührt zum Teil von dem offenkundigen Mangel an Sorge um den Gegenschlag, den wir hier zu erdulden hätten..." Hier das Original von Levys Artikel.

In den USA hat eine Gruppe von über 70 Juraprofessoren Barack Obama in einem Brief aufgefordert, die Verhandlungen über das geplante Handelsabkommen gegen Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen, ACTA, offenzulegen, berichtet Nate Anderson bei Ars Technica. "The letter alleges that Congress must be consulted on ACTA, that some of the rosy statements about the agreement not affecting US law have been false, and that no meaningful transparency has been in evidence. ... The professors want the US to back off on the treaty, open it to substantive public comment, and hold another negotiating round to incorporate the comments into US policy. But the most damning statements concern ACTA's acceptance. The government has been treating ACTA like an 'executive agreement' that doesn't need Congressional approval. 'We believe that this course may be unlawful, and it is certainly unwise,' says the letter."

(via Gawker) Kleiner Tipp für alle, die in diesem Winter an einen sonnigen Strand flüchten: Nur zu zweit schwimmen. Damit wenn einer von einem Hai gebissen wird, ihn der andere am Schwanz ziehen kann. In Australien hat's geholfen, meldet msnbc.

Neue Zürcher Zeitung, 02.11.2010

Stehen die Japaner etwa nicht ihrem Mann? Daniela Tan hält es durchaus für denkbar, dass nicht die Frauen, sondern die Männer für den Bevölkerungsrückgang verantwortlich sind: "Einer dieser neuen Soziotypen ist der soshoku danshi, der 'pflanzenfressende Mann', der sich durch passive Lebenshaltung und sexuelle Unlust auszeichnet."

Weiteres: Klaus Bartels erklärt die Kultur etymologisch. Besprochen werden eine Ausstellung von Architekturmodellen "Realstadt" in Berlin, die Schau "Tolstoi und Deutschland" in München, Hilary Mantels Roman "Wölfe", Roger Willemsens Reiseberichte "Die Enden der Welt", Michael Köhlmeiers Roman "Madalyn" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Die Welt, 02.11.2010

Hanns-Georg Rodek berichtet von den Hofer Filmtagen, wo besonders der Film "Auf Teufel komm raus" über die Belagerung eines aus dem Gefängnis entlassenen Vergewaltigers seine Aufmerksamkeit erregte. Ein nicht genannter Autor erkennt in dem Radikalrepublikaner W. Cleon Skousen den Ahnherrn der Tea Party und ihres Frontmannes Glenn Beck. Sonja Vogel berichtet vom Kongress "Das flexible Geschlecht" in Berlin. Vanessa Schneider unterhält sich mit Kid Rock über sein Album "Born Free".

Besprochen werden Aufführungen der "Walküre" in Frankfurt und der "Fledermaus" in Stuttgart.

Die Tageszeitung, 02.11.2010

Heute wird in Kalifornien auch darüber abgestimmt, ob Marihuana künftig legal verkauft werden darf. Dorothea Hahn hat sich in Oakland umgesehen, wo es bereits vier offizielle Ausgabestellen gibt: "Wer in einem 'dispensary' Marihuana kaufen will, muss am Eingang ein Rezept vorlegen. Diese werden von Ärzten ausgestellt. Für jede beliebige Erkrankung - von Krebs bis zur Nackenverspannung. In Oakland sind die 'dispensaries' ein Wirtschaftsfaktor. Im vergangenen Jahr haben sie Cannabis im Wert von 28 Millionen Dollar verkauft und entsprechend hohe Steuern an die Stadt gezahlt. Falls 'Vorschlag 19' durchkommt, hofft die Stadt auf weitere Steuereinnahmen. Sie plant die Zulassung von vier großen Marihuana-Treibhäusern."

Zum Thema jüdisch-christliche Wertegmeinschaft und Verschleierung fällt Micha Brumlik Paulus' Brief an die Korinther ein, Kapitel 11, 9-11: "Der Mann ist nämlich nicht aus der Frau, sondern die Frau aus dem Manne. Auch wurde der Mann nicht um der Frau willen geschaffen, vielmehr die Frau um des Mannes willen. Deshalb soll die Frau ein Machtzeichen auf dem Haupte haben um der Engel willen."

Weiteres: Jan Scheper porträtiert Klaus-Peter Böhmelt, als Betreiber des Bochumer Plattenladens DISCover einer der letzten seiner Art. Besprochen werden Karin Bauers Inszenierung von Elfriede Jelineks Stücken "Das Werk. Im Bus. Ein Sturz" am Kölner Schauspiel und die Tagebücher von Fritz J. Raddatz (siehe auch die Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 02.11.2010

Die öffentlich-rechtlichen Programme berufen sich zwar stets auf ihren vornehmen Auftrag, aber in der Art, wie sie ihre Inhalte archivieren, zeigt sich das ganze Ausmaß ihrer Geschichtsblindheit - für die Öffentlichkeit sind ihre Archive unzugänglich. Und das Urheberrecht versperrt den Zuschauern die Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Tradition. Leif Kramp zeigt es auf der Medienseite am Beispiel der Bergischen Universität in Wuppertal, die die Vernichtung eines Medienarchivs mit 15.000 Titeln anordnete: "Da es sich nicht um Aufnahmen für private Zwecke handele, sei das Kostenrisiko für die Universität unabsehbar, sofern nicht für jedes Werk eine Nutzungserlaubnis vorliege. Eine Rechteklärung ist aber gerade bei älteren Überlieferungen oft unmöglich, weil die Inhaber der Rechte unbekannt oder unauffindbar sind - eine Folge nachlässiger Dokumentation in der Frühzeit des Sendebetriebs."

Weitere Artikel: Im Aufmacher des Feuilletons erklärt Heribert Prantl recht ausführlich, warum der schnieke Karl-Theodor (etc.) zu Guttenberg "nicht Vorsitzender einer Partei der kleinen Leute werden kann". In der "Zwischenzeit" stellt Wolfgang Schreiber die Oper Dynamo West (Website) vor. Florian Kessler resümiert eine Berliner Tagung des Goethe-Instituts zur Frage, ob Europa in einer "Illusion der Nähe" lebe. Johan Schloemann gratuliert dem Archäologieprofessor Tonio Hölscher zum Siebzigsten. In den "Nachrichten aus dem Netz" berichtet Niklas Hofmann von Niedergang der von Murdoch einst teuer gekauften Plattform MySpace, die sich jetzt als ein reines Musikangebot umdefinieren will. Kristina Maidt-Zinke schreibt zum Tod von Harry Mulisch.

Besprochen werden Elfriede Jelineks "Das Werk / Im Bus / Ein Sturz", inszeniert von Karin Beier in Köln, eine Ausstellung des Fotografen Joachim Brohm in Köln, der Film "Jackass 3D" (mehr hier) und Bücher, darunter eine Auswahl aus Joseph Roths Reportagen und Feuilletons (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2010

In Frankreich hat die Bettencourt-Affäre eine neue Eskalationsstufe erreicht: Bei einem  Einbruch wurden Computer, Telefonmitschnitte, Beweismaterial bei "Le Monde", "Le Point" und Mediapart entwendet. Jürg Altwegg kommentiert die Verhältnisse auf der Medienseite recht sarkastisch: "Dass die Regierung ihre Agenten widerrechtlich auf die Zeitungen angesetzt habe, bestätigt sogar ein Geheimdienst-Verantwortlicher. Anderswo müssten die Verantwortlichen zurücktreten. Nicht so in Frankreich, wo kein der Macht nahestehender Politiker gegen die Vorfälle protestiert hat. Oder ein Bekenntnis zur bedrohten Pressefreiheit ablegte - in der jüngsten Rangliste von Reporter ohne Grenzen ist Frankreich auf Platz 44 abgerutscht."

Weitere Artikel: Die bayerische Justizministerin Beate Merk ist der Ansicht, dass die Gesetze und Regelungen gegen das Cybergrooming von Pädophilen keineswegs ausreichen und erklärt, was ihrer Ansicht nach geschehen muss: Chatprotokolle als "Schriften" definieren und schleunige Wiederaufnahme der Vorratsdatenspeicherung. In Köln zeigt man sich, wie Oliver Jungen berichtet, mit dem dort lebenden Schriftsteller Dogan Akhanli solidarisch, der bei einem Besuch in der Türkei mit "fadenscheiniger" Begründung und in Wahrheit wohl wegen Kritik an der türkischen Politik inhaftiert wurde (mehr dazu hier). Oliver Tolmein fordert Eindeutigkeit in der Debatte um die Präimplantationsdiagnostik - mit Kompromissformeln wie "schwere erbliche Vorbelastung" jedenfalls würden die ethischen Probleme nur verschleiert. Keine wirklich großen Entdeckungen hat Rüdiger Suchsland bei den Hofer Filmtagen gemacht. Wolfgang Sandner resümiert die 41. Ausgabe des Frankfurter Jazzfestivals (Website). In der Glosse erkennt Jürgen Kaube in einem Leitartikel von Jürgen Habermas in der "New York Times" zu "Leadership and Leitkultur" in Deutschland mehr politische Voreingenommenheit als Konsistenz des Arguments. Gemeldet werden Kürzungen im Kulturetat des Außenministeriums, die die Goethe-Institute und das Berliner Haus der Kulturen der Welt teils massiv treffen. 

Besprochen werden Vera Nemirovas Frankfurter Inszenierung der "Götterdämmerung" (Julia Spinola bescheinigt "konzentrierte Regiehandschrift"), Katharina Thalbachs Inszenierung von Bert Brechts "Im Dickicht der Städte" am Berliner Ensemble, die New Yorker Mark-Twain-Ausstellung "A Skeptic's Progress", eine Ausstellung über "Die Impressionisten in Paris" im Essener Folkwang Museum und Bücher, darunter Tim Blannings im großen Bogen erzählte Sozialgeschichte "Triumph der Musik" (mehr dazu in der Bücherschau ab 14 Uhr).



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