Hollywood-Stars Viagra fürs Theater

Immer mehr Hollywood-Schauspieler zieht es von der Leinwand auf die Bretter, die die Welt bedeuten - ans Theater. Ob Nicole Kidman, Madonna oder Daniel Day-Lewis, sie alle können auf das ungeteilte Interesse des Publikums zählen, ob sie nun als Bühnendarsteller fesseln oder nicht.

Von Helmut Sorge, Los Angeles


Schauspielerin Kidman in "The Blue Room": "Reines Theater-Viagra"
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Schauspielerin Kidman in "The Blue Room": "Reines Theater-Viagra"

"Hamlet" ungekürzt. Mehr als vier Stunden Shakespeare - ein Solo-Werk für Schauspieler, die Nerven haben, Selbstvertrauen und Talent. Daniel Day-Lewis hat's versucht - und nach einigen Wochen wegen Erschöpfung aufgegeben - mitten in einer Vorstellung. Dabei ist er Perfektionist und Pedant, wenn es um die Authentizität einer Rolle geht: Während der Drehpause des Films "Mein linker Fuß" hat er, da er einen Invaliden spielte, den Rollstuhl gar nicht erst verlassen. Für seine Hingabe wurde er am Ende mit einem Oscar belohnt. Für seine Rolle in Martin Scorseses "Gangs Of New York" hat sich Day-Lewis bei einem Schlachter in London Lehrstunden genommen. Er wollte vor Beginn der Dreharbeiten wissen, wie sein Charakter Bill "The Butcher" Poole mit dem Messer arbeitete.

Der Ire, dessen Mutter die Schauspielerin Jill Balcon war, ihr Vater Boss der britischen "Ealing Studios", hat in Hollywood nicht als Kofferträger oder Kellner arbeiten müssen wie so mancher Kollege. Day-Lewis hat als Bühnenschauspieler begonnen und wurde gefeiert für seine Arbeit bei der "Royal Shakespeare Company". Hollywood hat ihn entdeckt wie nahezu ein halbes Jahrhundert zuvor Peter O'Toole oder Richard Burton, der im wahrsten Sinne aus dem Kohlenkeller aufstieg - sein Vater war ein Bergbauarbeiter. Day-Lewis hat sich überzeugen lassen, in Hollywood zu arbeiten, gelegentlich.

Bühnen-Star Newman: Ausgebucht bis zum 78. Geburtstag
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Bühnen-Star Newman: Ausgebucht bis zum 78. Geburtstag

Aber das Theater, die Bühne, die Herausforderung, der direkte Kontakt mit dem Publikum, hat ihn immer wieder verführt - etwa dazu, den "Hamlet" im Londoner National Theatre zu spielen. Der 45-Jährige ist mit Rebecca Miller verheiratet, der Tochter des Schriftstellers Arthur Miller, der mit seinem Schwiegersohn die Leidenschaft für die Bühne teilt. Day-Lewis ist ein gutes Beispiel für jene Filmstars, die trotz der Millionengagen von Hollywood nicht auf das Theater, die Intimität, den Kampf mit dem Text, die Nervosität und das berühmte Lampenfieber verzichten wollen.

Im Januar nächsten Jahres wird Antonio Banderas am Broadway auftreten, in "Nine", einer Bühnenversion von Frederico Fellinis Filmklassiker "8 ½", in dem Marcello Mastroianni einen alternden Regisseur darstellte, der auf sein Leben zurückblickt und sich an die von ihm geliebten Frauen erinnert. Glenn Close, Jahrgang '47, für Darbietungen in "Fatal Attraction" oder "Gefährliche Liebschaften" von Kritikern hochgelobt, gastiert derzeit im Londoner Lyttelton Theatre in "A Streetcar Named Desire". Ihre Kollegin Sigourney Weaver trat unlängst in einem von ihrem Ehemann (Regisseur Jim Simpson) betriebenen Mini-Theater namens "The Flea" im New Yorker In-Viertel Tribeca in einer wahren Geschichte auf: Eine Journalismus-Professorin hilft einem Feuerwehrhauptmann dabei, die Nachrufe für seine Kameraden zu verfassen, die in der Attacke auf das World Trade Center getötet wurden.

Theatermann Day-Lewis (mit Ehefrau Rebecca Miller): An "Hamlet" gescheitert
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Theatermann Day-Lewis (mit Ehefrau Rebecca Miller): An "Hamlet" gescheitert

Paul Newman, der ergraute Hollywood-Beau, und Frau Joanne Woodward sowie Warren Beatty und Gattin Annette Bening wollen ihre Fans in der ersten Novemberwoche auf der Bühne des Kodak Theaters in Hollywood, dort wo der Oscar zelebriert wird, mit der Hemingway-Story "The World of Nick Adams" unterhalten. Die Einnahmen aus der Theatervorstellung sollen einer Organisation zufließen, die sich um Kinder mit lebensbedrohenden Krankheiten bemüht. Am 22. November hat Newman zudem in Thornton Wilders "Our Town" am Broadway Premiere. Neun Wochen Theater, bis hin zum 78. Geburtstags des Stars am 26. Januar. In den ersten fünf Vorverkaufstagen setzte das Theater Tickets im Wert von 1,5 Millionen Dollar ab.

So manche Klatschgeschichte lässt Hollywoodstars als verwöhntes Ensemble erscheinen: Privatjets, PR-Agenten, Forderungen wie das Hotelzimmer mit weißen Lilien auszuschmücken oder Bodyguards, Hellseher und Fitnesstrainer bei den Dreharbeiten bereitzuhalten. Zuweilen ist es tatsächlich so, vor allem bei jenen, die aus dem Nichts kamen und aus der billigen Absteige in Millionen Dollar teure Anwesen umziehen. Sie haben nie ein Theater von innen gesehen, nie unter der Strenge der Schauspiellehrer gelitten, nie Texte lernen und dann auf die Bretter treten müssen - allein, vor sich ein dunkler Raum, in denen die Kritiker hocken, die Skeptiker.

Für andere wiederum ist Theater Leidenschaft. Für Hollywood-Stars wie Kevin Spacey, Kevin Kline, Meryl Streep oder Dustin Hoffman, der unlängst in einer feinen Villa in Pacific Palisades mit seiner jungen Kollegin Amanda Peet einen Einakter vorführte - zugunsten eines Theaters, das die ehemalige Opernsängerin Dale Franzen in Santa Monica etablieren will.

Kathleen Turner (l.) als Mrs. Robinson: Immer wieder wagen sich die Stars ins Rampenlicht
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"Nicht eine Sekunde", so Franzen, habe Hoffman gezögert, das Projekt zu unterstützen, er sei "Theatermann durch und durch". Kollege Tim Robbins ("The Player"), der - nach eigener Erinnerung - seit seinem 12. Lebensjahr Bühnen-Regie führt, gründete schon vor 20 Jahren das "Actor Gang Theatre". Unlängst brachte er "Mephisto" nach Hollywood, Klaus Manns Roman über einen Schauspieler, der sich den Nazis anpasst, um seine Karriere zu retten. Zur Premiere buchten Hollywood-Freunde wie Meg Ryan, Mike Myers, Winona Ryder und Mira Sorvino Plätze.

Nur wegen "des Spaßes an der Sache" ist Gwyneth Paltrow - 1999 für ihre Darstellung in "Shakespeare In Love" mit dem Oscar geehrt - in London mit dem Stück "Proof" auf die Bühne gegangen, für 510 Dollar Wochengage, was etwa dem Preis für ihren Coiffeur in Beverly Hills entspricht. Das Publikum, vermutete ein Kommentator der BBC, sei gekommen, um zu sehen, wie die Hollywood-Schöne "auf die Nase fällt" - tatsächlich beeindruckte die Schauspielerin durch "Charisma wie Selbstbewusstsein und bewies, dass sie auf dem Filmset wie auf der Bühne gleichermaßen perfekt zurechtkommt".

Popstar Madonna: Gemischte Kritiken im Londoner Westend
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Popstar Madonna: Gemischte Kritiken im Londoner Westend

"London is Calling", meldete das Klatschmagazin "People", denn so wie Paltrow versuchen sich immer mehr US-Schauspieler auf den Bühnen im Londoner Westend - zuweilen nur einige Tage, oder, wie Popstar Madonna, gleich für ganze zehn Wochen. Die Vorstellungen der Popdiva waren weitgehend ausverkauft und das nicht nur wegen der wohl eher mäßigen Schauspielkunst, wie der "Guardian" resümierte: "Die Leute wären auch gekommen, wenn sie aus dem Telefonbuch vorgelesen hätte".

Als Nicole Kidman in "The Blue Room" ihre Kleider und die Unterwäsche fallen ließ, "hätten die Darsteller auch Japanisch sprechen können, ohne dass das jemand bemerkt hätte", denn "gierig waren wir damit beschäftigt Nicole Kidman anzustarren (die Männer) oder auf ihren Körper nach Cellulitis zu spähen (die Frauen)", hämte die britische Zeitung. Tatsächlich lobten andere Kritiker die Darstellung Kidmans als "reines Theater-Viagra".

Trotz der teilweise beißenden Kritiken, etwa gegen Kathleen Turner, 47, die in New York in "The Graduate" die Hauptrolle spielte und ihre Blöße offenbarte ("Variety": "Ihr Körper war in besserem Zustand als ihre Schauspielkunst"), oder Madonna ("Time": "Paltrow kann spielen, Madonna ist eine Fälschung"), wagen sich die Stars immer wieder in das Rampenlicht. Der ehemalige "Magnum"-Star Tom Selleck schätzt die Bühne ebenso wie Vanessa Redgrave, die mit ihrer Tochter Joely Richardson in Oscar Wildes "Lady Windermere's Fan" auftrat. Nicole Kidman steht im nächsten Frühjahr mit "Twelfth Night" wieder auf einer New Yorker Bühne.

"Theater", sagt Matt Damon, der in London in dem Stück "This Is Our Youth" gastierte, unterstützt von Casey Affleck, dem Bruder von Ben, und Summer Phoenix, der Schwester von River, "ist aufregend. Wie sich die Beziehung zum Publikum entwickelt, wie man sie gewinnt oder verliert und sie dann zurückgewinnt" - oder auch nicht." Daniel Day-Lewis beispielsweise verließ den "Hamlet" und kehrte nie zurück.



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