Holocaust-Eklat Finkelstein und die Folgen

Der Erscheinungstag der umstrittenen deutschen Ausgabe des Finkelstein-Buches "Die Holocaust-Industrie" endete mit einem Eklat. Ein Vorgeschmack auf die Diskussionen und Auseinandersetzungen der kommenden Wochen?

Von Tillmann Bendikowski


"Wissenschaft für alle": Autor Norman Finkelstein bei der Vorstellung seines Buches in Berlin
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"Wissenschaft für alle": Autor Norman Finkelstein bei der Vorstellung seines Buches in Berlin

Eine prominent besetzte Podiumsdiskussion in der Berliner Urania mündete in Tumulten, als zunächst Demonstranten gegen die Thesen des amerikanischen Politikwissenschaftlers Spruchbänder entrollten und schließlich andere Besucher rechte Parolen skandierten und eine Prügelei provozierten. Im Saal griff die Polizei ein, auf dem Podium gab es betretene Mienen - vielleicht eine Kostprobe dessen, was Norman Finkelstein und der Münchner Piper Verlag in den nächsten Tagen und Wochen erwarten dürfen.

Von Beginn an wurde die von Johannes Willms ("Süddeutsche Zeitung") moderierte Diskussion von deutlichen Reaktionen aus dem Publikum begleitet. So erntete Norman Finkelstein für die einleitende Vorstellung seiner inzwischen bekannten Thesen von der Ausbeutung der Holocaust-Opfer durch eine vermeintlich amerikanisch-jüdische Elite gleichermaßen ostentative Zustimmung wie lautstarke Kritik. Bald wurden die meisten Statements des Historikers Peter Steinbach oder der Schriftsteller Sten Nadolny und Rafael Seligmann von lautstarken Emotionen aus dem gefüllten Publikumsreihen begleitet.

Als Willms die Besucher zum nötigen Ernst und mehr Ruhe aufforderte, weil die Veranstaltung doch in Funk und schließlich Fernsehen übertragen werde, erntete er nur Gelächter. Überhaupt war das Verhalten des Publikums an diesem Abend weitaus interessanter als die Statements auf dem Podium. Es zeigte sich, wie viel Irrationalität diese Berliner Veranstaltung begleitete: Viele Besucher nahmen Finkelstein und sein Buch zum Anlass, ihre ideologischen Versatzstücke zum Besten zu geben; die einen warfen Finkelstein antisemitische Hetze vor, andere klagten lauthals ein wie auch immer geartetes Recht der Vertriebenen ein und mancher nutzte nur schlicht die Gelegenheit, den Historiker Peter Steinbach als "Volksverhetzer" zu beleidigen.

Diese Irrationalität könnte die weitere Rezeption des Buches begleiten; eine Entwicklung, vor der unter anderem einige führende deutsche Historiker im Vorfeld gewarnt hatten. Die Geschichtswissenschaft wird sich allerdings nolens volens mit der Provokation Finkelsteins auseinander setzen müssen. Denn die Berliner Generalprobe hat gezeigt, dass seine Thesen, mögen sie auch haltlos erscheinen und mit methodischen Schwächen behaftet sein, in Deutschland auf fruchtbaren Boden fallen.

Als der Abend zu Ende ging, die Besucher sich langsam verliefen und die letzten Polizeiwagen sich wieder auf den Weg machten, wurde es langsam stiller an der Urania - nur an der Fassade prangte in großen Lettern die programmatische Forderung des traditionellen Berliner Treffpunkts für kontroverse Debatten: "Wissenschaft für alle". Dies war an diesem Abend in der Tat der Fall.



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