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10. Dezember 2001, 19:05 Uhr

Hollywood

Die tierischen Leidenschaften der Stars

Von Helmut Sorge

Kaum ein Volk ist vernarrter in seine Haustiere als die Amerikaner. Die "Pets" der Präsidenten beschäftigen die Medien zuweilen mehr als die politischen Inhalte. Logisch, dass auch Hollywood seit langem tierische Traditionen pflegt, von den Stars ganz zu schweigen.

Wetten, dass... Thomas Gottschalk Schwein hat? Hat er. Aber er hat auch ein echtes. Das Vieh hört auf den Namen Spike und verweigert jedweden Gehorsam. Wie soll's auch anders sein: "Spike" ist ein Verstoßener, hinterlassen vom Hausvorbesitzer saust er nun über die grünen Wiesen, die das kalifornische Land des deutschen Entertainers umgeben. Die zwei Gottschalk-Hunde "Mogli" und "Balu", von der edlen Rasse der Pyrenäen-Berghunde, haben nicht gejault, weder aus Freude noch aus Verzweiflung, weil bei den Gottschalks eigentlich ohnehin täglich etwas Neues zu bekläffen ist. Seit einigen Wochen ignorieren die Hunde ihre Sau, da die sowieso aus einem anderen Topf schlabbert.

Auch Gottschalks Entertainment-Kollege George Clooney ist aufs Schwein gekommen, Max benannte er das Tier. Es zählt wie Gottschalks Spike zu den Vietnamesischen Hängebauchschweinen, von denen eine kalifornische Züchterin, Gayle Spears, im Jahr rund zwei Dutzend absetzt, weil's "einfach putzige Tierchen" sind, wie sie sagt. "Max", das ist sicher, genießt auf jeden Fall das, wovon so manche Hollywood-Schöne träumt - die absolute Zuneigung des Junggesellen Clooney.

Beliebter als der Präsident: Bill Clinton mit Haustieren "Socks" und "Buddy"
AP

Beliebter als der Präsident: Bill Clinton mit Haustieren "Socks" und "Buddy"

Amerika ist in der Tat ein tierisches Land, womöglich der größte Zoo auf Erden. Schätzungsweise 7000 Tiger und Löwen streifen durch die Vorgärten der Nation, hocken in Garagen oder hinter Gittern auf irgendeiner Farm - so viele Großwildkatzen vermutlich, wie in Indien oder Afrika in Freiheit leben. Etwa 60 Prozent aller US-Haushalte leben mit Tieren aller Art: Das sind Python-Schlangen, zehn Millionen Zierfische in Aquarien, Häschen im Kinderzimmer, die ewig tretenden Hamster, die auch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten keinen Zentimeter vorankommen und wahrscheinlich deshalb nach zwei, drei Jahren tot umfallen, spuckende Lamas, schnappende Krokodile, mehr als 66 Millionen Katzen und Kater oder Hunde aller Rassen (nahezu 60 Millionen). 40 Millionen US-Bürger haben immerhin einen Vogel. Der Gesamtumsatz allein der mit Ernährung und Pflege von Katzen und Hunden beschäftigten Industrie wird im Jahre 2001 auf rund 28,5 Milliarden Dollar beziffert.

Von den 43 bisherigen US-Präsidenten lebten nur drei ohne einen tierischen Hausgenossen. Vielleicht weil auf sie ein Rat ihres Kollegen Harry S. Truman zutraf: "Wenn du in Washington einen Freund haben willst, dann leg dir einen Hund zu" - oder zumindest irgendein Tier. Thomas Jefferson, ein echter Macho offenbar, ließ einst Grizzlybären vor dem Weißen Haus in einen Käfig sperren. John Quincy Adams ließ einen Alligator in einer der Badewannen der Staatsgemächer schwimmen.

Beste Freunde: Magazin-Titelblatt über die Hunde-Helden von New York
Best Friends

Beste Freunde: Magazin-Titelblatt über die Hunde-Helden von New York

In den ersten zwölf Tagen, nachdem auch Bill Clinton auf den Hund gekommen war (am 6. Dezember 1997 erwarb er einen Labrador, den der Staatschef auf den Namen "Buddy" taufte), berichteten 37 führende Zeitungen der Nation in insgesamt 240 Beiträgen über das Präsidenten-Tier, ermittelten Medien-Forscher unlängst. Und selbst die der Clinton-Tochter Chelsea zugeordnete Katze namens "Socks", die "Buddy" stets mit aggressiven Pfotenschlägen aus ihrem Revier zu vertreiben suchte (sie hat nun Asyl bei Clintons ehemaliger Privatsekretärin Betty Curry gefunden), wurden in diesen ersten zwölf Tagen häufiger in Artikeln erwähnt (71-mal) als die damaligen Präsidentschaftskandidaten, die Steven Forbes (50) hießen, Bob Kerry (22) oder auch George W. Bush, der Journalisten damals bescheidene 52 Nennungen wert war.

Inzwischen sind die Bush-Hunde "Spot", ein Springer-Spaniel, sowie "Barney", ein Scottish Terrier, sogar auf den Titeln der nationalen Gazetten abgedruckt worden, etwa im vergangenen November bei "Newsweek" mit einer bildlich-biblischen Botschaft: "Fürchtet euch nicht" - das Präsidentenpaar, davor die Vierbeiner, Mensch und Tier harmonisch vereint im kriegerischen Chaos.

Tiere bewegen das Volk offenbar mehr als die Politiker. Barbara Bush, die Ehefrau von George Bush Senior, die aufgeschrieben hat, wie ihre "Millie" die vier Präsidentschaftsjahre aus der tierischen Perspektive, sozusagen mit Blick auf Schuhe und Tischbeine, bewertete, verkaufte von ihrem "Millie's Book: As dictated to Barbara Bush" mehr Exemplare als ihr Ehemann von seinen Memoiren.

Die wahren Stars im Weißen Haus: Bush-Hunde "Spot" (l.) und "Barney" (r.)
AP

Die wahren Stars im Weißen Haus: Bush-Hunde "Spot" (l.) und "Barney" (r.)

Nachdem die Terroranschläge der Taliban die Nation aus ihrer Selbstgefälligkeit gerissen und jene Überzeugung beschädigt haben, nach der Amerika immer noch "God's own country" ist, berichteten Reporter von "Ground Zero" nicht allein über Tragödie oder Rettung der Menschen, sondern auch über das Schicksal der Tiere. Wie etwa über den Blindenhund "Dorado", der sein Herrchen aus dem 70. Stockwerk des World Trade Center zog, obwohl er ihm den Befehl gegeben hatte, dem Inferno allein zu entkommen.

Oder darüber, wie ein Tierschützer, Hauptberuf Veterinär, sich weiter aufopfernd um die von der Suche nach Überlebenden erschöpften Kadaver-Spürhunde mühte, obgleich er gerade die Mitteilung erhalten hatte, dass seine Schwester, eine Stewardess, in einer der Maschinen getötet worden war, die in die Twin Towers geflogen wurden. Tausende Tonnen Tierfutter und Medikamente wurden in den Tagen nach der Katastrophe von Tierschützern nach Manhattan transportiert. Am Pier 40, unweit vom Katastrophenchaos, richtete die Stadt einen "Animal Control Command Post" ein, von dem aus die Hilfsaktion für Tiere koordiniert wurde.

Hunde im Katastropheneinsatz: Tausende Tonnen Tierfutter
Best Friends

Hunde im Katastropheneinsatz: Tausende Tonnen Tierfutter

In jenen Tagen nach der Katastrophe blieb kein Auge trocken. Tiere wie beispielsweise der Adler, der Amerikas Wappen schmückt, vor allem aber natürlich Pferde, symbolisieren die Geschichte Amerikas, den Drang nach Westen, die Erschließung des wilden Hinterlandes. Entsetzt reagieren Amerikaner auf die Information, dass Franzosen, auch Hauptstädter, selbst dieser Tage noch in der "boucherie chevaline" ihr Pferde-Steak einkaufen und das Fleisch als kräftestärkende Delikatesse genießen. Nein, in den USA ist das Pferd - beinah - heilig: Es zog die Planwagen, trug die Cowboys, die Kavallerie. Die Einwanderer vergangener Generationen sattelten dafür eher selten auf, weil sie in den Großstädten schuften mussten, statt die Prärie zu durchreiten. Aber oft waren sie einsam, entwurzelt und sprachlos in der neuen Welt. Trotz ihres kargen, oft erbärmlichen Lohns suchten sie daher die Gegenwart der Vierbeiner, weil diese ihnen uneingeschränkt und ohne Rücksicht auf Hautfarbe oder Sprachprobleme Zuneigung sicherten, für eine Hand voll Knochen oder einen Fischkopf.

Natürlich ist auch die Geschichte Hollywoods eng mit den Schicksalen diverser Vierbeiner verknüpft. Bereits in der Stummfilmzeit rührten Tiere von der Leinwand herab die Seelen der Amerikaner: "Rintintin" etwa, ein deutscher Schäferhund, trat in 23 Hauptrollen auf. Sein Lohn: Limousine, Chauffeur, ein diamantenbesetztes Halsband, Musikberieselung je nach tierischer Gemütsverfassung und, last not least, ein Leibkoch, der auf Filets spezialisiert war.

Unlängst entdeckte der amerikanische Autor Willard Carrol die "Erinnerungen" des vor sechs Jahrzehnten verstorbenen Film-Hundes "Toto" alias "Terry", eines Cairn Terriers. "Toto" war von ihrem Herrchen, dem deutschen Einwanderer Carl Spitz, in dessen "Hollywood Dog Training School" dressiert und zu Weltruhm gebracht worden, etwa in "The Wizard of Oz", in dem die Hunde-Diva laut Drehbuch eine große und laute Rolle spielte: Sie musste insgesamt 44-mal bellen. Fritz Lang besetzte "Toto" in seinem Drama "Fury" und besprach die Regieanweisungen mit Spitz auf Deutsch, einer Sprache, von der "Toto", wie sie in ihren Memoiren verriet, weder "head nor tail" verstand, was in der Hundewelt wohl bedeutet: "Daraus wird keine Sau schlau."

Tier-Magazin: 40 Millionen Amerikaner haben eine Vogel...
Best Friends

Tier-Magazin: 40 Millionen Amerikaner haben eine Vogel...

Tiere, so hatte Hollywood früh erkannt, kamen an beim Kinovolk, also ließ ein Hollywood-Pionier namens Walt Disney, der dieser Tage bekanntlich seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, bereits Ende der zwanziger Jahre eine Welt der Tiere zeichnen, in der Mäuse, Enten, Schweine und Hunde menschlich agierten, Blumen sprachen und Bienen im Chor sangen. Andere Tiere machten ebenfalls Karriere: Der Collie "Lassie", klug und treu zugleich, konkurrierte mit einem sprechendem Gaul namens "Mr. Ed" und einer Vielzahl von Vierbeinern, die in Hollywood zu Ruhm kamen: Das Schweinchen "Babe" wurde 1995 sogar für einen Oscar nominiert. Tatsächlich aber teilten sich die Rolle von "Babe" etwa 48 verschiedene Schweine, da die Borstenviecher schneller fett wurden, als die Kameraleute drehen konnten.

Zehn Millionen Dollar jährlich setzt der US-Maler George Rodrigue mit einem von ihm kreierten "Blue dog" ab - eben brachte sein Verlag das achte Werk auf den Markt: "Blue dog in love". Zwei seiner "Blue dog" - Gemälde haben die Bushs sogar im Weißen Haus aufhängen lassen, Der Kopierer-Konzern Xerox zahlte dem Künstler sieben Millionen Dollar für die Nutzung des blauen Hündchens für eine Anzeigenkampagne. "Einfach tierisch", dieser Erfolg, so Rodrigue, der pro Original-Gemälde inzwischen mehr als 250.000 Dollar kassiert.

Zu den Sammlern zählen sowohl TV-Persönlichkeiten wie der News-Moderator Tom Brokaw, wie auch Hollywood-Star Whoopie Goldberg. Denn - wie das restliche Amerika - ist natürlich auch ganz Hollywood in Tiere vernarrt: Hollywood-Reiseführer erzählen den Touristen nicht nur, in welchem Haus Marilyn Monroe Selbstmord verübt hat (12300 Fifth Helen Drive, Brentwood), sondern wie der Pudel hieß ("Mafia"), den ihr - angeblich - Frank Sinatra schenkte. Bei den Trauerfeiern von Jack Lemmon erinnerten Freunde daran, wie sehr der Darsteller seinem Pudel "Chloe" verbunden war, der stets beim Drehen zusah und, wenn er sich langweilte, allein zum Wohnwagen des Stars zurücklief.

Ponkie, Poppel, Piffel, Pinki, Pipsi, Putzi und Kiki - lesen Sie am kommenden Montag (17. Dezember), wie tierisch vernarrt so manche Hollywood-Stars (unter anderen Wolfgang und Maria Petersen, Drew Barrymore, Ralf Möller, Dennis Hopper, Charlize Theron, Kim Basinger) in ihre "Pets" sind.

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