Heute in den Feuilletons "Teuflischer Schabernack"

In der "NZZ" erinnert Martin Walser an seinen Appenzeller Bruno; Brigitte Kronauer findet es perfide, wie der Marder dem Kaninchen vortanzt. Die "Welt" fragt: Darf man den Propheten schmähen? Und die "FR" räsoniert nach einem Blick auf den historischen Hintern von Jennifer Lopez über den Geschmack beim Thema weibliche Idealmaße.


Neue Zürcher Zeitung, 08.01.2005

In Literatur und Kunst präsentiert Andrea Köhler eine neue Serie, die ab heute in lockerer Folge erscheinen soll: Autoren sollen "Das Tier in mir" vorstellen: "Es durfte sich dabei um ein reales, ein mythisches, selbst erfundenes, literarisches oder gemaltes Tier handeln - wichtig war nur, dass der Text eine Geschichte erzählt, die uns an einer anders gearteten Wahrnehmung misst."

Den Anfang macht niemand Geringerer als Martin Walser: Er erinnert sich an seinen Appenzeller Bruno, der jeden Eintretenden durch stürmisches Anspringen begrüßte: "Er begrüßt jeden Eintretenden, als habe er vierzig Tage in der Wüste auf den gewartet. Jeder, den er so anrennt, kann in dieser Belästigung eine sensationelle Herzlichkeit entdecken. Jeder - und dazu neigt ja jeder -, jeder sieht, dass er, einzig und allein er gemeint ist mit diesem Herzlichkeitsfurioso. So begrüßt dieser Hund nur ihn, ihn, ihn."

Einen anderen sehr schönen Text hat Brigitte Kronauer über den Marder und das Kaninchen geschrieben und über den teuflischen Schabernack, den ersterer mit letzterem treibt: Er tanzt ihm vor und erlegt es dann. Norbert Hummelt schreibt über den "Genossen Zimmervogel".

Weitere Artikel: Abgedruckt wird eine Laudatio Ivan Nagels auf seinen Kommilitonen Reinhart Koselleck zum fünfzigsten Jahrestag seiner Dissertation "Kritik und Krise", die bis heute ein Klassiker der Geschichtsbetrachtung ist. Der Rechtstheoretiker Peter-Cornelius Mayer-Tasch plädiert in einem Text "Über historische Schuld, ihre Endlichkeit und Unendlichkeit" für Versöhnungsgesten der Politik. Und Helmut Winter erinnert an die Freundschaft zwischen Carl Jacob Burckhardt und dem baltischen Grafen Keyserling.

Im Feuilleton spekuliert der Professor für Kulturgeschichte Thomas Macho über die Tugend des Respekts, die im Zeitalter der Globalisierung wieder höchst aktuell sei. Ueli Bernays erinnert pünktlich zu dessen virtuellem 70. Geburtstag an Elvis Presley.

Besprochen werden eine Ausstellung über den Mythos "Alt-Wien" ebendort und Bücher, darunter Gedichte des spanischen Lyrikers Luis Cernuda.

In den Zeitbildern porträtiert Angelika Overath ausführlich die Malerin Gisele van Waterschoot van der Gracht, die in Amsterdam während des Krieges Juden versteckte.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.01.2005

Gina Thomas zeigt sich doch recht skeptisch über die Relevanz von Cork als Europäischer Kulturhauptstadt des Jahres 2005 und zitiert als Kronzeugen auch einen der zahlreichen irischen Nationaldichter: "Wenn man von Lesbischen Fantasy-Bällen liest, einem Festival für Amateurfotografen, einem Lexikon der Frauenschriftsteller aus der Region oder der größten gestrickten Landkarte, die mit schichtwechselnden Tricoteuses anhand von täglichen Satellitenaufnahmen übers Jahr hinweg entstehen soll, fragt man sich, ob Frank O'Connor nicht recht hatte mit seiner Klage über die 'barbarische Mittelmäßigkeit' seiner Geburtsstadt."

Weitere Artikel: Tobias Wimbauer stellt im Aufmacher einen bisher unbekannten kurzen Brief Paul Celans an Ernst Jünger vor, in dem sich der Lyriker dafür bedankt, dass sich Jünger sich für einen seiner frühen Gedichtbände einsetzte. In der Leitglosse fragt sich Lorenz Jäger, wozu das Kursbuch, das jetzt von der Zeit herausgebracht wird, noch gut sein soll und sieht neben dem Merkur und Sinn und Form ohnehin keine Kulturzeitschrift von Bedeutung. Jürg Altwegg sagt in einer französischen Zeitschriftenschau eine Renaissance Foucaults und Levy-Strauss' an. Matthias Grünzig freut sich dass die Halberstädter Dompropstei, ein bedeutendes Baudenkmal, als Fachhochschule Harz eine Wiedergeburt erlebt. Und Jürgen Dollase stellt in seiner Gastrokolumne "Geschmackssache" den Lyoner Koch Nicolas Le Bec vor.

Besprochen werden der Film "Sylvia" über das traurige Leben der Sylvia Plath und eine Schiele-Ausstellung im Wiener Leopold-Museum.

In den Überresten von Bilder und Zeiten spekuliert der Professor für Kulturtheorie Hartmut Böhme über die "Nutzung von Bildern in den neuzeitlichen Wissenschaften". Und Dietmar Dath legt seinen zweiten Essay über Albert Einstein in drei Tagen vor (hier Nummer 1) - diesmal schreibt er über die vorbildliche Wissenschaftsprosa des Physikers.

Auf der Schallplatte-und-Phono-Seite stellt Eleonore Büning eine Einspielung eines Streichquartetts des Pianisten und Komponisten Arthur Schnabel vor. Außerdem geht's um Opern von Lully und Soler, um Sampler mit Coverversionen nach Marvyn Gaye und Steve Wonder, um eine CD des Techno-DJ Ricardo Villalobo und um die Songwriterin Leslie Feist.

Auf der Medienseite wird berichtet, dass das Land Bayern die Pressefreiheit nun auch für Schülerzeitungen verwirklichen will. Jürg Alwegg meldet, dass die Irak-Korrespondentin von Liberation vermisst wird. Melanie Mühe empfiehlt den morgigen "Tatort" mit Eva Mattes als Hauptkommissarin Klara Blum.

Auf der Literaturseite bespricht Patrick Bahners neue Bände der Rudolf-Borchardt-Ausgabe, und Harald Hartung stellt neue Gedichte von Dorothee Grünzweig vor.

In der Frankfurter Anthologie liest Jan Philipp Reemtsma ein Gedicht von Peter Rühmkorf - "Hochverehrte Frau, Sie tun mir leid":

"Hochverehrte Frau, Sie tun mir leid.
Weil, Sie geben sich zum Schein gefasst,
doch die lichten Augen gehn in Trauer. (...)"

Die Welt, 08.01.2005

In der Literarischen Welt hegt der Schriftsteller Hussain Al-Mozany Zweifel an den theologischen Grundlagen für Mordaufrufe, Zwangsscheidungen und andere Verhetzungnen von angeblichen Ungläubigen. "Den heutigen Herrschern im Namen des Islam wie auch ihren religiösen Gegenspielern geht es um die Politisierung des Religiösen: um die Erhebung islamischer pseudogesetzlicher Veranstaltungen zum einzig gültigen Staatsrecht. Die scheinbare religiöse Besinnung der arabischen Herrscher - Ghaddafi von Libyen, al-Baschir von Sudan, Mubarak von Ägypten oder Saddam Hussein kurz vor seinem Sturz, um nur einige Herrscher zu nennen - ist nichts als eine Maskierung ihres privaten Interesses an der Macht und Bereicherung." Al-Mozanys Meinung nach haben die arabischen Staaten zwei entscheidende Schritte verpasst: "Der erste ist die weitgehende Einschränkung des Einflusses der religiösen Kreise bei einer gleichzeitigen Öffnung zu einer säkularen, pluralistischen Gesellschaftsform. Der zweite ist der Anschluss an das moderne Zeitalter und den interkulturellen intensiven Austausch mit der westlichen Zivilisation. So stehen die Araber nun völlig unbedarft und ohnmächtig auf einem Haufen von Problemen."

Die Autorin Thea Dorn erzählt die hübsche Weltfabel vom Beta-Löwen im Reservat und warum seit Steven Spielberg immer alles mit "aaah!" und "oooh!" beginnt - um mit "kreisch!", "röchel!", "renn!" zu enden.

Die Tageszeitung, 08.01.2005

Zur Frage menschlicher Schuld wenigstens am Ausmaß der Naturkatastrophe in Asien stellt Ralph Bollmann Überlegungen an: "Fast scheint es, als zögen Gefahrenzonen die Menschen fast schon magisch an. Der Süden und Südosten Asiens ist beileibe nicht die einzige Weltgegend, wo sich besonders viele Menschen in einer besonders gefährdeten Region versammeln. So liegt auch Kalifornien, der bevölkerungsreichste Staat der USA, in einer der aktivsten Erdbebenzone der Erde. In Europa ist Neapel die am dichtesten besiedelte Stadt, doch ist sie mit ihren Vororten stets von einem verheerenden Vulkanausbruch bedroht. Oft sind besonders gefährdete Gegenden eben auch besonders attraktiv, fast so, als müssten herausragende Lebenschancen auch mit außergewöhnlichen Risiken bezahlt werden. Mit diesem Verhältnis umzugehen, das ist eine Frage der Lebenskunst, auf die sich die Experten weniger verstehen."

Weitere Artikel: Das Extrablatt zur Rettung der Zeitungen hat heute der Autor Wladimir Kaminer verfasst. Helmut Höge präsentiert eigene und fremde Überlegungen zum gegenwärtigen Zustand der Berliner Lesebühnen. Detlef Kuhlbrodt hat populärwissenschaftlichen Überlegungen von Bas Kast zum Thema Liebe gelauscht, die er nicht weiter aufregend fand. Einen Nachruf gibt es auf den TV-Produzenten Werner Possardt, der bei der Flutkatastrophe ums Leben kam. Kurz glossiert wird die Presseaufregung um das neuerdings neue - in Wahrheit seit 1999 bekannte - Mozart-Porträt in der Berliner Gemäldegalerie.

In der tazzwei macht sich Tom Wolf Gedanken über die Sitte, nach Unworten zu suchen. Den Krampf um die Intendantensuche fürs Deutsche Theater in Berlin kommentiert Kathrin Bettina Müller.

Im taz mag berichtet Judith Luig aus dem Leben und Werk des Totenmasken-Künstlers Holger Schmidt: "Tote sind ungeduldig. Die ersten 48 Stunden nach Eintritt des Todes sind die beste Zeit - dieser Moment der vermeintlichen Verklärung." Reinhard Tiburzy weiß und erzählt uns alles über die Gebissprobleme von George Washington. Abgedruckt wird ein Text über Osterburken (eine taz-freie Stadt) von Deniz Kattwinkel, einem Sieger von Wladimir Kaminers Schreibwettbewerb für Schüler.

Besprochen werden der Film "Alles auf Zucker", der in der nächsten Woche anlaufende Nazi-Film "Napola" (den der Psychoanalytiker Christian Schneider als "Opageschichte" empfindet), Lutz Dammbecks Buch sowie Film "Das Netz", ein Sachbuch über Schwarze im Dritten Reich, Neal Stephensons Barocktheorie und -geschichte ausbreitender Schmöker "Quicksilver", Liane Dirks verunglückter Roman "Narren des Unglücks", Thomas Meineckes jüngster Theorie-Roman-Sampler "Musik" und in der Crime Scene nordische Kriminalromane aus Alaska, Island und Sylt. (Mehr zu den Büchern in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr.)

Und Tom.

Frankfurter Rundschau, 08.01.2005

Der Geschmack beim Thema weiblicher Idealmaße hat sich geändert, konstatiert Elke Buhr in einem Aufsatz, der sich auch mit dem Hintern von Jennifer Lopez befasst: "Der Aufstieg der Frau mit dem angeblich schönsten Hinterteil der Welt markierte Ende der Neunziger eine Trendwende in der öffentlichen Körperpolitik, deren Auswirkungen heute täglich auf den Bildschirmen und Zeitschriftencovern bewundert werden dürfen: Die Zeit der Superdünnen ist vorbei. Wer heute noch als Lollipop daherkommt - großer Kullerkopf, fadendünner Körper -, den trifft das Urteil 'magersüchtig'. Für das Publikum ist das Geläster über die Ess-Störungen seiner Stars derweil zu einer Obsession geworden."

Weitere Artikel: Den neuesten Stand in der aktuellen Stadtplanungstheorie und -praxis zum Verhältnis von Architektur und Freiraum setzt uns Robert Kaltenbrunner auseinander. Stefan Schickhaus informiert über die von den Dramaturgen der Oper Frankfurt organisierte operngeschichtliche Reihe "Oper verstehen". Endgültig bestätigt wird, dass die Zeit das Kursbuch übernimmt. Thomas Medicus glossiert in Times mager das wenig erbauliche Intendanten-Schauspiel rund ums Deutsche Theater.

Besprochen werden die Ausstellung des jungen iranischen Künstlers Peyman Rahimi in Frankfurt und die sagenhaft billige Schau "No Money" in der Kieler Kunsthalle. In Paris wiederum gibt es eine Ausstellung zum Thema Taschen. Katrin Hildebrandt bespricht das Debütalbum "The Secret Life Of Captain Ferber" der Berliner Band Kissogram.

Süddeutsche Zeitung, 08.01.2005

Der Historiker Pavel Polian kritisiert den jüngsten finanzpolitisch begründeten Kurswechsel in Sachen Zuwanderung osteuropäischer Juden: "Noch im Juli hieß es aus dem Ministerium, dass das Zuwanderungsgesetz keine Änderungen für die Aufnahme jüdischer Kontingentflüchtlinge vorsehe. Nun aber steht das faktische Ende des Zuzugs von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion bevor. Nur jene, die Deutsch können, nicht älter als 45 Jahre sind, die keine Aussicht auf Sozialhilfe haben und die auf rätselhafte Weise von einer konkreten jüdischen Gemeinde eingeladen werden, nur jene sollen nach den Plänen des Innenministeriums nicht vor verschlossenen Türen stehen. (...) 27 000 Menschen, die ihre Papiere bereits eingereicht haben, müssen sich nun noch einmal bewerben."

Weitere Artikel: Jens Bisky erklärt sich die beispiellose Spendenbereitschaft mit der Paradiesähnlichkeit der zerstörten Weltgegenden. Lothar Müller verteidigt, wie es sich für unsere gedenktagfreudigen Feuilletons gehört, den Gedenktag - und bereitet alle jetzt schon Schiller-Geschädigten nebenbei auch auf die hundertsten Geburtstage von Canetti und Sartre vor. Weil es, aus guten Gründen, keine Heldentenöre mehr gibt, wird es auch, schließt Reinhard J. Brembeck, keine herausragenden "Tristan"-Aufführungen mehr geben. Reinhard Seiss berichtet über den aktuellen Stand der Pläne der nunmehr zentraleuropäischen Stadt Wien für einen Zentralbahnhof. Jens Bisky informiert knapp darüber, wie einmal Ostkunst für Westdevisen verkauft werden sollte. Eher lustlos glossiert wird das Theater um das Deutsche Theater.

Über "Persiens antike Pracht", die im Bochumer Bergbaumuseum präsentiert wird, staunt recht ausführlich Harald Eggebrecht. Besprochen werden - von keinem Geringeren als Joachim Fest - das bisher unveröffentlichte Kriegstagebuch aus dem Jahr 1939 von Heinrich Mann und Beat Näfs Studie über "Traum und Traumdeutung im Altertum" (mehr in der Bücherschau ab 14 Uhr).

Im Aufmacher der SZ am Wochenende reflektiert Christopher Schmidt über die moderne Familie: "Männer nannte man früher Leute, die schwere Dinge hoben, um jene Leute zu beeindrucken, die man Frauen nannte. Heute sind soft skills gefragt, und nur unsere Jüngsten sind dem Festnetzgerät mit seinen Menüfunktionen gewachsen. Unnötig zu erwähnen, dass ein Handy auf deren Wunschliste noch vor dem Barbie-Beauty-Set und dem Bosch-Bohrhammer 'ab 3' rangiert." Eine Reportage vom deutschen Ballermann, dem "Dorf Münsterland", schickt Harald Hordych. Marcus Jauer wiederum war mit Frau W. im Berliner Zoo.

Aus der moldawischen Hauptstadt Chisinau sendet Michael Frank einen Bericht: "Auch der Präsident wohnt demonstrativ in einem Plattenbau, in der Stadt gleich am Regierungsviertel, weswegen dieses Sträßchen nächtens von Polizeikarossen abgesperrt wird, Schutz für des Allerhöchsten Schlaf und Leben. Wie immer es draußen aussehen mag, drinnen machen sich die Leute von Chisinau noch in der armseligsten Behausung die Welt warm und schön, mit Teppichen an Wand und Boden, auf Sofa und Fensterbrett." Vorabgedruckt, aber deutlich gekürzt, wird die Geschichte "Ratschläge an ein Sechstklässler-Ich" der Autorin Julie Orringer. Im Interview spricht der Kriminalpsychologe Thomas Müller emotionslos über seine Tätigkeit: "Wenn ein Täter 70 oder 80mal auf eine Frau einsticht, dann verrät dieses Verhalten: Er hat völlig andere Bedürfnisse als zum Beispiel ein Raubmörder, für den Töten Mittel zum Zweck ist. Hier aber war jemand am Werk, der ganz massiv deviante Phantasien hat."



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