Heute in den Feuilletons "Wie das endet in Seelen-Erkältung"

In der "FR" plädiert Jürgen Lodemann für Wilhelm Hauff. Die amerikanischen Medienblogs staunen über das Berliner Start-up Soundcloud. Die "FAZ" stellt die syrische Satiregruppe "Masasit Mati" vor, die Präsident Assad auf YouTube parodiert. Die "SZ" porträtiert den burmesischen Komiker Zarganar.



Neue Zürcher Zeitung, 03.01.2012

Felix Philipp Ingold feiert im Aufmacher Nadeschda Mandelstams "Erinnerungen an Anna Achmatowa" als eigensinnig, ungemein klug und völlig illusionslos. Und er liest von einer bemerkenswerten Form des erotischen Eskapismus: "Zwei Weltkriege, zwei Revolutionen, einen Bürgerkrieg, mehrere Terror- und Säuberungswellen sowie einen beispiellosen Kulturvernichtungsprozess haben die beiden Frauen gleichsam Schulter an Schulter durchgestanden. Dass sie diese 'Pestzeit' - im Unterschied zu so vielen ihrer Verwandten und Bekannten - nicht nur überlebten, sondern sie auch immer wieder, zumindest punktuell, als 'Festzeit' verbuchen konnten, führt Nadeschda Mandelstam auf die Kraft des Eros und der Kunst, vorab der Poesie zurück. Bei jeder neuen Welle staatlicher Gewaltanwendung sei es in der Sowjetbevölkerung massenhaft zu Sexaffären, Ehescheidungen, Neuverheiratungen gekommen."

Weiteres: Marion Löhndorf blickt auf das Dickens-Jahr voraus, mit dem England seinen Nationalheiligen beehren wird. Hoo Nam Seelmann berichtet, wie die Erinnerung an die Zwangsprostituierung koreanischer Frauen durch die japanische Armee im Zweiten Weltkrieg noch immer für Konflikte zwischen den beiden Ländern sorgt.

Auf der Medienseite sinniert der Dortmunder Medienwissenschaftler Horst Pöttker über die Zukunft des Journalismus. Er empfiehlt unter anderem mehr Emotion und weniger Politik, dann lesen auch wieder Frauen, Arme und Alte die Zeitung.

Besprochen werden eine Ausstellung über Jacques Gruber und den Jugendstil im Musee de l'Ecole de Nancy, Eugene Scribes "Palastintrige" in Bern, Ambrose G. H. Pratts Hymne auf den Prachtleierschwanz "Menura" und Anne Berests Roman "Traurig bin ich schon lange nicht mehr" (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Frankfurter Rundschau / Berliner Zeitung, 03.01.2012

Der Schriftsteller Jürgen Lodemann plädiert für eine Wiederentdeckung Wilhelm Hauffs und besonders der Novelle "Das kalte Herz", die er als frühe Kapitalismuskritik begreift: "Was könnte es denn heißen, wenn am Beginn unserer gewinnversessenen Epoche exakt erzählt wird, wie einer überm Reichwerden nicht nur die Freunde verliert und die Geliebte und die Mutter und wie das endet in Seelen-Erkältung, in 'Öde, Überdruss, freudenloses Leben ... Langeweile'."

Weitere Artikel: Cornelia Geißler unterhält sich mit dem Regisseur Robert Wilde über seinen Film "Jonas" mit Christian Ulmen. Besprochen wird eine Ausstellung mit Arbeiten von Alexej von Jawlensky und Josef Albers in Wiesbaden.

Aus den Blogs, 03.01.2012

Folgender Tweet erreicht uns von Rob Vegas: "Gerade mit Giovanni di Lorenzo telefoniert. Er hat die ersten 20 Seiten für das Buch mit Wulff schon fertig."

Soundcloud, das erfolgreichste Start-up Berlins hat einige Millionen Dollar frisches Kapital bekommen, um in den USA zu expandieren, melden Techcrunch (hier) und Marshall Kirkpatrick im Readwriteweb (hier): "What becomes possible when technology cuts out the middlemen in music publishing and distribution? A lot of very strange and sometimes wonderful things."

Die Tageszeitung, 03.01.2012

In seiner Kolumne möchte Micha Brumlik klarstellen, dass die Demokratie nicht vorbei ist und auch nicht überflüssig werden wird: "Apokalyptiker helfen in krisenhaften Zeiten ebenso wenig weiter wie Messianiker, obwohl beiden gelegentlich interessante Impulse zu verdanken sind."

Weiteres: Carla Baum beklagt das Elend der Übersetzerhonorare, das auch durch das Urteil des Bundesgerichtshof vor einem Jahr kein Ende gefunden hat. Besprochen werden der Bildband "The Raw and the Cooked" des Fotografen Peter Bialobrzeski und Interviews zur Hamburger Kulturgeschichte. (mehr ab 14 Uhr in unserer Bücherschau des Tages).

Und Tom.

Die Welt, 03.01.2012

Manuel Brug erklärt, warum München trotz einiger existierender Säle immer noch überzeugt ist, ein Konzerthaus zu brauchen. Ekkehard Kern spießt Personalquerelen beim ORF auf. Marc Reichwein klagt über zunehmend intensiven Medienkonsum. Rüdiger Sturm und Marco Spagnoli unterhalten sich mit der Agentin Giovanna Cau über Marcello Mastroianni. Besprochen wird eine Ausstellung über den Ausbruch des Vesuvs, der Pompeji zerstörte (beziehungsweise erhielt), in Halle.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.01.2012

Gabriela M. Keller stellt die syrische Satiregruppe "Masasit Mati" um den Künstler Jamil (ein Pseudonym) vor, die ihren Diktator Assad und seine Schergen in einem Handpuppenspiel persiflieren und die Filme auf YouTube veröffentlichen. "Damit hat die Gruppe mächtige Feinde gegen sich aufgebracht. 'Es ist offensichtlich, dass Profis hinter der Produktion stecken, und es gibt nicht viele Menschen in Syrien, die dafür in Frage kommen', so Jamil, 'wir müssen davon ausgehen, dass die Sicherheitskräfte schon nach uns suchen.' Das Regime hat begriffen, welche Bedrohung die neue kulturelle Freiheit bedeutet." In Syrien ist Satire gefährlich, erläutert Keller: Dem Karikaturisten Ali Farsat haben maskierte Männer die Finger gebrochen, bevor sie ihn blutend auf der Straße liegen ließen.

Ein Bundespräsident, der in der Öffentlichkeit schweigt, um dann privat auf die Mailboxen von Journalisten zu sprechen, ist schon recht bizarrr, findet Nils Minkmar: "Die private Sorge Christian Wulffs um seine Finanzen entspricht der Zurückhaltung beim Ausgeben der Wahrheit. Er hält beides zusammen, und das ergibt ein beklemmendes Bild. Man würde erwarten, dass ein Ministerpräsident, ein Bundespräsident selbst einlädt, statt sich einladen zu lassen. Dass er sich um politisches und symbolisches Kapital sorgt statt um ökonomisches."

Weitere Artikel: Jürg Altwegg wirft einen Blick auf kommende Feierlichkeiten zum 600. Geburtstag Jeanne d'Arcs, die als Nationalsymbol von allen Fraktionen des politischen Spektrums in Frankreich beansporucht wird. Mathias Grünzig warnt vor der Zerstörung der Bautzener Altstadt durch eine Einkaufspassage mit den üblichen Filialisten. Evgeny Morozov lobt Google und tadelt Facebook für ihren Umgang mit Gesichtserkennung (hier das englische Original bei Slate. Maik Nolte resümiert einen Oldenburger Streit um ein Reiterstandbild des letzten Grafen der Stadt, Anton Günthers.

Besprochen werden Bücher, darunter Paulo Coelhos neuer Roman "Aleph" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).

Süddeutsche Zeitung, 03.01.2012

Die Website der Süddeutschen präsentiert sich in einem leicht überarbeiteten, weniger wuchtigen Look.

Denise Hruby stellt Zarganar, einen Standup-Comedian aus Birma vor, der 2010 wegen Spitzen gegen die regierenden Militärs zu 35 Jahren Haft verurteilt und im vergangenen Oktober im Zuge von Liberalisierungen im Land frühzeitig entlassen wurde und sogar ins Ausland reisen darf (in Deutschland hat sich zum Beispiel Michael Mittermeier für ihn eingesetzt). Und einen guten Gag des Komikers weiß Hruby auch zu erzählen: "Ein Myanmare reist nach Indien, um zum Zahnarzt zu gehen. Der fragt ihn: 'Warum kommst du nach Indien? Habt ihr in eurem Land keine Zahnärzte?' Darauf der Myanmare: 'Naja, bei uns darf ich das Maul nicht aufmachen.'"

Weitere Artikel: Helmut Schödel porträtiert Bettina Hering, Isabella Suppanz und Anna Badora, die als Intendantinnen und Regisseurinnen am Landestheater Niederösterreich und am Schauspielhaus Graz "Theater im Schlagschatten Wiens" machen. Karl Lippegaus berichtet vom JazzMusikerAufruf, der bessere Arbeitsbedingungen für Jazzmusiker fordert. Michael Fischer schreibt den Nachruf auf Charlotte Kerr.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Tomi Ungerers satirischen Zeichnungen im Caricatura Museum in Frankfurt am Main, eine Ausstellung mit Fotografien von Henri Cartier-Bresson im Kunstmuseum Wolfsburg, eine Ausstellung mit Arbeiten von Annette Kelm und Michaela Meise im Bonner Kunstverein, und Bücher, darunter Thomas Kaufmanns Studie über Martin Luther und die Juden (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).



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