"Hexenjagd" in Hamburg Peitschenhieb und Kiez-Parlando

Artur Millers "Hexenjagd" ist ein Stück über Hysterie und Massenwahn und ursprünglich als Kommentar zur McCarthy-Ära geschrieben. Andreas Kriegenburg offeriert am Hamburger Thalia-Theater jetzt eine neue Lesart - und peitscht den ehrwürdigen Text bis an die Grenze des Erträglichen.


Zack, zack! Aufwachen! Als hätte Thalia-Regisseur Andreas Kriegenburg Angst, sein Publikum dämmerte ihm im Klassiker-Schlaf davon, knallt er gleich zu Beginn seiner neuen "Hexenjagd"-Inszenierung einen akustischen und optischen Peitschenschlag um Augen und Ohren. Alle Szenenwechsel explodieren fortan mit lauten Knall und riesigen rudimentären Zeichnungen als Bühnenprojektion. Es ist eine feindliche, kalte Welt, die mit hartem, kontrastreichen Strich skizziert wird. Es braucht keine fünf Minuten, und man ist in ein gefrorenes Gefängnis geworfen, eines aus religiöser und emotionaler Gewalt, eine Eiszeit der Mitmenschlichkeit, eine Hölle mit hohen, weißen Wänden.

Szene aus "Hexenjagd": Mauern von Menschen
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Szene aus "Hexenjagd": Mauern von Menschen

Bühne und Schauspieler leben und agieren in ebenso strengem Schwarz und Weiß, ein schlichtes Bild für Gut und Böse, das man dem Regisseur verzeihen kann, denn er treibt den leicht angestaubten und behäbig gewordenen Text gnadenlos durch die Inszenierung, die sich bewusst aller allzu offensichtlichen Aktualisierungsofferten verweigert. Denn Arthur Millers 1953 uraufgeführtes Stück handelt von Bigotterie, Verrat, Hatz auf Fremdes, Glaubenswahn und tödlicher Angst in der puritanischen amerikanischen Provinz, doch Kriegenburg geht es im Jahre 2007 natürlich um ein Welttheater, dessen aktuelle Bezüge auf der Hand liegen. Der meist abenteuerlustige Regisseur, der Stücke kneten und walken kann, bis sie in neuer, fremder Pracht erstrahlen, ist ausnahmsweise von geradezu besessener Texttreue beseelt, betet seinen Miller mit rasend archaischer Genauigkeit herunter, die keinerlei distanzierende Ironie und nur selten befreienden Witz gestattet.

Im sozialen Schraubstock

Aber was soll auch witzig sein an pubertierenden Mädchen, die aus jugendlichem Überschwang nachts nackt im Wald tanzen, sich von einer schwarzen Dienerin in aufregend heidnischen Ritualen unterweisen lassen, dabei ihre Sexualität entdecken und anschließend sämtliche Familien und Mitbewohner in einen Strudel aus Verleumdung und Tod stürzen! Lust in der puritanischen Ostküstengesellschaft im Jahre 1692 - Arthur Miller schrieb das Stück nach überlieferten Tatsachen - war eine Sache des Teufels, die bekämpft werden musste. Und religiöser Kampf eignet sich zu allen Zeiten wunderbar, um missliebige Mitmenschen und Konkurrenten zu denunzieren und zu vernichten. Die Verleumdung, ein erstklassiges Gift, das zuverlässig verletzen und oft auch töten kann: In "Hexenjagd" geht es Zug um Zug einer ganzen Gemeinde an den Kragen, Guten wie Bösen, und wer will, kann sich die Bezüge selber zimmern.

Die Regie tat etwas anderes: Sie stieß das Stück tief in die Techniken des antiken Dramas zurück und griff die Idee des Chores neu auf. Nicht als lehrhaft moralische Instanz wie bei Brecht, sondern als Metapher für einen gesellschaftlich-sozialen Schraubstock. So unerträglich die explosiven Szenenwechsel an den Nerven zerrten, so brutal und bedrohlich agierte das Ensemble. Kriegenburg wandelte einen Teil der Dialoge in Chorsprache um, so dass die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, Mädchen wie Erwachsene, akustisch und optisch als geballte Gemeinschaft agieren. Das lässt keinen Raum für individuelle Regungen, es gibt nur Mauern von Menschen, Macht entsteht durch Sprache und Gesten. So einfach, so effektiv: Ein angejahrter und heute didaktisch nervtötender Theatertext wird mit sinnstiftendem Inszenierungskniff auf brachiale Wirkung gebürstet - ein wunderbares Terrain für ein riesiges 20-Personen-Ensemble, das wie ein Ballett wunderbar zielführend und bildkräftig über die karge Bühne dirigiert wurde.

Versöhnliches Kiez-Parlando

Das Programmheft wies wegen der Chortechnik keine Rollen aus, doch natürlich waren wichtige Personen "festen" Spielern zugeordnet. Thalia-Haudegen Markwart Müller-Elmau zelebierte den keifenden Pastor Parris mit schneidender Intensität, Alexander Simon spielt den verzweifelt gegen Terror und Verleumdung kämpfen Bauern John Proctor mit hoher Wandlungsfähigkeit und vielen Tönungen, und unter den Mädchen brillieren die junge Lisa Hagmeister, viel versprechender Ensemble-Neuzugang, und Claudia Renner. In Hochform zeigte sich erneut Natalie Seelig, diesmal als kalkweiß geschminkte Sklavin Tituba, die mit bizarrer Komik den ganzen Schrecken des Stückes noch verstärkte.

Irrwitzig und von verzweifelter Suche nach Erlösung geriet auch die letzte Szene des aufrechten John Proctors im Duell mit dem hier agierenden Gnadenlos-Richter Danforth (blasiert und böse: Jörg Pose): Man verfällt kurz vor dem Todesurteil für Proctor plötzlich in breitesten Hamburger Slang, minutenlang schwadroniert die ganze Männerbande in versöhnlichem Kiez-Parlando, als wäre alles ein drolliges "Großstadtrevier". Nicht ganz notwendig, aber als distanzierender Schlussakkord und ironische Zerstörung des schwarzweißen Gefängnisses ebenso vertretbar wie die abschließenden Country-Reminiszenen von Ben Harper: Wir sind wieder in der Gegenwart und versuchen immer noch, denselben Dämonen zu entfliehen.

Andreas Kriegenburg - auch ein Kandidat für die Nachfolge des 2009 scheidenden Thalia-Intendanten Ulrich Khuon - hinterließ ein verstörtes, aber berührtes Publikum, das freudig, wenn auch nicht frenetisch applaudierte. Peitschenhiebe wollen eben erst verdaut werden.



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