Heute in den Feuilletons "Prototyp des gehobenen Mitläufers"

Die "FR" porträtiert die Lyrikerin Ann Cotten, Autorin des Manifests "Literatur dient nicht zur Unterhaltung". Die "Welt" ist erschüttert über die Theatergruppe "Hotel Modern", die einen Tag in Auschwitz als Puppenspiel nachstellt. Die "FAZ" kommentiert Fritz J. Raddatz' Selbstbezichtigung.


Der Freitag, 17.08.2007

Eine ziemlich finsteren Bericht über religiösen Hass, eine islamische Mafia und Bollywood schickt Ursula Dunckern aus Indien. Hintergrund ist der gerade zu Ende gegangene Prozess wegen der Bombenanschläge in Bombay von 1993, mit denen Muslime unter Mafiaboss Dawood Ibrahim auf noch schlimmere (und nie geahndete) Massaker durch Hindus an Muslimen reagierten. Einer der Verurteilten ist ein populärer Bollywood-Schauspieler: "Wie zu erwarten, wurde die Verurteilung des Schauspielers Sanjay Dutt zu sechs Jahren Gefängnis von Millionen Fans in ganz Indien als nationale Katastrophe bestöhnt... Wenige Tage vor dem Anschlag hatte der angeblich Ahnungslose einem Mafiosi erlaubt, ein paar Maschinenengewehre des Typs AK 56 in seiner Wohnung zu deponieren, von denen er später sogar ein Exemplar kaufte. Die kinosüchtige indische Öffentlichkeit freilich verzieh ihrem Liebling den kleinen Fehltritt, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, und störte sich wenig an dessen Umgang mit Gangstern und Ganoven."

In einem Kommentar fürchtet der Schriftsteller Raul Zelik unter Inanspruchnahme Giorgio-Agambenscher Diagnosen, dass "die staatliche Gewalt in den vergangenen Jahren systematisch enthegt worden ist". Und Matthias Dell unterhält sich mit dem taiwanesischen Filmemacher Hou Hsiao-Hsien, dem in Berlin eine Retro gewidmet ist.

Die Tageszeitung, 17.08.2007

Die ungebrochene Beliebtheit des vor zweihundert Jahren geborenen Nationalhelden Giuseppe Garibaldi verdeutlicht für J. Kraatz Magri, dass Italien sich wieder einen starken Mann wünscht. "Auf der Hitliste der wichtigsten Personen für die Geschichte Italiens folgt nach Garibaldi (mit seinen uneinholbaren 46 Prozent) Mussolini auf Platz zwei mit 15 Prozent. Während von den heute lebenden Politikern es nur Berlusconi unter die ersten acht geschafft hat. Wie Garibaldi und Mussolini glaubt auch er die Nation retten zu müssen und inszeniert sich als schillernder Antipolitiker und Freiheitsheld (heute heißt es Neoliberalismus), der seine Legitimation aus seinem privilegierten Verhältnis zum Volk ableitet."

Weiteres: In Schweden streiten junge Krimischriftstellerinnen mit alten Krimischriftstellern darüber, wer den größten Schund schreibt, berichtet Reinhard Wolff. Christine Käppeler unterhält sich noch schnell mit Angus Andrew von der Band "Liars", bevor er mit neuer Platte im Gepäck von Berlin nach Los Angeles zieht. Arno Raffeiner stellt drei neue Ambient-Platten vor. In der zweiten taz liest EnBW-Beirat Rezzo Schlauch Wolfgang Schorlaus Krimi "Fremde Wasser" und hält die Mordsgeschichte um Wasserprivatisierung natürlich für übertrieben. Aber unterhaltsam. Auf der Medienseite rümpft Anke Lübbert die Nase über die Klimarettungs-Ambitionen von Hochglanzmagazinen und Privatsendern.

Und Tom.

Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2007

Auf der Medienseite stellt Arian Fariborz den iranischen Nachrichtensender mit dem sinnigen Namen Press TV vor, der seit einem Monat BBC und CNN Konkurrenz machen will: "Rund 400 Angestellte und 26 Korrespondenten von Washington bis Gaza-Stadt sollen dem prophetischen Anspruch gerecht werden, 'die Wahrheit der Welt zu verkünden' und als 'Podium für alle Freiheitsuchenden und Muslime' zu fungieren. Es gehört zu den vielen Widersprüchen der Islamischen Republik, dass von diesem zweifelhaften Podium der Freiheitsuchenden allein die Bevölkerung im Ausland profitieren soll. In Iran dagegen verstummt die 'Botschaft des Propheten', da der Empfang von Satellitenfernsehen nach wie vor strengstens verboten ist. Staatliche Eingriffe wie die Einrichtung von Störsendern, um den Empfang von Sendern wie BBC oder CNN zu behindern, sowie Razzien gegen Besitzer von Satellitenschüsseln wurden in den vergangenen Monaten sogar noch verschärft."

Tilmann P. Gangloff berichtet vom harten Preiskampf in der deutschen Synchronbranche, besonders das Fernsehen wolle immer weniger Geld für ein vernünftiges Dialogbuch ausgeben.

Im Feuilleton erkennt Peter Hagmann nach einer Woche mit dem Ensemble des Lucerne Festival Orchestra in der Kammermusik den "Urgrund allen sinfonischen Tuns". Aus der "Kulturszene Katalonien" stellt Markus Jakob den Küchenchef Fermi Puig vor.

Besprochen wird der auf der Berlinale prämierte Film "Tuya's Marriage" von Wang Quan, die Retrospektive des Künstlers A.R. Penck in der Schirn-Kunsthalle in Frankfurt. Im Musik-Teil schreibt Hanspeter Künzler zum Tod des Punk-Pioniers Tony Wilson, Knut Henkel stellt das Debüt der brasilianischen Sängerin Ceu vor, Stefan Hentz präsentiert ein Buch über Audio-Branding von Kai Bronner und Rainer Hirt.

Frankfurter Rundschau, 17.08.2007

Auf der in der Spree dümpelnden MS Hoppetosse trifft Ina Hartwig ein "Wunderkind" der deutschsprachigen Lyrik, die in Iowa geborene, in Wien aufgewachsene und nun in Berlin lebende Lyrikerin Ann Cotten. "Zusammen mit Gleichgesinnten betreibt Ann Cotten die Website www.forum-der-13.de. Dort hat die Frühaufsteherin unter dem Datum des 13. August, Uhrzeit 6.14, ein Manifest veröffentlicht, in dem steht: 'Literatur dient nicht zur Unterhaltung.' Ob die diversen Lesungen im legendären Cafe Burger und anderswo, an denen Ann Cotten teilnimmt und die fotografisch auf der erwähnten Website dokumentiert sind, nicht doch eine Prise Unterhaltung bieten? Jedenfalls hält hier ein Milieu zusammen, das blendend organisiert ist und sich dabei auch noch prächtig amüsiert." Die Anschaffung von Cottens "Fremdwörterbuchsonetten" kann Hartwig übrigens nur empfehlen.

Weiteres: Karl Grobe bereist Tatarstan, die bevölkerungsreichste der autonomen Republiken in Russland, und findet einen gemäßigten Islam und ein friedliches Nebeneinander der Religionen vor. Sylvia Staude bedauert die Kanzlerin in einer wehmütigen Times mager, Grönland nie allein im Schlafsack zu erleben.

Besprochen werden eine Ausstellung zu "Traum & Trauma" in der Wiener Kunsthalle, eine DVD-Box mit allen Kinofilmen von Alexander Kluge und Sabine Grubers Roman "Über Nacht" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Die Welt, 17.08.2007

Zwei Artikel messen heute die Realität an der Literatur und lassen die Literatur dabei recht gut wegkommen - wenn man nur die richtige liest. Marko Martin empfiehlt anlässlich der neuen Enthüllungen über den Mauerschießbefehl Autoren wie Jürgen Fuchs, Reiner Kunze und Freya Klier und kritisiert die bis heute andauernden Vorlieben der wohlmeinenden Wessis: "Hatte man von einer Christa Wolf tatsächlich erwartet, etwas über die miese Realität des SED-Staates zu erfahren? Wollte man sich mit ihrem Mix aus apolitischer, das heißt die Unterschiede zwischen Demokratie und Diktatur sensibel einebnender Zivilisationskritik, Soft-Feminismus und melancholischer Landschaftsbeschreibung doch eher selbst das Gefühl behaglichen Unbehagens gönnen? Und war der Heiner-Müller-Boom auf westlichen Bühnen nicht lediglich der Anziehungskraft eines 'radical chic' geschuldet, bei dem allerdings keine Schwarzen Panther, sondern Rote Garden aufmarschierten?" In einem zweiten Artikel empfiehlt Steffen Richter, ebenfalls aus aktuellem Anlass, jünger italienische Romane über die Mafia, die Camorra, die 'Ndrangheta und wie sie alle heißen.

Urlich Weinzierl legt in einem kurzen Artikel aus Salzburg ein Bekenntnis ab: "In meiner ganzen Laufbahn als berufsmäßiger Zuschauer habe ich noch nie ähnlich Erschütterndes erlebt." Er schreibt über "Lager - Eine theatralische Animation in Echtzeit" der Rotterdamer Gruppe "Hotel Modern", die einen Tag in Auschwitz als Puppenspiel nachstellt: "Die Häftlinge und KZ-Schergen sind acht Zentimeter hoch. Sie werden von den drei Akteuren ebenso einfach wie ingeniös bewegt. Winzige Handkameras projizieren das Geschehen auf eine Leinwand: Dadurch nehmen die Püppchen Menschenmaß an. Plötzlich verwandelt sich die schematisch erstarrte Mimik in die Individualität von Leid und Schmerz. Was mit Darstellern nie gezeigt werden könnte, ist hier erlaubt: der Blick in die Gaskammern, auf die Leichenberge und in die Verbrennungsöfen. Dank der Puppen bleibt all das frei von voyeuristischen Aspekten."

Weitere Artikel: Manuel Brug berichtet vom Rossinifestival in Pesaro. Kai Luehrs-Kaiser beschreibt die Wagner-Verbände als "Wolfgang Wagners geheimes Erfolgsrezept". Gabriela Walde stellt zwei Projekte für eine temporäre Bespielung der Berliner Schlossplatzes mit Kunst vor, den pragmatisch-ingeniösen White Cube des Architekten Adolf Krischanitz und die hippe Wolke der Architektengruppe Graft. Peter Zander unterhält sich mit Regisseur Robert Thalheim über seinen in der Auschwitzgedenkstätte spielenden Film "Am Ende kommen Touristen". Peter Zander porträtiert auch den jungen Schauspieler David Rott, der heute Abend in einem Fernsehfilm auf Arte zu sehen ist.

Im Forum kommentieren Maxeiner & Miersch die Meldung vom Aussterben des Baiji, des rosa Flussdelfins in China: "Im 21. Jahrhundert sehenden Auges eine Tierart aussterben zu lassen, ist nicht weniger barbarisch als die Taliban-Kanonade auf die Buddha-Statuen von Bamiyan."

Süddeutsche Zeitung, 17.08.2007

Kein Wunder, dass hierzulande so wenig Imame ausgebildet werden, meint Sonja Zekri und schildert den Fall des Benjamin Idriz aus dem bayerischen Penzberg. "Idriz, Sohn eines türkischen Vaters und einer albanischen Mutter, ist in Mazedonien geboren, hat in Syrien studiert und kam noch nicht zwanzigjährig als Imam in die Gemeinde südöstlich des Starnberger Sees, wo er vor einer Gemeinde aus Bosniern, Mazedoniern, Türken und Arabern predigte und sich innerhalb kürzester Zeit einen Ruf als vielleicht exotischer, aber entschlossener Modernisierer erwarb... Idriz galt als geradezu idealtypischer Vertreter eines offenen, 'europäischen' Islam. 'Wir kommen aus Europa ins Paradies, nicht aus Mekka', hat er einmal gesagt. Dann aber legte er einen Plan vor: Ein 'Zentrum für Islam in Europa' wollte er gründen, in München, nach dem Vorbild des erfolgreichen und eindrucksvollen jüdischen Zentrums am Jakobsplatz. 8000 Quadratmeter in zentraler Lage mit einer Islamischen Akademie, einem breiten Kursangebot für Frauen, Jugendliche und Alte (Selbstverteidigungskurse für Mädchen, Erbrecht) und mit einem Ausbildungszentrum für Imame. Seitdem geht Idriz durch die Hölle."

Der freie Wille ist eine Illusion, behauptet der Wiener Evolutionsbiologe und Wissenschaftstheoretiker Franz Wuketits im Gespräch mit Markus Schulte von Drach. "Auch mein Kater hat ja einen Willen. Der will unbedingt auf unserem Küchentisch spazieren, obwohl er es nicht darf. Aber das ist keine Frage einer freien Entscheidung, sondern hängt mit seinen Neuronen und sonstigen biologischen Mechanismen zusammen."

Weiteres: Till Briegleb ist gespannt, was aus dem "Nebeneinander von Seeadlern und Türkengangs" wird, wenn Hamburgs vernachlässigter Stadtteil Wilhelmsburg im Jahr 2013 durch IBA und IGS veredelt ist. Martin Kaluza stellt den Musiker DJ Shantel und sein Bucovina Club Orkestar vor. Christopher Schmidt glossiert die Aufforderung des Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung Günter Nooke, sich doch im Urlaubsland auch mal kritisch nach der Menschenrechtslage zu erkundigen. Mehr als 170 Änderungen in Wikepedia kommen aus den Büros von Scientology, stellt "job" mit dem Wiki-Scanner fest. Andreas Dorschel beobachtet im Selbstmordbereich nicht nur einen Trend zu sanften Methoden, sondern auch zu umfassender Beratung im Netz.

Auf der Medienseite legt Raphael Honigstein dar, warum alle europäischen Bezahlsender besser verdienen als Premiere.

Besprochen werden die seltene vollständige Aufführung von Hector Berlioz' Oper "Lelio" mit Gerard Depardieu bei den Salzburger Festspielen, die theatralische Echtzeitanimation "Lager" von der Gruppe Hotel Modern beim Young Directors Project ebenfalls in Salzburg, Mike Binders Film "Die Liebe in mir", und Bücher, darunter ein Aufsatzband mit Stellungnahmen zu Gunther von Hagens' Körperwelten-Ausstellungen "Verführerische Leichen - verbotener Verfall" sowie Monika Marons "Ach Glück" (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.08.2007

In der Zeit dieser Woche bekannte der Publizist Fritz J. Raddatz in großer Ausführlichkeit, in der DDR geschwiegen zu haben, obwohl er viel wusste, und mitgetan zu haben, obwohl er es nicht hätte tun sollen. Hubert Spiegel kommentiert diese "Selbstbezichtigung" - und stellt einen Zusammenhang zur Grass-Affäre her: "Als im August letzten Jahres Günter Grass seine bis dahin verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS bekannte, fand er in Raddatz einen leidenschaftlichen Verteidiger seines Buches: 'Grass gibt Rechenschaft, bohrend, brennend, mit dem rotglühenden Eisen namens Erinnerung', schrieb Raddatz damals voller Empathie in seiner Rezension und zitierte einen der Schlüsselsätze des Buches: 'Ich habe mich verführen lassen'. Jetzt lässt er seinen eigenen Rechenschaftsbericht mit einer ungleich stärkeren Formulierung enden: 'Ich wurde nicht missbraucht. Ich habe mich selber missbraucht.' Grass hat sich als dummen, ahnungslosen Jungen gemalt, Raddatz führt sich als Prototypen des gehobenen Mitläufers vor, durch Intellektualität und gelegentliches Aufmucken zum latenten Dissidenten nobilitiert."

Weitere Artikel: Patrick Bahners glossiert einen Aufsatz des Historikers, Philosophen, Publizisten Michael Ignatieff, in dem dieser eine zwei Jahre zurückliegende falsche Prognose in Sachen Irakkrieg eingesteht - oder auch nicht. Julia Voss berichtet von einer Einwanderungswelle, nämlich vieler Tiere vom Land in die Städte, die wiederum die Wissenschaft erst in jüngerer Zeit als Hort vielfältiger Biotope zu begreifen gelernt hat. Jürgen Kaube schildert den Fall eines Berliner Soziologen, der als angebliches Mitglied einer terroristischen Vereinigung inhaftiet wurde - als Indiz wurden nicht zuletzt Formulierungen in wissenschaftlichen Publikationen herangezogen. Der Kirchenrechtler Winfried Aymans erläutert, warum die katholische Kirche die evangelische Kirchen als "kirchliche Gemeinschaften" bezeichnet. Aus der Schweiz meldet Jürg Altwegg, dass gerade Unterschriften für eine Volksabstimmung zum Verbot des Minarettbaus gesammelt werden.

In Salzburg war das diesjährige sogenannte "Kontinente"-Projekt dem Komponisten Giacinto Scelsi gewidmet - Eleonore Büning hat den Konzerten gelauscht. Jürgen Richter beklagt den Verfall der Festung Sonnenstein in Pirna. Auf der letzten Seite findet sich ein Interview mit dem Kunsthistoriker Thomas Gaethgens, dem designierten neuen Direktor des "Getty Research Institute" in Los Angeles. Dirk Schümer berichtet aus Rom, dass man sich dort mit der Tatsache abgefunden hat, dass die kapitolinische Wölfin nicht, wie lange behauptet, aus der Antike stammt. Besprochen wird ein Devendra-Banhart-Konzert in Köln.

Auf der Sachbuchseite werden unter anderem eine Aby-Warburg-Biografie und zwei Bildbände zu Elvis Presley rezensiert, weiter vorn Luigi Malerbas Roman "Römische Gespenster" und gleich mehrere Bände, in denen sich Schauspieler als Schriftsteller versuchen (mehr in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und hier Neues über den Streit zwischen FAZ und Perlentaucher.



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