Heute in den Feuilletons "Wer behauptet, dass der Hahn singt"

In der "FR" spricht die 87-jährige Autorin Ilse Helbich sehr beeindruckend übers Altern. In der "NZZ" macht sich der Politologe Helmut König Gedanken über die Tränen der Erinnerung. Außerdem weint der Linkskatholik Otto Kallscheuer nach fünf Jahren Benedikt die Tränen der Vergegenwärtigung.



Frankfurter Rundschau, 10.04.2010

Ein sehr schönes Gespräch hat Julia Kospach mit der Schriftstellerin Ilse Helbich geführt, die 1923 geboren wurde und mit achtzig Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. Es geht einzig darum, was es für sie bedeutet, alt zu sein: "Ich möchte so gern diesen Hang hinunterbrausen! Ich würde auch gerne wieder im Meer schwimmen, ohne Angst haben zu müssen, dass ich ertrinke. Diese Sachen sind sehr stark. Noch etwas ist sehr stark: Das Alter ist keine Zeit des Idyllischen oder Friedlichen. Mir kommen durch irgendein Loch in meinem Gedächtnis Dinge in den Sinn, die unglaublich hart sind und die ich früher nicht zu denken gewagt hätte... Ich habe einfach das Gefühl, dass es gleichgültig ist, ob etwas furchtbar tragisch oder furchtbar heiter ist. Diese Gleichgewichtung der Dinge ist schwer zu verstehen für Menschen, die nicht sehr alt sind. Die wollen, dass das Alter und das Ende friedlich sind."

Weitere Artikel: Die Evolutionsbiologin Olivia Judson erklärt, warum langes Sitzen wirklich ganz und gar und überhaupt nicht gut ist für die Gesundheit. Den Nachruf auf Malcolm McLaren hat Serge Debrebant verfasst. In Times Mager denkt Judith von Sternburg übers Zuhausesein in der Sprache nach. Marcia Pally lässt sich von der Sorge des US-Abgeordneten Hank Johnson, die Insel Guam könnte wegen einseitiger US-Präsenz zur Seite kippen, zu Gedankenspielen inspirieren.

Besprochen werden Marie-Luise Thieles neue Choreografie "HautDisTanz" mit dem Frankfurter Freien Tanztheater, ein Abend mit Stücken des Fassbinder-Komponisten Peer Raben in Frankfurt,  und Bücher, darunter Ulrike Almut Sandigs Erzählungsband "Flamingos" und Tony Judts Buch "Das vergessene Jahrhundert" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Weitere Medien, 10.04.2010

The Big Picture bringt eine Serie mit Fotos aus dem Zentrum der gegenwärtigen Unruhen in Kirgistan (mehr). Ähnliche Bilder kommen aus Thailand.

Berliner Zeitung, 10.04.2010

Thomas Schmid besucht in Bukarest den ehemaligen Profifußballer Teodor Maries, der in den Hungerstreik getreten ist, um endlich Klarheit zu gewinnen, wer bei der Revolution 1989 für die Schüsse in die Menge verantwortlich war, die Hunderte das leben kosteten: "Teodor Maries ist - nach eigenen Angaben - seit 70 Tagen im Hungerstreik, wiegt trotz seiner beachtlichen Körpergröße von 1,85 Meter noch 55 Kilo und hat eine Körpertemperatur um die 35 Grad."

Außerdem im Magazin der Berliner Zeitung. Michael Sontheimer erinnert an den Beginn der RAF vor vierzig Jahren.

Neue Zürcher Zeitung, 10.04.2010

Linkskatholik Otto Kallscheuer schildert in einer nicht besonders freundlichen Bilanz der ersten fünf Jahre von Benedikts XVI. Pontifikat die Dramaturgie seiner diversen Kommunikationsdesaster: "Die Reden oder Entscheidungen des Papstes wurden ex ante nicht geprüft; vorhersehbare Reaktionen blieben unbedacht; verantwortliche 'Minister' wurden vorweg nicht gehört oder eingebunden. Post factum, nach dem Skandal, mussten Letztere dann erklären, vermitteln und nachbessern. Am Ende wurden in der Regel die Medien beschuldigt."

Weitere Artikel: Fabienne Hoelzel zitiert in einem kurzen Artikel Statistiken über die weitere Urbanisierung der Welt. Thomas Leuchtenmüller malt ein positives Bild von der Intendanz Oliver Reeses am Frankfurter Schauspielhaus. Ueli Bernays schreibt zum Tod von Malcolm McLaren.

In Literatur und Kunst denkt der Politologe Helmut König unter anderem am Beispiel Osteuropas, dessen historische Abgründe im Westen oft nicht bekannt sind, über das Verhältnis von Geschichte und Erinnern nach: "Politisch bedeutsam ist das Geschichtenerzählen, weil die Tränen der Erinnerung den Weg zurück in die Welt des politischen Handelns vorbereiten. Immer geht es beim Erzählen von Geschichten um den Umgang mit Verlusten, Kränkungen und Zumutungen. Und es gibt kein Leben, keine Geschichte und keine Geschichten, die nicht die Erfahrung von Verlusten, Kränkungen und Zumutungen bereithalten."

Weitere Artikel: Der amerikanische Historiker John Connelly erinnert an das "zweite Vatikanum und den Streit um die christliche Missionierung der Juden". Micha Brumlik geht noch einmal der Frage nach, was es mit dem "pädagogischen Eros" in der Antike nun wirklich auf sich hatte - und spürt schon bei Alkibiades posttraumatische Belastungsstörungen aufgrund des Missbrauchs durch Sokrates auf. Schließlich erzählt der Romanist Karlheinz Stierle, wie die Institution der Akademie von der Antike auf uns kam.

Die Tageszeitung, 10.04.2010

"Vielen Dank für den Punk" lautet die taz-Titelschlagzeile mit einem Foto von Malcolm McLaren. In gleich drei Nachrufen und Erinnerungen wird der Künstler gewürdigt. Aus dem Text von Ulrich Gutmair: "Malcolm McLaren hat in seinem Leben vieles aus dem Weg geräumt, am liebsten die eigenen Vorhaben. Der Preis dafür war, dass seine Geschichte von denen erzählt wurde, die er genervt, verraten und enttäuscht hatte, wenn er die eigenen Projekte sabotierte. McLaren war die späte Verkörperung einer radikal modernen Figur, der es egal ist, ob sie missverstanden wird oder nicht."

Weitere Artikel: Brigitte Werneburg und Andreas Fanizadeh unterhalten sich mit Kathrin Rhomberg, Leiterin der diesjährigen Berlin Biennale, über ihre Pläne. Christian Werthschulte porträtiert die Dubstep-Musikerin Ikonika. Abgedruckt wird ein Ausschnitt aus Michael Sontheimers Buch "'Natürlich kann geschossen werden.' Eine kurze Geschichte der Roten Armee Fraktion". In der "Leuchten der Menschheit"-Kolumne fühlt sich Doris Akrap von der Weltpolitik der vergangenen Woche ans bei Linksradikalen einst beliebte Brettspiel "Junta" erinnert.

Besprochen werden und Bücher, darunter Miljenko Jergovic' Roman "Freelander" und eine neue "Sophie Scholl"-Biografie von Barbara Beuys (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).

Und Tom.

Die Welt, 10.04.2010

Vor dem befürchteten Triumph der Rechstextremen in Ungarn bei den morgigen Wahlen erklärt der Schriftsteller Rudolf Ungvary: "Ungarn ist im Vergleich zu Westeuropa ein Entwicklungsland. Es ist von seiner Geschichte noch nicht geheilt, somit im Grunde 'frühreif' für die Mitgliedschaft in der EU. Was hier die politische Atmosphäre bestimmt, ist westlich der Elbe und der Leitha längst überwunden worden: Die Mehrheit der Bevölkerung ist autoritär eingestellt. Sie hält wenig von Freiheit, ruft nach Ordnung. Das demokratische Prinzip eines Gleichgewichtes zwischen Freiheit und Ordnung ist in den Augen der Mehrheit eine liberal-kosmopolitische Täuschung."

Es steht nicht gut um das amerikanische Imperium, dem der britische Wirtschafsthistoriker Niall Ferguson in der Literarischen Welt eine hohe "Kritikalität" attestiert: "Wenn Imperien komplexe Systeme sind, die früher oder später plötzlichen und katastrophalen Störungen erliegen, was bedeutet das dann für die Vereinigten Staaten heute? Zunächst einmal könnte die Diskussion über die Stadien des Niedergangs Zeitverschwendung sein - fürchten sollten Politiker und Bürger einen jähen und unerwarteten Zusammenbruch. Zweitens stehen die meisten imperialen Zusammenbrüche im Zusammenhang mit Fiskalkrisen."

Der Autor Bernhard Jaumann berichtet aus Südafrika, dass der Mord am rechtsextremen Eugene Terre'Blanche offenbar eher kriminellen als politischen Motiven entsprang: "Ein ganz normaler Mord also? Ja, wenn man es als normal ansieht, dass zwei Farmarbeiter gar nicht auf die Idee kommen, ihren ausstehenden Lohn auf rechtlichem Weg einzufordern. Wenn man die hemmungslose Grausamkeit für normal hält, die zwei Einbrecher ihr Opfer regelrecht in Stücke hacken lässt. Wenn man sich nicht darüber wundert, dass die Täter nach der Metzelei nicht zu fliehen versuchen, sondern sich freiwillig stellen, fast so, als sei das Gefängnis immer ihr Zukunftstraum gewesen."

Besprochen werden unter anderem Frank Schulz' Erzählungen "Mehr Liebe", Johannes Willms' Stendhal-Biografie und Stephane Courtois' neue Monumentalstudie "Handbuch des Kommunismus".

Im Feuilleton schreibt Ulf Poschardt zum Tod der Punk-Legende Malcom McLaren: "Punk war die Ablehnung alles Bestehenden (mit Ausnahme des Kapitalismus) und gleichzeitig die Vorbereitung künftiger Konzepte von Schönheit, Eleganz, Raffinesse und sogar Würde." Hannes Stein scheint zu begrüßen, dass die USA das Einreisverbot gegenüber Tariq Ramadan aufgehoben haben, seiner Darstellung zufolge wurde dem Islamgelehrten jedenfalls auf seiner ersten Veranstaltung in New York ganz schön eingeheizt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.04.2010

Andreas Rossmann bringt uns auf den Stand der komplizierten Debatten um Abriss oder Sanierung des Kölner Schauspielhauses. Jürgen Altwegg informiert über die missliche Lage der Pariser Zeitung Le Monde, deren Auflage auf 250.000 gesunken ist und die nun vom Redakteurmodell Abschied nehmen muss und sich einem Konsortium um El Pais andient (und das obwohl El Pais heute amerikanischen Investoren gehört). In der Leitglosse singt Swantje Karich ein wehmütiges Abschiedslied auf die Mokkakanne von Bialetti, die künftig nicht mehr in Italien, sondern in Rumänien gefertigt wird. Der Gastrozerberus Jürgen Dollase fragt sich, wie heute Altmeister wie Heinz Winkler (Aschau, einen von drei Sterne verloren) zu würdigen seien. Ralf Forsbach resümiert eine Tagung im Deutschen Historischen Institut von London über den Begriff der "Volksgemeinschaft" zur Nazizeit (Programm). Edo Reents schreibt den Nachruf auf Malcolm McLaren.

Auf der Schallplatten-und-Phono-Seite geht’s um eine Einspielung der Brahmsschen Violinsonaten mit Anne-Sophie Mutter, um Aufnahmen neuer Musik von Beat Furrer und Brian Ferneyhough, um eine CD des Singer-Songwriters Bonnie "Prince" Billie, um neue Lieder von Mose Allison und eine Platte der Sterne.

Besprochen werden eine Ausstellung des Fotografen Armin Linke in Heidelberg und Francis Poulencs "Karmeliterinnen" in München.

Auf der letzten Seite erinnert sich Paul Ingendaay seiner nicht besonders amüsanten Zeit in einem katholischen Internat an der niederländischen Grenze: "Die Stille hat mich niedergedrückt. Vom ersten Tag an. Im gewöhnlichen Leben - 'draußen' - ist völlige Stille ja ein seltener Zustand. Hier aber, in meinem Internat in der Provinz, direkt an der holländischen Grenze, schätzte man Schweigen. Die verhallenden Schritte eines Priesters im Kreuzgang waren mein Bild dafür. Verschwand die schwarze Gestalt um die Ecke, war bald jedes Geräusch verstummt."

Für Bilder und Zeiten besucht Melanie Mühl die Forschungsunterlagen und Sammlungen Alexander von Humboldts im Botanischen Museum von Berlin. Der amerikanisch-vietnamesische Schriftsteller Tran Van Dinh besucht die in den Kriegen gegen die Franzosen und Amerikaner mehrfach ramponierte vietnamesische Kaiserstadt Hue. Konstanze Crüwell schreibt eine Betrachtung über das Mahnmal für die ermordeten Juden in Frankfurt. Auf der letzten Seite unterhält sich Thomas David mit dem Krimiautor James Ellroy.

Auf der Literaturseite geht’s um Max Frischs "Entwürfe zu einem dritten Tagebuch" und um den Roman "Eine Liebesgeschichte zensieren" von Shahriar Mandanipur.

Nur online die dpa-Meldung: "Familienstreit überschattet Wolfgang Wagners Trauerfeier".

Süddeutsche Zeitung, 10.04.2010

Die Schriftstellerin Monika Maron hat den Humanismuspreis der deutschen Altphilologen erhalten. In ihrer Dankesrede erinnert sie sich, wie sie beim ehemaligen Rektor ihres Gymnasiums nach der Schulzeit noch Latein lernte: "Herr Plagemann sagte, er hätte jetzt Zeit, und Latein könne ich bei ihm lernen. Danach kam er einmal in der Woche in meine sehr provisorische Wohnung in der Saarbrücker Straße im Prenzlauer Berg und brachte mir Latein bei. Puella - puellae - puellae - puellam. Und jedes Mal hatte er zwei Flaschen süßen Krim-Wein in seiner Aktentasche, die wir während meiner Studien auch austranken. Vielleicht habe ich darum fast alles vergessen, was ich damals gelernt habe. Nur warum Herr Plagemann davon überzeugt war, dass die Römer unmusikalisch waren, habe ich mir gemerkt: Gallus cantat. Wer behauptet, dass der Hahn singt, sagte er, kann unmöglich musikalisch sein." Vom Altphilologentag selbst berichtet Johan Schloemann.

Weitere Artikel: Ambitioniert ist die Internationale Bauausstellung (IBA) angetreten, die Voraussetzungen des Städtebaus unter Schrumpfungsbedingungen in Sachsen-Anhalt zu erkunden. Jens Bisky hatte sich sichtlich viel erhofft, ist nach Besichtigung der Eröffnungsausstellung in Dessau aber recht bitter enttäuscht. Till Briegleb stellt das Wohnkonzept der Künstlerinitiative fürs aus Investorenhand gewundene Hamburger Gängeviertel vor. Alex Rühle entwirft ein radikales Gegenprogramm zu den von Elternerwartungen zugestopften Kindheiten unserer Tage: "Hier mal drei Erziehungsratschläge aus acht Jahren Elternschaft: Zeit. Zeit. Zeit. Zu füllen ist diese Zeit mit Nichtstun, Vorlesen, Zuhören."

Carlo Mertens unterhält sich mit Gianluigi Nuzzi, Autor des Buches "Vatikan AG" über die finanziellen Machenschaften des Vatikan. Andrian Kreye schreibt zum Tod des Punk- und Popkünstlers Malcolm McLaren. Abgedruckt werden zum Thema Ausschnitte aus einem legendären Sex-Pistols-Konzertbericht von Legs McNeil aus dem Jahr 1978: "Johnny Rotten sagt das Übliche: fuck fuck fuck cunt fuck fuck cunt cunt fuck cunt fuck fuck. Gähn." Thomas Steinfeld gratuliert dem Germanisten Jost Hermand zum Achtzigsten.

In der SZ am Wochenende berichtet Hilmar Klute von einer Begegnung mit dem Schriftsteller Hans-Joachim Schädlich, der von seinem eigenen Bruder bespitzelt wurde. Und der Günter Grass zwar erlaubte, eine Figur aus einem Schädlich-Roman in "Ein weites Feld" zu verwenden, dann aber die Gelegenheit nicht kommerziell ausnutzen wollte: "Und dann sei, erzählt Schädlich, jener Satz gefallen, der den Bruch zwischen ihnen endgültig herbeigeführt habe. Schädlich zitiert ihn langsam, fast genüsslich, so als freue es ihn auch ein bisschen, ein Denkmal vom Sockel zu ziehen: 'Du bist eben immer noch derselbe blöde Ossi wie die anderen Ossis alle auch.'"

Tobias Moorstedt bereitet uns auf die Wundertaten der 3D-Drucker vor. Rebecca Casati porträtiert die Hollywoodschauspielerin Amanda Seyfried. Marc Fischer widmet sich in der Reihe "Das war die Gegenwart" der Zigarette. Auf der Historienseite geht es um den "Mythos Rommel" und den Krieg in Nordafrika. Holger Liebs spricht mit dem Künstler Damien Hirst über den "Glauben".

Besprochen werden Moderne-Ausstellungen aus den eigenen Beständen im Essener Folkwang-Museum und in der Neuen Nationalgalerie in Berlin, die Filmdoku "Neukölln Unlimited" und der hoch umstrittene Band mit Max Frischs "Entwürfen zu einem dritten Tagebuch" (mehr dazu in der Bücherschau des Tages ab 14 Uhr).



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