Holocaust-Forschung "Ein Abiturient muss es verstehen können"

Sechs Historiker, ein Mammutprojekt: Zum Holocaust-Gedenktag erscheint ein neuer Band der 16-teiligen Quellensammlung zur Ermordung der Juden. Mitherausgeberin Susanne Heim sprach mit SPIEGEL ONLINE über das große Interesse an den dicken Wälzern und über institutionalisiertes Gedenken.

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Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee die von der SS in Auschwitz-Birkenau zurückgelassenen KZ-Häftlinge. Pünktlich zum "Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus" erscheint der vierte Band der Reihe "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1943 -1945". Das Buch ist einer von insgesamt 16 Bänden, in denen Quellen zum Holocaust veröffentlicht werden. Sechs Historiker zeichnen als Herausgeber der aufwendigen Quellenedition zur Vernichtung der Juden in Polen - darunter auch die renommierte Holocaust-Forscherin Susanne Heim.

SPIEGEL ONLINE: Frau Heim, wusste die Führung Nazi-Deutschlands zum Zeitpunkt des Überfalls auf Polen, was sie mit den Juden machen wollte?

Heim: Die systematische Ermordung der europäischen Juden war damals noch keineswegs beschlossen. Die Deutschen hatten, wie die Dokumente unseres neuen Bandes zeigen, keinen strikten Plan. Sie trieben die Juden in die Flucht, setzten sie massenhaft zur Zwangsarbeit ein, richteten dann wieder provisorische Reservate und Ghettos ein, die aber zunächst nicht hermetisch abgeriegelt, zum Teil auch wieder aufgelöst wurden. Es herrschte vielfach Chaos.

SPIEGEL ONLINE: Sind sich die Experten inzwischen darüber einig, wann die Führung des NS-Staates die Ermordung der Juden beschlossen hat?

Heim: Nein. Es gibt darüber weiterhin eine Debatte. Konsens ist nur, dass die Entscheidung für die Ermordung der Juden im Herbst und Frühwinter 1941 getroffen worden sein muss. Aber unabhängig vom Fehlen des Mordbeschlusses gingen viele Soldaten und SS-Leute schon beim Einmarsch in Polen mit hemmungsloser Gewalt gegen die Juden vor. Der vorliegende Band endet im Sommer noch vor Beginn der systematischen Vernichtung. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits Zehntausende polnischer Juden ermordet worden oder in den Ghettos an Hunger und Krankheiten gestorben.

SPIEGEL ONLINE: Woher stammen die 321 Dokumente des aktuellen Buches?

Heim: Aus rund 40 Archiven und etwa zehn verschiedenen Ländern. Aus zentralen und regionalen Archiven in Polen, aus dem Bundesarchiv, aus Yad Vashem in Jerusalem und aus dem Washingtoner Holocaust-Museum. Und je länger wir arbeiten, umso mehr kommen wir auch an private Nachlässe heran, an Briefe und Tagebücher, sowohl von Tätern als auch von Opfern.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es überhaupt zu diesem Mammutprojekt, über 5000 Dokumente zum Holocaust auszuwählen und zu veröffentlichen?

Heim: Wer zuerst die Idee hatte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Götz Aly, Ulrich Herbert und Christian Gerlach waren wohl dabei. Sie haben dann das Bundesarchiv und das Institut für Zeitgeschichte ins Boot geholt.

SPIEGEL ONLINE: Womit die wichtigsten staatlichen Institutionen für die Erforschung des Nationalsozialismus beisammen wären. Wie wird das ausgesprochen aufwendige Unternehmen finanziert?

Heim: Das Projekt wird ausschließlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert - und auch konstruktiv unterstützt. Ursprünglich wollten wir die 16 Bände in acht Jahren herausbringen, aber das war illusorisch. Nun ist das Projekt verlängert, und wir müssen die 16 Bände in zwölf Jahren fertigstellen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es nicht sinnvoll, die Dokumente der Bände ins Internet zu stellen statt dicke Bücher zu drucken?

Heim: Wir haben uns zunächst für die Buchform entschieden, bauen aber parallel eine Datenbank auf, in die auch nicht gedruckte Dokumente Aufnahme finden. Wer wann Zugang zu dieser Datenbank bekommt, ist noch nicht entschieden. Aber es ist doch erstaunlich, wie viele Leute solche dicken Bücher lesen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Exemplare werden denn von einem Band, der immerhin 59 Euro kostet, verkauft.

Heim: Von dem ersten Band sind knapp tausend verkauft worden. Das ist nicht schlecht. Von einer Dokumentensammlung darf man nicht die Verkaufszahlen eines Taschenbuchs erwarten, das in jeder Bahnhofsbuchhaltung steht.

SPIEGEL ONLINE: Franziska Augstein und andere fachkundige Journalisten haben die bislang erschienenen Bände förmlich gefeiert. Richten sie sich auch an interessierte Laien?

Heim: Wir wollen auch das allgemeine Publikum ansprechen und haben auch positives Feedback von Leuten bekommen, die nicht als Historiker arbeiten. Ein Abiturient muss es verstehen können, das ist unsere Richtschnur.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich, vereinfachend, sagen, dass das Nachkriegsbild vom dämonischen Hitler, der die Deutschen, die nichts vom Holocaust gewusst haben, verführt habe, heute durch ein düstereres Bild ersetzt werden muss? Das von einer Volksgemeinschaft, die den Holocaust zumindest hinnahm und vom Judenmord profitierte?

Heim: Das Bild hat sich sehr differenziert. Die Entlastungsformel von der bösen Führungsclique und den unwissenden Deutschen hat sich schon lange als unhaltbare Mystifikation erwiesen. Danach gab es neue Debatten: Über den Raub jüdischen Vermögens, über die Volksgemeinschaft und aktuell über die Rolle verschiedener Ministerien bei der Judenverfolgung. Welche Rolle spielten die gewöhnlichen Deutschen? Wer hat alles vom Holocaust profitiert? Das sind neue Kristallisationspunkte der Diskussion.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 1955 geboren, zehn Jahre nach Hitlers Selbstmord, und haben sich den größten Teil Ihres Berufslebens mit dem Holocaust beschäftigt. Werden das viele der kommenden Generationen deutscher Historiker auch tun?

Heim: Ich glaube eher nicht. Gleichzeitig haben wir immer wieder - nicht zuletzt nach dem Fall der Berliner Mauer - geglaubt, dass die Diskussionen über den Nationalsozialismus ad acta gelegt würden, aber es ist offenbar nicht so weit.

SPIEGEL ONLINE: Am Donnerstag wird der offizielle "Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus" begangen. Ist derart institutionalisiertes Gedenken sinnvoll?

Heim: Neben routinierten Kranzniederlegungen gibt es eine Vielzahl von gesellschaftlichen Initiativen, die an die Novemberpogrome, die Misshandlung von Zwangsarbeitern, die Deportationen und andere Verbrechen erinnern - und zwar sehr konkret und mit lokalen Bezügen. Geschichte von unten. Das ist wichtige Erinnerung und keineswegs verkrustet.

Das Interview führte Michael Sontheimer.

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 4; Polen September 1939-Juli 1941; Bearbeitet von Klaus-Peter Friedrich, Mitarbeit: Andrea Löw; Herausgegeben von Susanne Heim, Ulrich Herbert, Hans-Dieter Kreikamp, Horst Möller, Dieter Pohl und Hartmut Weber; R. Oldenbourg Verlag, München 2011, 752 Seiten, 59,80 Euro.



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