Heute in den Feuilletons "Repräsentanten des Postrassismus"

In der "Welt" feiern Gäste der American Academy das nunmehr angebrochene postrassistische Zeitalter. Die "NZZ" befürchtet in den nächsten zwei Jahren ein Gemetzel unter den westlichen Medien. In der "SZ" schimpft Robert Menasse auf Österreich.


Neue Zürcher Zeitung, 07.11.2008

Auf der Medienseite schreibt Heribert Seifert zur weltweiten Zeitungskrise, die immer mehr mehr Medien zu dramatischen Spar- und Rettungskaktionen treibe. "Emily Bell, Digital-Chefin des Guardian, erwartet in den nächsten zwei Jahren 'ein Gemetzel unter den westlichen Medien. Niemand in meinem Geschäft hat das bis anhin im Griff.' ... Der Auflagenrückgang, das Abwandern von Anzeigen, die Billigkonkurrenz im Internet, die anhaltend hohen Kosten des Print-Gewerbes und die oft schwindelerregend hohe Verschuldung vor allem der US-Unternehmen gelten als die zentralen Gründe der Abwärtsbewegung. Dabei sollte man freilich nicht ganz außer acht lassen, was die jüngste Analyse des Projects of Excellence in Journalism zur wirtschaftlichen Lage der US-Zeitungsverlage feststellte: 'Die Zeitungsindustrie ist profitabel, in geringerem Maß als früher, aber immer noch in bedeutender Weise.'"

Weiteres: Andrea Köhler meldet großen Jubel unter den Schwarzen über die Wahl Barack Obamas. Angela Schader schreibt zum hundersten Geburtstag der Journalistin und Autorin Martha Gellhorn. Außerdem besorgt Schader den Nachruf auf den Thriller-Autor Michael Crichton.

Besprochen werden eine große Ausstellung zum 500. Geburtstag des Architekten Andrea Palladio im Palazzo Barbaran da Porto in Vicenza und auf der Plattenseite neue Aufnahmen von Schubert-Liedern

Aus den Blogs, 07.11.2008

"Wie ich mich fühle? So wie sich wohl mein Vater und seine Freunde gefühlt haben, damals 1938, an dem Tag, als Joe Louis Max Schmeling k.o.schlug. Aber zehntausendmal besser. Alles was ich sagen kann, ist 'Amazing Grace!", schreibt Henry Louis Gates in einem bewegten Kommentar auf The Root, den wir leider erst spät entdeckt haben: "Ich wünschte, wir könnten auch sagen, dass Barack Obamas Wahl auf magische Weise die Zahl der Teenager-Schwangerschaften reduzieren wird oder die Drogenabhängigkeit in der schwarzen Community. Ich wünschte, wir könnten auch sagen, dass das, was letzte Nacht passiert ist, schwarze Kinder endlich dazu bringen wird, schreiben und lesen zu lernen, als würde ihr Leben davon abhängen."

Die Welt, 07.11.2008

Jacques Schuster unterhält sich mit drei Gästen der American Academy in Berlin über Barack Obama, der Historikerin Heide Fehrenbach, dem Historiker Thomas Holt und dem Politologen Parag Khanna, der behauptet, dass die Rasse bei Obama gar keine Rolle mehr spielte: "Ich gehöre selbst dieser Generation an. Wir sind multiethnisch aufgewachsen. Obama spiegelt dieses Lebensgefühl wider." Aber auch Bush hat Verdienste an dieser Entwicklung, indem er Colin Powell und Condoleezza Rice berief, meint Thomas Holt: "Diese beiden schwarzen Politiker in ihren herausragenden Positionen haben das weiße Amerika auf Obama vorbereitet. Ihr Ansehen weltweit hat das weiße Amerika beeinflusst. Auch wenn Condoleezza Rice konservativ ist, zu Bushs Lager gehört und als solche angefeindet wird, denkt keiner an sie als an die schwarze Außenministerin. Powell und Rice sind zu Repräsentanten des Postrassismus geworden."

Weitere Artikel: Aufmacher ist Wieland Freunds Nachruf auf Michael Crichton. Hendrik Werner berichtet, dass Henning Mankell zwei "Tatort"-Folgen für den durch Axel Milberg dargestellten Kieler Kommissar schreiben wird. Katharina Dockhorn berichtet über die knifflige Frage, welcher Film eigentlich als deutsch gelten darf und somit bei der Deutschen Filmakademie als Kandidat für die "Lola" eingereicht werden darf. Friedrich Pohl berichtet, dass der Anteil Carl Philipp Emmanuel Bachs am Zustandekommen der h-moll-Messe des Vaters größer sein könnte als bisher angenommen (und kritisiert nebenbei den Wikipedia-Artikel zur Messe).

Besprochen werden eine Ausstellung mit bisher unbekannten Fotos aus der "Reichskristallnacht" im Centrum Judaicum Berlin und die Kinderoper "Robin Hood" an der Komischen Oper Berlin.

Im Forums-Essay porträtiert Tilman Krause den fast hundertjährigen Autor Hans Keilson, der in diesem Jahr den Welt-Literaturpreis bekommt.

Weitere Zeitungen, 07.11.2008

Le Monde hat Daniel Vernet nach Prag geschickt, um mit verschiedenen Protagonisten der Kundera-Affäre zu sprechen (während Kundera selbst, der seine Klage-Drohung anders als Vernet behauptet zurückgezogen hat, weiter schweigt). Unter anderem äußert sich der Autor des Respekt-Artikels, Adam Hradilek: "Der Artikel erzählt den wahrscheinlichen Ablauf des 14. März 1950. Es kann auch anders verlaufen sein, auch die Motivationen der Personen können andere gewesen sein, komplexer."

Frankfurter Rundschau, 07.11.2008

Hilal Sezgin stellt den britischen Evolutionsbiologen Simon Conway Morris vor, der durchaus an eine zielgerichtete Entwicklung der Arten glaubt. Arno Widmann schreibt zum Tod von Michael Crichton. Besprochen werden der Film "Rumba" (mehr hier) und regionale Kulturereignisse. In Times mager mokiert sich Christian Thomas über die Hologramm-Techniken bei CNN.

Auf der Medienseite berichtet Daland Segler über ein Stuttgarter Treffen von Dokumentarfilmautoren und Fernsehredakteuren.

Die Tageszeitung, 07.11.2008

Jörg Sundermeiner berichtet, dass die beiden bisherigen Cheflektoren von Eichborn Berlin, Wolfgang Hörner und Esther Kormann, nun unter dem Schirm von Kiepenheuer & Witsch das neue Verlagslabel Galiani aufbauen. Dirk Knipphals schreibt zum Tod des Autors Michael Crichton.

Besprochen werden Grace Jones' Album "Hurricane" als "unwahrscheinlichstes Comeback des Jahres" sowie neue Alben von Gang Gang Dance und von High Places.

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 07.11.2008

In die landesübliche Tradition einer Philippika gegen Österreich und die Österreicher reiht sich mit Schwung der Schriftsteller Robert Menasse ein: "Hören Sie zu! Wir haben eben in Österreich 'eine bürgerliche Mehrheit'. Das bedeutet natürlich nicht, dass die Mehrheit der Österreicher Bürger sind. Das bedeutet auch nicht, dass die Mehrheit der Österreicher weiß, was Bürger sind. Das bedeutet nicht einmal, dass es in Österreich Bürger gibt. Das bedeutet schon gar nicht, dass die Mehrheit der Österreicher die bürgerlichen Ideale kennt und respektiert. Das bedeutet am allerwenigsten, dass die Mehrheit interessiert wäre am bürgerlichen Rechtszustand. Das bedeutet lediglich, dass in Österreich 'Sozialist' ein Schimpfwort ist - außer er ist auch 'national', aber das heißt hier 'patriotisch'."

Weitere Artikel: Über nichts Geringeres als die Revolution denkt Burkhard Müller nach. Nicht darüber aber, wie sie sich machen lässt, sondern darüber, warum sie in einer globalisierten Welt ein Ding der Unmöglichkeit wird. Die von Hegel bekannte "List der Vernunft" sieht Andreas Zielcke beim Sieg Barack Obamas am Werk. Frank Arnold hat sich eher kurz mit dem blonden Bond Daniel Craig unterhalten. Sebastian Glubrecht war in Kyoto, wo man den tausendsten Geburtstag des wohl ältesten japanischen Romans beging, der "Geschichte vom Prinzen Genji". Die großen und teuren Probleme der Hamburger Kultursenatorin Karin von Welck beschreibt Till Briegleb. Kaspar Renner hat eine Berliner Tagung zur "Kultur der Evolution" besucht. Christine Dössel entlarvt - nicht als erste- ein falsches, noch dazu eher aus dem rechten Lager kommendes Tucholsky-Gedicht zur Finanzkrise. Noch einmal ausführlicher schreibt Thomas Steinfeld zum Tod von Michael Crichton. Auf der Medienseite schildert Nikolaus Piper, wie sich finanzieller Niedergang und Einflussverlust amerikanischer Zeitungen auch und gerade im Präsidentschaftswahlkampf erwiesen. Hans Leyendecker schreibt über die Schwierigkeiten der Medien mit Stasileuten im eigenen Haus.

Besprochen werden Alfred Brendels Münchner Abschiedskonzert, eine Aufführung von Tracy Letts "August: Osage County" in Mannheim, die Verfassungsgeschichte-Ausstellung "Im Namen der Freiheit!" im Deutschen Historischen Museum Berlin, die Messiaen-Ausstellung "Le musicien et l'oiseau" in Pezenas, Clara Bleys neues Album "Appearing Nightly" und Bücher, darunter Ralph Bollmanns historisch unterfütterte Verteidigung des Prinzips der "Reform" und neue Kinder- und Jugendliteratur wie Blake Nelsons von Gus van Sant verfilmter Jugendroman "Paranoid Park" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.11.2008

Im Gespräch über Barack Obamas Sieg warnt der Gewaltforscher Bernd Greiner zwar davor, im zukünftigen Präsidenten einen Messias zu sehen. Er hat aber auch nur Gutes über ihn zu sagen. Ganz ungut wird Dirk Schümer zumute angesichts der Wiederkehr des einstigen "Gladio"-Führers und italienischen Ultrarechten Licio Gelli, der mit neunzig Jahren nun eine eigene Fernsehsendung hat. Edo Reents sieht angesichts der immer softer werdenden Väter das Ende der literarischen Vater-Sohn-Konfliktdarstellungen gekommen. In der Glosse stellt Verena Lueken erfreut fest, dass am gestrigen Tag die New York Times frühmorgens schon überall ausverkauft war (hier die Titelseite als pdf für die Ewigkeit). Andreas Rossmann war dabei, als in Gelsenkirchen "Deutschlands größte Stadt" gegründet wurde. In seiner Kunst-Kolumne fragt sich Eduard Beaucamp, wohin mit all den ohne Unterlass immer weiter produzierten Bildern. Mechthild Küpper hat Angela Merkel bei ihrem Besuch bei der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beobachtet. Camilla Blechen erklärt, wer der Maler Gottlieb Schick war, dessen Porträt seines Studienkollegen Jean-Baptiste Vermay nun zum Abschied von Peter-Klaus Schuster erworben und feierlich an die Alte Nationalgalerie übergeben wurde. Auf der Medienseite stellt Regina Mönch eine Studie der ARD über die Stasi und die Medien vor.

Besprochen werden die große "Loriot"-Ausstellung in Berlin, ein "Keane"-Konzert in Köln, der koreanische Thriller "The Chaser" und Bücher, darunter der Band "Die Faust im Mund" mit Essays von Georges-Arthur Goldschmidt und E. Benjamin Skinners Geschichte des "Menschenhandels" im 21. Jahrhundert (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).



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