Hoffnung auf Tauwetter Moskau gibt erstmals Beutekunst frei

Knapp 55 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs geben sich Deutschland und Russland erstmals gegenseitig Beutekunst zurück. Die Rückführung von Teilen des legendären Bernsteinzimmers sowie der Bremer Blätter soll den "Kalten Krieg" um verschleppte Kulturgüter beenden.


Moskau - Der russische Kulturminister Michail Schwydkoi übergab Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD) und dem Bremer Bürgermeister Henning Scherf (SPD) am Freitag die Ausfuhrgenehmigung für 101 Zeichnungen und Druckgrafiken aus der Bremer Kunsthalle, die ein sowjetischer Offizier eigenmächtig nach Russland mitgenommen hatte. Die Bremer Werke, die seit 1993 in der Deutschen Botschaft in Moskau lagerten, werden schon am Sonntag in der Hansestadt gezeigt.

Zu der Ausfuhrgenehmigung sagte Schwydkoi: "Das ist nicht nur eine Geste des guten Willens, sondern die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit." Dies sei der "Beginn einer neuen Etappe in der kulturellen Zusammenarbeit", die nicht nur Beutekunst umfasse.

"Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit": Schwydkoi (l.) mit Naumann
AP

"Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit": Schwydkoi (l.) mit Naumann

Im Gegenzug werden Naumann und Scherf am Samstag im Katharinenpalast in St. Petersburg ein in Deutschland aufgetauchtes Mosaik und eine Kommode aus dem legendären Bernsteinzimmer im Beisein des neuen russischen Präsidenten Wladimir Putin zurückgeben. Deutsche Soldaten erbeuteten 1941/42 Teile des Zimmers und brachten sie nach Königsberg. 1945 verlor sich die Spur des "Achten Weltwunders".

Naumann bekräftigte in Moskau noch einmal die Ansprüche der Bundesregierung auf die Rückführung weiterer Kunstschätze. Deutschland beharre entsprechend dem Völkerrecht und der bilateralen Verträge auf der Rückgabe von etwa 300.000 verschleppten Kunstwerken und Millionen Büchern aus Russland, sagte der Kulturstaatsminister. Die Bundesregierung sehe nach dem Machtwechsel in Russland Bewegung in der festgefahrenen Beutekunst-Diskussion.

"Ansprüche auf Beutekunst": Schmuckstücke aus dem Priamos-Schatz im Moskauer Puschkin-Museum (1996)
DPA

"Ansprüche auf Beutekunst": Schmuckstücke aus dem Priamos-Schatz im Moskauer Puschkin-Museum (1996)

"Es soll nicht der Eindruck entstehen, dass die Bundesregierung von ihrer Rechtsposition abrückt und die Ansprüche auf die Beutekunst aufgibt", sagte Naumann vor Journalisten. Berlin setze auf "Pragmatik" und eine "Politik der kleinen Schritte". Bei der fast gleichzeitigen gegenseitigen Rückgabe handele es sich nicht um einen "Austausch", sondern um "zwei unabhängige Rechtsakte."

Die Bremer Arbeiten, darunter Werke von Dürer, Goya und Toulouse-Lautrec, fallen nicht unter das Restitutionsgesetz der Duma, das die auf Befehl des sowjetischen Militärkommandos aus Deutschland verschleppte Beutekunst zum Eigentum Russlands erklärt. Naumann sagte, das Duma-Gesetz sei ein "Stolperstein" für Verhandlungen, nachdem durch die bilateralen Verträge von 1990 und 1992 die Übergabe der Bestände "bereits eingeleitet war".

Die russische Regierung schlug Deutschland unterdessen die Einrichtung einer neuen gemeinsamen Kommission für die Lösung des Beutekunst-Problems vor. Das Gremium solle einen Ausweg aus den unterschiedlichen Rechtspositionen suchen, sagte Schwydkoi nach dem Treffen mit Naumann und Scherf. "Wir können schon bald mit normalen Verhandlungen anfangen." Naumann stimmte dem Vorschlag zu. Die bisherige deutsch-russische Regierungskommission für Restitutionsfragen arbeite praktisch nicht mehr.

Naumann wird Putin am Samstag zu einem vertraulichen Gespräch in St. Petersburg treffen. "Ich hoffe klarzumachen, dass die Rückgabe der Kulturgüter mehr als nur eine vertrauensbildende Maßnahme ist", sagte er. Die deutsch-russische Geschichte sei "nicht nur eine Geschichte der Kriege".



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