Heute in den Feuilletons "Wie die Regierung eine Generation ausplündert"

Die "FAZ" beklagt die Plünderung der Rentenkassen. Die "FR" beklagt das avancierte Nörgeln der Regierungskritiker. Die "SZ" fragt sich, warum gerade das juste milieu der alten Bundesrepublik "1989" wiederaufführen will. Die "NZZ" beklagt die abnehmende Bedeutung der Geisteswissenschaften. In der "taz" widmet sich Gabriele Goettle der Hebammenkunst.


Frankfurter Allgemeine Zeitung,   25.11.2002

"Wie die Regierung eine Generation ausplündert", erklärt heute Andreas Kilb. Thema ist natürlich die Erhöhung der Rentenbeiträge, die für Kilb den ganzen Geist der Regierung erkennen lasse: Die Generationenherrschaft der Achtundsechziger. Denn jetzt, da sie selbst kurz vor der Pensionierung stehen, so Kilb, können sie - die "Plünderer der Rentenkassen" - ja die Nachgeborenen ruhig mit Erhöhungen belasten: "Dass gerade die Achtundsechziger für die letzte, katastrophale Überspannung des Rentensystems vor dessen absehbarem Zusammenbruch verantwortlich sind, hat eine nicht zu bestreitende Logik. Denn in den kommenden zehn Jahren werden just die zwischen 1940 und 1950 Geborenen in den Ruhestand gehen, sofern sie sich dort nicht bereits befinden. Diese Generation hat die höchsten Rentenansprüche in der Geschichte des deutschen Sozialsystems und wahrscheinlich auch aller anderen Sozialsysteme der westlichen Welt angehäuft."

Ein neues, düstere Stadium in "Israels Tragödie" prophezeit der Tel Aviver Historiker Gadi Taub, denn gegen die eigene Überzeugung werden die Israelis im Februar wieder Ariel Scharon wählen. Dieser wisse, meint Taub, "dass die meisten Israelis an keine andere Lösung als die zweistaatliche glauben, und er weiß, dass seine Lizenz zur Gewaltanwendung so lange besteht, wie der Terrorismus andauert. Das heißt nicht, dass er diese Ansichten teilt. Nicht im mindesten. Seine Politik ist nicht so angelegt, dass sie den Terrorismus bekämpft, sondern sie ist als Unterminierung der zweistaatlichen Lösung gedacht. Scharon ist ein erfahrenerer, intelligenterer Politiker als Netanjahu - er weiß, dass der Weg zur Verhinderung der Zweistaatlichkeit deren prinzipielle Unterstützung ist, die ihn an der Macht hält, verbunden mit ihrer gleichzeitigen Verunmöglichung, die er nur betreiben kann, solange er eben an der Macht ist."

Weitere Artikel Marta Kijowska feiert Polens literarisches Zentrum Krakau, wo seit Jahren die Creme de la creme der polnischen Literatur zu Hause ist, einschließlich zweier Nobelpreisträger. Andreas Rossmann erklärt, wie sich NRWs grüner Städtebauminister Michael Vesper zum Investorenbüttel macht. Jürg Altwegg blättert in französischen Zeitschriften. Heinz Berggruen erzählt, wie er einst drei Zeichnungen von Diego Riviera kaufte, Hanns C. Löhr sieht neue Hinweise auf verschollene Beutekunst. Bert Rebhandl gratuliert Rosa von Praunheim zum Sechzigsten. Siegfried Stadler widmet sich der Fusion der Stiftung Weimarer Klassik mit den Kunstsammlungen der Stadt.

Auf der Medien-Seite betrachtet Stefan Niggemeier die verletzlichen Seite der Anke Engelke, die für ihre Comedy "Ladykracher" offenbar gute Chancen auf einen Emmy hat.

Gerhard Stadelmaier verzweifelt darüber, wie das Schauspiel Frankfurt um sein Überleben kämpft und dabei Krieg gegen Kleist führt. Des weiteren werden besprochen: die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs "Vorher/Nachher" im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, die Marbacher Ausstellung "Kafkas Fabriken", die Schau "Der Akt in der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts" in der Kunsthalle Emden, Dickens Stück "Vom Geist der Weihnacht", das im Berliner Theater des Westens über Lautsprecher tönt, da das künstlerische Personal längst entlassen ist, sowie Shekhar Kapurs siebte Verfilmung der "Vier Federn".

Und Bücher, darunter Johann Friedrich Reichardts Autobiografie Der lustige Passagier", Marion Poschmanns Gedichtband "Verschlossene Kammern" sowie neue Sachbücher (mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr).




Die Tageszeitung,   25.11.2002

Heute ist der letzte Montag im Monat, die 946 Zeilen Feuilleton sind also Gabriele Göttle vorbehalten. Diesmal widmet sie sich der Hebammenkunst. Kleine Leseprobe: "Die Hebammenkunst ist viele Jahrtausende alt und gründete sich auf Erfahrungswissen, das wohl gehütet und oral an die Schülerinnen weitergegeben wurde. Es war zentraler Bestandteil von Ritualen und Bräuchen der weiblichen Heilkunde. Ärzte hingegen tauchen erst seit etwa zweieinhalb Jahrhunderten bei der Geburt auf, und auch das in der Regel nur im Bedarfsfalle. Der akademisch ausgebildete Gynäkologe und Geburtshelfer als Mann der Praxis ist überhaupt erst seit Mitte des 19. Jahrhunderts üblich. Dennoch ist unsere gesamte Geschichtsschreibung zur Geburtshilfe eine absolut medizinhistorische. Das liegt einerseits daran, dass die Hebammen, als reine Empirikerinnen, bis weit in die Neuzeit hinein keinerlei Lehrschriften verfassten, andererseits aber liegt die Hauptursache in der Art und Weise, wie sich die Enteignung des Hebammenwissens vollzogen hat. Bis zum Beginn des 15. Jahrhunderts hatten die Hebammen noch die alleinige Kontrolle und Oberaufsicht über ihre Tätigkeit, zu der ihr gesamtes geburtshilfliches Wissen und Können gehörte, inklusive der Kenntnis heilender, narkotisierender, schwangerschaftsverhütender - und abtreibender Mittel. Besonders Letztere unterwarf sie in der Zeit der Hexenverfolgung (Höhepunkt zwischen 1560 und 1630) dem Verdacht der Ketzerei und Hexerei und brachte vielen Hebammen den Tod auf dem Scheiterhaufen."

Auf der Meinungsseite kommentiert Zafer Senocak den EU-Beitritt der Türkei. Wer die Kultur der Türkei für nicht vereinbar mit der europäischen Identität hält, meint er darin, lebe in einer Welt, die nicht mehr existiert.

Und Tom.





Neue Zürcher Zeitung,   25.11.2002

Wenn es schon Baumschulen gibt, kann man doch gegen Auto-Universitäten nichts einzuwenden haben. Solch eine Bildungsstätte plant VW in Wolfsburg. Doch in Baumschulen stehen Bäume, in die Auto-Universität gehen Menschen. Joachim Günter hat sich mit den Autos unterhalten, und die sind darüber gar nicht glücklich: "Ein rot lackierter Beetle, durch seine Vorliebe für den englischen Linksverkehr ohnehin als Systemkritiker verdächtig", verweist "auf einige, wie er zu formulieren beliebte, 'gesellschaftsrelevante Ungereimtheiten' einer Auto-Universität ... Er hatte sich, was öfter vorkam, in Rage geredet, beschwor Karl Jaspers' Schrift über die 'Idee der Universität', wonach nicht Rendite, sondern 'Bildung der Sinn von Unterricht und Forschung' sei, und zog endlich ein schmales Suhrkamp-Bändchen aus dem Handschuhfach: Jacques Derridas Vortrag 'Die unbedingte Universität'. Den Zeigefinger erhoben, zitierte der Rote daraus ein melancholisches Wort über Universitäten, die sich selbst verraten und 'zur Zweigstelle von Unternehmen und Verbänden zu werden drohen'."

Ganz ähnliche Ansichten wie der rotlackierte Beetle hat der Tübinger Philosophieprofessor Otfried Höffe, der ein leidenschaftliches - und langes - Plädoyer für die freien Geisteswissenschaften hält. Nach vielen Argumenten für den Nutzen, erklärt er, ihr Hauptsinn liege darin, dass sie sich "gegen die Verkürzung des Menschen auf Marktfähigkeit sperren. Damit tragen sie einmal mehr zur Humanisierung bei. Schon in ihrem Dienst an der natürlichen Wissbegier erheben sie Einspruch gegen ein im wörtlichen Sinn dehumanisiertes Leben, nämlich gegen eines, das sich in der Jagd nach Macht, Ehre und Reichtum verrennt. Und vor allem öffnen sie den Menschen für Dinge, um derentwillen es erst lohnt, geboren zu sein, für so wesentliche Dinge wie Philosophie und Literatur, wie Musik, bildende Kunst und Architektur."

Samuel Herzog gedenkt dem Leben des surrealistischen Malers Roberto Matta, der am Freitag neunzigjährig gestorben ist. Der Maler, der auch als "der erste Science-Fiction-Künstler" und "Maler des Kriegs der Sterne" bezeichnet worden sei, habe stets das gemalt, "was die Bedrohungen der Welt in seinem Inneren angerichtet haben".

Außerdem beschreibt Richard Merz "matten Szenen" und "zündend schmissige" Musik in Spoerlis Inszenierung des Offenbach-Ballett "La belle vie" im Opernhaus Zürich. Martin Meyer war beim Luzerner Musikfestival und lobte die "leichte, unverkrampfte Hand" von Daniel Barenboim, der beim Klavierfestival kurzfristig eingesprungen war. Außerdem ist eine kurze Rezension über den Züricher Auftritt des Klavierduos Dezsö Ranki / Edit Klukon zu lesen.
Weitere Artikel: Zusammenfassung eines Diskussionsabends in Berlin über die Zukunft der Theater-Bühnen in Deutschland. Außerdem wird über die Austellenung Ost- und Südoasizu im Stuttgarter Linden-Museum berichtet.

Schmankerl für den Wochenanfang: Ein Gedicht über den Blumenverkäufer.




Frankfurter Rundschau,   25.11.2002

Die Kritik an der Bundesregierung komme zwar in der Tonlage des Kulturkampfes daher, meint Harry Nutt, doch hält er sie im Grunde für eine Art "avanciertes Nörgeln". Denn "als Ausdrucksweise unterhalb der Schwelle zur Artikulation ist das Nörgeln die Begleitmusik zur Rechthaberei. Es drängt weniger zu Ausdruck und Stimme, als dass es sich durch Stimmungen am Leben hält", schreibt Nutt. Dabei ist die Sache durchaus ernst: "Was in den vergangenen Wochen den Anschein eines erbitterten Kampfes um die politische Macht und Deutungshoheit erweckte, und nicht Halt machte vor der Instrumentalisierung einer demokratischen Institution wie dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss für eine Zirkusnummer im Nachwahlkampf, markiert bei genauerem Hinsehen ein hegemoniales Vakuum im gesellschaftlichen Kraftfeld. Kultur, Politik und Wirtschaft befinden sich gleichermaßen in einer Legitimationskrise."


Die Kolumne times mager betrachtet unsere heimliche Theaterministerin Antje Vollmer. Besprochen werden eine Ausstellung von finnischem Jugendstil im Berliner Bröhan Museum und Armin Petras Inszenierung des "Zerbrochenen Krugs" in Frankfurt.








Süddeutsche Zeitung,   25.11.2002

Jens Bisky fragt sich, warum ausgerechnet das "juste milieu" der Bundesrepublik angesichts einer dilettierenden Regierung am lautesten nach "Wiederaufführung des Erfolgsstückes 'Herbst 1989'" ruft. "Je größer die sozialen Unterschiede werden, desto mehr geht es ihm an den Kragen. Die kulturelle Dominanz der Mittelschicht, die eine Konstante der bundesrepublikanischen Geschichte schien, geht wohl zu Ende. Um es aufzuhalten, erinnert man sich plötzlich an die Rebellion der kleinen Leute. Die sind allerdings für Freiheit auf die Straße gegangen, und sei es die Freiheit, sich zu bereichern und zu konsumieren, Neues zu erfahren. Das stärkste Motiv der neuen Umstürzler dagegen scheint die Furcht vor dem Abstieg."

Der tschetschenische Dichter, Politiker und Widerstandskämpfer Apti Bisultanow erklärt im Interview über den Krieg in seiner Heimat: "Ich will nicht darüber reden, was im Irak entsteht, wenn die Amerikaner dort einmarschieren. Der Appetit der globalen Mächte wächst. Und deshalb wird auch die islamistische Gefahr zunehmen. Tschetschenien ist nur der Anfang der Apokalypse: Dort ist alles zerrüttet, wir leben in einem Vakuum der Werte. Doch die geistigen Türme fallen zuerst und danach die Wolkenkratzer."

Im Interview erklärt die Autorin Judith Mair ("Schluss mit lustig! Warum Leistung und Disziplin mehr bringen als emotionale Intelligenz, Teamgeist und Soft Skills."), warum sie den Niedergang der New Economy begrüßt: " Ich rede nicht den 'Modernen Zeiten' Charlie Chaplins das Wort. Ich will nicht zurück zum Fordismus. Aber ich möchte um 18 Uhr den Griffel hinlegen dürfen. Was ist eigentlich sexy an flachen Hierarchien? Sie haben doch nur neue Abhängigkeiten zur Folge. Innovation von unten ist eine Illusion. Das ist ja das Deprimierende."

Weitere Artikel: Andrian Kreye hat sich mit dem französischen Philosophiedozenten Laurent Murawiec unterhalten, der sich öffentlich dafür ausgesprochen hat, dass die USA nach einem gelungenen Irakfeldzug Saudi-Arabien erobern. Gottfried Knapp schreibt zum Tod des Künstlers Roberto Matta. Harald Eggebrecht hat überragende Talente beim Feuermann-Cellowettbewerb in Berlin gehört. Ralf Berhorst war bei einer Tagung, die sich mit Jungsoldaten im Zweiten Weltkrieg  beschäftigt hat. Siggi Weidemann berichtet, dass Haus Doorn, das Exil-Palais von Kaiser Wilhelm II. in den Niederlanden vor der Schließung gerettet worden konnte. In der Reihe Deutschland extrem schreibt Michael Winter Michael Winter über den Brocken, den Ort mit der ehemals höchsten Dichte von Abhöranlagen.

Besprochen werden die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Stück "Vorher/Nachher" am Schauspielhaus Hamburg, eine Aufführung der japanischen Tanzkompanie Dumb Type, Robert Longos "Freud Drawings" in den Krefelder Museen Haus Lange und Haus Esters, Disneys Weihnachtsfilm "Santa Clause 2" und Bücher, darunter Ferdinand Seibts Geschichte Europas (siehe auch unsere Bücherschau heute ab 14 Uhr).








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