Heute in den Feuilletons "Schwarz wie Opas Lunge"

Die "taz" liest Grass' "Katz und Maus" und diagnostiziert einen V-Effekt. Der Eklat beim Weimarer Kunstfest, wo Hermann Schäfer eine Buchenwald-Gedenkrede ohne Buchenwald hielt, macht weiter von sich reden. Die "Welt" berichtet über den Plan für ein rumänisches Holocaust-Mahnmal.

Die Tageszeitung, 30.08.2006

Markus Joch hat sich noch einmal Günter Grass' Novelle "Katz und Maus" vorgenommen  und versucht, "aktuelle Auskünfte des Autors in Beziehung" zu diesem zweiten Teil der Danziger Triologie von 1961 zu setzen und zu zeigen, wie der Autor darin "die wahnhafte Männlichkeitshuberei seiner jungen Jahre" fiktional verschlüsselt habe. Dass Grass seinen Helden Joachim Mahlke darin "lächerlich zu machen suchte, seinen Helden also auch weltanschaulich von sich wegrückte, verweist auf das Erzeugungsprinzip der ganzen Erzählung. Der Autor versah seine Figur mit einer Reihe nicht-identischer Züge, verfremdete sie, um das fast Identische gefahrlos sagbar machen zu können - der V-Effekt als Sicherheitsmaßnahme."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg kommentiert  die politische Empörung auf Grund der Rückgabe des Kirchner-Bildes "Berliner Straßenszene" an die Erbin der jüdischen Vorbesitzer, die nach dem Willen der Berliner CDU nun einen Misstrauensantrag gegen Kultursenator Flierl münden soll und dabei nur Ausweis des völligen Fehlens einer "ernsthaften Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Hinterlassenschaft" in der Hauptstadt sei. Von der Biennale  in Venedig berichtet  Christina Nord, dass deren Profil durch Leiter Marco Müller allmählich immer klarer werde; Müller favorisiere nämlich eine Mischung, die "zwar gewagt, im Glücksfall jedoch nahezu vollkommen ist": "zum einen Spektakel- und Mainstreamkino aus Asien und Hollywood, zum anderen aber nicht-narratives, ins Experimentelle weisendes Autorenkino", die er im Wettebewerb gern "ungeschützt aufeinanderprallen" lasse. Auf der Meinungsseite spricht der in Yale lehrende Orientalist Mokhtar Ghambou im Interview  über die Gründe für den islamischen Fundamentalismus.

Christian Semler schließlich bespricht  die Doppelausstellung in Berlin  und Magdeburg  zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in denen ihm "eine sozialhistorische Komponente" fehlt: "Alles schön, aber alles bleibt stumm".

Und hier  Tom.

Frankfurter Rundschau, 30.08.2006

Christian Thomas kommentiert  die Rede von Hermann Schäfer, Ministerialdirektor beim Kulturstaatsminister Bernd Neumann, der in Weimar vor Überlebenden des Konzentrationslagers Buchenwald nur ein Thema kannte: die Vertriebenen. Das Debakel zeige anschaulich, dass "die Repräsentanten dieser Vertriebenen-Innenpolitik nicht untätig (sind), wenn es um eine Akzentverschiebung auf dem Großterrain bundesdeutscher Erinnerungspolitik geht. Gerade die Vertriebenenverbände haben ihre Erinnerungspolitik jahrzehntelang als 'Opferkonkurrenz betrachtet und dabei eine so zähe wie 'eifersüchtige Aggressivität an den Tag gelegt, die Ursachen der nationalsozialistischen Verbrechen verharmlosend, relativierend, leugnend. Es ging um eine Verdrängungspolitik, nicht nur mit Blick auf die historische Verantwortung, sondern auch mit Blick auf Erinnerungskonkurrenten."

Weitere Artikel: Daniel Kothenschulte prophezeit  für die heute beginnende Biennale  in Venedig "so viele Hollywoodstars wie lange nicht mehr" und hofft "auf ein überraschend reiches Aufgebot für ein fortgeschrittenes Kinojahr, das noch ein paar schöne Filme gut gebrauchen könnte". Michael Kohler stellt  das ehrgeizige Projekt des Gelsenkirchners Museum für Architektur und Ingenieurskunst  (M:AI) in Nordrhein-Westfalen vor. Und in Times mager berichtet  Mark Obert über einen gewissen Dr. Mounir Herzallah aus Berlin, der in einem - mittlerweile im Netz weltweit verbreiteten - Leserbrief an den Tagesspiegel über sein Leben mit der Hisbollah im Südlibanon berichtet hatte: alles nur ein Fake.

Besprochen werden der dänische Film  "Adams Äpfel"  von Anders Thomas Jensens, eine "moralische Fabel" mit skurrilem Humor, und Bücher, darunter der neue Roman  von Marlene Streeruwitz "Entfernung" und Peter Esterhazys mitunter "anarchische", aber "aufregende" "Einführung in die schöne Literatur"  (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr).

Neue Zürcher Zeitung, 30.08.2006

Im Kommentar zu Hermann Schäfers Buchenwald-loser Buchenwald-Rede erwähnt  Joachim Güntner nebenebei, dass Günter Grass nun vielleicht doch nicht in der SS-Division "Frundsberg", sondern in einer "Panzerjäger-Ausbildungs- und Ersatzabteilung der SS" gewesen ist. Der Kaffee gegenüber schmeckt zwar wie Schaschlik, aber mit Mut zu radikalen Künstlern könnte die im April gestartete Hamburger Theaterfabrik  reüssieren, meint  Thomas David nach einem Werkstattbesuch. Das Filmfestival von Venedig könnte sich diesmal lohnen, denkt  Marli Feldvoss bei einem Blick auf das von brisanten historischen Themen dominierte Programm . Roman Hollenstein rät  den Stadtplanern von Locarno beim anvisierten Festivalturm mit Kinos und Verwaltungsräumen zur Vorsicht, und drängt auf eine baldige Wiederbelebung des Grand-Hotels.

Besprochen werden die sechs Mozart-Klavierkonzerte  mit Andras Schiff auf dem Luzerner Festival, wobei KV 449 und KV 450 gar zum ersten Mal dort gespielt wurden, und Bücher, darunter Silvio A. Bedinis Darstellung des Roms der Hochrenaissance "Der Elefant des Papstes", Martin Andrees Gedanken zur "Archäologie der Medienwirkung" sowie Doris Lessings Roman  "Die Geschichte von General Dann und Maras Tochter, von Griot und dem Schneehund" (mehr in unserer Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr).

Der Tagesspiegel, 30.08.2006

Christine Lemke-Matwey hat den achtzigjährigen Hans Werner Henze in Castell Gandolfo getroffen, dessen Oper "Gogo no eiko" morgen Abend in der Berliner Philharmonie gespielt wird. Das Interview  scheint nicht ganz einfach gewesen zu sein.
"Ich habe in meinem Leben furchtbare Sachen gemacht. Das kann man gar nicht erzählen."
"Schade."
"Ja, das ist ein bisschen schade."

Berliner Zeitung, 30.08.2006

Die CDU-Politikerin Monika Grütters erklärt im Interview , was sie als Berliner Kultursenatorin durchsetzen würde: mehr Geld für die Universitäten und die Kultur. Kommen soll es "zum Beispiel aus der Kulturwirtschaft, die in dieser Stadt überhaupt keinen Stellenwert hat. Kultur ist unbestritten der wichtigste Tourismus-Faktor, bleibt aber fast ohne Aufmerksamkeit. Was folgt denn daraus, dass Berlin kein Industrie-, sondern ein Dienstleistungsstandort ist? London hat in den achtziger Jahren in den sogenannten Creative-Industries-Bereich investiert; dazu gehören natürlich nicht nur die Künste, sondern auch Werbung, Mode und Design. Heute kommt in London jeder dritte Job aus diesem Bereich. Wien hat das nachgemacht, auch für Berlin wäre dies ein außergewöhnlicher Entwicklungsmotor."

Die Welt, 30.08.2006

Sven Felix Kellerhoff berichtet , dass Rumänien den Opfern des Holocaust ein Mahnmal errichten will. Unter dem Diktator Ion Antonescu hatte Rumänien die Juden ganz ohne deutsche Regie verfolgt: "Antijüdische Gesetze waren unter seinem Regime auch bei anderen Verbündeten des Dritten Reichs üblich; so gab es in Italien und Ungarn auch vor der Besetzung durch deutsche Truppen 1943/44 massive Diskriminierungen von Juden. In keinem anderen Land aber radikalisierten einheimische Kräfte aus eigenem Antrieb die Judenverfolgung auch ohne die deutschen Einsatzkommandos so sehr wie in Rumänien."

Weitere Artikel: Peter Zander gibt  einen Ausblick auf die Filmfestspiele von Venedig , die heute mit Brian de Palmas Thriller "The Black Dahlia" eröffnet werden. Erst hätte Tom Tykwers "Parfum" gezeigt werden sollen, aber Produzent Bernd Eichinger wollte den Film lieber gleich "dem Publikum schenken". Zwei Jahre nach dem Brand in der Anna Amalia Bibliothek bilanziert  Stiftungspräsident Hellmut Seemann im Interview die Schäden: 50.000 Bände wurden zu Asche, darunter die Musikalien und ein großer Bestand der Werke von Wieland und Jean-Paul. Uta Baier will  es der Stadt Hagen nicht als Erfolg durchgehen lassen, dass nach zehn Jahren Planung endlich der Grundstein für das Emil-Schumacher-Museum gelegt wurde. Thomas Kielinger geißelt  Tony Blair dafür, den verpflichtenden Fremdsprachenunterricht in den Schulen abgeschafft zu haben.

Sehr lustig und "schwarz wie Opas Lunge" findet  Elmar Krekeler die Satire "Thank you for smoking", Sven Felix Kellerhoff nennt  den heute Abend laufenden ARD-Film über Humor im Dritten Reich dagegen "gut gemeint".

Dankwart Guratzsch kommentiert  auf den Forumsseiten den Streit um die Dresdner Waldschlösschenbrücke mit Schinkel: "Das Nützliche und Nothdürftige, so gut es an sich ist, wird widrig, wenn es ohne Anstand und Würde auftritt, und zu diesen hilft ihm blos die Schönheit."

Süddeutsche Zeitung, 30.08.2006

Vollkommen aus dem Häuschen ist Gottfried Knapp über die Wiedereinweihung des "Weltwunders" Grünes Gewölbe  in Dresden. Neben der "niederschmetternden Fülle erstrangiger Meisterstücke des Kunsthandwerks", kommen nun "vor allem die Säle selber, die ja als hochrangiges bildnerisches Gesamtkunstwerk des Barocks zurückzugewinnen waren (...), erstmals in ihrem ganzen elitären Individualismus zur Wirkung". Vor den Juwelenschätzen der Sächsischen Fürsten warnt er ausdrücklich: Sie "beschießen den Betrachter mit Tausenden von brillanten farbigen Blitzen. Wer hier nicht in Deckung geht, der wird dem alten Mythos 'Grünes Gewölbe', den man schon tief versunken glaubte, endgültig verfallen."

Der in Berlin lebende Medienkünstler Olaf Arndt , Mitglied der Künstlergruppe BBM , setzt sich erneut mit Waffen auseinander, diesmal Modelle, die das amerikanische Militär gegen Aufständische einsetzt beziehungsweise einsetzen will. Es handelt sich dabei um so genannte "nicht-tödliche" Waffen mit freilich grauenvoller Wirkung, die "aus der Wunderkammer der Science-Fiction" zu kommen scheinen. So etwa Hitzekanonen wie den "Sheriff", die ein ehemaliger Team-Leader des Marine Corps den "heiligen Gral der crowd control" nennt und die "die Lücke zwischen 'Warnschrei und Schuss' bei der Unterwerfung aufrührerischer Massen" schließen".

In einem ausführlichen Interview spricht die Sopranistin Christine Schäfer , die als "spannendste" deutsche Sängerin gilt und derzeit auf den Salzburger Festspielen  triumphiert, über Intimität, Kinder und Vermarktung ("Ich mag nicht in einer Woche drei Interviews geben, das verunschönt mein Leben.") Susan Vahabzadeh informiert über das Programm der diesjährigen Biennale  von Venedig. Christoph Kappes stellt das Projekt "Dropping Knowledge"  vor, das im Netz drängende Fragen sammelt, eine Auswahl von 100 sollen am 9. September von 112 Wissenschaftlern und Künstlern beantwortet werden. Dorion Weickmann resümiert eine Berliner Veranstaltung mit dem Pariser Politologen Alfred Grosser, der "die doppelte deutsche Diktaturerfahrung" analysierte. Sonja Zekri informiert über den sensationellen Fund einer 1400 alten Einweihungsschrift in den Trümmern der Buddha-Statuen von Bamian. Zu lesen ist außerdem ein Nachruf auf den kanadischen Tenor Leopold Simoneau.

dpa meldet nach dem Eklat um die Weimarer Rede von Hermann Schäfer schließlich die "nächste Panne" aus der Behörde des Kulturstaatsministers: Durch ein "technisches Versehen" sind demnach alle KZ-Gedenkstätten in einem Schreiben aufgefordert worden, zum "Tag der Heimat" am 3. September die deutsche Fahne zu hissen.

Besprochen werden der gelungene Einstand von Lothar Zagrosek als neuer Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters  und Bücher, darunter die Neuübersetzung von Jean Genets Spätwerk "Ein verliebter Gefangener" und eine Studie über "Die Möglichkeit des Guten. Ethik im 21. Jahrhundert" von Wilhelm Vossenkuhl (siehe dazu unsere Bücherschau des Tages  ab 14 Uhr).

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2006

Paul Ingendaay schreibt über die reichlich späte Exhumierung und Umbettung von republikanischen Bürgerkriegsopfern in der spanischen Provinz  bei Toledo: "'Es ging auch um Nachbarschaftsstreit', sagt Benito Sanchez über die ersten Kriegsmonate, 'kleine Abrechnungen unter Leuten, die sich gut kannten.' Bei solchen Sätzen löst sich der politische Charakter des Bürgerkriegs auf, und zurück bleibt die Geschichte von Kain und Abel."

Weitere Artikel: Patrick Bahners liefert  im Aufmacher eine vertrackte Analyse des Eklats beim Weimarer Kunstfest, bei dem es Festredner Hermann Schäfer schaffte, eine Buchenwald-Gedenkrede zu halten, ohne Buchenwald zu erwähnen. Andreas Kilb mokiert sich  in der Leitglosse über einen Aufruf des Deutschen Historischen Museums, das um Einreichung interessanter Biografien nachsucht. Michael Althen schickt  seinen ersten Bericht vom brillant besetzten Filmfestival  Venedig und preist schon mal "die ungewöhnlichste Leichenfundsequenz des Kinos" in Brian de Palmas Verfilmung der "Black Dahlia" von James Ellroy. Christian Geyer denkt  über die persönliche Erklärung des österreichischen Teenagers Natascha Kampusch nach, die acht Jahre in der Gewalt eines Kidnappers zubringen musste. Andreas Platthaus gratuliert dem Comicautor Jacques Tardi auf einer schön bebilderten Seite zum Sechzigsten. Thomas Wagner schreibt zum Tod der Malerin Susanne Paesler im Alter von nur 43 Jahren.

Auf der Medienseite eröffnet die FAZ eine Reihe von Radio-Reminiszenzen mit einem Text von Radiopionier und Romancier Michel Tournier: "Das Radio richtet sich an die Augen der Seele, das Fernsehen wendet sich an die Augen des Körpers. Im Fernsehen besitzen die Menschen nur das Gesicht, das die Natur ihnen gegeben hat." Gemeldet wird, dass die Deutsche Welle ihre Pionierarbeit in Afghanistan abgeschlossen hat und dass der Pulitzerpreisträger Paul Sapotek vom sudanesischen Regime ins Gefängnis gesteckt wurde.

Auf der letzten Seite resümiert Jürg Altwegg französische Beiträge zum Fall Grass. Und Thomas Thiel porträtiert den Punksänger Bela B.

Besprochen werden eine Ausstellung  über den Architekten Gottfried Böhm in Frankfurt,  Konzerte beim Kunstfest Weimar , eine Ausstellung über die Künstlergruppe Spur in München  und ein Konzert der Band Cursive in Köln.

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