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Holocaust-Forschung Erlebnis des Unfassbaren

In Berlin eröffnet eine in Deutschland bislang einzigartige Ausstellung über den Holocaust. Besonderen Augenmerk haben die Macher auf die Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelegt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am 20. Januar 1942 beschlossen führende Nationalsozialisten die technisch-organisatorische Durchführung des Völkermords an den europäischen Juden. Dem Vernichtungsfeldzug fielen etwa sechs Millionen Menschen zum Opfer. Zum sechzigsten Jahrestag dieses dunklen Kapitels deutscher Geschichte eröffnet am Mittwoch (16. Januar) im Deutschen Historischen Museum Berlin eine umfangreiche Ausstellung über den Holocaust.

Auf über 800 Quadratmetern wird die Geschichte des jüdischen Lebens von seiner Blütezeit am Anfang des Jahrhunderts über die fortschreitende Diskriminierung bis hin zur Deportation und gezielten Tötung nachgezeichnet. Die Ausstellung mit dem Titel "Holocaust - Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung" gliedert sich nach Angaben des Museums in zwei große Bereiche: Im ersten Teil wird die Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik der Nazis bis zum Kriegsende dargestellt, im zweiten Teil geht es um die Vergangenheitsbewältigung in der Zeit nach 1945.

Übermächtiger Wunsch nach Verdrängung

Denn mit den Bildern der befreiten KZ-Häftlinge ist nach Ansicht des Museums die Geschichte des Holocaust keineswegs beendet. Ein wesentlicher Teil der Ausstellung beschäftigt sich deswegen mit dem Leben im Nachkriegs-Deutschland, das gezeichnet ist von Entnazifizierungsprozessen, zaghaften Versuchen eines neuen jüdischen Lebens und dem alles überdeckenden Wunsch nach Verdrängung des Geschehenen.

Auch die jüngsten Probleme im Umgang mit der Vergangenheit wie zum Beispiel die Diskussion um die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter oder die jüngsten Fälle von Antisemitismus in Deutschland werden nicht ausgespart.

"Hohe psychologische Barrieren"

Die Tatsache, dass es eine Holocaust-Ausstellung dieser Art in Deutschland noch nicht gegeben hat, erklärt der Historiker Hans Mommsen damit, dass im Land der Täter zur Identifikation mit den Opfern erst "hohe psychologische Barrieren" überwunden werden mussten. Aus diesem Grund sei es gerade in Deutschland "besonders wichtig", den Holocaust in einen "historisch-politischen Kontext" einzuordnen, betonte der Historiker gegenüber der "Süddeutschen Zeitung".

Mommsen kritisierte gleichzeitig die Tendenz britischer und amerikanischer Historiker, sich in der Darstellung des Holocaust immer mehr zu spezialisieren. Es könne nicht darum gehen, "Betroffenheit zu wecken, die sich bei jedem unmittelbar aufdrängt, der sich mit der "Endlösungs"-Politik näher beschäftigt", sondern vielmehr darum, die "sozialpsychologischen Mechanismen und politischen Bedingungen aufzuzeigen" unter denen normale Bürger zu "Vollstreckern des Massenmords" wurden.

Der Historiker betonte weiter, durch die Ausstellung in Berlin werde endgültig die Vorstellung ausgeräumt, der Holocaust habe sich "fern im Osten" abgespielt, "ohne dass die Masse der deutschen Bevölkerung davon gewusst hätte".

Die Ausstellung, die bis zum 9. April 2002 im Berliner Kronprinzenpalais zu sehen ist, wird am Mittwoch (16. Januar) von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin eröffnet.