Heute in den Feuilletons Wenn die Wirklichkeit Drehbücher in den Schatten stellt

In der "FAZ" und der "NZZ" finden sich Plädoyers gegen das Verbot von Gewaltfilmen. Die "FR" stellt fest, dass sich die Tat von Erfurt nicht erklären lässt. Und in der "SZ" denkt Walter Russell Mead über das unterschiedliche Verhältnis der Europäer und der Amerikaner zur Nation nach.


Süddeutsche Zeitung,   03.05.2002

Walter Russell Mead (mehr hier und hier), Mitglied des US-Council for Foreign Affairs, erklärt uns noch mal ganz von vorne die grundlegenden Unterschiede zwischen dem populistisch-nationalistischen Amerika und Europa: "Aus dem 20. Jahrhundert haben Europäer und Amerikaner unterschiedliche Lehren gezogen. Europa lernte, dass Nationalismus zur Zerstörung führen könne; die Amerikaner lernten, dass Nationalismus Sicherheit und Wohlstand bescheren kann. Europa lernte, dass bürokratische Wohlfahrtsstaaten und mächtige Gewerkschaften die einzige Alternative zum erbitterten Klassenkampf seien; die Amerikaner lernten, dass Regierung und Gewerkschaften bestenfalls notwendige Übel sind." Deshalb, meint Mead, ist die amerikanische eine viel konservativere Gesellschaft, die sich aber, wie er zu glauben scheint, ihr Selbstbewusstsein gut leisten kann. Viel Ermutigendes für uns besserwisserische Europäer hat er leider nicht mitzuteilen: "Im 21. Jahrhundert wird Europa erleben, dass die USA ihm immer weniger Beachtung schenken, verglichen mit anderen Teilen der Welt. Weil Europa politisch und wirtschaftlich relativ stabil ist, zählt es für die USA nicht so wie andere, beweglichere Regionen."

In den Kontext der Gewalt, von der Rockmusik durchtränkt ist, stellt Karl Bruckmaier im historischen Durchzieher den Amoklauf von Erfurt, um mit der Einsicht zu schließen, dass das eine mit dem anderen eher nichts zu tun hat. Kommentiert werden auch Ungereimtheiten bei der Diskussion um die Volljährigkeit. Aus den USA berichtet Andrian Kreye von der wenig überraschenden Unbelehrbarkeit der Waffenlobby, die das Massaker von Erfurt als Beleg für die Unsinnigkeit strenger Waffengesetze betrachtet.

Weitere Artikel: Außerdem: Sonja Zekri zeigt sich erleichtert, dass die neue ständige Ausstellung im KZ Dachau sehr viel besser ist als es die alte war. Henning Klüver weiß zu berichten, dass sich in Italien die Bürger in die Rolle der Opposition zu finden lernen. Claus Koch konstatiert in seinen Noten und Notizen nach dem Wahlausgang in Frankreich die Agonie der Fünften Republik, während Thomas Thiemeyer die Rückkehr sowjetischer Verhältnisse beklagt, weil der Zugang zu russischen Archiven wieder erschwert wird. Arno Orzessek berichtet von einem Berliner Workshop zum, nun ja, etwas spröde formulierten Thema "Ausstellungen als Instrument der Wissensvermittlung", auch über den umstrittenen Umbau des Kölner Museum Ludwig werden wir informiert. Benjamin Henrichs setzt den Beginn des Theatertreffen und das Ende der Bundesligasaison in Beziehung, und der Literaturwissenschaftler Klaus Weimar hakt noch einmal nach in der Debatte um Heinz Schlaffers "Kurze Geschichte der deutschen Literatur". Wen's interessiert...

Kurz gemeldet wird, dass Ian Buruma in The New Republic (hier der Artikel) Arundathi Roy als "verrückte Prophetin, mit Schaum vor dem Mund und rollenden Augen" beschimpft (siehe dazu auch unsere Magazinrundschau), dass in Italien Romane als käuflicher Zeitungszusatz - erst bei Repubblica, jetzt auch beim Corriere della Sera - ungeahnte Millionenseller sind. Wir erfahren, dass der Münchner "Ring" nach dem Tod von Herbert Wernicke von Hans-Peter Lehmann und David Alden fortgesetzt wird, und dass Daniel Libeskinds Berliner Jüdisches Museum sensationellerweise soeben die erste Besucherhalbmillion überschritten hat. In Freiburg hat Deutschlands jüngste Intendantin ihren Spielplan vorgestellt.

H.G. Pflaum hat - gar nicht ungerne - viel vom Himmel gesehen in Marion Hänsels neuem Film "Wolken". Jens Malte Fischer hat - nicht ohne Vergnügen - eine konzertante Aufführung von Debussys "Pelleas und Melisande" in München gehört. In einem Aufwasch erledigt Christopher Schmidt zwei Inszenierungen am Stuttgarter Staatstheater, nämlich von Jan Tättes "DieBrücke" und Botho Strauß' "Unerwartete Rückkehr". Gottfried Knapp hat die Ausstellung "Vision Piranesi" im Stadthaus Ulm besucht. Besprochene Bücher: Fesselnd findet Florian Welle Eric Hansens Buch über Orchideen und David Wagner hat in Robert Coovers Meta-Western "Geisterstadt" einen "Ironie-Vorsprung" ausgemacht (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).




Die Tageszeitung,   03.05.2002

Im einen der beiden großen Musiktexte der heutigen Ausgabe stellt Harald Peters, zur Veröffentlichung des ersten Albums "In Between", mit einiger Ausführlichkeit das Berliner DJ-Projekt Jazzanova vor, dessen erste Platte in wahrer Kollektivarbeit entstanden ist: "Auf Nachfrage erfährt man allerdings, dass Jazzanova stets in wechselnden DJ-Produzenten-Paarungen arbeiten. So werkelt man dann zu zweit an einem Stück, reicht die Arbeitsproben an die vier anderen zur Zwischenbegutachtung weiter, um sich zum Feinschliff schließlich wieder zurückzuziehen. Der gerät dann in der Regel derart fein, dass es den sechs Jazzanovas wahrscheinlich selbst sehr schwer fallen dürfte, die Stücke nach Fertigstellung auf ihre Macher zurückzuführen." Das einzige Problem: das erste Album ist einfach zu gut geraten. "Denn nach über einem halben Jahrhundert Popmusik weiß man, dass auf jede gute Platte mindestens ein Stück gehört, das miserabel ist; so richtig saublöd, peinlich und komplett misslungen." Nichts davon auf "In Between".

Außerdem berichtet Andreas Hartmann von einem ausschließlich geladenen Gästen zugänglichen Konzert der viel gefeierten Newcomer ...And You Will Know Us By The Trail of Dead" in Köln und äußert leise Kritik daran, wie die Band mit Verve die alten "sinnentleerten Rituale" des Rock zelebriert: "Bei einer Band wie Trail of Dead fragt man sich allerdings schon, ob hier alles richtig läuft. Schließlich sollte diese später emphatisch ihr komplettes Instrumentarium zu Brei klopfen, während man gerade mit seinem Pressebändchen, das Freibier bis zum Umkippen garantiert, sich wichtig, wichtig vorm Tresen drängelte".

Und nochmal Musik: Susanne Messmer hat in Rocko Schamoni den deutschen Robbie Willams entdeckt.

Im schmalen Nicht-Musik-Feuilleton von heute werden die Amerikaner durch Todd Fields Film "In the Bedroom" nur noch unheimlicher und Sabine Leucht hat nicht herausbekommen, was in Stuttgart eigentlich die Frage des Regisseurs Henning Bock an Jan Tättes Stück "Die Brücke" ist.




Frankfurter Rundschau,   03.05.2002

Wie so viele Texte zu Erfurt beginnt auch der von Christian Schlüter mit der Feststellung, dass es an der Tat so recht nichts zu erklären gibt. "Mit Gewissheit lässt sich über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium nur sagen, dass es angesichts der exzessiven Gewalt nichts zu erklären, nichts in eine Kausalreihe von Ursache und Wirkung zu übersetzen gibt." Aber Feuilletons wollen gefüllt werden und deshalb erläutert Schlüter, warum gerade die Unerklärlichkeit zur mythischen Form des Berichts zurückführt: "Mit dem Helden kommt die mythische Erzählung zu sich. Sie findet ein Ende und entlässt alle Betroffenen mit einem letzten moralischen Trost: Inmitten des sinnlosen Gemetzels, des unerklärlichen Massakers ist doch ein wenig Sinnstiftung möglich. Die Figur des Helden markiert genau den Schnittpunkt zwischen Gewalt und Sinn, er ist darin die unmittelbare Einheit von Wort und Tat." Verbote, so viel Position bezieht Schlüter am Ende doch, werden jedenfalls nicht helfen.

In ganz anderen Dimensionen bewegt sich Christian Thomas' Hymne auf das Weltraumteleskop Hubble, das soeben beobachtet hat, wie in 420 Millionen Lichtjahren Entfernung zwei Galaxien kollidierten (Bild und Bild). Und was ein ordentlicher Feuilletonist ist, stellt da ohne Mühe einen Zusammenhang zu unserer kleinen Welt her: "Um den Clash zweier Galaxien (Zivilisationen? Kulturen?) uns Menschen vor Augen zu führen, brachte es Hubble, unser wichtigstes Fernrohr, mal wieder bis ins Fernsehen, im Anschluss an all die Bilder von einem strahlenden Kampftag, ob in Berlin, Frankfurt oder Moskau. Hubble, unser Medienstar. Dabei ist Hubble, jedenfalls auf eine längere Sicht gesehen, nichts anderes als eine Metapher im Buch der Welt."

Der Times-Mager-Kolumnist dagegen erinnert sich ohne allen aufdringlichen Gegenwartsbezug an seinen verehrten und gefürchteten Englischlehrer John Weaver.

Daneben Musik: Hans-Klaus Jungheinrich kann die Chemnitzer Inszenierung von Gabriel Faures "Penelope" nur empfehlen. Besprochen wird das Album "Presidential Suite III" von Chilly Gonzalez, das Robbie Williams vor Neid erblassen lässt.

Auch Film: Im großen und ganzen gelobt wird der Pilotenfilm "Dark Blue World" der Tschechen Jan und Zdenek Sverak. Ein ganz und gar wundervoller Film dagegen ist, findet jedenfalls Heike Kühn, Todd Fields' "In the Bedroom".

Und Literatur: Michael Braun erklärt, dass Wolfgang Hilbig den Büchner-Preis, den er dieses Jahr erhält, schon längst verdient hat. Besprochen wird Peter Paul Zahls Roman "Der Domraub" und Marius Meller berichtet vom zweiten Elmauer Treffen zur Gegenwartsliteratur, das sich als "Mikrokosmos des literaturfeuilletonistischen Ideengewimmels" entpuppte. Zum Streit um Buchclub-Vorveröffentlichungen wird erstens gemeldet, dass er beigelegt ist, und zweitens, dass er eskaliert.




Neue Zürcher Zeitung,   03.05.2002

Auch der Soziologe Wolfgang Sofsky (mehr hier) mag nicht an die These von den gewaltauslösenden Videos und Computerspielen glauben: "Über die Bluttat von Erfurt werden vielerlei Vermutungen angestellt. Man sucht nach biografischen oder gesellschaftlichen Ursachen und findet doch meist nur banale Umstände, welche die Tat mitnichten zu erklären vermögen. Aus Behauptungen über Sachverhalte, die in einer Gesellschaft weithin verbreitet zu sein scheinen, kann schwerlich die Einzigartigkeit der Untat deduziert werden. Gewaltfilme oder Schulverweise sind für Gewaltexzesse keine hinreichenden, sie sind vielleicht nicht einmal notwendige Bedingungen. In der Debatte über die Tat kehren Diagnosen wieder, an die man immer schon geglaubt hat. Nicht um die Ermittlung der Tatsachen scheint es vielen zu gehen, sondern um die Selbstberuhigung in gemeinsamer Betroffenheit."

Weiteres: Man meldet, dass Wolfgang Hilbig den Büchnerpreis erhält. Man stellt fest, dass die französische Kulturwelt, nachdem sie zuerst großenteils gegen Jospin stimmte, nun für Chirac plädiert. Huburtus Adam stellt ein Laborgebäude von Ben van Berkel in Utrecht vor. Marc Zitzmann hält Ausblick und Rückschau auf die französische Theatersaison. Besprechungen gelten den Wittener Tagen für neue Kammermusik (mehr hier) und einem Abend Lynda Gaudreaus bei Luzerntanz.

Auf der Filmseite geht's um Todd Fields Regiedebut "In the Bedroom" und um den Film "Blade II" von Guillermo del Toro. Außerdem wird das "Television Genre Book" des British Film Institute vorgestellt.

Auch die Medien-und-Informatik-Seite setzt sich mit Erfurt auseinander. Nicht Gewaltfilme, sondern die Berichterstattung der Medien über solche Taten führen zu Nachahmertaten, legt ein Artikel nahe. Und ein anderer klagt: "Das Fernsehen redet, auch wenn es nichts zu sagen gibt." Interessant auch eine kleine Meldung über die Musikindustrie, die man gern näher ausgeführt hätte: "Schlechte Musik, nicht Piraterie ist für Umsatzrückgänge verantwortlich."

Ferner geht's um das Vintage Computer Festival Europe in München, das Fernsehfestival von Montreux und eine Solothurner Tagung über Netzkommunikation.




Frankfurter Allgemeine Zeitung,   03.05.2002

Ein mutiges Plädoyer gegen das Verbot von Gewaltfilmen legt gegen den jetzt herrschenden Konsens der Filmredakteur der FAZ, Michael Allmaier vor. Zunächst ein Paradox: "Nachgeahmt werden gerade jene Werke, die gegen Gewalt Stellung nehmen." Und dann die Feststellung: "Die Wirklichkeit stellt auch in Erfurt die Drehbücher in den Schatten: Ein Neunzehnjähriger kommt mühelos an ein Arsenal, das genügt hätte, um Hunderte umzubringen. Wie man es einsetzt, lernt er im Zeichen der Gemeinnützigkeit. Doch statt jetzt den Schützenvereinen auf die Finger zu schauen, sucht man den Gefahrenherd auf Festplatten und Magnetbändern."

Weiteres: Auf einer ganzen Seite wird die Liste der Künstler präsentiert, die zur Documenta eingeladen sind - mit nützlichen Orientierungen über ihr Leben und Werk. Mark Siemons fordert anhand des Berliner Beispiels eine Debatte über die Frage, was Kulturpolitik soll: Bisher habe nur Diedrich Diedrichsen einen "ernster zu nehmen Vorschlag" geäußert - der Poptheoretiker will nur noch die Avantgarde gefördert sehen. Christian Geyer hat Saint-Remy (mehr hier) besucht, wo van Gogh ins Irrenhaus kam. Die hier starken Le Pen-Anhänger bemühen ausgerechnet den Niederländer, um ihren nationalistischen Kulturbegriff zu propagieren. Oliver Tolmein kommentiert das Urteil gegen eine Britin, die vor dem Europäischen Gerichtshof vergeblich versuchte, sich ein Recht auf Sterbehilfe zu erstreiten.

Auf der Medienseite berichtet Jürg Altwegg über Vorwürfe gegen französische Meinungsforscher, die Le Pen nicht kommen sahen, und das französische Fernsehen, das mit seiner lustvollen Verbrechensberichterstattung ein Le Pen günstiges Klima schuf. Und Angelika Heinick schildert die Krise beim französischen Bezahlsender Canal Plus, nachdem Vivendi-Chef Jean-Marie Messier den Chef des Senders, Pierre Lescure, auf die Straße setzte. Auf der letzten Seite schreibt Andreas Rosenfelder ein Städteporträt über Leverkusen. Hannes Hintermeier zeichnet ein kleines Profil des Verlegers Michael Klett. Und Marke Siemons schildert die Stimmung in Kreuzberg nach den traditionellen Mai-Unruhen.

Besprochen werden das Ereignis der New Yorker Kunstsaison, ein neuer "Cremaster"-Film von Matthew Barney, Büchners "Danton" im Pariser-Odeonstheater, Peter Naess' Film "Elling", eine Ausstellung in der Leipziger Universitätsbibliothek über das Keltenbild der Römer und Griechen, ein Konzert des Vienna Art Orchestra und Alfonso Cuarons Film "Y tu mama tambien".

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht's um eine CD mit Wolfgang Rihms "Jagden und Formen", um eine Serie mit Musik aus oberschwäbischen Klöstern, um zwei neue CDs von Tom Waits, um eine CD von Sweet (die gibt's noch!), um eine CD der Gruppe Rival Schools.








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