Hilfsorganisation "Kids With Cameras" "Zum ersten Mal stolz"

Die Kinder von indischen Prostituierten haben kaum eine Chance, aus dem Milieu auszusteigen. Die Organisation "Kids With Cameras" bietet sie ihnen. Seen.by sprach mit Leiterin Lisa Robinson über Fotografie als Ausweg aus dem Elend und den besonderen Blick der Kinder auf das Leben im Rotlichtviertel.

Kids with Cameras

Frage: Wie kamen Sie darauf, dass Fotografie ein geeignetes Mittel sein könnte, um den Kindern indischer Prostituierter zu helfen?

Lisa Robinson: Die Fotografin und Filmemacherin Zana Briski ging nach Kalkutta, um Bilder der Frauen in den Bordellen von Sonagachi zu machen. Sie lebte dort und entwickelte schließlich auch eine Beziehung zu den Kindern. Ihr fiel deren Begeisterung für ihre Kamera auf - und sie begann, ihnen die Grundlagen der Fotografie beizubringen. 2002 gründete sie dann "Kids With Cameras", um über den Verkauf von Bildern, mit Ausstellungen und auf Filmfestivals auf die Kinder aufmerksam zu machen und für sie Geld zu sammeln. Die Bilder der Kinder wurden in Kalkutta, Europa, Mexiko und in den USA ausgestellt. 2004 wurde ein Buch mit ihren Fotos veröffentlicht. Auf diese Weise helfen sich die Kinder selbst und unterstützen ihre eigene Ausbildung, da ihnen die Erträge direkt zugute kommen.

Frage: Was bedeutet das Fotografieren für die Kinder?

Lisa Robinson: Die Fotografie ermöglicht ihnen mehr Selbstbestimmung. In Indien werden die Kinder von Sexarbeiterinnen so stigmatisiert wie kaum jemand sonst. Als Zana den Kindern das Fotografieren beibrachte, waren sie das erste Mal stolz auf ihre Herkunft und erkannten die verborgene Schönheit ihrer Umgebung. Die Kinder werden dazu ermutigt, sich frei auszudrücken und ihre Welt zu erkunden. Das ist beeindruckend, sowohl für die Künstler als auch den Betrachter.

Frage: Was sind die typischen Themen?

Lisa Robinson: Ihr Zuhause, die Familie und das Leben auf der Straße.

Frage: Wie hat sich das Leben der Kinder nach dem Workshop verändert?

Lisa Robinson: "Kids With Cameras" unterstützt zurzeit zwei Kinder, die in Zana Briskis Oscar-prämierter Dokumentation "Born Into Brothels" dabei waren. Avijit hat in den USA seinen High-School-Abschluss gemacht und ist jetzt im zweiten Studienjahr an der Tisch School of Art in New York, wo er Film studiert. Kochi lebt momentan in einem privaten Internat in Utah, wo sie sich persönlich und als Schülerin außergewöhnlich gut entwickelt. Andere Kinder aus dem Film hatten die Gelegenheit, private Schulen in Kalkutta zu besuchen. Dadurch konnten sie den Rotlichtbezirk verlassen. Die meisten der Kinder nahmen diese Angebote wahr, einige haben sich aber auch dagegen entschieden.

Frage: Sie schreiben auf Ihrer Website, dass Ihre Organisation an "die Kraft der Kunst, das Leben des Künstlers und des Betrachters zu verändern" glaube. Was heißt das genau?

Lisa Robinson: Es bedeutet die Möglichkeit, durch Kunst mehr Selbstbestimmung zu erlangen. Unabhängig davon, wer man ist oder woher man kommt. Selbst in den düstersten Verhältnissen kann man Schönheit entdecken.

Frage: Wie arbeitet Ihre Organisation?

Lisa Robinson: "Kids With Cameras" ist eine internationale Non-Profit-Organisation. Wir haben ähnlich dem Kalkutta-Workshop vier weitere Fotografie-Schulungen durchgeführt. Momentan legen wir unseren Schwerpunkt als Organisation sowohl darauf, die Ausbildung der beiden Kinder hier in Amerika zu koordinieren, als auch auf die Spendensammlung für unser Wohn- und Ausbildungsprojekt "Hope House". Dort sollen bis zu einhundert Mädchen aus dem Rotlichtviertel Kalkuttas wohnen und lernen können. Wir sind davon überzeugt, dass sie dadurch so stark werden, dass sie ihre eigenen Lebensumstände verändern können. Wir arbeiten hart daran, die restlichen noch benötigten Mittel zu beschaffen und hoffen, Anfang 2010 mit der Umsetzung der Pläne anfangen zu können.

Frage: "Kids with Cameras" hat bisher Workshops in Kairo, Jerusalem, Haiti, Sambia und Kalkutta durchgeführt. Wie suchen Sie die Orte aus?

Lisa Robinson: Die Initiative geht nicht von uns aus, sondern von Leuten, die gern einen Workshop durchführen würden. Wir wählen die Leiter dann danach aus, ob sie außergewöhnlich talentiert sind und eine enge Verbindung und guten Zugang zu den entsprechenden Communities haben.

Frage: Was fasziniert Sie persönlich an den Fotografien der Kinder?

Lisa Robinson: Die Bilder gestatten einen wunderbaren Einblick in ihre Welt. Ich bin fasziniert von ihrer Fantasie und von dem, was sie fotografieren. Die Bilder sind einfach schön, und manchmal vergesse ich, dass sie von Kindern gemacht wurden.

Das Interview führte Silvia Müller, seen.by

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