HipHop im ZDF Sprühen vor Leidenschaft

Rapper, Sprayer, Tänzer: In fünf Filmen stellt das ZDF die Welt des HipHop vor. Die exzellente Sendereihe zeigt Graffiti- und Beatbox-Meister statt platter Gangsta-Klischees - und beweist: Gerade in der DDR fand die HipHop-Kultur einen fruchtbaren Boden.
Von Uh-Young Kim

Ein paar Jugendliche in Kapuzenpullis lümmeln am Bahnsteig herum. Plötzlich springen sie auf. Eine von oben bis unten bemalte S-Bahn fährt in die Station ein. Bunte und virtuos verschlungene Graffiti explodieren vor grauem Beton. Das Meisterwerk auf Schienen fordert die Gruppe zum Battle heraus, dem gewaltlosen Wettkampf in der HipHop-Kultur. Schnell wird der Gegenschlag geplant: ein noch krasserer "Wholetrain" ('ganzer Zug') soll die Herausforderer in ihre Schranken weisen.

Die Szene stammt aus dem gleichnamigen Kinofilm von Florian Gaag. Mit dem rasanten Drama über eine Sprayer-Crew eröffnet das ZDF heute die Reihe "HipHop Don't Stop". Fünf Filme, die die Redaktion des kleinen Fernsehspiels auf den Weg gebracht hat, geben einen umfassenden Blick über die Entwicklung von HipHop in den letzten drei Jahrzehnten.

Die Nachwuchsförderer im ZDF hatten schon früher einen beachtlichen Anteil an der Herausbildung der deutschen Rap-Szene - wie an der globalen Verbreitung von HipHop überhaupt. Anfang der Achtziger finanzierte "Das kleine Fernsehspiel" das gewagte Projekt eines unbekannten New Yorker Filmschaffenden mit. Charlie Ahearn wollte die aufblühende Szene aus Rappern, Sprayern und Tänzern in der Bronx zum ersten Mal als einheitliche Bewegung festhalten.

Großstadt-Guerilleros mit Ghettoblaster

Sein Film "Wild Style" gilt zurecht als das Evangelium der HipHop-Kultur. In dem halbdokumentarischen Film spielen Protagonisten der ersten HipHop-Generation quasi sich selbst. 1983 wurde "Wild Style" im deutschen Fernsehen uraufgeführt. Der Siegeszug vom lokalen Phänomen zur größten Jugendbewegung der Welt nahm von hier aus seinen Lauf. Auf einmal wollten auch Teenager in deutschen Fußgängerzonen coole Großstadt-Guerilleros mit Ghettoblaster und weißen Handschuhen sein.

Natürlich wird "Wild Style" auch beim aktuellen ZDF-HipHop-Schwerpunkt nicht fehlen. Seine stilprägenden Bilder, die glaubwürdigen Charaktere und ihre unbändige Kreativität wirken ohnehin bis in die jüngsten Beiträge der Sendereihe weiter.

Charlie Ahearn hat "Wholetrain" bereits als legitimen Nachfolger seines Klassikers geadelt. Von der verkommenen Bronx verläuft eine ideelle Linie zu den tristen Plattenbauten in der DDR, die den Hintergrund der Dokumentation "Here We Come" bilden. Einblicke in den kreativen Wettstreit der Berliner Beatbox-Szene gibt "Love, Peace & Beatbox".

Mit Babyspeck gegen "Bullenschweine"

Komplettiert wird die Reihe von "Lost In Music - HipHop Hooray", eine Dokumentation, die die Energie der ersten HipHop-Generation in Deutschland Anfang der Neunziger festgehalten hat.

1993 steht deutscher HipHop an der Schwelle zum Massenerfolg. Unbehelligt von der Öffentlichkeit zelebriert eine kleine Szene die Dreifaltigkeit der HipHop-Kultur aus Musik, Tanz und Kunst. Jan Delay gehört dazu, nennt sich noch Eißfeldt und meckert mit leichtem Babyspeck gegen "Bullenschweine".

Derweil watschen die Deutsch-Rap-Pioniere von Advanced Chemistry in einem legendären Interview die geschäftstüchtigen Fantastischen Vier ab. Und nicht nur die Cash-versus-Kreativität-Kontroverse hebt hier an, auch das Thema Migration kommt aufs Tapet. So hat "Lost In Music"-Regisseur Christoph Dreher für Advanced Chemistry das Video zum antirassistischen Rapsong "Fremd im eigenen Land" gedreht. Gegenüber der Power dieses Manifests migrantischer Selbstbestimmung wirkt der aktuelle Rapstar Bushido wie ein missratener Nutznießer der Ära.

Heute wundert sich niemand mehr darüber, wenn auf Deutsch gerappt wird oder ein Einwandererkind sich mit Gangstersprüchen zum Millionär aufschwingt. HipHop ist normal geworden: Auf jeden Schokoriegel kommt ein flotter Reim, selbst der Finanzminister macht auf dicke Hose, und jetzt wird Rap auch noch der neue Schlager.

Dennoch erfindet sich HipHop immer wieder auf der Straße neu. Die Reibung zwischen Gegenkultur und Massenkonsum kristallisiert sich auch als Leitmotiv der Film-Reihe heraus.

In der DDR konnte von Kommerz zwar nicht die Rede sein, die Dokumentation "Here We Come" zeigt aber, dass die Jugendlichen im Arbeiter- und Bauernstaat gegen andere Widerstände zu kämpfen hatten - und ähnlichen Versuchungen ausgesetzt waren.

Abseits von FDJ-Mief und Ostalgie-Klischees

Als die Breakdance-Welle Anfang der Achtziger in den Osten schwappte, war der amerikanische Einfluss auf die DDR-Jugend von offizieller Seite aus unerwünscht. Im Rückblick erweisen sich die prekären Bedingungen als idealer Nährboden für die Generalstrategie der Jugendkultur: Anderssein durch Kreativität. Verbotene Markenlogos wurden selbst aufgenäht, Tanztechniken aus Mangel an Informationen neu erfunden und Kassettenrecorder frisiert.

Während westdeutsche Jugendliche schon dem nächsten Trend hinterherliefen, setzte sich die Bewegung im Osten durch. Den Machthabern blieb nichts anderes übrig, als Breakdance zu instrumentalisieren - amtlich legitimiert durch die Solidarität mit unterdrückten Ghettobewohnern. So vereinnahmt jedes System auf seine eigene Weise das Aufbegehren von unten. Die Archiv-Aufnahmen aus "Here We Come" geben dabei erhellende Einblicke in den Alltag von Jugendlichen in der DDR, abseits von FDJ-Mief und anderen Ostalgie-Klischees.

Für die Regisseure, die "Das kleine Fernsehspiel" unterstützt hat, ist HipHop keine Folie, um Sozialdramen jugendgerecht und pädagogisch wertvoll in Szene zu setzen. Einige standen selbst nachts mit der Sprühdose im Zugdepot. In ihren Filmen tauchen sie in temporäre autonome Zonen ein, um die Leidenschaft und überbordende Kreativität der HipHop-Community einzufangen.

Im Schatten der Konsumgesellschaft geraten ihre Protagonisten in Konflikte mit der Staatsmacht, Familie und Arbeitswelt. Dabei entstehen Geschichten, die Spuren hinterlassen wie die Zeichen an der Wand.


"Wholetrain", 6. Oktober, 0.25h, ZDF
"Wild Style", 13. Oktober, 0.40h, ZDF
"Here We Come", 20. Oktober, 0.00h, ZDF
"Love, Peace and Beatbox", 27. Oktober, 23.55h, ZDF
"Lost in Music - Hip Hop Hooray!", 27. Oktober, 1.05h, ZDF

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