Heute in den Feuilletons Taliban vertreiben Mädchen aus pakistanischen Schulen

Die "FAZ" reist ins noch deprimiertere Island. Die "New York Times" zeigt in einer Videodokumentation, wie die Taliban Schülerinnen aus den Schulen in Pakistan vertreiben und die "SZ" sah Britney Spears hell strahlen und niedrig springen.


Neue Zürcher Zeitung, 14.03.2009

"Wir glauben nach wie vor an die Illusion des Kreditwesens und vertrauen darauf, dass Üppigkeit die beste Art ist, der Armut entgegenzutreten", erklärt der deutsch-irische Schriftsteller Hugo Hamilton den Gemütszustand der Iren nach ihrem unsanft beendeten Höhenflug. "Ob wir derzeit aus einem Traum oder einem Albtraum erwachen, ist schwer zu sagen. So unvermittelt hat sich das Land aus eingefleischter Depression zu Wohlstand und Zukunftsglauben aufgeschwungen und ist wieder in Depression und ratlosen Zweifel zurückgesackt. Das übersteigerte Selbstvertrauen, das die Iren sich 'näher bei Boston als bei Berlin' wähnen ließ, endete in der peinlichen Abfuhr, die sie dem Vertrag von Lissabon erteilten. Nun betteln wir, dass Europa unseren kindischen Trotz vergessen und uns noch einmal aus der Patsche helfen soll."

Weiteres: Sibylle Berg gratuliert Barbie zum Fünfzigsten. Besprochen werden Stefan Kaegis Doku-Stück "Radio Muezzin" im Berliner Hebbel am Ufer und neue Bücher über Italiens Mafia.

In der Beilage Literatur und Kunst denkt der quasi durch Geburt polyglotte Schweizer Adolf Muschg über den Gewinn des Sprachenerlernens nach: "Man lernt ihre Eigenheit würdigen, eingeschlossen die Willkür, die Freiheit, den Zufall, die in ihr am Werk sind. Daraus ergibt sich eine kulturelle Kompetenz über den Spracherwerb hinaus: eine Disposition, immer auch die andere Seite einer Sache zu hören."

Außerdem erinnert Angelika Neuwirth an den im vorigen Jahr verstorbenen palästinensischen Dichter Mahmud Darwish. Der Literaturwissenschaftler Fakhri Saleh beschreibt die Schaffung Palästinas durch die Literatur.

Weitere Zeitungen, 14.03.2009

(Via Jörg Laus Blog) Das SWAT-Valley in Pakistan, eine paradiesisch aussehende Gegend, ist vom pakistanischen Militär den Taliban überlassen worden. Ihre erste Maßnahme: Mädchen dürfen nicht mehr zur Schule gehen. 50.000 Mädchen verlieren ihre Schulbildung. Die New York Times bringt eine Video-Dokumentation zum Thema, die eigentlich zu einem weltweiten Aufschrei der Empörung führen müsste.


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Die Welt, 14.03.2009

Jochen Schimmang schreibt eine schöne Hommage auf die Melancholie der angeblich so frohsinnigen Stadt Köln, die übrigens wie das ganze Rheinland an ihrem Niedergang nach dem Mauerfall leide: "Die alte Bundesrepublik war eine rheinische und ihr (überaus erfolgreicher) Kapitalismus ein rheinischer, und das alles soll nun nicht mehr zählen. Der erste Deutsche Fußballmeister der 1963 neu gegründeten Bundesliga hieß ganz folgerichtig 1. FC Köln; inzwischen liegt der letzte Meistertitel des Vereins über dreißig Jahre zurück. Nach New York war Köln einmal die Kunstmetropole No. 2 in der Welt; nun zieht eine Galerie nach der anderen nach Berlin um."

Weitere Artikel im Feuilleton: Uta Baier besucht die Quedlinburger Stiftskirche, deren Wandmalereien aufwendig restauriert wurden. Florian Stark kommentiert die Chancen ausländischer Filmleute auf den deutschen Filmpreis, der eben auch an Koproduktionen verliehen werden kann (hier die Filmpreis-Favoriten). Elmar Krekeler stellt sich in Leipzig all die offenen Fragen, die ans E-Book noch zu stellen sind - vor allem: Was soll es kosten und wer kriegt wieviel? Und Gabriela Walde schreibt zum Tod der Künstlerin Hanne Darboven.

In der Literarischen Welt denkt Uwe Wittstock über Christa W. nach, die achtzig wird. Und Tilman Krause gibt seine - wesentlich weniger positive - Meinung zu Stadt Köln bekannt ("Es gibt wohl keinen Ort vergleichbarer Größe in Deutschland, der seine in Jahrhunderten gewachsene Identität so gleichgültig und kaltschnäuzig preisgegeben hat wie diese römische Gründung am Ufer des Rheins.")

Frankfurter Rundschau, 14.03.2009

Im Interview erklärt die Trägerin des Preises der Leipziger Buchmesse, Sibylle Lewitscharoff, warum ihr Roman "Apostoloff", aller Wut der Ich-Erzählerin zum Trotz, auch eine Liebeserklärung an den Vater ist: "Das ist es sehr wohl. Und auch das, was Sie als Wut und Groll bezeichnen, ist in Wahrheit nichts Anderes als enttäuschte Liebe. Das wird in den Passagen deutlich, die auf ein durch und durch verängstigtes Kind blicken. Man fühlt sich als Kind sofort in der Pflicht; man bezieht das alles auf sich: Die Eltern sind unglücklich, und das Kind denkt, es sei die Ursache dafür. Und im Nachhinein ist dieses Gefühl weder korrigierbar noch zu enträtseln."

Christian Schlüter hat zwei Neuausgaben der Klassiker von Charles Darwin gelesen und räumt mit ein paar liebgewordenen Missverständnissen auf, etwa die Formel "Survival of the fittest" als Aufforderung zum "sozialhygienischen Großreinemachen" zu verstehen. "Darwin vermeidet es, aus dem Faktum der 'Zuchtwahl' ein normatives Sollen herzuleiten. Er vermeidet somit, aus dem, was er für ein Naturgesetz hält, auf ein moralisches Gesetz zu schließen. Das ist intellektuell redlich, weil so gar nicht erst der Fehlschluss und also der intellektuelle Offenbarungseid geschieht, der dann hinter einem eugenischen Heilsversprechen zu verbergen wäre."

Weitere Artikel: Das ist "kein authentisches lebensgetreues Bildnis", urteilt die Anglistin Hildegard Hammerschmidt-Hummel über ein jetzt gefundenes und präsentiertes Cobbe-Portät von William Shakespeare. Sandra Dannicke schreibt den Nachruf auf die Konzeptkünstlerin Hanne Darboven. In Times mager kritisiert Daniel Kothenschulte die mit "human interest" etikettierte Berichterstattung über Winnenden, bei der auch öffentlich-rechtliche Sender weinende Kinder präsentierten. Und Marcia Pally erzählt in ihrer Kolumne von einem Erlebnis in einem New Yorker Bus, das ihr zu einer überraschenden Einsicht verhalf: Barack Obamas Wirkung als "Wut-management für unsere Testosteron-Gesellschaft". Auf der Medienseite berichtet Reinhard Lücke über die Sitzung des ZDF-Fernsehrats zur "Causa Koch gegen Brender".

Besprochen wird die deutsche Erstaufführung der Oper "Der Scharlatan" von Janacek-Schüler Pavel Haas am Theater Gera.

Die Tageszeitung, 14.03.2009

Der kubanische Schriftsteller und Systemkritiker Jose Miguel Sanchez alias Yoss spricht im Interview über Rockmusik auf Kuba, die dortigen Subkulturen und seine Hoffnungen auf politische Veränderungen. Brigitte Werneburg würdigt im Nachruf die Grande Dame der Konzeptkunst Hanne Darboven. Auf der Meinungsseite fragt sich Sonja Vogel, warum NS-Täterinnen in Film und Literatur nie als "normal und nüchtern", sondern immer als "krank, maßlos und exzessiv" dargestellt werden. Das ZDF hat die Entscheidung über die Zukunft des Chefredakteurs Nikolaus Brender vertagt, berichtet Steffen Grimberg auf der Medienseite.

Kleines Durcheinander im tazmag: Hinter einem Link zum Vorabdruck von Jens Johlers Buch "Kritik der mörderischen Vernunft" verbirgt sich eine Liste von Klaus Theweleit mit den - ungefähr - zwanzig wichtigsten Musikalben der Jahre 1967/1968. Jan Feddersen denkt über Willensfreiheit nach.

Besprochen werden die Ausstellung "Picturing America - Fotorealismus der 70er Jahre" in der Deutschen Guggenheim in Berlin und Bücher, darunter Joachim Gaertners dokumentarischer Roman über die Täter von Littleton "Ich bin voller Hass - und ich liebe es", die Prosaversion von Juli Zehs erstem Theatertext "Corpus Delicti" für die Ruhrtriennale 2007 und eine Biografie des Juristen Fritz Bauer, der die juristische Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Dritten Reichs in Gang brachte (mehr dazu in unserer Bücherschau des Tages ab 14 Uhr)

Und Tom.

Süddeutsche Zeitung, 14.03.2009

Noch schaudernd von der Kälte, die das Eröffnungskonzert von Britney Spears' Comeback-Tour "The Circus" ausstrahlte, ergibt sich Jörg Häntzschel dennoch einem kleinen warmen Gefühl: "'I'm the ringleader, I call the shots', prahlt sie in 'Circus', und als Zirkusdirektorin lässt sie zu Beginn auch gleich die Peitsche knallen. Doch die Selbstzuschreibung deckt sich nicht mit der Realität. In der großartigen Dressurnummer, die dieses Konzert darstellt, steht sie auf der Seite der Tiere. Das Tragische ist dabei, dass sie - dank der Kostüme und der Lichtregie - in dem Ensemble der Tänzer am hellsten erstrahlt, aber am niedrigsten springt. Die anderen sind einfach jünger, schlanker und viel schneller - und singen ebenso wenig wie sie. Wäre dies ein Turnier im Eiskunstlauf, Britney würde am Ende die schlechtesten Noten bekommen. Genau hier liegt das Fünkchen Menschlichkeit, für das man sie am Ende doch noch lieben kann."

Lineares Denken ist out, meint der Erfurter Medienforscher Michael Giesecke. Darum hält er auch nicht viel vom E-Book. Schließlich gibt es das Internet. "Ein Beispiel: Wenn die elektronischen Medien nun etwa der Hintergrund für Präsentationen in Seminaren sind, passiert Folgendes: Die Studenten lesen nicht mehr vor, was sie geschrieben haben, sondern müssen das, was sie vortragen, anders verknüpfen. An diesem Punkt entscheidet nur ihre Persönlichkeit und Performance. Referate werden Live-Shows. Es gibt einen Trend zur Synästhesie und Mehrmedialität, in den die elektronischen Medien eingebaut sind."

Weitere Artikel: Unter der Überschrift "Das schwarze Loch der Geschichte" begleitet Alex Rühle die mühsame - und teilweise erschütternde - Spurensuche nach dem Zusammensturz des Kölner Stadtarchivs. Fast liebevoll porträtiert Thomas Steinfeld die Trägerin des Leipziger Buchpreises Sibylle Lewitscharoff. Im Interview erklärt der Erfurter Medienforscher Michael Giesecke die wirklich bedeutsame Veränderung unserer Wissenskultur: nicht das als Einzelmedium uninteressante E-Book sei relevant, sondern die allgemein "nicht mehr buchzentrierte" Lehre an den Universitäten. Henning Kläver informiert über Korruptionsfälle, die zwei italienische Buchpreise gefährden. Vasco Boenisch besichtigt die neue Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses Central, die mit Theaterstücken aus China eröffnet. Tobias Kniebe gratuliert dem erotischen Kino-Provokateur Bertrand Blier zum 70. Holger Liebs würdigt die verstorbene Konzeptkünstlerin Hanne Darboven. "sus" kommentiert die Nominierungen für den Deutschen Filmpreis. Jens-Christian Rabe resümiert ein Münchner Symposium zur Hochschulreform.

Auf der Medienseite gibt es ein fast ganzseitiges Interview mit dem Verleger Alfred Neven DuMont über die NSDAP-Mitgliedschaft seines Vaters - Sie wird näher beleuchtet in der Unternehmensgeschichte des DuMont Verlages, die Manfred Pohl nächste Woche veröffentlicht - und die Krise der Zeitung: sie brauche eigentlich nur eins: Charakter und Profil.

Besprochen werden Juraj Nvotas Film "Muzika", der Film "Pink Panther 2" mit Steve Martin als Inspektor Clouseau, die neue Schallplatte "Tarantella" des Bassisten, Cellisten und Arrangeurs Lars Danielsson Bücher, darunter der Roman "Corpus Delicti" von Juli Zeh (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).

In der SZ am Wochenende plädiert Robert Kaltenbrunner für Entschleunigung und Gelassenheit bei der Städtebauplanung. Georg Christoph Heilingsetzer beschreibt die untergehende Kultur der deutschstämmigen Mantaken in der Slowakei. Und Gerhard Richter sagt im Interview über seine Arbeit: "Ich beginne immer irgendwo, das geht eigentlich ziemlich mühelos, das Malen und das Bedenken."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.03.2009

Martin Wittmann ist nach Island gereist, wo nun Leute wie Sigridur Gudmundsdottir vor den Trümmer des neureichen Islands stehen: "Niemand musste Fachliteratur lesen, um dem Reichtum zu misstrauen. Sogar im Reiseführer gibt es ein Kapitel 'Der Traum vom Eigenheim', darin heißt es: 'Verdienen die Isländer wirklich so viel, oder gehen sie nur ungenierter mit ihren Kreditkarten um?' Das Buch wurde 2006 geschrieben, im selben Jahr nahm Sigridur ihren größten Kredit auf. Der Apple, der Flachbildschirm im Wohnzimmer, die Playstation ihres Sohnes, das ganze Haus, alles geborgt bei einer Bank, die nun dem Staat gehört, der nicht weiter weiß."

Weiteres: Patrick Bahners hält es nach dem Amoklauf von Winnenden für keine gute Idee, Präventionsprogramme noch vor der Ursachenklärung aufzulegen. Christian Geyer liest mit Ernüchterung Joachim Gaertners Rekonstruktion des Amoklaufs von Littleton, die auch nach Sichtung von 25.000 Seiten Ermittlungsakten keine Erklärung für die Tat liefern kann. Jürg Altwegg erzählt in der Randglosse, dass in Frankreich das Kulturbürgertum auf die Barrikaden geht, damit die "Prinzessin von Cleve" Pflichtlektüre für angehende Beamte bleibt. Jürgen Dollase isst im Restaurant "De Jonkmann" des Brügger Kochs Filip Claeys. Nils Aschenbeck schlägt angesichts des Bremerhavener Einkaufszentrums "Mediterraneo" nur die Hände überm Kopf zusammen. Frank-Rutger Hausmann schreibt über Sinn und Zweck der Diplomaten-Uniformen im Nationalsozialismus. Julia Voss schreibt zum Tod der Künstlerin Hanne Darboven. Auf der Medienseite meldet Michael Hanfeld, dass das ZDF die Entscheidung über Nikolaus Brender vertagt hat.

"Wenn die älteren Filme Kolonialtourismus mit Maharadschas waren, so ist es heute Slumtourismus", ächzt Autor Salman Rushdie in der Beilage Bilder und Zeiten über Danny Boyles "Slumdog Millionär", und macht sich einige grundsätzliche Gedanken über gelungene Adaptionen in der Kunst und im Leben. Hier der englische Text beim Guardian. Martin Mosebach schreibt über Ernest Meissoniers "Porträt eines Sergeanten". Andreas Kilb interviewt die Fotografin Annie Leibovitz.

Besprochen werden die Maria-Lassnig-Ausstellungen in Köln und Wien, ein neues Stück des Tanzensembles Gauthier Dance in Stuttgart, Chopin-Einspielungen des kanadischen Pianisten Marc-Andre Hamelin, Aufnahmen des Countertenors Philippe Jaroussky sowie das Album "Abundance" des Musikerduos PPP. Und Bücher, darunter Nicholson Bakers "Menschenrauch" und Rawi Hages Roman "Als ob es kein Morgen gäbe" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

In der Frankfurter Anthologie stellt Jakob Hessing Mascha Kalekos Gedicht "Dem 'Heiligen Franziskus' vom Rowohlt Verlag anno dazumal" vor:

"Dies Versbuch, lang vergriffen und Verboten
Widme ich dem Gedächtnis eines Toten..."



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