Holger Friedrich und seine Stasi-Akten Ein "schlechter Scherz" mit Folgen

Ein Expertenduo sollte die Stasi-Kontakte des neuen "Berliner Zeitung"-Verlegers Holger Friedrich analysieren. Es gibt eine Täterakte, es gibt eine Opferakte - und einen Kampf um die Deutungshoheit.
Verleger Holger Friedrich

Verleger Holger Friedrich

Foto: Britta Pedersen/ DPA

Am Mittwoch, dem 11. Dezember gegen 10 Uhr, schreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk eine Mail mit etwa folgendem Inhalt: Nein, er sei im Wort bei der "Berliner Zeitung". Die würde am Freitag die von ihm und der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, erarbeitete Expertise auf etwa sechs Seiten dokumentieren. Er sei im Wort beim Berliner Verlag. Schließlich geht es um Holger Friedrich, der ihn mit seiner Frau vor Wochen erwarb und über den die "Welt" herausfand, dass er als Stasi-Spitzel gedient habe.

Wenige Stunden später ist der Historiker voller Zorn. Denn über die Agenturen läuft eine Vorabmeldung  der "Zeit" über die Opferakte von Holger Friedrich. In der Meldung ist von zehn IMs die Rede, "mindestens" zehn, die auf ihn, Friedrich, angesetzt worden seien. "Blödsinn", zischt Ilko-Sascha Kowalczuk. Und schimpft über die "Berliner Zeitung": Von "Vertrauensbruch" ist die Rede, von stundenlanger Arbeit und übrigens sei das mit den zehn Spitzeln totaler Quatsch. Wieder Stunden später liegt der Bericht der "Zeit"  vor, ein Porträt der Friedrichs, geschrieben von Jana Hensel.

"Bernstein" und "Habicht"

So tobt im Jahr 30 nach dem Mauerfall die Schlacht um die Deutungshoheit der Geschichte. Und dabei geht es nicht nur um Wahrhaftigkeit, sondern vor allem um Tempo und um das, was "hängen" bleibt. Ein Sticker, eine Schlagzeile, ein Vorurteil.

Im Falle Friedrich kann die "Welt" den ersten Einschlag verbuchen. Da Friedrich jede Chance versäumte, über die einstigen, eigenen Stasi-Kontakte zu sprechen, schlägt deren Meldung über die Akte des früheren Inoffiziellen Mitarbeiters Friedrich so ein, als habe jemand das Unterdeck eines Schiffs zertrümmert. Hubertus Knabe, Ex-Chef der Stasi-Gedenkstätte ist ganz aus der Fassung und der Chef von "Bild" spricht davon , dass nun, nach 30 Jahren die Stasi wieder das Sagen habe in der "Berliner Zeitung". Als habe ein Kommando Erich Mielke die "Berliner Zeitung" im Handstreich übernommen.

Die Klügeren und die Ehrlicheren (als Friedrich) in der Redaktion der "Berliner" kommen dann auf die Idee, Marianne Birthler und Ilko-Sascha Kowalczuk zu bitten, in aller Ruhe die Akten zu Friedrich zu analysieren. Denn offenbar gibt es zu ihm nicht nur die IM-Akte "Bernstein", sondern auch eine mit dem ornithologisch anmutenden Titel "Habicht", einen Operativen Vorgang. Kowalczuk und Birthler gelten als Autoritäten mit Neigung zur differenzierten Weltsicht.

Zu erwarten ist von beiden eher ein Sowohl-als-auch. Und der Appell an die Leser und Leserinnen, sich - ganz im Sinne von 1989 - selbst ein Bild zu machen. Roland Jahn, Birthler-Nachfolger, hatte schon fuchsschlau im Radio erklärt: Ob ein Taxifahrer bei der Stasi gewesen sei, das ist nicht so wichtig. Man erwarte von ihm nur, zur richtigen Adresse gebracht zu werden. Und hatte den Zuhörern das Urteil über andere Berufsgruppen überlassen.

Aber da war wohl der unruhige Herr Friedrich vor, der - wie im Falle der "Zeit" - mal Interviews absagt, mal - wie im Falle des SPIEGEL - den Anwalt einschaltete und auf diese Weise die Zahl seiner Anhängerschaft beharrlich zu vergrößern versteht. Denn feig ist es doch beides, oder? Jedenfalls für einen großen Manifest-Autor, der so gern sein Foto in seiner Zeitung sieht.

Überall etwas böses Großes oder großes Böses vermutet

Unruhig (oder umtriebig) wie er ist, lässt er "Zeit"-Autorin Jana Hensel in seine Akte "Habicht" blicken, nur - so jedenfalls wird behauptet - seine Kollegen von der "Berliner", die Birthler und Ko. beauftragten, wissen nichts davon, als die Vorabmeldung über den Ticker rasselt. Die angeblich zehn auf Friedrich angeblich angesetzten Spitzel, sind - laut Kowalczuk - so falsch, dass vermutlich das "Welt"-Knabe-"Bild"-Lager jubeln wird. Womit die nächste Runde eingeläutet wäre und der erneute Versuch beginnen wird, Friedrich ein "Etikett" zu verpassen. Kowalczuk und Birthler schrieben dazu: "Alle, die sich die Mühe machen" würden zu ihrer eigenen "Einschätzung" kommen. Das scheint im Zeitalter der Hochgeschwindigkeits-Debatten doch etwas viel verlangt.

Ach so: Was in dem Dossier der beiden über Friedrich  steht? Ja, die Akte "Habicht", also die Opferakte, angelegt während Friedrichs Zeit bei der NVA, die gäbe es. Briefe seien geöffnet worden, der Schrank durchsucht worden. Auf folgende Sätze, adressiert an einen Mitsoldaten, seien die Stasi-Leute etwa gestoßen: "Ich darf dich begrüßen in unserer Mitte der Kämpfer gegen Geld und zu viel Macht! Momentan finden wir für dich zwar keine Verwendung, da Panzerfäuste wie hinlänglich bekannt zu demoralisierend wirken ... Du kannst dich in Aktionen als Vorkämpfer beweisen ... Du weißt, wir haben nur die Alternative des Märtyrertums!"

Man muss diesen pubertären Quark mehrfach lesen, um ihn einzuordnen. Und man kann ja mal drüber nachdenken, was man selbst in diesem Alter gedacht hat.

"... dies ist ein Scherz, ich gebe zu ein schlechter, füge noch hinzu ein sehr, sehr schlechter!", schrieb Friedrich alias Habicht alias Bernstein später selber. Aber - und das lehrt die Geschichte auch dieser Akte: Kein noch so blöder Scherz entging den "Organen". Und hinter jedem noch so blöden "schlechten Scherz" gelang es diesem Ministerium etwas böses Großes oder großes Böses zu vermuten.

Nur erstaunlich, welche Scherze noch heute für Schmerzen sorgen. Weil die einen zu wenig und die anderen zu viel reden, wird der Genosse Minister noch manch Triumph postum feiern. Nach 30 Jahren - wer hätte das gedacht.

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