Sibylle Berg

Hochsensibilität Es gibt keine normalen Menschen

Wir mögen uns weniger denn je. Das liegt auch daran, dass Außergewöhnlichkeit heute zur Kampfansage geworden ist.
Menschen in einer Fußgängerzone (in München)

Menschen in einer Fußgängerzone (in München)

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Die Welt teilt sich im Moment nicht nur in links oder rechts, sondern in jene, die sich für normal halten und die anderen, die an etwas leiden und denken, sie müssten daran nicht leiden, wenn sie für ihr Leiden mehr Respekt erführen.

Im Moment sind es besonders viele Hochsensible. Was vielleicht an dem Test  liegt, der gerade auf sozialen Medien geteilt wird. "Laute Geräusche bereiten mir Unbehagen" - soso. Nun. Die meisten Menschen geraten ja bei Sirenentests in Kuschellaune. Gut. Dann eben hochsensibel, was bei ungenauem Hinhören mit hochbegabt verwechselt werden kann, was durch Hollywoodfilme und Berichte als Problem im kollektiven Bewusstsein angelangt ist, das unterdessen sensibilisiert ist. Hochsensibilisiert.

All die neuen psychischen Krankheitsbilder, die ja eigentlich nur sagen - es gibt solche und solche, hatten vielleicht einmal den guten Ideenansatz: Menschen, die meinen, nicht der Norm zu entsprechen, es leichter zu machen, mit dem, was der eine oder andere als unnormal empfinden mag, zurechtzukommen. Sich zu verstehen, zu erklären, seinen Frieden mit sich zu machen.

Menschen mit ADHS fanden andere Menschen mit ADHS, Leute mit Asperger merkten, dass sie nicht die einzigen mit gewissen Beeinträchtigungen waren. Das ist wunderbar, denn nichts ist dem Einzelnen, in dieses mühsame Dasein Geworfenen, mehr zu wünschen, als einige andere zu finden, die ihm sagen: Du bist total in Ordnung.

Weitergehend müsste angefügt werden: Du bist total in Ordnung, wie alle Menschen, solange sie nicht bewusst anderen schaden wollen. Du bist in Ordnung, so wie du aussiehst. Ob du schweigst oder zwanghaft Schimpfworte ausstößt, ob du das Gefühl hast, alle starren dich an, ob du extrem schüchtern, schweigsam, unkonzentriert bist.

Es gibt keine normalen Menschen

Das ist alles prima, denn es gibt keine normalen Menschen. Es gibt nur eine gesellschaftliche Verabredung, wie sich ein korrekter Mensch zu verhalten habe, es gibt sozialen Druck, der sich aus kulturellen Vorgaben bildet. Und aus der Werbung. Und aus den Medien. Und so weiter.

Der normale, also nicht existierende Mensch, der versucht, einem Bild zu entsprechen, Anforderungen aller zu erfüllen, um gemocht und akzeptiert zu werden, ist eher einer der unsympathischen Gesellen. Er spricht nicht in Originaltönen, er zieht an, was unauffällig ist und gut zu reinigen, er poliert seinen Gartenzaun und beißt sich die Knöchel passiv-aggressiv wund.

So. Nun sind also alle hochsensibel, um elegant den Anschluss an den Beginn des Textes wiederzufinden. Das wäre so weit in Ordnung. Der Mensch kann sich einordnen. Ups, denkt er, wenn er beim Klang des Martinshorns erschreckt, holla denkt er, wenn ihn die Stimmung seines Gegenübers beeinflusst, warum bin ich so verwirrt? Ah, richtig. Ich bin hochsensibel.

Das Unangenehme in der Zeit der Überbevölkerung ist, dass jeder der acht Milliarden scheinbar eine überbordende Anteilnahme an seinem zugeschriebenen Alleinstellungsschicksal einfordert. Und zwar laut. Und pöbelnd, wie es sich in unserer vulgarisierten Zeit gehört. Hab Respekt du Arschloch, ich bin kontaktgestört, oder anderweitig einer Gruppe angehörig, die aus Millionen besteht.

Permanent steht man auf einer Tretmine

Aggressiv wird die Außergewöhnlichkeit, keinen Alkohol zu trinken oder nur Röcke tragen zu wollen, keinen Spinat zu essen oder bei Pollenflug zu niesen, zu einer Kampfansage. Seht her, seht mich an, lasst mich in Ruhe, begegnet mir mit Bewunderung.

Das Elend beginnt, wenn sich Einzelne über andere erheben, wenn sie besonderen Respekt einfordern, wenn sie sich für wichtiger erachten und einzigartig. Wenn jeder, denn wie gesagt, eine sogenannte Normalität gibt es nicht, aggressiv auf seine Alleinstellung drängt, wird es ein wenig anstrengend, beziehungsweise, das ist es bereits.

Permanent steht man auf einer Tretmine, weil man irgendwen nicht krankheitsbildgerecht behandelt hat. Was irgendwann erdacht war, um Menschen das Leben mit sich zu erleichtern, erschwert es allen anderen im täglichen Umgang mit all den Tausenden an sogenannten Auffälligkeiten. Und - es hat sich nicht bewährt.

Wir mögen uns scheinbar weniger denn je. Was vielleicht damit zusammenhängt, dass jeder sein Schicksal als Maßstab anlegt. Dass jeder, der in einer heterosexuellen Beziehung mit 7 Kindern lebt, meint, das müsse das Modell sein, das bei allen zum Status Quo wird, dass jeder, der außer seinem Herkunftsort nichts findet, auf das er stolz sein kann, dass jeder, der an seiner Kindheit leidet, einfordert, seine Kränkung weitergeben zu können. Ist. Anstrengend.

Ohne den ausgeprägten Hang zur Selbstgerechtigkeit wäre das Zusammenleben vielleicht ein wenig angenehmer. Vermutlich aber auch nicht. Erträglicher wäre es nur, wenn jeder sich an die ungeschriebene Vorgabe hielte, Menschen, die nicht er sind, absolut in Ruhe zu lassen. Das wird wohl nie was.