Hohe Steuern Künstler machen "großen Bogen" um Deutschland

Gab Madonna aus Steuergründen nur vier Konzerte in Deutschland? Die Veranstalter musikalischer Events beklagen die pauschalisierte Besteuerung ausländischer Künstler und befürchten kulturpolitischen Schaden.


Hätte auch zehn Konzerte geben können: Popstar Madonna
REUTERS

Hätte auch zehn Konzerte geben können: Popstar Madonna

Berlin - Vor allem weniger bekannte Künstler würden mittlerweile wegen der Pauschalsteuer in Höhe von 25 Prozent für Honorare sowie Produktions- und Nebenkosten einen "großen Bogen" um Deutschland machen, sagte Peter Schwenkow, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Entertainment AG (DEAG), bei einer parlamentarischen Anhörung von SPD und Grünen am Dienstag in Berlin.

Auch weltbekannte Gruppen und Künstler wie U2, die Rolling Stones oder die Sängerin Madonna würden wegen der hohen Steuerbelastung ihre Gastspiele in der Bundesrepublik auf nur wenige Auftritte beschränken. Angesichts der großen Kartennachfrage hätte Madonna eine Deutschland-Tournee mit mindestens zehn Shows machen können, anstatt nur vier Konzerte in Berlin zu geben, sagte Schwenkow. Durch den hohen Steuersatz seien auch die Ticketpreise gestiegen.

Zwar lässt sich der Rückgang ausländischer Gastspiele seit Einführung der Steuer 1996 nicht genau beziffern. Nach Schätzungen der Branche seien ausländische Gastspiele jedoch um rund ein Drittel zurückgegangen.

Auch kommunale Kulturträger leiden nach eigenen Angaben unter den hohen Abgaben. Da neben Honoraren auch Reise- und Verpflegungskosten besteuert werden müssten, stiegen die Steuersätze in der Praxis auf bis 70 Prozent, sagte die Kulturamtsleiterin des Berliner Bezirks Steglitz-Zehlendorf, Sabine Weißler.

Gerhard Juchum, Ministerialdirektor beim Bundesfinanzministerium, schloss eine Initiative seines Hauses für die auch von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin geforderte "Bagatell-Grenze" nicht aus. Er rechne aber mit Widerstand der Länder. Die Veranstalter fordern unter anderem eine "radikale" Vereinfachung der Bestimmungen. Bei Einladungen durch öffentlich geförderte Veranstalter werden ausländische Ensembles mit bis zur vier Mitgliedern als Solisten betrachtet und einzeln zur Kasse gebeten. Größere Gruppen gelten in solchen Fällen als "Kulturochester" und müssen keine Steuer entrichten.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.